Login

Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 27.06.2013 | 2007 Aufrufe | Interviews

"Ereignisse, die sicher in die Geschichtsbücher eingehen"

Interview mit Klaus Kreiser über die Proteste in der Türkei

Aus Demonstrationen gegen die Umgestaltung des Istanbuler Gezi-Parks ist inzwischen ein breiter und anhaltender Protest gegen die Regierung Recep Tayyip Erdoğans enstanden. Wie kam es dazu? Wer sind die Oppositionellen? Wir haben den Türkeiexperten Prof. Dr. Klaus Kreiser gefragt, der bis zu seiner Emeritierung 2005 Professor für Türkische Sprache, Geschichte und Kultur an der Universität Bamberg war. Er veröffentlichte unter anderem das Buch „Atatürk: Eine Biographie“, das 2010 auch in der Türkei erschien.

Zoom

Demonstration auf dem Taksim-Platz in der Nacht vom 14. auf den 15. Juni

Google Maps

"Viele wurden erst durch die Polizeigewalt herausgefordert"

L.I.S.A.: Herr Professor Kreiser, Sie haben sich intensiv mit der Geschichte der Türkei beschäftigt. Wenn Sie sich die aktuellen Ereignisse in der Türkei ansehen, wie würden Sie sie bezeichnen? Protest, Unruhe, Aufstand oder sogar der Anfang einer Revolution?

Prof. Kreiser: Erlebt habe ich drei Phasen der Entwicklung: Am Abend des 29. Mai überquerte ich die schmale Straße zwischen Divan-Hotel und Gezi-Park. Hier stand eine junge Frau zwischen den Fahrspuren und forderte die Autolenker mit einem improvisierten Plakat zum Hupen auf. Der Text auf dem Pappkarton verwendete ein nur im Türkischen mögliches Wortspiel: „Stehlt nicht unser Grün, gebraucht statt dessen die Hupe.“ Phase 2 wurde für mich am nächsten Morgen durch schmerzhaft spürbare Tränengaswolken unterhalb des Taksim-Platzes eingeleitet. Auf dem Weg zu einem Hotel an der Istiklal-Straße wurde ich Zeuge eines Katz und Maus-Spiels mit der Polizei. Die dritte Phase war erreicht, als es in der Nacht zum 1. Juni zu heftigen Zusammenstößen kam.

Die Demonstranten waren in der Mehrheit jüngere, politisch ungebundene Mittelschicht-Vertreter. Ich glaube, dass viele von ihnen erst durch die Polizeigewalt herausgefordert wurden. Ich habe aber auch schon am 30. Mai einzelne Parolen aus dem linken Repertoire gehört. Diese Stimmen waren ja nur wenige Wochen, am 1. Mai an einigen Stellen schon deutlich zu hören gewesen. Der Taksim-Platz war damals so weiträumig abgesperrt, dass dieser Teil der Innenstadt völlig gelähmt war.

Ihre Frage nach der Art der Vorgänge kann ich nur mit dem neutralen türkischen Wort „olay“ beantworten, es waren „Ereignisse“, die sicher in die Geschichtsbücher eingehen, vielleicht als die Gezi Park Olayları“.

Prof. Dr. Klaus Kreiser

"Verletzende und spaltende Rhetorik"

L.I.S.A.: Worauf lassen sich die Ereignisse vor allem zurückführen? Haben wir es mit einem eher politisch, sozial oder religiös motivierten Konflikt zu tun? Oder liegt die eigentliche Ursache noch ganz woanders? Erleben wir möglicherweise die Geburt einer neuen Zivilgesellschaft in der Türkei?

Prof. Kreiser: Die Gezi-Park-Leute waren ja über die von ihnen ins Rollen gebrachte Lawine selbst erstaunt. Wir haben zum ersten Mal in der Türkei erlebt, welche Mobilisierungskraft die sozialen Medien entfalten. Die Regierung und die ihr nahestehende Presse, insbesondere ihre Fernsehstationen haben bei der Berichterstattung völlig versagt. Hilflos auch der Oberbürgermeister, der auf „zwei oder drei Bäumchen, nicht größer als ein Strauch“ hinwies, die einer „Fußgängerzone“ geopfert werden müsse.

Der Ministerpräsident als ehemaliges Stadtoberhaupt hatte anfangs durchaus das Gespräch mit Repräsentanten der Kulturszene gesucht, auch zugesagt, sich einer verwaltungsgerichtlichen Entscheidung gegen die Umgestaltung zu beugen und sogar eine Art Bürgerbefragung ins Spiel gebracht. Gleichzeitig hat aber seine verletzende und spaltende Rhetorik sowie das unkontrollierte Vorgehen der Polizei die Situation aus dem Ruder laufen lassen.

