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Georgios Chatzoudis | 16.12.2011 | 4929 Aufrufe | 1 | Interviews

"Ein Geistes Slam ist kein Historikertag"

Interview mit Dr. Henning Börm und Mario Müller

Sie haben auch am 1. Geistes Slam vor gut einem Monat in der Universität Konstanz teilgenommen - in unterschiedlichen Rollen. Dr. Henning Börm als Vortragender und Mario Müller als Moderator der Veranstaltung. Wir haben beide nach ihren Eindrücken befragt und wollten vor allem wissen, wo sie Nutzen und Grenzen von einem Geistes Slam sehen.

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Skype-Chat mit Dr. Henning Börm und Mario Müller

"Eine andere Form von Lehre und Kommunikation"

[14:03:47] L.I.S.A.: Herr Dr. Börm, Herr Müller, Sie haben am 1. Geistes Slam vor rund einem Monat in Konstanz teilgenommen. In unterschiedlichen Rollen, oder?

[14:04:11] Mario Müller: Genau. Herr Börm war Teilnehmer, ich habe den Slam moderiert.

[14:04:23] Dr. Henning Börm: So ist es. Meine Chance auf Blamage war größer.

[14:04:35] L.I.S.A.: Und? Haben Sie sich blamiert?

[14:05:09] Dr. Henning Börm: Das liegt vermutlich im Auge des Betrachters. Das Publikum scheint den Auftritt gut gefunden zu haben.

[14:05:33] Mario Müller: Jetzt stapelt er natürlich tief. Sie haben ihn ja nicht umsonst - deutlich - zum Sieger gekürt.

[14:06:25] L.I.S.A.: Ach so. Sie haben den Slam also gewonnen. Doch bevor wir dazu noch ausführlicher kommen - was hat Sie daran gereizt, an einem Geistes Slam teilzunehmen?

[14:09:01] Dr. Henning Börm: Ich fand die Idee, auf diese Weise die Attraktivität der Geisteswissenschaften einer breiteren Öffentlichkeit zu demonstrieren, reizvoll. Das klingt jetzt so platt. Aber wir wissen alle, dass diese Fächer in die Defensive gedrängt worden sind in einer Zeit, in der viele zunächst nach ökonomischen Vorzügen fragen. Und so ein Slam schien mir eine Möglichkeit zu sein, als Geisteswissenschaftler in die Offensive zu gehen.

[14:09:55] L.I.S.A.: Was hat Sie, Herr Müller, daran interessiert? Sie haben moderiert - auch aus einer besonderen Affinität zu den Geisteswissenschaften?

[14:12:31] Mario Müller: Ich bin selbst Geisteswissenschaftler; ich habe meinen Abschluss in Konstanz gemacht. Ich sehe auch, dass in den letzten Jahren nur noch direkter monetärer Nutzen in den Vordergrund gestellt wird und die Geisteswissenschaften ihr höchstes Ansehen aus früheren Zeiten nahezu vollständig eingebüßt haben. Obendrein sah ich es aber auch als eine Chance, eine andere Form von Lehre und Kommunikation zu propagieren.

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Moderator Mario Müller kündigt im Hörsaal der Universität Konstanz den nächsten Vortrag an.

"Man wollte wissen, wie meine Geschichte zu Ende geht"

[14:13:43] L.I.S.A.: Ok, bevor wir da weiter nachfragen - vielleicht sollten wir vorab klären, wer Sie sind und welche Geisteswissenschaft Sie jeweils vertreten. Herr Börm, machen Sie den Anfang?

[14:16:18] Dr. Henning Börm: Ich habe in Kiel Geschichte und Deutsch studiert, mich nach dem Examen auf Alte Geschichte spezialisiert, habe eine althistorische Dissertation geschrieben, in der es um interkulturelle Kontakte in der Spätantike ging, und arbeite nun in Konstanz an meiner Habilitationsschrift, in der es um "staseis", also Spaltungen und Konflikte innerhalb griechischer Gemeinwesen, in der Zeit nach Alexander dem Großen gehen wird. Kurzum: Ich bin Althistoriker.

