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Judith Wonke | 19.06.2018 | 523 Aufrufe | Interviews

"Eine Geschichte von alltäglichen Interaktionen"

Interview mit Amir Zelinger zur Beziehungsgeschichte von Menschen und Haustieren

Die Deutschen gelten als leidenschaftliche Haustierbesitzer, denn mit rund 30 Millionen Tieren steht Deutschland im europäischen Vergleich an Platz zwei. Doch wie entwickelte sich dieser Trend? Eine Zeit, in der die Haustiere massenhaft in die Haushalte der Menschen aufgenommen wurden, ist das deutsche Kaiserreich. Amir Zelinger beschäftigt sich in seiner Arbeit mit dieser Zeit und nimmt die Mensch-Haustier-Beziehung näher in den Blick: Von welchen Faktoren wird diese Beziehung definiert? Welches Quellenmaterial liegt Forschungen dieser Art zu Grunde? Und wie lassen sich die Beziehungen zur Zeit des Kaiserreichs bewerten? 

"Haustiere sind sehr stark an den häuslichen Alltag gebunden"

L.I.S.A.: Herr Zelinger, Sie beschäftigen sich mit der Beziehungsgeschichte von Menschen und Haustieren. In Ihrem kürzlich erschienenen Buch untersuchen Sie dabei diese Beziehung zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs. Woher rührt Ihr Interesse an dieser, doch eher ungewöhnlichen Thematik?

Dr. Zelinger: Ich habe meine Masterarbeit über Eheschließungen im deutschen Bürgertum im 19. Jahrhundert geschrieben. Dadurch begann ich mich sehr dafür zu interessieren, wie sich eine Geschichte von Beziehungen schreiben lässt. Ich wollte vor allem eine Geschichte von alltäglichen Interaktionen, wie sie sich in der Familie und der Privatsphäre vollziehen, schreiben. Die Geschichte der bürgerlichen Familie ist seit dreißig Jahren ein sehr intensiv erforschtes Feld und so musste ich darin einen Themenbereich finden, über den noch nicht viel erzählt wurde. So bin ich auf die Haustiere gekommen. Sie haben sich perfekt für mein Vorhaben gepasst, weil sie sehr stark an den häuslichen Alltag gebunden sind und man mit ihnen nur auf direkte Art und Weise kommunizieren kann.

"In erster Linie die alltäglichen, unmittelbaren Beziehungen"

L.I.S.A. Was genau ist der Forschungsgegenstand Ihrer Arbeit: Die Beziehungen selbst oder die Bedingungen, die die Entstehung beeinflussten? Und welche Tiere gelten Ihrem Verständnis nach als Haustiere?

Dr. Zelinger: Unbedingt die Beziehungen. Meiner Meinung nach muss sich eine Geschichte von Mensch-Tier-Beziehungen wirklich auf die Beziehungen, in erster Linie die alltäglichen, unmittelbaren Beziehungen, fokussieren. Wenn sie stattdessen damit anfängt, all die sozialen und kulturellen Zusammenhänge zu erklären, die diese Beziehungen vermeintlich bedingten, wird sie zu einer Geschichte von menschlichen Strukturen, in denen die Tiere letztendlich nicht sichtbar sind. Aber als ich begonnen habe, die Beziehungen selbst zu erkunden, ist etwas passiert, das mich sehr überraschte: Ich bin auf viele der allgemeinen historischen Entwicklungen des Kaiserreichs aufmerksam geworden, mit denen die damaligen Mensch-Haustier-Beziehungen doch zusammenhängten. Das hatte einen sehr einfachen Grund: Wenn Menschen im Kaiserreich über Haustiere gesprochen haben, haben sie gleichzeitig über so viele andere Dinge gesprochen, und zwar nicht zuletzt die großen gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen ihrer Zeit. So gelangten auch Phänomene wie die Entstehung der Arbeiterklasse, der Popularisierung der Wissenschaft und der Verbreitung des Rassismus in meine Arbeit. Aber sie bleiben immer nur der Hintergrund dessen, was ich eigentlich beschreibe – die Beziehungen selbst.

Die Beziehungen bestimmen für mich auch die Frage, welche Tiere als Haustiere gelten. Es gibt keine Tiere – keine Tierindividuen oder Tierarten – die von Anfang an „Haustiere“ sind. Die Frage ist immer, in welcher Beziehung ein bestimmtes Tier zu einem Menschen steht. Die Haustiere in meiner Arbeit sind in erster Linie Partnertiere (in Englisch „companion animals“), d.h. ihre Beziehung zu ihren menschlichen Haltern ist in einem gewissen Ausmaß eine Freundschaftsbeziehung. Die Entscheidung von Menschen, sie in ihre unmittelbare Umgebung einzubeziehen und mit ihnen dort enge Beziehungen zu pflegen, hat sie zu Haustieren gemacht.

"Eine Inflation von solchen haustierbezogenen Zeitschriften"

L.I.S.A.: Welches Quellenmaterial liegt Ihren Forschungen zu Grunde?

Dr. Zelinger: Mein Quellenmaterial ist sehr vielfältig und besteht u.a. aus Archivakten von politischen Behörden, tierärztlichen Schriften, und sogenannten Egodokumenten wie Autobiographien und Erinnerungen. Die wichtigste Quellengattung sind aber Artikel aus Zeitschriften über Tierhaltung, wie z.B. Die Gefiederte Welt oder Blätter für Aquarien- und Terrarienfreunde. Es gab im Kaiserreich eine Inflation von solchen haustierbezogenen Zeitschriften, in denen Halter oft kleine, aber detailreiche Geschichten über ihr Zusammenleben mit ihren Tieren erzählt haben. Vor allem dank dieser kleinen Geschichten ist es mir möglich geworden, eine Geschichte von alltäglichen Beziehungen zu schreiben. Diese unendliche Geschwätzigkeit der Zeitgenossen über die kleinsten Ereignisse im Leben ihrer Haustiere ist schon an sich ein Indiz für die große Bedeutung, die die Beziehungen mit diesen Kreaturen für sie hatten.

