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Georgios Chatzoudis | 12.06.2018 | 675 Aufrufe | Interviews

"Die Welt und aktuelle Dynamiken kritisch begreifen"

Interview mit Ulrich Brand zum Tod von Elmar Altvater

Am 1. Mai ist der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Elmar Altvater im Alter von 79 Jahren gestorben. In zahlreichen Nachrufen wurde er vor allem als "undogmatischer Marxist" charakterisiert. Diese Bezeichnung ist nicht zuletzt seinem wissenschaftlichen Werk geschuldet, das auf einem wachen und kritischen Blick auf globale politische, wirtschaftliche, soziale und ökologische Probleme und Verwerfungen des Kapitalismus beruht. Vor allem in den Ländern des sogenannten Südens gehört Elmar Altvater zu einem der meistrezipierten Wissenschaftler. Wir haben den Politikwissenschafter Prof. Dr. Ulrich Brand von der Universität Wien um einen Blick zurück auf Elmar Altvater gebeten.

Von Richardfabi in der Wikipedia auf Deutsch(Originaltext: de:Benutzer:Richardfabi) - Originally from de.wikipedia; description page is/was here.(Originaltext: selbst fotografiert), Gemeinfrei, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=2139927

"Ein unglaublich belesener und kluger Mensch"

L.I.S.A.: Herr Professor Brand, am 1. Mai ist der renommierte Politikwissenschaftler Elmar Altvater gestorben. Bevor wir auf ihn als Wissenschaftler und Denker zu sprechen kommen – wie erinnern Sie sich an den Menschen Elmar Altvater?

Prof. Brand: Ich habe nicht bei Elmar Altvater in Berlin studiert, sondern in Frankfurt/Main, aber seine Arbeiten bereits als junger Student gelesen. Im Sommersemester 1990, meinem zweiten Semester, fertigte ich gleich eine Seminararbeit zu „Altvater“ an und hatte sein kurz vorher erschienenes Buch „Sachzwang Weltmarkt“ geradezu verschlungen. Dass ich 1992 für ein Jahr nach Argentinien zum Studieren ging, hing sicherlich auch damit zusammen. Als Mensch lernte ich ihn in den 1990er Jahren "aus der Ferne" bei Vorträgen kennen. Persönlich dann kurz vor Ende der Jahrhundertwende, weil wir zu ähnlichen Themen wissenschaftlich arbeiteten, dann über die Kooperation im wissenschaftlichen Beirat von Attac, den ich seit der Gründung fünf Jahre lang koordinierte. Ab dann trafen wir uns regelmäßig.

Elmar Altvater war ein unglaublich belesener und kluger Mensch, der auf faszinierende Weise in der Lage war, komplizierte Sachverhalte verständlich auszudrücken. Er hatte klare politische Positionen, die er öffentlich und im persönlichen Gespräch gerne vertrat; manchmal auch zu hart, aber durchaus zugänglich für plausible Argumente. Menschlich war er aufgeschlossen und hatte einen guten Humor und wusste gut zu leben, zu kochen, zu essen und zu trinken – das habe ich so nicht mitbekommen, aber es gibt viele nette Geschichten dazu. Für mich als jüngerer Wissenschaftler war damals wichtig, dass er nicht sarkastisch war. Viele in den 1970er Jahren berufene ProfessorInnen nahmen später eine eher sarkastische gesellschaftspolitische Position ein. Im Herbst 2013 hatte ich ihn zu mehreren Vorträgen nach Wien eingeladen und besuchte ihn noch im Sommer 2016 im Krankenhaus. Und auch dort hatte er trotz Krankheit seinen Witz nicht verloren. Natürlich lagen neben seinem Bett wissenschaftliche Bücher und die neueste Ausgabe der „Blätter für deutsche und internationale Politik“.

"Ein scharfer Analytiker des sich entfaltenden Neoliberalismus"

L.I.S.A.: Was war das vornehmliche Forschungsinteresse Elmar Altvaters? Welchen Untersuchungsgegenstand hat er zeitlebens unter die Lupe genommen? Und: Welchen Typus Wissenschaftler verkörperte Elmar Altvater mit Blick auf den Austausch zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit?