[14:17:36] Mario Müller: Meine geisteswissenschaftliche Vita umfasst einen Abschluss in Philosophie mit dem Schwerpunkt Neurologie des Bewusstseins, mit Deutscher Literatur als Nebenfach sowie fünf Semester Kunst- und Medienwissenschaften.

[14:18:54] L.I.S.A.: Dann müssten Sie doch eine besondere Vorliebe für den Vortrag von der Sprachwissenschaftlerin Dr. Eva Smolka gehabt haben, die über Neurolinguistik gesprochen hat, oder?

[14:19:27] Mario Müller: Durchaus. Als Philosoph hat mich aber natürlich auch der Beitrag über Kant und Willensfreiheit interessiert. Generell bin ich eh sehr vielseitig interessiert: ich war auf alle Beiträge gespannt.

[14:19:55] L.I.S.A.: Wie viele Beiträge gab es insgesamt, die Sie anmoderiert haben?

[14:20:01] Mario Müller: Fünf.

[14:20:30] L.I.S.A.: Und wie viele Zuschauer? Und: Wie viel Zeit hatten Sie für Ihren Vortrag, Herr Börm?

[14:21:29] Mario Müller: Ich glaube, die Zuschauerzahl wurde letztlich auf etwas über 150 geschätzt, der Raum war jedenfalls inklusive Treppe und Stehraum prallvoll. Schöne Atmosphäre.

[14:22:42] Dr. Henning Börm: Der Hörsaal war sehr gut gefüllt. Ich hatte acht Minuten, die ich allerdings mit Erlaubnis des Auditoriums um ein, zwei Minuten überschreiten durfte. Man wollte offenbar wissen, wie meine Geschichte zu Ende gehen würde. - Übrigens fand ich es angenehm und erfreulich, dass ein großer Teil des Publikums eben nicht aus Studierenden bestand, sondern aus interessierten Konstanzer Bürgern aller Altersschichten. Genau das hatte ich gehofft.

"Er hat zu Leuten gesprochen und nicht über sie hinweg"

[14:23:52] L.I.S.A.: Worüber haben Sie jetzt eigentlich gesprochen? Ihr Forschungsfeld sieht auf den ersten Blick nicht danach aus, als könnte man es leicht herunterbrechen? Und das auch noch in maximal zehn Minuten.

[14:27:54] Dr. Henning Börm: Oh, ich bin prinzipiell der Ansicht, dass man über so gut wie alles entweder knapp oder ausführlich sprechen kann; es kurz zu machen, stellt aber natürlich eine besondere Herausforderung dar. Ziel muss es sein, einen klaren roten Faden zu entwickeln. Man muss sich bei einem so kleinen Zeitfenster auf ein oder zwei Aspekte konzentrieren. Das führt natürlich notgedrungen zu einer gewissen Holzschnitthaftigkeit; aber es ging mir darum, Neugier zu wecken. Also habe ich vor allem betont, dass die Neigung zu innerer Gewalt in den griechischen Stadtstaaten offenbar ein strukturelles Phänomen war. Das Potential, seinem Mitmenschen den Schädel einzuschlagen, scheint hoch gewesen zu sein, sofern die Rahmenbedingungen dies zuließen.

[14:29:02] L.I.S.A.: Und wie kam das beim Publikum an, Herr Müller? Hatten Sie den Eindruck, dass man Herrn Börm folgen konnte? Oder hat mehr als der Inhalt die Präsentation überzeugt?

[14:29:20] Dr. Henning Börm: Jetzt bin ich gespannt.

[14:31:47] Mario Müller: Herr Börm hat den Geist der Veranstaltung am besten getroffen. Man konnte ihm auch besonders gut folgen, weil er sich eben darauf konzentriert hat, einen generellen Einblick in eine für die meisten Menschen sehr vage repräsentierte und mit Klischeevorstellungen angefüllte Epoche zu ermöglichen und dabei einige "fun facts", wie man heute sagt, heraus zu lassen, ohne das Publikum mit einer Aneinanderreihung lebloser Fakten und Zahlen zu langweilen. Er hat zu den Leuten gesprochen, nicht über sie hinweg. Davon können Lehrende auch in Fachvorträgen lernen.

