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Georgios Chatzoudis | 23.03.2011 | 5714 Aufrufe | 2 | Interviews

"Eine arabische, keine islamische Revolution"

Interview mit Dr. Thomas K. Gugler

Dr. Thomas K. Gugler ist Islamwissenschaftler und Experte unter anderem für Pakistan, den Islam in Europa und islamische Reformbewegungen in Südasien. Sein aktuelles Forschungsprojekt hat den Titel: Postislamismus aus Pakistan - Modernität islamischer Mission in religionsökonomischer Perspektive.

Das Projekt wird von der Gerda Henkel Stiftung gefördert.

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Dr. Thomas K. Gugler, Islamwissenschaftler

L.I.S.A.: Herr Dr. Gugler, Sie beschäftigen sich als Islamwissenschaftler mit Pakistan, dem Islam in Europa und islamischen Reformbewegungen in Südasien. Wenn Sie sich die aktuellen Entwicklungen in den arabischen Staaten und Gesellschaften anschauen, was passiert da aus Ihrer Sicht? Welche Rolle spielt dabei der Islam?
 
Dr. Gugler: Kommentatoren neigen in Deutschland sehr dazu, vieles von dem, was Muslime machen, dem Islam zuzuschreiben. Diese Priorisierung des Religiösen ist aber recht irreführend: Von islamischen Parolen war in Ägypten praktisch nichts zu hören – und selbstverständlich demonstrierten auch die koptischen Christen Hand in Hand mit ihren muslimischen Mitbürgern gegen Mubarak. Hochproblematisch ist die Islamnarrative bei den gegenwärtigen Demonstrationen in Bahrain, die deutsche Zeitschriften ernsthaft als Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten deuten – der – so ist zu lesen - angeblich dem Iran nutzt. Tatsächlich ist das Gegenteil der Fall: Der Iran fürchtet diese urbanen Massenproteste, die in einem rasanten Tempo den öffentlichen Raum erobern, genauso wie die anderen totalitären Regime in der Region. Das gegenwärtige kollektive Aufbegehren für ein besseres Leben, mehr Pluralismus und Partizipationsmöglichkeiten hat nichts mit konfessionellen Zugehörigkeiten zu tun: Die Bahrainis demonstrieren nicht als Schiiten oder Sunniten, sie demonstrieren als Hoffnungsträger der Demokratisierung für politische – nicht religiöse - Reformen. Sie wollen politisch partizipieren, fordern Gleichbehandlung und eine Stärkung der Menschenrechte, bessere Bildungschancen und Möglichkeiten auch wirtschaftlich zu profitieren. Diese Forderungen resultieren u.a. aus den neuen Lebenswelten, z.B. traten in den letzten Jahren zunehmend mehr Frauen in diesen Gesellschaften in die Berufswelt ein. Die saudische Propaganda der Sekterianisierung dieses Konflikts ist aufs Schärfste zurückzuweisen: Wir sehen hier Araber nicht als Schiiten oder Sunniten, sondern als Wutbürger, die der zunehmenden Abschottung ihrer gesellschaftlichen Eliten entschieden entgegentreten.

L.I.S.A.: Der Islam wird im Westen eher als anti-modern, rückständig und reformunfähig wahrgenommen und dargestellt. Nun erheben sich aber Moslems gegen Ihre Regierenden und fordern soziale und politische Reformen. Ist der Islam etwa doch moderner als viele meinen?
 
