Login

Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 21.02.2017 | 927 Aufrufe | 4 | Interviews

Digitaler Kapitalismus - der Weg aus der Wachstumskrise?

Interview mit Philipp Staab über Wachstum im digitalen Kapitalismus

Es sind nicht mehr die großen Maschinen und Fließbänder, die heute den Takt der Arbeit allein vorgeben. Computer und Bildschirme gestalten und prägen mehr denn je die Produktion, bestimmen aber auch Distribution und Konsumtion. An diesem Wandel vom industriellen zum sogenannten digitalen Kapitalismus sind große Erwartungen geknüpft, die vor allem Folgendes versprechen: neues wirtschaftliches Wachstum durch Innovation und Effizienz mit zukunftsweisenden Perspektiven für Arbeit und Wertschöpfung. Die großen Unternehmen der digitalen Sphäre, wie beispielsweise Google, Facebook oder Amazon, scheinen für dieses Versprechen Pate zu stehen. Der Soziologe Dr. Philipp Staab vom Institut für die Geschichte und Zukunft der Arbeit (IGZA) hat sich dieses Versprechen genauer angeschaut und dabei insbesondere die Folgen des digitalen Kapitalismus auf den Faktor Arbeit untersucht. Wir haben ihm zu seinen Ergebnissen unsere Fragen gestellt.

"In den vergangenen Jahrzehnten unterschiedliche Hoffnungsträger"

L.I.S.A.: Herr Dr. Staab, Sie haben zuletzt einen kleinen Band mit dem Titel „Falsche Versprechen. Wachstum im digitalen Kapitalismus“ veröffentlicht. Der Titel spricht bereits für sich - es geht um die Frage, ob und wenn ja, wie der digitale Wandel zu mehr wirtschaftlichem Wachstum beitragen kann. Die Antwort liefern Sie gleich mit: Ein falsches Versprechen. Bevor wir darauf noch konkreter eingehen, könnten Sie kurz die Ausgangslage Ihrer Studie skizzieren?

Dr. Staab: Die Ausgangslage besteht in einer Diagnose über unsere wirtschaftliche Gegenwart, die von Ökonomen häufig als säkulare Stagnation der Weltwirtschaft, insbesondere der hochentwickelten Ökonomien bezeichnet wird. Das historische Gedächtnis in Ländern wie Deutschland oder den USA ist stark geprägt von der relativ kurzen Phase enormen Wirtschaftswachstums, die, mit unterschiedlichen regionalen Ausprägungen, etwa von den 1930er Jahren bis in die frühen 1970er Jahre reichte. Seither befinden wir uns in der OECD-Welt in einer Phase langfristig rückläufigen Wirtschaftswachstums.

Diese Situation hat in den vergangenen Jahrzehnten unterschiedliche Hoffnungsträger auf den Plan treten lassen: in den 1990er und frühen 2000er Jahren wurde beispielsweise die Globalisierung von Produktion und Warenverkehr im Gespann mit einer Liberalisierung der Finanzindustrie als neuer Motor wirtschaftlichen Wachstums vielerorts gepriesen, ebenso wie die sogenannte New Economy aus Technologieunternehmen. Heute sehen das viele Menschen anders: Die Finanzindustrie ist spätestens seit der Krise seit 2008 deutlich in Misskredit geraten, die Globalisierung wird als Ursache der Zunahme sozialer Ungleichheit oder gar als Triebkraft des Aufstiegs des Rechtspopulismus beschrieben. Als einstweilen letzter großer Hoffnungsträger übrig geblieben sind die digitalen Technologien, deren tiefe ökonomische Krise nach dem Platzen der Dotcom Blase heute scheinbar als Kinderkrankheit abgetan wird.

"Entwertung menschlicher Arbeitskraft bildet den Kern des Geschäftsmodells"

L.I.S.A.: Der digitale Kapitalismus ist geographisch vor allem mit dem Silicon Valley und den dort angesiedelten sogenannten big playern des digitalen Zeitalters verbunden, also Unternehmen wie Microsoft, Apple, Google, Amazon, Facebook, Cisco etc. Tatsächlich sind das seit Jahren die großen Wachstumsbranchen, die dort operieren und denen allenthalben eine große Zukunft vorausgesagt wird. Wo also ist das Problem?

