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Georgios Chatzoudis | 18.10.2012 | 19884 Aufrufe | Interviews

"Diem ist mit Hindenburg zu vergleichen"

Interview mit Frank Becker zur Debatte um Carl Diem

Die Aufarbeitung der Geschichte des wichtigsten deutschen Sportfunktionärs Carl Diem hat in Deutschland zu einer breiten Kontroverse geführt. Ausgangspunkt war die Einberufung eines wissenschaftlichen Beirats durch den Deutschen Olympischen Sportbund (DOSB), um die Person und das Wirken Carl Diems während der NS-Zeit zu untersuchen. Der Beirat kam am Ende zum Schluss, dass Carl Diem weder Nationalsozialist, noch Rassist, noch Antisemit gewesen sei. Diese Einschätzung kann der Historiker und Carl Diem-Biograph Prof. Dr. Frank Becker nicht teilen.

Warum? Wir haben ihn nach seinen Forschungsergebnissen zu Carl Diem befragt.

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Prof. Dr. Frank Becker, Neuere und Neueste Geschichte, Universität Duisburg-Essen

"Durchhalterede vor Hitlerjungen"

L.I.S.A.: Herr Professor Becker, Sie haben eine Biographie über Carl Diem geschrieben, die für viel Aufmerksamkeit gesorgt hat. Um es gleich zu Beginn anzusprechen: War Carl Diem ein Nazi und Antisemit?

Prof. Becker: Diem war kein Nazi im Sinne von Parteimitgliedschaft, aber es finden sich in seinem umfangreichen Œuvre auch manche Versatzstücke nationalsozialistischen Denkens. Zudem hat er dem NS-Staat auf vielen Ebenen zugearbeitet. Trotz einer ab Sommer 1943 nachweisbaren Mitwisserschaft um den Holocaust wollte er weiterhin Ämter erhalten, die sich nicht nur mit sportpolitischer, sondern auch mit allgemeinpolitischer Verantwortung verbanden. Im März 1945 hielt er in Berlin eine Durchhalterede vor Hitlerjungen, die für die bevorstehenden Kämpfe mit der Roten Armee an der Panzerfaust ausgebildet wurden – Diem stellte ihnen das Vorbild der todesmutigen Spartaner vor Augen. – Antisemit war Diem in einer Variante, die vor allem in den Jahrzehnten vor dem Ersten Weltkrieg grassierte: Man feindete das Judentum an, vermochte jedoch einzelne Juden zu akzeptieren, wenn sie assimiliert waren.

"Es wird eine dauerhafte intellektuelle Disposition sichtbar"

L.I.S.A.: Worauf stützt sich Ihr historisches Urteil? Welche Quellen belegen Ihr Ergebnis?

Prof. Becker: Diem hat eine extrem umfangreiche Korrespondenz geführt und ein Tagebuch von mehreren tausend Seiten hinterlassen. Beide Quellen ermöglichen es, seine Denk- und Vorstellungswelt akribisch zu rekonstruieren. Dabei wird deutlich, dass antisemitische Äußerungen über Jahrzehnte hinweg fallen. Sie sind keineswegs, wie von apologetischer Seite behauptet wird, nur „Ausreißer“, die bestimmten Situationen geschuldet sind. Stattdessen wird eine dauerhafte intellektuelle Disposition sichtbar. Auch auf der Handlungsebene ist Diem belastet. 1940 beteiligte er sich an einer intentional antisemitischen Maßnahme der NS-Sportpolitik, bei der es darum ging, französische Sportfunktionäre, die möglicherweise Juden seien, aus ihren Ämtern zu entfernen.

"Die Interessen der Familie Diem"

L.I.S.A.: Ihre Einschätzung, dass Diem vom Vorwurf des Antisemitismus nicht freizusprechen sei, hat für eine Kontroverse gesorgt. Der Deutsche Olympische Sportbund (DOSB) und die Sporthochschule Köln, die Sie mit einem Forschungsprojekt zu Carl Diem beauftragt hatten, weisen Ihren Befund zurück. Warum?

Prof. Becker: Zunächst sind nicht die genannten Institutionen auf den Plan getreten, sondern ein Projektbeirat. Dieses Gremium, das von einem Diem-Schüler geleitet wurde, hat in einer Stellungnahme zur Gesamtbeurteilung Diems all meine kritischen Befunde ausgeblendet. Der DOSB ist dieser Sichtweise anfangs gefolgt, hat dann aber genauer hingeschaut und sich vom Beirat distanziert, der sich aufgrund dieses Vertrauensentzugs Ende 2010 aufgelöst hat. An der Sporthochschule Köln ist es das „Carl und Liselott Diem-Archiv“, das Diem gegen jede Kritik in Schutz zu nehmen versucht. Dieses Archiv verwaltet den Nachlass der Eheleute Diem und wurde anfänglich von Carl Diems Witwe Liselott geleitet. Bis heute vertritt es in sehr kämpferischer Form die Interessen der Familie Diem.

"In der DDR wurde ein klarerer Schnitt gemacht"

L.I.S.A.: Wie sehr wirkte der (Un)Geist des Nationalsozialismus nach 1945 in den organisierten deutschen Sport hinein? Ging die DDR mit dieser Tradition anders um als die Bundesrepublik?

Prof. Becker: Viele hoch belastete Sportfunktionäre übernahmen im westdeutschen Sport der Nachkriegszeit erneut wichtige Ämter. Ihnen kam die auch von Diem propagierte Legende, dem deutschen Sport sei 1933 zwar eine NS-Führung oktroyiert worden, er habe sich ansonsten dem Nationalsozialismus aber weitgehend entzogen, selbstverständlich sehr entgegen. In den Sportverbänden bildete diese Gruppe den harten Kern des nun auch im Westen opportunen Antikommunismus. Einem demokratischen Neubeginn im deutschen Sportverbandswesen stand sie aber im Prinzip nicht im Wege. In der DDR wurde ein klarerer Schnitt gemacht. Diem, der unmittelbar nach dem Krieg mit der sowjetischen-deutschen Sportverwaltung in Ostberlin noch recht harmonisch zusammengearbeitet hatte, wurde als die rechte Hand des Reichssportführers, insgesamt als Erfüllungsgehilfe der Nazis bezeichnet.

"Eine Welle der Umbenennung"

L.I.S.A.: Seit einigen Jahren werden in Deutschland mehrere nach Carl Diem benannte Straßen oder Institutionen umbenannt – unter anderen auch die Straße an der Kölner Sporthochschule. Zurecht? Anders gefragt: Was wiegt schwerer? Carl Diems Verstrickung in den Nationalsozialismus oder seine Verdienste um den deutschen Sport?

Prof. Becker: Das sind moralische bzw. geschichtspolitische Fragen. In der Gegenwart gilt: Straßen, deren Protagonisten NS-belastet sind, werden umbenannt, und diese Belastungen können auch durch Verdienste in anderen Bereichen nicht aufgewogen werden – dafür ist der Nationalsozialismus mit seinen Massenverbrechen ein zu exzeptionelles Phänomen gewesen. Insofern halte ich es auch für richtig, dass Carl Diem-Straßen umbenannt werden, wie es nach dem Erscheinen meiner Biografie schon in vielen deutschen Städten geschehen ist. In mancher Hinsicht ist Diem mit Hindenburg zu vergleichen, der auch kein dezidierter Nationalsozialist war, aber ein Nationalkonservativer, der mit den Nazis letztendlich gemeinsame Sache gemacht hat. Zurzeit läuft durch Deutschland auch eine Welle der Umbenennung von Hindenburg-Straßen.

Prof. Dr. Frank Becker hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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