"Eine Beziehung mit Kreaturen, die ihnen in gewisser Hinsicht fremd blieben"

L.I.S.A.: Zu welchem Schluss kommen Sie: Wie bewerten Sie die Beziehung von Menschen und Haustieren im Deutschen Kaiserreich?

Dr. Zelinger: Es gab im deutschen Kaiserreich eine große Aufgeschlossenheit bezüglich der Frage, wie die Beziehung mit einem Menschen und die Assimilation in eine menschliche Umgebung das Tier, und vor allem sein Verhalten, verändern sollten. Tierhistoriker behaupten oft, dass die Haustierhaltung im 19. Jahrhundert mit der Erwartung verknüpft war, dass die Tiere zu Quasi-Menschen werden: dass sie sich sehr zahm verhalten, ihre animalischen Triebe abstellen, sich dem Willen ihrer menschlichen Besitzer komplett unterwerfen würden. Aber in den kleinen Geschichten, die ich über die alltäglichen Beziehungen gelesen habe, haben viele und zwar vor allem bürgerliche Halter genau das Gegenteil gewünscht: dass ihre Tiere ihren natürlichen Trieben folgen und sogar aggressiv und unbeherrschbar sein würden. Sie wollten keine vermenschlichten, sondern richtige Tiere bei sich zuhause haben, und sie wollten eine Beziehung mit Kreaturen, die ihnen in gewisser Hinsicht fremd blieben.

"Der sprachlichen Welt der Zeitgenossen des Kaiserreichs völlig fremd"

L.I.S.A.: Auf welche Konzepte beziehen Sie sich, um die Beziehungen zu charakterisieren? Und welchen Einfluss hatte die Haustierhaltung des Deutschen Kaiserreichs auf gesellschaftliche Strukturen?

Dr. Zelinger: Um Beziehungen zwischen Menschen und Haustieren im deutschen Kaiserreich zu erklären, habe ich Konzepte aus der heutigen Tieranthropologie und -soziologie verwendet, wie z.B. „Partnertiere“, „domestikatorische Praktiken“ oder „becoming-with“. Manchmal habe ich mich nicht wohl gefühlt, wenn ich diese Begriffe verwendet habe, weil sie der sprachlichen Welt der Zeitgenossen des Kaiserreichs doch völlig fremd sind. Aber sie haben mir geholfen, den Fokus stets auf die Beziehungen zwischen Haltern und Haustieren und ihre Entfaltung in den alltäglichen Interaktionen zu richten. Mit „domestikatorischen Praktiken“ habe ich z.B. beschrieben, wie Halter kleine Wildtiere wie Reptilien und Singvögel, die sie im Wald eingefangen hatten, an das Zusammenleben mit ihnen dadurch zu gewöhnen versuchten, dass sie sie ständig ansprachen oder zu mehr Bewegung und Lebendigkeit anspornten. In dieser Hinsicht habe ich auch nicht danach gefragt, wie die Haustierhaltung des Kaiserreichs zeitgenössische gesellschaftliche Strukturen beeinflusst hat. Ich habe stattdessen gefragt, wie Phänomene aus der menschlichen Gesellschaft mit den Mensch-Haustier-Beziehungen verbunden waren und zu ihrer Entstehung beitrugen. Nur in diesem Zusammenhang werden Begriffe wie z.B. die „Klassengesellschaft“, die „Industrialisierung“ oder die „Eugenik“ im Buch erwähnt.

"Unterschied zwischen dem Domestizierten und dem Wilden"

L.I.S.A.: Welchen Einfluss hat der Haustierdiskurs aus das Menschenbild? Geht er eher in Richtung Distinktion oder findet eine Annäherung zwischen Mensch-Tier statt? Wie hat sich das Verhältnis mit Blick auf die Gegenwart verändert?

Dr. Zelinger: Die Menschen, die den Haustierdiskurs im Kaiserreich dominierten, hatten eine sehr starke Vorstellung von dem Unterschied zwischen dem Domestizierten und dem Wilden. Das hat die Art und Weise beeinflusst, wie sie die Differenz zwischen Mensch und Tier verstanden. Sie haben darauf bestanden, dass wilde Tiere sogar als Haustiere weitgehend andersartige Kreaturen im Vergleich zu den Menschen sind, und dass sie so auch bleiben sollten. Dagegen hatten sie gar keine Probleme damit, alle möglichen Anthropomorphismen bezüglich Tiere zu verwenden, die in ihren Augen klar domestiziert waren, wie allen voran der Hund. Im letzten Kapitel des Buches zeige ich z.B., wie die Hundezüchter des Kaiserreichs keine Skrupel hatten, Ansichten über die Unterschiede zwischen Menschenrassen auf die Hunde und ihre rassische Gliederung zu projizieren. Heute hüten wir uns davor, gerade in Deutschland, solche Vergleiche zu machen. Das ist nur ein einziges Beispiel für das Unbehagen unserer heutigen Gesellschaft mit Analogien zwischen Menschen und Tieren. Aber die Neigung vieler Menschen, in bestimmten Tieren menschliche Eigenschaften zu erkennen, ist nach wie vor ein Hauptgrund für ihren Wunsch, sich mit ihnen anzufreunden.

Amir Zelinger hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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