[14:32:26] Dr. Henning Börm: Danke!

[14:32:46] Mario Müller: War ja kein Kompliment; es stimmt ja.

[14:33:29] Dr. Henning Börm: Ich hatte übrigens keinen Text vorbereitet, sondern habe im Wesentlichen improvisiert. Vielleicht wurde es dadurch lebendiger.

[14:33:52] Mario Müller: Das hat sicherlich den zentralen Teil ausgemacht, Herr Börm.

[14:33:38] L.I.S.A.: Hätten Sie ein Beispiel für so einen „fun fact“?

[14:35:05] Mario Müller: „fun fact“ ist, wenn man darauf eingeht, wie die griechische Bevölkerung mit dem Schädel eines entmachteten römischen Tribuns (korrigieren Sie mich, falls ich mir die Funktion des Mannes falsch gemerkt habe, Herr Börm) auf der Straße Fußball spielen. Solche Details würden in einer im Selbstverständnis seriösen Vorlesung übersprungen. Aber diese Details führen dazu, dass im Kopf Bilder entstehen und der Zuhörer emotional angesprochen wird. Das hilft, auch neurologisch beleg- und erklärbar, dass es besser im Gedächtnis bleibt. Ein guter Lehrender muss daran interessiert sein.

[14:36:32] Dr. Henning Börm: In der Tat. Der Propraetor Trebonius wird 43 v. Chr. in Smyrna enthauptet, sein Kopf wird auf eben jenem Tribunal, auf dem er zuvor sein Amt ausgeführt hat, öffentlich präsentiert, und danach spielen Soldaten mit dem abgetrennten Haupt "Fußball". Wobei ich diesen Umstand, anders präsentiert, durchaus auch im Rahmen eines "seriösen" Vortrages darlegen würde. Es ging ja um einen Akt symbolischer Kommunikation.

[14:37:26] Mario Müller: Sehen Sie? Das konnte ich mir sogar merken, obwohl ich mich wirklich nicht nur aufs Zuhören konzentrieren konnte. Finde ich übrigens gut, dass Sie seriös in Anführungszeichen schreiben. Die Vorstellung ist doch so oft, dass Seriosität durch Trockenheit hergestellt wird.

[14:41:21] Dr. Henning Börm: Ja, aber das halte ich für einen Irrweg. Viele Wissenschaftler vertrauen nicht darauf, dass man den Inhalt ihrer Beiträge ernst nimmt, wenn sie auch mal etwas Humor einfließen lassen. Ich dagegen halte Humor für sehr wichtig - nicht nur, um Distanz zum Untersuchungsgegenstand zu entwickeln, sondern auch, um sich selbst nicht allzu wichtig zu nehmen. Ein Geisteswissenschaftler steht als allererstes im Dialog mit sich selbst; er muss darum auch lachen können. Das hat mit Lächerlichkeit nichts zu tun. Im Gegenteil.

[14:41:30] Mario Müller: Da bin ich ganz Ihrer Meinung, Herr Börm.

"Ich bin nicht Mario Barth"

[14:41:36] L.I.S.A.: Kritiker würden jetzt wahrscheinlich einwenden, dass seriöse Wissenschaft so zur sinnfreien Aneinanderreihung von Anekdoten verkomme.

[14:43:16] Dr. Henning Börm: Oh, aber es war ja keine Anekdotensammlung. Die Dinge wurden stets kontextualisiert, so dass die "fun facts" in eine Matrix eingeordnet wurden und zur Veranschaulichung dienten. Sie dürfen nie Selbstzweck sein. Ich bin schließlich nicht Mario Barth.

[14:43:25] Mario Müller: Eben. Das ist ja kein Modell für "die Lehre der Zukunft", sondern eine Stoßrichtung.

 [14:44:27] Mario Müller: Ich sollte vielleicht anmerken, dass ich in gut zehn Minuten los muss. Ich habe heute noch einen Auftritt in Luzern und es ist Schneesturm angekündigt.

