Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 04.02.2016 | 3637 Aufrufe | 2 | Interviews

"Die Württembergerin wurde verehrt, die Preußin geliebt, die Hessin geachtet"

Interview mit Marianna Butenschön über russische Kaiserinnen deutscher Herkunft


Der russische Zar Peter I. verfolgte das Ziel, Russland nach Westen zu öffnen und als euröpäische Macht zu etablieren. Einen Schlüssel dazu sah er in der Einführung europäischer Sitten am Zarenhof. Er war der erste, der seinen Sohn und Thronfolger mit einer deutschen Prinzessin verheiratete, und seine Nachfolger sind diesem Beispiel später gefolgt, so dass Russland sechs Kaiserinnen deutscher Herkunft hatte. Die bekannteste unter ihnen war Katharina II., die 1729 als Prinzessin Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst in Stettin geboren wurde. Ihr folgten weitere Prinzessinnen, darunter Sophie Dorothee von Württemberg, Charlotte von Preußen  und Marie von Hessen und bei Rhein. Die Historikerin Dr. Marianna Butenschön hat zwei von ihnen in einzelnen Biographien porträtiert. Wir wollten von ihr wissen, wie aus deutschen Prinzessinnen russische Kaiserinnen wurden und welche Bedeutung sie für die Geschichte Russlands hatten.

Sophie Dorothee von Württemberg als Kaiserin Maria von Russland; Charlotte von Preußen als Kaiserin Alexandra von Russland; Marie von Hessen und bei Rhein als Kaiserin Marija Alexandrowna von Russland (v.l.n.r.)

"Die Prinzessinnen stammten aus den protestantischen deutschen Dynastien"

Sophie Dorothee von Württemberg, als Kaiserin Maria von Russland (1799)

L.I.S.A.: Frau Dr. Butenschön, vor kurzem ist Ihre zweite Biographie einer russischen Kaiserin erschienen – „Maria, Kaiserin von Russland. Die Württembergerin auf dem Zarenthron“. Im ersten Band haben Sie sich mit Kaiserin Alexandra, der „Preußin auf dem Zarenthron“ beschäftigt. Der dritte Band der Trilogie, „Die Hessin auf dem Zarenthron“, ist in Arbeit. Was hat Sie dazu veranlasst, russische Kaiserinnen deutscher Herkunft zu erforschen?

Dr. Butenschön: Der Anlass, mir die Biografien der deutschen Prinzessinnen auf dem Zarenthron vorzunehmen, war eine Entdeckung, die ich bei der Arbeit an meiner Geschichte der Ermitage gemacht habe, die 2008 unter dem Titel „Ein Zaubertempel für die Musen. Die Ermitage in St. Petersburg“ bei Böhlau in Köln erschienen ist.  Dabei musste ich mich auch mit Nikolaus I. beschäftigen, der einen ausgesprochen schlechten Ruf als Despot und „Gendarm Europas“ hat, der aber auch ein großer Kunstliebhaber und Kunstkenner war, wenn auch ein höchst eigenwilliger. Ihm verdankt Russland die Neue Ermitage, die er nach einem Entwurf des Münchner Hofarchitekten Leo von Klenze bauen ließ. Nikolaus war mit Charlotte von Preußen verheiratet, der ältesten Tochter der legendären Königin Luise, die in Russland den Namen Alexandra Fjodorowna erhielt. Charlotte-Alexandra hat in ihrer neuen Heimat den Brauch eingeführt, zu Weinachten einen Tannenbaum zu schmücken, Heiligabend Geschenke darunter zu legen und die Kerzen anzuzünden. Das geschah zum ersten Mal im Dezember 1817 im Moskauer Kreml. Außerdem hat sie den Kindergeburtstag in Russland eingeführt. Im Laufe der Recherchen habe ich dann herausgefunden, dass die Ermitage ihre Bilder und Zeichnungen von Caspar David Friedrich dieser Kaiserin verdankt, die sie auf Anregung ihres Russischlehrers, des bedeutenden Dichters und Übersetzers Wassilij A. Schukowskij, bei seinem Freund Friedrich in Dresden kaufen ließ. Alexandra besaß selbst eine große Gemäldesammlung.