Prof. Brand: Der „junge“ Altvater hat viel zu den Entwicklungen in Westdeutschland und der realsozialistischen Länder gearbeitet und sich früh den Analysen des Weltmarkts zugewendet. Im Gegensatz zum politikwissenschaftlichen Mainstream, der ja erst im Globalisierungsprozess der 1990er Jahre verstärkt auf wirtschaftliche Zusammenhänge blickte, hat die neo-marxistische Forschung das bereits in den 1970er Jahren gemacht. Ein Schlagwort war hier die „Neue internationale Arbeitsteilung“, Altvater hat sich auch immer für die Rolle des Geldes und der Finanzmärkte darin interessiert. In den 1980er Jahren hat er sich dann, im Kontext der Schuldenkrise und der neoliberalen so genannten Strukturanpassungen unter anderem den Nord-Süd-Verhältnissen zugewendet. Das gemeinsam mit Birgit Mahnkopf verfasste und 1996 erschienene Buch „Grenzen der Globalisierung“ war einer der wichtigsten Beitrag zur sich wenig später entwickelnden Kritik der kapitalistischen Globalisierung. Er war auch scharfer Analytiker der Umbrüche von 1989, des sich entfaltenden Neoliberalismus und einer sich als „Empire“ konstituierenden Europäischen Union. Das alles waren wichtige und breit diskutierte Beiträge, die als Bücher im Hamburger VSA-Verlag, ab den 1990er Jahren vor allem im Verlag Westfälisches Dampfboot in Münster erschienen.

Wegweisendes hat er in der Reformulierung des Marxismus angesichts der ökologischen Krise geleistet. Er nannte es eine „ökologische Kritik der politischen Ökonomie“. Er hat wie kaum ein anderer den Widerspruch zwischen kapitalistischer Ökonomie und den Reproduktionserfordernissen unserer natürlichen Lebensgrundlagen auf den Punkt gebracht, die Notwendigkeit einer anderen Energiepolitik und letztendlich einer anderen Produktionsweise. Als Öko-Marxist und Öko-Sozialist war Altvater immer skeptisch gegenüber der einseitigen Wachstums- und Akkumulationsorientierung des Kapitalismus. In seinem breit rezipierten Buch „Das Ende des Kapitalismus, wie wir ihn kennen. Eine radikale Kapitalismuskritik“ von 2005 arbeitet er in einem Kapitel seine Kritik sehr systematisch aus. Insgesamt würde ich sagen, dass der Wissenschaftler und politische Kopf Elmar Altvater sich als Teil eines Suchprozesses emanzipatorischer Alternativen verstand. Er hat beispielsweise immer viel mit den Gewerkschaften kooperiert.

Zu Ihrer Frage des Wissenschaftlers Altvater im Verhältnis zur Öffentlichkeit: Er war ein sehr gutes Beispiel – und für mich Vorbild – eines engagierten Intellektuellen. Ein Freund von ihm sagte mal, dass Altvater viele Jahre lang neben seiner Tätigkeit als Hochschullehrer mehrere Abende in der Woche noch irgendwo einen Vortrag in Berlin oder anderswo hielt, auf vielen Wochenendtagungen von Gewerkschaften und anderen politischen Gruppen war. Er war mehrere Jahre Vizepräsident der Lelio Basso-Stiftung für die Rechte der Völker. Ein anderes Beispiel für sein eher lokales, ihm aber auch wichtiges Engagement ist die kirchliche Friedensbewegung in seinem Heimatort Berlin-Spandau. Ich würde sagen: Er war parteischer Intellektueller, aber vor allem wollte der den kritischen und emanzipatorischen Akteuren Perspektiven weiten, damit sie die Welt besser verstehen und gegebenenfalls auch besser handeln.