[14:44:59] Dr. Henning Börm: Ich habe noch Zeit...

"Darstellung darf unterhaltsam sein, aber nicht entstellen"

[14:45:00] L.I.S.A.: Dann kommen wir gleich zum nächsten naheliegenden Thema, das Sie beide schon eingangs angesprochen haben und das auch andere sehr interessiert: Wissenskommunikation. So fragt das Betram Triebel vom Graduiertenkolleg in Freiberg:

[14:45:33] Betram Triebel: "Wie prägt die populäre Kommunikation von Wissenschaft die Wissenschaft? Damit meine ich: Greifen die Forscher andere Themen auf? Verändert sich das wissenschaftliche Arbeiten?"

[14:46:32] Dr. Henning Börm: "Populäre Kommunikation" im Sinne von "Terra X" und "P.M. History"?

[14:47:02] Mario Müller: Ich glaube nicht, dass die Außenwirkung von auftretenden Wissenschaftlern ihre Themenwahl oder Arbeitsweise beeinflusst. Es sei denn, sie wählen Wissenschaftsjournalismus als ihre Nische.

[14:47:42] Dr. Henning Börm: Richtig. Historiker speziell stehen allerdings vor einem besonderen Dilemma: Einerseits sonnen wir uns in dem ungewöhnlich großen öffentlichen Interesse, andererseits finden wir den Dilettantismus furchtbar.

[14:49:47] L.I.S.A.: Ich denke Betram Triebel meint eher populäre Kommunikation im Sinne von Slams, aber auch der Beteiligung an modernen Kommunikationsmittel, wie beispielsweise den Sozialen Netzwerken.

[14:50:34] Dr. Henning Börm: Ah so. Nun ja, die moderne Kommunikation INNERHALB der wissenschaftlichen Gemeinde hat sich natürlich massiv verändert. Ob spezielle Social Networks wie "Academia.Edu" hier noch einmal zusätzliche Dynamik produzieren, bleibt abzuwarten. Es ist aber möglich. Kommunikation ist viel, viel leichter geworden.

[14:50:45] Mario Müller: Danke für den Tipp. Hab mich soeben angemeldet. – Ich finde, die Darstellung soll unterhaltsam sein; sie darf verkürzen, aber nicht entstellen. Da ist für mich die Grenze zwischen förderlich und schädlich

[14:51:31] Dr. Henning Börm: Auf jeden Fall.

[14:52:18] L.I.S.A.: Um noch ein anderes Thema aufzunehmen, dass Sie angestoßen haben. Stehen denn Geisteswissenschaftler unter besonderem Druck, sich und Ihre Arbeit rechtfertigen zu müssen?

[14:52:47] Dr. Henning Börm: Leider ja, und zwar irrtümlicherweise. Denn zum einen beweist alleine schon das öffentliche Interesse an Ausstellungen (wie derzeit der Pergamon-Ausstellung in Berlin), dass das nicht sinnvoll ist, denn es besteht offensichtlich große Neugier; zum anderen sind Geistes- und Kulturwissenschaften unverzichtbarer Nährboden für kritisches und kreatives Denken. Wer diese Bereiche kaputtspart, lebt von der Substanz. Die Zeit, als in Deutschland die größten Erfindungen gemacht wurden, war jene Zeit, als die humanistische Bildung auf ihrem Zenith war - im langen 19. Jahrhundert. Darum ist hier der Staat in der Verantwortung, er darf die Geisteswissenschaften nicht kurzsichtig vernachlässigen.

[14:53:09] Mario Müller: Meiner Erfahrung nach nur Menschen gegenüber, die keine Erfahrungen im akademischen Umfeld haben.

[14:54:22] L.I.S.A.: Herr Müller, wir haben vollstes Verständnis, dass Sie jetzt gleich aufbrechen müssen - nach Luzern zu einem Auftritt. Vielen Dank, dass Sie mitgemacht haben und eine gute Reise sowie einen gelungen Auftritt!!