Natürlich bin ich schon bei den Recherchen auf Charlottes Schwiegermutter, die Kaiserin Maria, geb. Sophie Dorothea von Württemberg, gestoßen, später dann auch auf ihre Schwiegertochter Maria, geb. Marie von Hessen und bei Rhein. Und da stellte sich schon die Frage, warum haben die Romanows seit Beginn des 18. Jahrhunderts mit einer Ausnahme Deutsche geheiratet, und warum wissen wir fast nichts über diese Frauen? Also habe ich nachgesehen. Die erste deutsche Prinzessin, die nach Russland heiratete, war Charlotte von Braunschweig-Wolfenbüttel, die Schwiegertochter Peters des Großen. Die zweite war Sophie Friederike Auguste von Anhalt-Zerbst, die den Kaiser Peter III., ihren Mann, 1762 entthronte und als Katharina II. selbst herrschte. Die dritte war Sophie Dorothea von Württemberg, die Frau Pauls I., Schöpferin des Palastparkensembles Pawlowsk südlich von St. Petersburg, Begründerin der öffentlichen Wohltätigkeit und Pionierin der Behindertenbildung in Russland, Mitglied der Preußischen Akademie der Künste. Die vierte war Luise von Baden, die Frau Alexanders I., die in Russland Elisabeth Alexejewna hieß, die fünfte war Charlotte von Preußen, die sechste Marie von Hessen und bei Rhein, die Frau Alexanders II., und die siebente war Alix von Hessen-Darmstadt, die Frau Nikolaus‘ II., des letzten Romanow-Kaisers. Die Ausnahme von der Regel war Dagmar von Dänemark aus dem Hause Glücksburg, die Mutter Nikolaus‘ II. Infolge dieser Heiraten war die Dynastie Romanow-Holstein-Gottorp, wie sie seit Peter III. vollständig hieß, am Ende ethnisch eine deutsche Dynastie. Dabei fällt auf, dass die Prinzessinnen aus den protestantischen deutschen Dynastien stammten. Denn nur die Protestantinnen waren bereit, die Konfession zu wechseln und russisch-orthodox zu werden - ohne Konversion war eine russische Heirat nicht möglich. Hingegen waren Katholikinnen nicht zum Übertritt bereit. In einem übergeordneten Sinn sollten die dynastischen Verbindungen des Hauses Romanow mit Westeuropa natürlich auch als „Kitt“ der von Peter dem Großen eingeleiteten Europäisierung Russlands dienen. Auf der anderen Seite war eine russische Heirat ein enormer Prestigegewinn für die kleinen deutschen Fürstenhäuser und finanziell von großem Vorteil. Man muss aber zugeben, dass bei den letzten kaiserlich-russisch-deutschen Ehen zum Glück auch Liebe im Spiel war.

Für mich war wichtig, dass es sich bei diesem Thema um Neuland handelte, und Journalisten schreiben ja am liebsten über Themen, mit denen sich noch kein anderer beschäftigt hat. Natürlich gibt es Kurzbiografien dieser Frauen in Sammelbänden, aber meines Erachtens hat noch niemand systematisch die Frage behandelt, warum die Romanows bevorzugt Deutsche heirateten, was für Frauen das waren, was sie mitbrachten, welchen Einfluss sie auf ihre Männer und somit auf die russische Politik hatten, was sie bewirken konnten usw. Insbesondere der wichtige Aspekt „Kulturtransfer“ ist überhaupt noch nicht beleuchtet worden. Auch hat mich geärgert, dass man die Namen der „angeheirateten“ russischen Kaiserinnen im Register der einschlägigen „Geschichten Russlands“ gar nicht findet, so dass man annehmen muss, dass die Herrscher ihre vielen Kinder selbst zur Welt gebracht haben. Zwei Ausnahmen bestätigen auch hier die Regel: Über Katharina II. sind Bibliotheken geschrieben worden, aber sie war Selbstherrscherin und nicht „die Frau an seiner Seite“. Die zweite Ausnahme ist Alexandra, die unglückliche letzte Kaiserin von Russland, deren tragisches Schicksal viel Lesestoff hervorgebracht hat und weiter hervorbringen wird, vermutlich demnächst wieder zu ihrem 100. Todestag im Juli 2017.

