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Judith Wonke | 02.07.2019 | 923 Aufrufe | 1 | Interviews

"Ein intensives Gefühl von unheimlicher Geschichte"

Interview mit Susanne C. Knittel zur deutschen und italienischen Erinnerungskultur

Warum werden bestimmte Teile der Geschichte und Erinnerungskultur nicht beachtet oder sogar verdrängt? Diese Frage steht zu Beginn der wissenschaftlichen Studie von Dr. Susanne C. Knittel, die sich mit verdrängten Aspekten des Zweiten Weltkrieges auseinandersetzt. Konkret untersuchte die Literaturwissenschaftlerin hierfür die NS-Euthanasie sowie Mussolinis Politik der Rassenhygiene. Im Interview haben wir nach der Genese des Buches, Bezügen zur Theorie Sigmund Freuds sowie aktuellen Entwicklungen gefragt. Wie muss sich unser Umgang mit Geschichte und Vergangenheit ändern, um einem Vergessen entgegen zu wirken? Inwiefern ähneln sich aktuelle Entwicklungen in Italien und Deutschland? 

"Menschen mit Behinderung werden oft nicht als Träger der Erinnerung gesehen"

L.I.S.A.: Dr. Knittel, Sie beschäftigten sich im Rahmen Ihrer wissenschaftlichen Studien mit der Erinnerung an verdrängte Aspekte des Zweiten Weltkriegs – beispielhaft untersuchten Sie hierfür die NS-"Euthanasie" sowie Mussolinis Politik der Rassenhygiene. Hierfür betrachteten Sie unter anderem die Gedenkstätte Grafeneck und die Gedenkstätte Risiera di San Sabba in Triest. Was interessiert Sie an diesen Themen besonders? Welche Beobachtungen gingen der Studie voraus?

Dr. Knittel: Meine Erkundung der blinden Flecken der deutschen und italienischen Erinnerungskultur begann vor über 10 Jahren, als ich Doktorandin an der Columbia University in New York war und dort Kurse im Bereich der Holocaust Studies und Cultural Memory Studies besuchte. Ich bin ganz in der Nähe der Gedenkstätte Grafeneck aufgewachsen, und die NS-„Euthanasie“ und die direkten Verbindungslinien zwischen „Euthanasie“-Programm und Holocaust waren für mich immer ein vertrautes Thema. Deshalb war ich überrascht, dass dieser Aspekt der NS-Verbrechen im öffentlichen und wissenschaftlichen Erinnerungsdiskurs über den Holocaust praktisch nicht zur Sprache kam, und zwar weder in Amerika noch in Deutschland. Also habe ich angefangen, den Gründen für diese Abkoppelung nachzuspüren. Es ist wichtig, die historischen, politischen und kulturellen Mechanismen, die zu dieser Marginalisierung beigetragen haben, zu verstehen, um die Kontinuitäten in der Ausgrenzung von Menschen mit Behinderungen und Geisteskrankheiten zu erkennen, die auch heute noch ein angemessenes Gedenken an diese Opfer erschweren. Darüber hinaus geht es auch um die Frage, warum Menschen mit (geistiger und körperlicher) Behinderung oder mit Lernschwächen oft nicht als Träger der Erinnerung oder Teilnehmer an der Gedenkkultur und historisch-politischen Bildung gesehen werden. Das ist im Fall der Erinnerung an die NS-„Euthanasie“ besonders schockierend, da bis vor Kurzem genau die Menschen, die potentiell das größte Interesse an dieser Geschichte haben, in deren Aufarbeitung nicht mit einbezogen wurden.

Bei meiner Recherche habe ich aber noch eine andere Entdeckung gemacht. Ich habe herausgefunden, dass eine ganze Gruppe der Täter des „Euthanasie“-Programms von Grafeneck zunächst in die Vernichtungslager in Polen und dann nach Triest in Norditalien geschickt wurde, um dort ein KZ und Tötungslager, die Risiera di San Sabba, aufzubauen. Diese Besetzung mit hochgradig spezialisierten Experten der Vernichtung zeigt, wie wichtig Triest für den Verlauf der nationalsozialistischen Unterdrückung und Verfolgung war und verdeutlicht, in welcher Beziehung das „Euthanasie“-Programm zum Holocaust stand. Die Opfer der Risiera waren Slowenen, Kroaten und Juden, aber auch (vorwiegend jüdische) Patienten aus Anstalten und Krankenhäusern der Region. Eugenik und Rassenhygiene spielten schon vor der deutschen Besatzung im faschistischen Italien eine große Rolle. In Triest führte Mussolinis Säuberungspolitik unter anderem zur Zwangsitalianisierung der slowenischen und kroatischen Minderheiten – auch ein verdrängter Aspekt der Geschichte des Zweiten Weltkrieges. Um diese Zusammenhänge zu verstehen, muss man Grafeneck und die Risiera auch in den größeren Kontext der internationalen Eugenikbewegung einordnen, die bis ins 19. Jahrhundert zurückreicht, und die eben nicht nur in Deutschland, sondern auch in Italien und vielen anderen Ländern großen Anklang fand.