[14:55:03] Mario Müller: Danke schön. Ich wurde ja übrigens in meiner Funktion als Improvisationsschauspieler angesprochen, die Moderation zu übernehmen, nicht weil ich Philosoph bin.

[14:55:35] L.I.S.A.: Schließt das eine das andere denn aus?

[14:56:12] Mario Müller: Keinesfalls. (also der Philosoph und der Schauspieler)

[14:55:54] Dr. Henning Börm: Gute Reise!!!

[14:56:19] Mario Müller: Danke und bis bald!

[14:56:26] L.I.S.A.: Auf Wiedersehen!!

[14:56:33] Dr. Henning Börm: Adios!

[14:56:58] L.I.S.A.: Herr Börm, haben Sie noch fünfzehn Minuten?

[14:57:06] Dr. Henning Börm: Die habe ich!

"Man macht sich angreifbar"

[14:58:34] L.I.S.A.: Kommen wir noch einmal zum Geistes Slam - kann das eine Form sein, um Wissenschaft an die Öffentlichkeit zu tragen und gleichzeitig als seriöser Wissenschaftler weiter geschätzt zu werden? Oder gibt es da auch Risiken?

[15:03:08] Dr. Henning Börm: Es gibt Risiken, denn es handelt sich um eine Gratwanderung. Gerade in Deutschland wägen Geisteswissenschaftler ihre Worte gemeinhin sehr genau ab, um ja keine Angriffsflächen zu bieten: Diese Sicherheit bietet ein improvisierter Slam natürlich nicht. An meinem Vortrag gab es fraglos einiges auszusetzen, weil ich natürlich nicht in einer Weise differenzieren konnte, wie sie im wissenschaftlichen Diskurs erforderlich ist. Also: Man macht sich angreifbar. Aber dieses Risiko sollte man eingehen. Ich jedenfalls suche, obwohl ich mich in der heikelsten Phase meiner Karriere befinde, den Kontakt mit der Öffentlichkeit. So habe ich im Sommer auch auf der "Wikipedia trifft Altertum"-Konferenz in Göttingen gesprochen. Wir dürfen uns nicht verstecken. Es muss nur stets deutlich sein, dass es sich um jeweils unterschiedliche Kommunikationskontexte handelt. Ein Geistes Slam ist kein Historikertag.

[15:05:12] L.I.S.A.: Wer wäre dabei das Publikum? Eine interessierte Öffentlichkeit? Oder würde das sogar in den universitären Lehrbetrieb passen? Und zu welchem Zweck? Zur Unterhaltung oder auch zur Wissensvermittlung?

[15:09:07] Dr. Henning Börm: Das Publikum eines Geistes Slams sollte gemischt sein - Studierende ebenso wie eine interessierte außeruniversitäre Öffentlichkeit. Im Lehrbetrieb könnte ich mir Slams insofern vorstellen, als man Studierende Derartiges durchführen lässt, in der Tradition der Debattierclubs gewissermaßen. Sie könnten dann lernen, frei vor Publikum zu sprechen und Sachverhalte verständlich und knapp darzulegen. Das sind ja im Grunde Kernkompetenzen jedes Geisteswissenschaftlers. Zur Wissensvermittlung im universitären Kontext scheinen mir Slams in ihrer Reinform dagegen eher ungeeignet - eben wegen der eingeschränkten Möglichkeit zur Differenzierung und der notwendigen Beschränkung auf wenige Aspekte.

"Eine Flasche Schampus vom Bodensee"

[15:10:26] L.I.S.A.: Was halten Sie von Wissenskommunikation via Facebook, Google+ oder Twitter? Sind das Werkzeuge, die auch wissenschaftlich einsetzbar wären?

[15:12:42] Dr. Henning Börm: Sie bieten dem Wissenschaftler meines Erachtens keinen echten Mehrwert - im Unterschied zu E-Mails und Online-Recherchemöglichkeiten. Die Nachrichten, die über Twitter oder Facebook verbreitet werden, sind in der Regel einfach zu kurz. Anders verhält es sich vielleicht, wenn man nur Links und  Verweise verschickt, um andere via Facebook oder Twitter auf  interessante Dinge außerhalb der Netzwerke aufmerksam zu machen.