"Marx im Lichte neuer Entwicklungen und anderer Theorien"

L.I.S.A.: Elmar Altvater wird in vielen Nachrufen als „undogmatischer Marxist“ bezeichnet. Was bedeutet das? Was unterschied Altvater von anderen marxistisch orientierten Sozialwissenschaftlern? Und was sagt uns das über pauschale Etikettierungen wie „undogmatischer Marxist“?

Prof. Brand: Aus heutiger Sicht ist der Begriff des „undogmatischen Marxismus“ wohl schwierig zu begreifen, weil wir ja glücklicherweise seit den 1990er Jahren zwar eine Schwächung der marxistischen Debatten insgesamt haben, aber deutlich weniger Dogmatisierung. Vereinfacht gesagt bedeutet für mich dogmatischer Marxismus eine Position, dass Marx eigentlich alles gesagt hätte, man nur gründlich genug seine Schriften und vor allem die drei Bände des „Kapitals“ studieren müsse – von denen Marx ja nur den ersten selbst veröffentlich hat -, und dann würde man den Kapitalismus in seiner Dynamik, Destruktivität, in seinen befreienden und herrschaftlichen Aspekten besser verstehen. Dann haut man sich in Diskussionen am liebsten um die Ohren, wer den Marx „richtig verstanden“ hätte (natürlich man selbst) und es wird alles ein wenig zum Glasperlenspiel. Zu Beginn meines Studiums 1989 bekam ich noch Ausläufer dieser Streits mit. Altvater hat dem immer entgegengehalten, dass natürlich Marx gründlich studiert werden muss. Aber eben im Lichte neuer Entwicklungen und Probleme andere Theorien hinzugezogen werden müssten: kapitalistische Globalisierung, Rassismus und für ihn besonders wichtig die ökologische Krise. Für feministische Fragen und Perspektiven hat er sich, obwohl so neugierig und offen, seltsamerweise nie richtig interessiert. Um auf Ihre Frage zurückzukommen: Natürlich gibt es heute auch Positionen, die gehaltvolle Analysen vor allem aus dem Werk von Marx ziehen wollen. Einige Kritiken des Buches „Imperiale Lebensweise. Aus Ausbeutung von Mensch und Natur im globalen Kapitalismus“, das ich vor einem Jahr mit Markus Wissen publizierte und das sich stark auf die Arbeiten Altvaters bezieht, werfen uns vor, nicht genug „marxistisch“ zu sein. Wir wollen aber, wie Altvater auch, die Welt und aktuelle Dynamiken kritisch begreifen; dazu greifen wir viel auf Marx zurück und auf viele andere theoretische Ansätze. Das ist für mich undogmatischer Marxismus.

L.I.S.A.: Inwiefern unterscheidet sich die klassische Kritik der politischen Ökonomie von dem, was Elmar Altvater weiterentwickelt hat – die Kritik der kapitalistischen Globalisierung? Welche Überlegungen lagen dieser Akzentverschiebung zugrunde, wenn man an Altvaters These denkt, dass der Kapitalismus sich nicht von selbst erledigt, sondern es sich dabei um ein sehr anpassungsfähiges System handelt?

Prof. Brand: Das ist eine sehr umfassende Frage. Ich konzentriere mich auf einen aus meiner Sicht wichtigen Punkt. Marx hat den Kapitalismus seiner Zeit sehr konkret analysiert und dann in seinem Hauptwerk eben diesen „in seinem idealen Durchschnitt“ zu begreifen versucht. Das sind bis heute phantastische analytische Hilfsmittel, die natürlich weiterentwickelt werden müssen. Elmar Altvater hat ja die Welt seit den 1970er Jahren – immer mit einem sehr informierten historischen Blick – analysiert. Eine Welt, in der das „goldene Zeitalter des Kapitalismus“, der in den kritischen Sozialwissenschaften so bezeichnete „Fordismus“, in die Krise kam, in der es Suchprozesse gab keynesianischer und neoliberaler Art, die Veränderung des Kapitalismus eben hin zum Fordismus zu Beginn des 20. Jahrhunderts und seine Veränderung durch die Krise. Das musste ja theoretisch begriffen werden. Altvater war einer der ersten, gemeinsam mit Birgit Mahnkopf und Kurt Hübner in Berlin, kurz vorher Joachim Hirsch und Roland Roth in Frankfurt, um nur einige zu nennen, der die französische Regulationstheorie rezipiert und weiterentwickelt hat. Der Kapitalismus entwickelt sich krisenhaft – das wissen wir von Marx. Altvater sagte oder schrieb mal, dass die Marx´sche Theorie vor allem Krisentheorie sei. Doch der Kapitalismus kann sich eben auch stabilisieren; nach der Krise des liberalen Kapitalismus und brutalen Kriegen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Fordismus. Und die Debatte ist bis heute, ob es seit den 1980er Jahren zu neuen, „post-fordistischen“ Stabilisierungen kam oder nicht. Wir sehen aber auch, dass die Anpassungsfähigkeit als wirtschaftliches System enorme Zerstörungen sozialer und ökologischer Art verursacht, Fluchtbewegungen, Ungleichzeitigkeiten.