"Eine alternative, multikulturelle Erinnerungsgeschichte wird möglich"

L.I.S.A.: Bezug nehmend auf erwähnten Erinnerungskomplexe sprechen Sie von einer vergessenen und unterdrückten Geschichte. Welches Quellenmaterial ist angesichts dessen noch vorhanden? Worauf beziehen Sie sich?

Dr. Knittel: Die Erinnerungskultur des Holocaust fußt einerseits auf Dokumenten und andererseits auf der Figur des Überlebenden als „moralischen Zeugen“ (ein Begriff des israelischen Philosophen Avishai Margalit). Im Fall der Opfer der NS-„Euthanasie“ gibt es jedoch in den meisten Fällen keine Dokumente außer den Akten der Täter, die zwar Einblick in den Tötungsprozess verschaffen, als Erinnerungsdokumente aber höchst problematisch sind, da sie den Opfern jede Menschlichkeit und Individualität absprechen. Es gab auch keine Überlebenden, die Zeugnis hätten ablegen können, denn nur in ganz seltenen Fällen wurden Patienten von einer Tötungsanstalt wieder zurückgeschickt. Diejenigen Patienten, die Deportationen gesehen hatten, konnten oder wollen nicht darüber sprechen; wenn sie es taten, wurden sie nicht gehört oder nicht ernst genommen. Sind Menschen einmal als geisteskrank diagnostiziert, werden sie nicht als Erinnerungsträger wahrgenommen.

Dennoch ist seit circa zehn Jahren eine Erinnerungskultur im Entstehen. Die Historiographie widmet sich beispielsweise verschärft der Erforschung von Opferbiographien, die mühevoll auf Basis von Familiendokumenten wie Briefen, Tagebüchern, Fotos (wenn vorhanden) rekonstruiert werden. Kunst und Literatur spielen eine ebenso große Rolle. Autoren wie Sigrid Falkenstein, Helga Schubert, oder Robert Domes kombinieren dokumentarische Elemente mit solchen der (Auto-)Biografie, des philosophischen Essays und der Fiktion. Literarische Texte über die NS-„Euthanasie“ erfüllen auch andere wichtige Funktionen. Sie thematisieren beispielsweise Tabuisierung und Verdrängung in den betroffenen Familien und in der Gesellschaft. Sie hinterfragen öffentliche Erinnerungsrituale und zeigen Kontinuitäten im Umgang mit Behinderung und Geisteskrankheit auf.

Auch im italienischen Kontext sind literarische und autobiografische Texte eine Hauptquelle für die verdrängten Geschichten der Opfer der faschistischen Säuberungspolitik. Vor allem Triestiner Autoren mit slowenischem oder kroatischem Hintergrund, aber auch istrianische und italienische Schriftsteller erzählen die vergessenen und verdrängten Geschichten der Triestiner Minderheiten. Fulvio Tomizza, Boris Pahor, oder Carolus L. Cergoly präsentieren eine vielstimmige Geschichte der Stadt und ihrer Region und leisten Widerstand gegen eine einseitige und rein italienische Version der Vergangenheit, die die Verbrechen des italienischen Faschismus minimiert. Somit wird eine alternative, multikulturelle Erinnerungsgeschichte möglich.

"Die Frage nach der Erinnerung in Triest und Umgebung ist eine zutiefst unheimliche"

L.I.S.A.: Der Titel ihrer Publikation „Unheimliche Geschichte“ bezieht sich auf die Theorie Sigmund Freuds, die das „Unheimliche“ als den Gegensatz des „Heimlichen“, „Heimischen“ und „Vertrauten“ definiert. Inwiefern lässt sich dieses Konzept auf die Erinnerungskultur an die NS-Euthanasie sowie die Verbrechen und die Kollaboration Italiens mit Deutschland anwenden?

