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Dr. Harald Thomaß | 06.06.2019 | 320 Aufrufe | 1 | Artikel

Digitalisierung, Archivierung und Restitution von Sprachaufnahmen aus Mesoamerika

Maya, Mopan, Itzá, Tzotzil, Lakandon, Mixtekisch, Nahuatl, Otomí

Vorrangiges Ziel des Projekts ist es, die analogen Bestände von Audio- und Videoaufnahmen aus privaten Archiven von emeritierten und pensionierten Linguisten und Ethnologen zu digitalisieren und zu archivieren. Die Metadaten werden – soweit noch möglich – in Zusammenarbeit mit den jeweiligen Wissenschaftlern erstellt. Diese Sprachaufnahmen mesoamerikanischer Sprachen aus 40 Jahren Forschungspraxis (ca. 1960 – 2000), die im deutschsprachigen Raum nur auf analogen Tonträgern existieren und nur zu einem geringen Teil publiziert wurden, belaufen sich nach vorsichtigen Schätzungen auf ca. 350 Stunden. Die Sicherung dieser Aufnahmen ist eine dringende Aufgabe, da analoge Datenträger mit fortschreitender Zeit drohen unbrauchbar zu werden, die Zusammenarbeit mit zunehmendem Alter der Wissenschaftler schwieriger wird und mit ihrem Tod eine bedeutende Informationsquelle verlorengeht. Meine konkrete Arbeit besteht in einigen Fällen darin, den Wissenschaftlern im hohen Alter bei ihrer Suche nach ihrem Material zu helfen und mit ihnen gemeinsam in ihre Erinnerungen einzutauchen. Bei den Treffen mit den Wissenschaftlern führe ich ein Interview, in dem sie ihre Forschung beschreiben und wichtige Informationen zu den Sprachaufnahmen liefern. Als Nebenprodukt des Projekts dokumentiere ich so ein Kapitel der Fachgeschichte der Alt- bzw. Mesoamerikanistik in Deutschland.

Restitution von immateriellen Kulturgütern

In der Ethnologie sinddie Orte des Forschens von den Orten der Präsentation und Veröffentlichung der Ergebnisse immer noch getrennt, obwohl es zunehmend Bestrebungen gibt, die Ergebnisse auch an dem Ort der Forschung zu präsentieren und den Ort der Präsentation ethnologisch zu erforschen. Mit diesem Projekt möchte ich einen Beitrag dazu leisten, dass die Machtverhältnisse von Forschern und Beforschten in der Ethnologie thematisiert werden und die quasi kolonialen Verhältnisseüberwunden werden können.

Nachdem das Material inventarisiert und am Hamburger Zentrum für Sprachkorpora digitalisiert sein wird, werde ich in der zweiten Jahreshälfte (2019) nach Mexiko fliegen und dieses Material den Herkunfts-Communities zur Verfühgung stellen. Ich werde Workshops mit indigenen Vertretern aus unterschiedlichen Sektoren der Gesellschaft organisieren, die ergebnisoffen konzipiert sind. Als Minimalziel sehe ich die Rückgabe der Sprachaufnahmen und die Durchführung von Unterrichtseinheiten zur Transkription. Als weiterführendes Ziel sehe ich die Bearbeitung vonjuristischenFragen zu Persönlichkeitsrechten, zur Archivierung der digitalisierten Sprachaufnahmenund die Diskussion von Übersetzungsfragen. Ich bin gespannt darauf, wie wir uns begegnen werden und welche Ziele die indigenen Vertreter haben.

Indem ich die digitalisierten Sprachaufnahmen an die Herkunftscommunities zurückgebe, möchte ich Vertretern indigener Communities in Mexiko eine weitere Möglichkeit zu kreativen Begegnungen mit der eigenen Geschichte eröffnen: In den Audioaufnahmen sprechen Informanten z. B. in den 70er Jahren über ihre Lebenswelt, zu einer Zeit, als es das Tourismuszentrum Cancún noch nicht gab. Oder bis in die 1970er Jahre gehörten bei den Maya von Yukatan vor einer Hochzeit ritualisierte Ansprachen von Brautvater und Bräutigamvater zum üblichen Ritual einer Hochzeit. Mittlerweile wird dieser Teil des Rituals nicht mehr praktiziert. Die Rückgabe solcher Aufnahmen an die indigenen Gesellschaften bietet die Möglichkeit zur Begegnung mit der eigenen Geschichte. Mich interessiert, ob und wie ein solcher Input in den Workshops aufgenommen und eventuell kreativ verarbeitet wird.

In Mexiko existiert gegenwärtig eine vielfältige indigene Kulturszene, mit Hip-Hop, Kino, Theater, und Literatur. So hat z. B. 2015der Film Ixcanul auf Kaqchikel-Maya den silbernen Bären der Berlinale gewonnen.

Damit das digitalisierte Material in Mexiko bekannt gemacht wird, arbeite ich mit verschiedenen Medien, indigenen Radiosender und Tageszeitungen zusammen. So bekommen die heutigen indigenen Muttersprachler Kenntnis von Sprachformen, die eventuell ihre Großeltern noch benutzten, sie selbst aber nicht mehr.

Projektleitung: Harald Thomaß

Projektzeit: 03/2019 – 02/2021

Zoom

Don Antonio (Hauptinformant) aus Mani Yukatan spricht 1995 ein Gebet auf Tonband.

Kommentar

von Anna Neumann | 12.06.2019 | 15:33 Uhr
Ixcanul ist ein faszinierender Film, absolut empfehlenswert!:)

Grüße, Anna

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