[15:14:55] L.I.S.A.: Das ist interessant - junge Menschen, auch junge Wissenschaftler wachsen "ganz natürlich" mit den neuen Medien auf. Ist es da nicht absehbar, dass sie sich diese Werkzeuge auch wissenschaftlich zunutze machen werden?

[15:19:26] Dr. Henning Börm: Nun, der große Vorteil dieser Medien liegt in der verbesserten Möglichkeit zur Vernetzung. Ich kann mich mit Wissenschaftlern in Australien, Kanada, Frankreich u. a. in Verbindung setzen und leicht austauschen. Man kann heute viel leichter wissenschaftlich zusammenarbeiten, ohne sich am selben Ort zu befinden, und das wird auch ganz selbstverständlich praktiziert. Dennoch hege ich Zweifel, dass IN den neuen Medien Wissenschaft stattfindet. Wissenschaft heißt ja buchstäblich, dass neue Erkenntnisse produziert werden. Eine Diskussion mit anderen ist dafür unabdingbar, aber ich schätze, diese wird in der Regel aufgrund der erforderlichen Komplexität der Argumentationen weiterhin in Aufsätzen stattfinden, und im privaten Rahmen via Mail.

[15:20:19] L.I.S.A.: Was haben Sie eigentlich als Gewinner des 1. Geistes Slam gewonnen? Einen Pokal oder eher Freikarten fürs Kino?

[15:21:22] Dr. Henning Börm: Eine Flasche Schaumwein vom Bodensee, ein paar Artikel aus dem Uni-Shop und eine hübsche Urkunde, die ich mir auch tatsächlich im Büro aufgehängt habe.

[15:21:36] Dr. Henning Börm: Und natürlich Ruhm und Ehre.

[15:22:41] L.I.S.A.: Dr. Eva Smolka hat Ihren Vortrag mit der Redewendung beendet: "...und ich hoffe, Sie lassen mich nun mit Ihrem Applaus nicht im Regen stehen." Wie haben Sie abschließend um die Gunst des Publikums geworben?

[15:23:43] Dr. Henning Börm: Ich denke mal, ich habe mich artig für die Aufmerksamkeit bedankt. So genau erinnere ich mich nicht mehr.

[15:24:17] L.I.S.A.: Würden Sie an einer Neuauflage eines Geistes Slam wieder teilnehmen? Immerhin wären Sie dann der Titelverteidiger?

[15:24:35] Dr. Henning Börm: Ich weiß nicht, ob ich mit so viel Druck umgehen könnte. Aber ich habe ja noch ein wenig Zeit, darüber nachzudenken.

[15:25:50] L.I.S.A.: Herr Dr. Börm, haben Sie vielen Dank, dass Sie sich für unseren Skype-Chat die Zeit genommen haben. Es hat viel Spaß gemacht und ich hoffe, auf ein Wiedersehen - spätestens nach Ihrer Titelverteidigung. Herzlichen Dank!

[15:26:08] Dr. Henning Börm: Keine Ursache! Ich habe zu danken!

Kommentar

von Marcus Cyron | 16.12.2011 | 17:44 Uhr
Es wundert mich wirklich nicht, dass Henning Börm bei dieser Veranstaltung eine gute Figur machte, ich habe ihn als eloquenten, bescheidenen Mann zwischen Ernst und Offenheit kennen lernen dürfen. Ich denke nicht, dass er trotz, sondern wegen dieser Offenheit seinen Weg machen wird. Denn wie Uwe Walter vor kurzem an dieser Stelle konstatierte: die Geisteswissenschaften sind in einem Paradigmenwechsel begriffen. Der Gelehrte, der sich in seine Forschungskammer einschließt wird wohl bald ausgedient haben. Was nicht bedeutet, dass man in Zukunft die Wissenschaft nicht mehr ernst nimmt. Nein, sie wird aber andere Wege gehen. Und immer mehr auch den Kontakt zur Öffentlichkeit - also denen, die in den Allermeisten Fällen das Geld geben - suchen und herstellen müssen.

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