Dr. Knittel: Man könnte annehmen, dass etwas unheimlich ist, weil es fremd und unbekannt ist. Wie Freud jedoch mit Hilfe einer etymologischen Untersuchung zeigt, kann das Wort „heimlich“ auch die entgegengesetzte Bedeutung haben, im Sinne von „geheim“, was es wiederum gleichbedeutend mit dem Wort „unheimlich“ macht. Das Wort „heimlich“ enthält also bereits sein eigenes Gegenteil. Und genau diese unauflösbare Verwicklung von „heimlich“ und „unheimlich“, vom Offenbaren und Verborgenen, bezeichnet Freud als den eigentlichen Kern des Unheimlichen. Es ist also nichts Neues oder Fremdes, sondern etwas Vertrautes, was durch den Prozess der Verdrängung entfremdet worden ist. Freuds Begriff bezieht sich in erster Linie auf die individuelle Psyche, aber man kann die Struktur des unheimlichen auch auf Gruppen ausweiten, besonders wenn es um Fragen der Erinnerung und Identität geht.

Freuds Betonung der Verdrängungs- und Verleugnungsmechanismen ist für meine Konzeption der unheimlichen Geschichte wichtig. Geschichte wird dann unheimlich, wenn man sie plötzlich als fremd erlebt, weil ein verdrängter Aspekt dieser Geschichte wieder zum Vorschein kommt, der womöglich noch Kontinuitäten zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart aufdeckt. Die NS-„Euthanasie“ ist so ein unheimliches Element im vertrauten Diskurs über den Holocaust, denn sie zwingt uns nicht nur, den Holocaust als Teil der internationalen Eugenikbewegung zu sehen, sondern auch, die Präsenz eugenischen Denkens in unserer Gegenwart zu konfrontieren.

Die Worte „heimlich“ und „unheimlich“ enthalten außerdem das Wort „Heim“, die Wurzel des Wortes „Heimat“. Die Heimat ist ein Ort, an dem man sich zu Hause fühlt, wo man dazugehört. Die Heimat ist somit ein Orientierungspunkt für die eigene Identität. Letztendlich ein utopischer Ort, wird die Heimat zur Projektionsfläche für Sehnsüchte und Bedürfnisse (zum Beispiel die Sehnsucht nach der Kindheit, nach Geborgenheit, Sicherheit, Vollkommenheit, Homogenität). Um dies zu ermöglichen, muss alles was dieses Idealbild der Heimat stört, alles Fremde und Unangenehme, ausgeblendet und verdrängt werden. Weil dem Begriff der Heimat also auch ein Akt der Verdrängung zu Grunde liegt, hat sie das Potential, unheimlich zu werden wann immer das Verdrängte wiederkehrt.

Besonders wenn wir uns die tumultuöse Geschichte von Triest im 20. Jahrhundert ansehen wird die Idee einer idyllischen, homogenen und unwandelbaren Heimat unhaltbar. Wegen seiner Position an der Grenze wurde die italienische Identität Triests immer wieder in Frage gestellt. Genau deshalb ermöglicht uns Triest einen einzigartigen Einblick in die italienische Erinnerungs- und Identitätspolitik. Jeder Versuch, die Menschen dieser Grenzregion in homogene Gruppen wie beispielsweise „Italiener“ und „Slawen“ einzuteilen, wäre eine Verleugnung, oder besser eine Verdrängung ihrer Komplexität. Und genau deshalb ist die Frage nach der Erinnerung in Triest und Umgebung eine zutiefst unheimliche.

"Die Bereitschaft, seine eigenen Annahmen kontinuierlich in Frage zu stellen"

L.I.S.A.: Eine emotionale Auseinandersetzung mit der beschriebenen Thematik liegt nahe. Doch inwiefern ist Ihrer Meinung nach eine Emotionalisierung der Besucherinnen und Besucher der Gedenkstätten und Museen anzustreben? Und zu welchem Schluss kommen Sie: Inwieweit muss sich unser Umgang mit der Vergangenheit ändern? Wie kann eine zukünftige Erinnerungspolitik einem „Vergessen“ und „Verdrängen“ entgegen wirken?