Dr. Staab: Das Problem liegt nicht so sehr innerhalb dieser Branche selbst. Es stimmt: Das Wachstum der genannten Unternehmen ist enorm. Google, Apple und Microsoft zählen ja nicht umsonst zu den fünf wertvollsten Unternehmen der Welt. Aber sehen sie sich auf der anderen Seite die Beschäftigtenzahlen und die Unternehmensstruktur dieser Unternehmen an: Google hat weltweit etwas mehr als 60.000 Mitarbeiter – ein Unternehmen wie Volkswagen dagegen 600.000. Das ist kein Zufall, denn zum einen besteht das Geschäftsmodell der Leitunternehmen der Digitalisierung in aller Regel in der weitmöglichsten Automatisierung von Arbeitsabläufen. Zum anderen nehmen sie eine Struktur an, die vielfach als Plattform beschrieben wird, d.h. sie bestehen aus sehr kleinen Zentren mit gut bezahlter, oft kreativer Arbeit, haben aber sehr breite Peripherien, für die keineswegs die gleichen Privilegien gelten. In vielen Unternehmen bildet die Entwertung menschlicher Arbeitskraft gar den Kern des Geschäftsmodells. Denken Sie etwa an das vielbesprochene Unternehmen Uber, das Privatpersonen als selbstständige Taxifahrer vermittelt. Der Vorteil der App besteht darin, dass die Preise der Taxiunternehmen unterboten werden können. Dies geschieht im Kern durch Lohnkonkurrenz, die sich einstellt, weil auf einmal alle Barrieren, die die Zahl der Taxifahrer bisher begrenzten, wegfallen. Ein weiterer Faktor sind Substitutionseffekte, wie sie sich etwa bei Amazon beobachten lassen: Je mehr wir online einkaufen, desto weniger Beschäftigung wird im stationären Einzelhandel benötigt. Der E-Commerce braucht aber zum einen vergleichsweise weniger Personal als der stationäre Handel. Zum anderen bietet er in der Regel schlechtere Arbeitsbedingungen und niedrigere Löhne.

"Nicht mehr ausreichend Nachfrage für den weiterhin steigenden Output"

L.I.S.A.: Sie stellen in Ihrem Band fest, dass zwar infolge der Digitalisierung deutlich mehr und effizienter produziert werden kann als jemals zuvor. Allerdings könne der Konsum mit der Produktivität nicht mehr annährend Schritt halten. Woran liegt das?

Dr. Staab: Das Auseinandertreten von Produktivität und Nachfrage bildet aus meiner Sicht den Kern des seit den 1970er Jahren erlahmenden Wirtschaftswachstums. Bis zu diesem Zeitpunkt gab es ein fast synchrones Wachstum von Produktivität und Löhnen, was, einfach gesagt, dazu führte, dass die Beschäftigten selbst kaufen konnten, was sie produzierten. Zum einen ging langfristig aber das Produktivitätswachstum zurück, was Unternehmen dazu verleitete vielfach an den Löhnen zu sparen. Zum anderen hatten in OECD-Welt irgendwann die meisten Menschen einen Kühlschrank, einen Fernseher und ein Automobil und es stellte sich zunehmend das Problem ein, dass auf den Heimatmärkten der Unternehmen nicht mehr ausreichend Nachfrage für den weiterhin steigenden Output gefunden werden konnte. Auf die sich daraus ergebende Abschwächung der Nachfrage wurde in unterschiedlicher Weise reagiert, u.a. über schuldenfinanzierte öffentliche Nachfrage. In Deutschland war natürlich vor allem die starke Exportorientierung die entscheidende Strategie. Wir verkaufen unsere Produkte einfach andernorts. In den USA spielt dagegen die Expansion von durch Privatschulden finanziertem Konsum eine größere Rolle.

"Neue Möglichkeiten, den potentiellen Konsumenten Produkte anzubieten"

L.I.S.A.: Sie behaupten, dass die Unternehmenspolitik der digitalen Großunternehmen auf eine Sollbruchstelle der bestehenden Ökonomie zielt. Wie ist in diesem Zusammenhang Ihre Beobachtung zu begreifen, dass Unternehmen, eine Rationalisierung des Konsumtionsapparates postulieren bzw. anstreben?
 