L.I.S.A.: Wie schätzen Sie den Einsatz der Staatsgewalt, also der polizeilichen Maßnahmen, ein? Wenn man sich an türkische Polizeigewalt in der Vergangenheit erinnert, muss man sich große Sorgen um Inhaftierte machen, als immer wieder Fälle von Folter bekannt wurden. Hat sich daran etwas geändert?

Prof. Kreiser: Hier wird man genauer hinschauen müssen als nach 1980, als man das offizielle Deutschland eher erleichtert reagierte, als Jahre tödlicher Polarisierung schlagartig beendet schienen.

Zoom

Polizeieinsatz am 16. Juni 2013 anlässlich der Gezi Park-Proteste in Istanbul

"Man soll sich hüten, seine Bilanz kleinzureden"

L.I.S.A.: Überrascht Sie die Intensität und Ausdauer der Proteste? Von außen hatte man bisher den Eindruck, dass in der Türkei eine Gesellschaft in relativem Einklang mit der Regierung Erdoğan lebe. Von einer breiten Unzufriedenheit war bisher wenig zu spüren - oder täuscht dieser Eindruck?

Prof. Kreiser: Erdoğans Anhänger sind zahlreich und leben, wie Sie sagen, weitgehend „im Einklang mit der Regierung“. Man soll sich hüten, seine Bilanz kleinzureden. Unter der AKP-Regierung wurden wichtige Infrastrukturprojekte realisiert, und nicht alle waren ökologisch bedenklich. Der Wirtschaft geht es besser denn je. Hingegen werden Erdoğans anhaltende Bemühungen, das Land nach dem Modell einer großen sunnitischen Gebetsgemeinschaft zu formieren, vom laizistischen und alevitischen Teil der Gesellschaft wenig geschätzt.

"Die Ausdehnung des Großherzogtums Luxemburgs"

L.I.S.A.: Wie schätzen Sie die Oppositionellen ein, die derzeit auf die Straße gehen? Was sind deren zentralen Forderungen? Und: mit welchen politischen Gruppen haben wir es zu tun? Gibt es politische Aktivisten darunter, die aus der Sicht des Westens möglicherweise Erdogan als das kleinere Übel erscheinen lassen?

Prof. Kreiser: Mit Ausnahme der Investoren scheint die Mehrheit der Istanbuler kein Bedürfnis nach einem weiteren Einkaufszentrum (AVM) zu haben. Die Fläche der Istanbuler AVMs hat inzwischen die Ausdehnung des Großherzogtums Luxemburg erreicht. Die Demonstranten sind nicht bereit, das Angebot des Ministerpräsidenten anzunehmen, ihre Forderungen. an großen „Miting“-Plätzen an der Peripherie zu artikulieren.

Die AKP-Regierung hat Erfolge bei der Milderung von Konflikten zwischen Ethnien, Religionsgruppen und sozialen Schichten erreicht. Bis heute ist eine deutliche Zurückhaltung kurdischer Gruppen zu spüren. Das bisher erfolgreiche Management kurdischer Ansprüche würde bei einer Destabilisierung des AKP-Regimes Gefahr laufen. Insofern darf man vom „kleineren Übel“ sprechen.

Zoom

Solidaritätskundgebung am 15. Juni 2013 auf dem Roncalliplatz, Köln

"Kein Autokrat am Pranger"

L.I.S.A.: Anlass des Konflikts war die Umgestaltung des Gezi-Parks. Oppositionelle errichteten Camps im Park. In Ägypten versammelten sich die Demonstranten auf dem Tahrir-Platz. In Stuttgart liefen die Menschen Sturm gegen den Neubau eines Bahnhofs und die implizierte Abholzung von Bäumen. Erleben wir eine neue Art des zivilgesellschaftlichen Unmuts und Selbstbewusstseins? Lassen sich diese so unterschiedlichen Formen des Protests überhaupt vergleichen bzw. miteinander in Beziehung setzen?

Prof. Kreiser: Die breite türkische Öffentlichkeit hat nicht die umfassende Weltsicht vieler deutscher Ökologen. Viele Themen wie erneuerbare Energien spielen kaum eine Rolle. Ältere Bewohner der Megastadt Istanbul wissen, dass das ehemalige Zwei-Millionen-Dorf nicht unbedingt lebenswerter war als die Agglomeration von 13 oder mehr Millionen. Manche der Leute, die gestern am Gezi-Park ihre Zelte aufschlugen, fliegen morgen nach Bodrum, um ihre Ferien an betonierten Küsten zu verbringen.

Anders als in den arabischen Metropolen steht hier kein Autokrat am Pranger, sondern ein korrekt gewählter Regierungschef, der sich als Diener aller Türken sieht, freilich eher die Rolle eines Oberlehrers (in der sich schon Atatürk gefiel) übernommen hat.

Prof. Dr. Klaus Kreiser hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

9KHDQR