Dr. Knittel: Gerade bei den Opfern der NS-„Euthanasie“ ist es wichtig, stereotype, stigmatisierende und entmenschlichende Darstellungen zu vermeiden, um ein bestimmtes Maß der emotionalen Identifikation zu ermöglichen. Hier geht es um Einfühlung und das, was Hannah Arendt als Mitleiden bezeichnet. In ihrem Buch Über die Revolution unterscheidet Arendt zwischen Mitleid und Mitleiden: Während Mitleid Distanz und Asymmetrie erzeugt, basiert Mitleiden auf Gemeinsamkeit und Identifikation. Mitleiden ist aber nicht ausreichend, weil es nicht unbedingt zu ethischem oder politischem Handeln veranlasst.

In meiner Konzeption des Unheimlichen in der Geschichte geht es deshalb eher um ein Gefühl der Verunsicherung und des Unbehagens angesichts der Schreckenstaten der Geschichte. Bestimmte Orte, Texte, Erfahrungen, oder Erinnerungen können unsere Vorstellungen von der eigenen Geschichte und unserer Verbindung zu ihr in Frage stellen oder sie durchbrechen. Dadurch entsteht ein intensives Gefühl von unheimlicher Geschichte.

Das ist eine emotionale Auseinandersetzung, die für mich durchaus produktiv und angemessen ist, insofern sie zu dem führt, was Michel Foucault eine „Ethik des Unbehagens“ (ethics of discomfort) genannt hat. Darunter verstehe ich in erster Linie die Bereitschaft, seine eigenen Annahmen kontinuierlich in Frage zu stellen. Es ist eine Ethik, weil es nicht darum geht, das Unbehagen aufzulösen oder aufzuheben, sondern damit zu leben. Für mich geht es dabei hauptsächlich um das Offenlegen der Kontinuitäten zwischen den Verbrechen der Vergangenheit und den Strukturen der Gewalt und des Unrechts von heute und darum zu erkennen, wie wir selbst in diesen Strukturen verwickelt sind.

"Nicht mehr so asymmetrisch, wie ich den Vergleich in meinem Buch darstelle"

L.I.S.A.: Die englische Ausgabe Ihrer Publikation erschien im Jahr 2015, erste Überlegungen stellten Sie bereits vor über 10 Jahren, und zwar 2007, an. Inwiefern ist die Thematik – vor allem angesichts aktueller politischer Entwicklungen in Deutschland – aktuell? Lassen sich Beobachtungen, die Sie in Italien machten, auf Entwicklungen in Deutschland übertragen?

Dr. Knittel: Themen wie die verdrängte Erinnerung an die Verbrechen des italienischen Faschismus und die Kollaboration der Italiener während der deutschen Besatzung oder die NS-„Euthanasie“, die nach wie vor in den heutigen Debatten über Stammzellen, Pränataldiagnostik, Designerbabys und Sterbehilfe eine Rolle spielt, verlieren ihre Aktualität nicht – ganz im Gegenteil. Als ich 2007 zum ersten Mal nach Triest kam um dort meine Forschung über die Risiera di San Sabba zu beginnen, war die erinnerungspolitische Landschaft in Italien zutiefst vom ‚Berlusconismo’ geprägt. Rechtspopulistische Parteien konstruierten ein Erinnerungsnarrativ, das den Faschismus zu verharmlosen und die Italiener als Opfer externer (nationalsozialistischer und kommunistischer) Aggression darzustellen suchte. Damals konnte man allenfalls ahnen, dass rechtspopulistische und revisionistische Strömungen bald auch in Deutschland so eine breite Akzeptanz finden würden. Die Veröffentlichung der Originalausgabe dieses Buches fiel zufällig zusammen mit dem Beginn der Aufmärsche der Pegida in Dresden und mit den ersten Wahlerfolgen der AfD. Aus heutiger Sicht muss ich erkennen, dass die erinnerungspolitischen Dynamiken, die ich vor zehn Jahren in Italien beobachtete, jetzt auch in jeweils spezifischer Form in Deutschland und in meiner Wahlheimat, den Niederlanden, zu finden sind, ebenso wie in ganz Europa und den USA. Vor diesem Hintergrund ist der Vergleich zwischen Grafeneck und Triest, Deutschland und Italien leider gar nicht mehr so asymmetrisch, wie ich ihn in meinem Buch darstelle.

Dr. Susanne C. Knittel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

Kommentar

von Dr. Klaus Radke | 17.07.2019 | 09:47 Uhr
Ein interessantes Interview, das Aufmerksamkeit für ein offenkundig sehr wertvolles wissenschaftliches Projekt schafft.

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