"Viele völlig unbekannte, historisch wichtige Details entdeckt"

Charlotte von Preußen als „Alexandra Fedorovna in yellow Russian dress (1836, A.Malyukov, Hermitage)“ von A. Malyukov

L.I.S.A.: Worauf legen Sie in Ihren Biographien den Schwerpunkt? Welche Aspekte interessieren Sie besonders? Ist es das deutsch-russische Verhältnis, sind es die Dynastien, die im Mittelpunkt stehen, die Charaktere oder ist es vielmehr Geschichte, die Frauen in den Mittelpunkt nimmt?  

Dr. Butenschön: Die Biografien boten und bieten mir die Möglichkeit, russische Geschichte über die Lebensgeschichten dieser Frauen zu erzählen, russische Geschichte auf diese Weise zugänglicher und, wenn man so will, „lesbarer“ zu machen. Ich habe viele völlig unbekannte, historisch wichtige Details entdeckt, die den Russland-Historikern bisher verborgen geblieben sind und die ich natürlich unters Lesevolk bringen wollte, weil sie politisch wichtig waren, z.B. die Rolle der Kaiserinnen Maria und Alexandra im Vorfeld des Dekabristenaufstandes (1825), z.B. der Versuch Nikolaus‘ I., über seine Frau Einfluss auf seine Schwäger Friedrich Wilhelm IV. und Wilhelm von Preußen in Berlin zu nehmen, worüber das Kaiserpaar abends im Bett redete, wie Charlotte ihrem Bruder Wilhelm schreibt. Ein Leser, der erfährt, dass Nikolaus und Alexandra sich mit „Niks“ und „Muffi“ anredeten, dass Nikolaus seine Frau ein Leben lang auf Händen trug, dass er gern in seinen Kirchenchören mitsang und gut Kornett spielte, dass er als Großvater seine Enkel fütterte usw., wird sich leichter durch die Zeiten und ihre Probleme lesen als einer, dem blutleere Personen, Daten und Fakten vorgesetzt werden. Der Leser, der derlei Persönliches (nicht Intimes!) nachlesen kann, das dann politisch wird, fühlt sich meiner Ansicht nach „mitgenommen“ und kann sich die geschilderten Persönlichkeiten besser vorstellen. Diese Art „Schreibe“ fand ich reizvoll. Ja, wenn man schon das Glück hat, persönliche Details zu finden, wie das politische „Bettgeflüster“ Nikolaus-Charlotte, wie die Klagen der Kaiserin Maria über ihre Hämorrhoiden und ihre Rückenschmerzen oder ihre Vorliebe für starken Kaffee mit einer Prise Muskat, warum soll man sie dann nicht wiedergeben? Die Recherchen zu den drei Biografien, die ich natürlich auch in St. Petersburg durchführen musste, haben mir einmal mehr gezeigt, dass Russen und Deutsche sehr vieles verbindet. Was Maria Fjodorowna angeht, so hatte ich die Hoffnung, dass sich nach dem Erscheinen ihrer Biographie vielleicht doch noch Diebesgut aus Pawlowsk aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs auf dem einen oder anderen Dachboden oder im Keller anfindet, das dann noch hätte zurückgegeben werden können. Diese Hoffnung hat sich leider nicht bestätigt, es hat sich niemand gemeldet, der unter „Opas Sachen“ noch Gegenstände aus Pawlowsk gefunden hätte.

"Niemand hätte gewagt, den Majestäten ihre deutsche Herkunft vorzuhalten"

Alix von Hessen-Darmstadt als Kaiserin Alexandra Fjodorowna 1907

L.I.S.A.: Was waren die größten Herausforderungen, die Maria und Alexandra als Kaiserinnen in einem fremden Land zu bewältigen hatten? Wie stand es um die Akzeptanz am Hof? Und wie konnte es Kaiserin Maria Fjodorowna nach dem Tod Ihres Mannes gelingen, sich politisch zu behaupten?  