Dr. Gugler: Es ist ja geradezu grotesk wie sich die Araber die Demokratie gegen den erbitterten Widerstand einiger Europäer – v.a. Deutschland – erkämpfen müssen. Die internationalen Reaktionen zeigten, dass selbst engen Verbündeten das Verständnis für die deutsche Enthaltung bei der Abstimmung zur Libyen-Resolution im UNSC fehlt. Dem Auswärtigen Amt muss man beim Umgang mit den Umbrüchen in der arabischen Welt ein desaströses Zeugnis ausstellen: Die europäische Unterstützung für die Demokratie war viel zu schwach. Die europäische Narrative, dass „dem Islam“ die kulturellen Voraussetzungen für Demokratie und Freiheit fehlten, hat sich als Fiktion herausgestellt. „Der Islam“ – wenn man solch ein komplexes religionsklassifikatorisches Kollektivsingular benutzen möchte - überschritt in realiter schon lange die ihm von Europäern gerne verbotenen Grenzen zur Moderne. Der Islam in Süd- und Südostasien, aber auch in den USA und Europa, ist dabei in vielerlei Hinsicht tatsächlich moderner als in den sogenannten Kernländern des Islam, den arabischen und nordafrikanischen Staaten. Dort hat sich v.a. aber ein politischer Reformstau angesammelt, der sich nun aufgrund der demographischen Entwicklungen und der – nach der Revolution nochmal dramatisch angestiegenen - Nutzung neuer sozialer Medien sehr plötzlich entlädt. Die rasante Geschwindigkeit der Umbrüche hat selbst Experten beeindruckt. Diese Revolution ist in ihrer Qualität keine islamische Revolution, sondern eine arabische, demokratische oder antikolonial-emanzipatorische.

L.I.S.A.: Wie nehmen die islamischen Gesellschaften Südasiens die aktuellen Ereignisse in den arabischen Ländern auf bzw. wahr – beispielsweise in Pakistan? Könnte der Funke dort überspringen? Warum?

Dr. Gugler: Wenn man die Massenproteste und die daraus resultierenden Revolutionen in der MENA-Region auch als Befreiungsschläge gegen koloniale Strukturen versteht, wird klar, weshalb die Proteste nicht auf andere mehrheitlich muslimische Länder in Süd- und Südostasien übergreifen. Abgesehen von der Sprachbarriere, ist Pakistan bereits eine postkoloniale Gesellschaft mit demokratischen Wahlen, wenn auch die großen Parteien häufig als feudalistische Interessenverbände agieren. Auch ist Antiamerikanismus in Pakistan weit tiefer verwurzelt als in vielen arabischen Ländern. Nach der jüngt dramatischen Zunahme von Politikermorden -insbesondere den tödlichen Anschlägen auf den Gouverneur von Panjab, Salman Taseer, im Januar 2011 durch seinen Bodyguard, einem Aktivisten der Sufibewegung Dawat-e Islami und der Ermordung des christlichen Minderheitenministers Shahbaz Bhatti im März 2011 - ist die öffentliche Diskussion in Pakistan vom Umgang mit dem Blasphemiegesetz geprägt, das für prophetenlästerliche Außerungen und Aktionen die Todesstrafe vorsieht. Einzelne Demonstranten versammelten sich aber nach dem Vorbild der ägyptischen Revolution infolge von Facebook-Aufrufen am Freiheitsplatz in Lahore um die Abschaffung von Tyrannenregimen in den arabischen Ländern sowie die der Demokratie in Pakistan zugunsten der Wiedereinführung des Kalifats zu fordern. Da standen Parolen wie „Tyrant Rulers GAME OVER Khilafah now“ oder „Real change is Khilafah“ auf den Plakatan. Solche Demonstrationen zeigen leider, dass sich demokratieerfahrene Pakistaner von Regimewechseln nicht notwendigerweise weniger korrupte Eliten bzw. mehr Partizipations- und Aufstiegschancen erwarten.

Dr. Thomas K. Gugler hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Daniel Stahl | 22.03.2011 | 13:08 Uhr
Nach Gesprächen mit iranischen Dissidenten scheint es mir, als spielen bei den Protesten in Iran anti-arabische Ressentiments ebenfalls eine Rolle. Wenn dieser Eindruck stimmt, würde selbst die Deutung, es handele sich um eine arabische Revolution, zu kurz greifen.

Kommentar

von Edward Paul Campbell | 20.12.2017 | 01:48 Uhr
The rise and fall of self-styled Islamic State, the mass migration to Angela Merkel's New Germany of at least 2 million MENA economic and conflict-escaping refugees, along with the concomitant deaths of more than 500 innocent bystanders massacred on the streets of democratic Europe: Paris, Nice, Brussels, Stockholm, Barcelona, London, Manchester - should change the perspective of the innocent political dynamic portrayed by this article from 6 years ago, I suggest. We are now at the stage, in December 2017, of protecting Christmas markets with squads of police armed with fully automatic weapons of war. Perhaps not foreseen at the idyllic dawn of the so-called 'Arab Spring'? Yet, this didn't all happen by accident, surely.

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