"International war und ist Altvater in Lateinamerika recht bekannt"

L.I.S.A.: Zum Abschluss noch ein Blick auf die Rezeption von Elmar Altvater: Konnte er Einfluss nehmen auf gesellschaftliche und politische Debatten, wurde er gehört oder blieb er ein Außenseiter im gesellschaftlichen und akademischen Diskurs? Wo traf sein Wirken vor allem ein Echo – Stichwort: Lateinamerika? Und: Was ist aus Ihrer Sicht das bleibende Verdienst von Elmar Altvater?

Prof. Brand: Auf der institutionellen Ebene bleibt wohl wenig. Elmar Altvater gehörte ja auch zur Generation der kritischen ProfessorInnen am Otto-Suhr-Institut (OSI) der Freien Universität Berlin und hat sich auch immer institutionell engagiert. Doch in der direkten Nachfolgegeneration ab etwa dem Jahr 2000 hat sich eine wenig plurale Mainstream-Fraktion der Politikwissenschaft durchgesetzt, die die kritischen Inhalte rasch geschliffen hat. Es gibt noch und wieder einige kritische Leute am OSI, aber das Institut wird nicht mehr mit der damals überragenden Theoriebildung und mit wegweisenden empirischen Studien verbunden. Aber es gibt natürlich Generationen von WissenschaftlerInnen und Nicht-WissenschaftlerInnen, die durch die „Altvater-Schule“ gegangen sind und von ihm kritisches Denken lernten.

Breitere Öffentlichkeit erreichte Elmar Altvater vor allem im linksliberalen Spektrum, nehmen wir die tagenszeitung in Berlin, die Frankfurter Rundschau oder die bereits genannten Blätter für deutsche und internationle Politik. Aber selbst in der wirtschaftspolitisch ja wenig progressiven Zeit war er präsent.

International war und ist Altvater in Lateinamerika recht bekannt, es wurden einige Arbeiten übersetzt; ebenso natürlich ins Englische. Für andere Sprachen kann ich das nicht beurteilen. Die Rezeption in anderen Sprachen hängt auch oft davon ab, ob jüngere WissenschaftlerInnen an die eigene Uni kommen, insbesondere im Rahmen einer Dissertation, und die Anregungen in das eigene Land mitnehmen. Das war bei dem produktiven Elmar Altvater zweifellos der Fall. Allerdings finde ich, dass viele der überragenden Köpfe aus dieser wissenschaftlichen Generation sich zu wenig darum gekümmert haben, dass ihre Bücher oder Aufsätze in andere Sprachen übersetzt wurden. Das ist ja kein Selbstläufer. Für die nächsten Jahre traue ich mich vorauszusagen, dass vermehrt Arbeiten von ihm übersetzt werden. Ich habe schon die erste Anfrage aus Kolumbien vorliegen. Bei den Themen von ihm, die sich ja immer um Fragen der kapitalistischen Globalisierung, ökologischen Krise, Theoriebildung und anderes drehten, ist die weitere Verbreitung ja auch naheliegend.

Prof. Dr. Ulrich Brand hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftich beantwortet.

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