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Judith Wonke | 21.08.2018 | 688 Aufrufe | Interviews

"Diese Wesen haben wieder Hochkonjunktur"

Interview mit Rudolf Simek zur Geschichte der Trolle

Trolle sind uns aus vielerlei Kontexten bekannt: Ob als kleine niedliche Wesen auf der Kinoleinwand oder in Tolkiens Herr der Ringe - die Bandbreite dessen, was heute unter einem Troll verstanden wird ist breit und reicht im übertragenden Sinne bis zu Internet- und Patenttrollen. Prof. Dr. Rudolf Simek, Professor für Ältere Germanistik mit Einschluss des Nordischen an der Universität Bonn, beschäftigt sich in seinen Forschungen mit der germanischen und nordischen Mythologie und hat kürzlich eine Publikation veröffentlicht, die den einschlägigen Titel "Trolle" trägt. Im Interview haben wir den Germanisten gefragt, wie sich die deutlichen Rezeptionsunterschiede erklären lassen und warum für die Internet- und Patenttrolle gerade auf die mythologischen Wesen zurückgegriffen wurde. 

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Bildrechte (r.): By Diane Krauss (DianeAnna) - Own work, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=48171855

"Solche Wesen sind eben ein essentieller Bestandteil des Volksglaubens"

L.I.S.A.: Prof. Simek, Sie sind Mediävist sowie Germanist und lehren an der Universität Bonn. Ein Forschungsschwerpunkt Ihrer Arbeit sind mythologische Gestalten, Ihre aktuellste Publikation trägt den Titel „Trolle“. Woher rührt Ihr Interesse an diesem, für die Wissenschaft eher ungewöhnlichem Thema? 

Prof. Simek: Naja, sehr ungewöhnlich ist das Thema nicht: denn wenn man sich mit Mythologie beschäftigt, in meinem Fall eben der germanischen und nordischen Mythologie der vorchristlichen Zeit, dann sind solche Wesen eben ein essentieller Bestandteil des Volksglaubens. Was daran vielleicht ungewöhnlich wirken mag, ist dass diese Wesen in den unterschiedlichsten Formen jetzt wieder Hochkonjunktur haben. Aber auch mein Berufskollege Tolkien hat sich sehr mit diesen Wesen beschäftigt, er aber eben auf literarische Weise, ich auf wissenschaftliche.

L.I.S.A.: Die Bandbreite dessen, was heute unter Trollen verstanden wird, reicht von kleinen Gummifigürchen im Kinofilm „Trolls“ bis hin zu riesigen Wesen in Werken wie Herr der Ringe oder Harry Potter. Doch was versteht man im klassischen Sinne unter einem Troll? Und wie erklären Sie sich diese bedeutenden Rezeptionsunterschiede? 

Prof. Simek: Das versuche ich eben in meinem Buch „Trolle“ nachzuvollziehen: Wie werden die großen, gefährlichen und mächtigen Wesen der Mythologie, aber auch noch der skandinavischen Volkmärchen des 19. Jahrhunderts, ausgerechnet gegen Ende des 20. Jahrhunderts zu putzigen kleinen Figürchen? Das hat nun sehr viel mit einer Vermischung der verschiedensten Vorstellungen in den einzelnen skandinavischen Ländern, einer unsauberen Benutzung von einstmals recht klaren Begriffen, und schließlich mit der Kreativität bestimmter Kinderbuchautoren wie Tove Jansson mit ihren Mummintrollen zu tun.

"Es sind vor allem die isländischen Sagas, die man heranziehen kann"

L.I.S.A.: Auf welches Quellenmaterial beziehen Sie sich in Ihren Forschungen?

Prof. Simek: Neben den ältesten skandinavischen Quellen überhaupt, den Gedichten der Hofdichter (Skalden), sind es vor allem die isländischen Sagas, die man heranziehen kann: Diese sind zwar erst im Hoch- und Spätmittelalter entstanden und somit lange nach der Christianisierung, aber sie zeigen deutlich, wie sehr und wie lange solche Gestalten des Volksglaubens wenigstens in der Literatur noch kreativ waren.

"Böse, destruktiv und außerordentlich schwer zu erwischen"

L.I.S.A.: Trolle sind uns in der heutigen Zeit vor allem durch den Begriff des „Internet-Trolls“ bekannt. Was charakterisiert und vor allem motiviert diese Nutzer? Und wie wird diese Bezeichnung den mythologischen Wesen gerecht?

Prof. Simek: Hierzu gibt es psychologische Studien, auf die ich jetzt nicht eingehen will. Was mich fasziniert daran, ist der dafür verwendete Begriff „Troll“, denn wie die mittelalterlichen Trolle sind diese Gestalten im Internet böse, destruktiv und außerordentlich schwer zu erwischen.

L.I.S.A.: Weniger bekannt, aber dennoch präsent sind die sogenannten „Patent-Trolle“. Auch hier wurde für die Namensgebung auf die Mythologie zurückgegriffen. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen – woher rührt die Faszination an Trollen?

Prof. Simek: Ja, ich finde es spannend, dass im Gegensatz zu der Tendenz in den Kinderbüchern, die Trolle immer kleiner, niedlicher und harmloser zu gestalten, in den Begriffen Internet-Trolle und Patent-Trolle die ganze Bosheit und Gefährlichkeit der mittelalterlichen Trolle ausschlaggebend war: Offensichtlich sind trotz aller literarischer Verharmlosungstendenzen die Trolle doch immer noch als gefährliche Wesen im Bewußtsein der Menschen verankert, und das nicht nur in Skandinavien, woher die Trollvorstellungen ursprünglich kamen.

Prof. Rudolf Simek hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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