Dr. Staab: Wenn Sie sich das Kerngeschäft der digitalen Leitunternehmen ansehen, dann ist eines offensichtlich: Diese Unternehmen befassen sich im Kern nicht mit der Steigerung der Produktivität von Arbeit, sondern mit der des Konsums. Appstores beispielsweise bilden Märkte, die gänzlich ohne die Reibungsverluste "analoger" Märkte auskommen. Die dort angebotenen Güter können jederzeit und überall erworben und konsumiert werden. Diese Logik prägt auch den E-Commerce. Unternehmen wie Zalando oder Amazon sind nicht umsonst geradezu besessen von der Idee des Same-Day-Delivery: Es geht hier darum, Kunden die Teilnahme am Konsum unabhängig von Ort und Zeit zu ermöglichen. Einfach gesagt: Wenn ich meine Einkäufe in der U-Bahn erledigen kann, weil ich jenseits dessen keine Zeit habe, sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass ich mein Geld spare und es damit dem Warenkreislauf entziehe. Auch Onlinewerbung, die das Kerngeschäft von Google und Facebook ausmacht, operiert im Grunde mit diesem Versprechen: Wenn noch der differenzierteste Geschmack durch kluge Algorithmen auffindbar wird, entstehen angeblich ganz neue Möglichkeiten, den potentiellen Konsumenten Produkte anzubieten, die sie von alleine wohl gar nicht gefunden hätten. Aus meiner Sicht lässt sich dies als eine weitere Strategie verstehen, Nachfrage zu erzeugen und damit den stotternden Motor wirtschaftlichen Wachstums wieder in Schwung zu bringen.

"Im Rahmen der Digitalisierung kommt es vielerorts zu Prozessen der Abwertung von Arbeit"

L.I.S.A.: Sie kommen zu dem Schluss, dass die digitale Welt die Wachstumskrise des Kapitalismus auch nicht wird lösen können. Das digitale Versprechen sei nicht nur ein falsches Versprechen, sondern die digitale Umwandlung der Ökonomie verschärfe eher die Krise, als sie zu beheben. Wie genau ist das zu verstehen?

Dr. Staab: Das wirkliche Problem aus Lohnstagnation und Überproduktion wird von diesen Strategien ja gar nicht berührt. Allerdings deutet meine Forschung darauf hin, dass die Rationalisierung des Konsums Effekte hat, die das Problem schwacher Nachfrage sogar verschärfen. Entscheidend ist dabei, dass die digitalen Konsumapparate zum einen auf die Automatisierung zahlreicher Prozesse setzen, menschliche Arbeit also vielerorts wegfällt. Von weit größerer Bedeutung scheint mir allerdings zum anderen, dass es im Rahmen der Digitalisierung vielerorts zu Prozessen der Abwertung von Arbeit kommt. Arbeit verschwindet nicht, aber sie wird zunehmend von Algorithmen kontrolliert, teilautomatisiert oder aus Unternehmen ausgegliedert und damit der Konkurrenz auf einem zunehmend grenzenlosen Arbeitsmarkt ausgeliefert. Dies deutet eher in die Richtung von Reallohn- und damit Nachfrageverlusten.

Dr. Philipp Staab hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Behn Andreas | 14.11.2017 | 12:19 Uhr
Segr geehrte Damen und Herren,

den letzten Satz:
("Dies deutet eher in die Richtung von Reallohn – und damit Nachfrageverlusten.")
verstehe ich nicht. Könnte ich da eine Erklärung haben?

mfg
Andreas Behn

Kommentar

von Georgios Chatzoudis | 14.11.2017 | 12:21 Uhr
Sehr geehrter Herr Behn,
möglicherweise lag es an dem nicht ganz korrekt gesetzten Bindestrich. Wir haben das Schriftbild gerade angepasst. Erklärt es sich so besser?
Mit freundlichen Grüßen
Ihre L.I.S.A.Redaktion

Kommentar

von Behn Andreas | 14.11.2017 | 12:25 Uhr
nö, meine Frage bezieht sich auf das Inhaltliche!
mfg
A. Behn

Kommentar

von Georgios Chatzoudis | 14.11.2017 | 12:27 Uhr
Wir haben es so gelesen: Weniger Geld, weniger Einkaufen. Aber wir informieren gerne den Autor des Buches über Ihren Kommentar.
Mit freundlichen Grüßen
Ihre L.I.S.A.Redaktion

Kommentar erstellen

321ZOQ