Dr. Butenschön: Die erste und größte Herausforderung war – nach der langen Reise per Kutsche in ein fernes unbekanntes Land - der Übertritt zur russischen orthodoxen Kirche, der Sophie Dorothea von Württemberg, Charlotte von Preußen und Marie von Hessen und bei Rhein mehr oder weniger schwer gefallen ist. Die Württembergerin hat sich arrangiert, die Preußin hat sich gewöhnt, und die Hessin ist russischer als die Russen und orthodoxer als die Orthodoxen geworden, wenn man das so sagen kann. Die zweite Herausforderung waren die Männer, die sie heirateten. Die Württembergerin heiratete den späteren Kaiser Paul I., der von seiner Mutter Katharina ewig zurückgesetzt und gedemütigt worden war und im Lauf der Jahre immer eigenartiger wurde und seinen Frust und seine Wut an seiner Umgebung ausließ, auch an seiner Frau. Die preußisch-russische Ehe war ausgesprochen glücklich, auch wenn Nikolaus sich nach zwanzig Jahren Ehe eine Geliebte zulegte. Die hessisch-russische Ehe war anfangs glücklich, dann eine Tragödie, weil Alexander II., der ein Filou war, nach 25 Jahren Ehe und der Geburt von acht Kindern eine zweite Familie mit einer dreißig Jahre jüngeren Geliebten gründete. Die Württembergerin und die Preußin sind in Russland glücklich geworden, die Hessin nicht. Die Akzeptanz bei Hofe war schon durch die Stellung gegeben, die die deutschen Prinzessin durch die Heirat einnahmen. Niemand hätte gewagt, den Majestäten ihre deutsche Herkunft vorzuhalten. Die Württembergerin wurde verehrt, die Preußin geliebt, die Hessin geachtet.

Was das „fremde Land“ angeht, so konnte ich feststellen, dass die Romanows ihr Land nicht wirklich kannten, und ihre deutschen Frauen haben es auch nicht kennengelernt. Das Leben der kaiserlichen Familie spielte sich in den Petersburger Palästen ab, nur gelegentlich reiste der Hof nach Moskau, in die Erste Residenzstadt. In der Familie sprach man Französisch und Deutsch, erst seit Alexander II. ging man allmählich zum Russischen über. Dieser Romanow war übrigens der erste, der seinen Fuß auf sibirischen Boden setzte.

Maria Fjodorowna, die tüchtige Württembergerin auf dem Zarenthron, hat sich behauptet, weil sie eine starke Frau war. Sie flößte Respekt ein. Ihr Sohn Alexander I. hat sie die Rolle der „ersten Kaiserin“ spielen lassen, weil er ein schlechtes Gewissen seiner Mutter gegenüber hatte. Denn er wusste vom Anschlag auf seinen Vater im März 1801 und hat ihn gebilligt, allerdings in der Annahme, die Verschwörer wollten Paul I. nur absetzen. Maria war eine erbitterte Gegnerin Napoleons und Sprachrohr der antifranzösischen Partei bei Hofe, die jede Annäherung an Napoleon, wie Alexander I. sie vorübergehend anzustreben schien, ablehnte. Kurzum, die Württembergerin war einfach eine respekteinflößende Persönlichkeit. 

"Keine wichtige Entscheidung, ohne seine Frau um Rat gefragt zu haben"

L.I.S.A.: Wie sind die zwei Herrscherinnen, die Sie bisher untersucht haben, in die russische Geschichte eingegangen? Wie erinnert man sich in Russland an Kaiserin Alexandra und Kaiserin Maria? Welche Rolle spielt dabei deren ursprüngliche Herkunft?

Dr. Butenschön: Im Zuge der Rückbesinnung auf das vorrevolutionäre Russland sind viele Biografien vor allem der Petersburger Kaiser erschienen, die man mit Vergnügen und Gewinn liest, weil die Autoren sich ihren „Helden“ ohne ideologische Scheuklappen nähern. Das hat zur Folge, dass die Herrscher - anders als in der Sowjetzeit, als sie allesamt als Bösewichter galten - relativ positiv geschildert werden,. Die Autoren stellen sie menschlich dar, das heißt mit ihren Stärken und Schwächen, etwa so, wie sie wahrscheinlich waren. Sie schildern die Probleme des riesigen Landes, das so schwer zu regieren ist und das sein Heil immer von seinen Herrschern erwartete, die sich ihrerseits an den Problemen rieben. Die Frauen dieser Herrscher werden nun als Kameradinnen dargestellt, die Qualität der Ehen spielt eine gewisse Rolle, und das kommt mir ganz normal vor. Wer zu Hause Krach hat, arbeitet tagsüber wohl nicht so gut wie einer, der ein glückliches Familienleben hat. Das war bei „Kaisers“ nicht anders. Sophie Dorothea von Württemberg hat es zwanzig Jahre lang geschafft, ihren cholerischen Mann, den sie zärtlich „Paulchen“ nannte, zu beruhigen und ihn von übereilten Entschlüssen abzuhalten. Ihren politischen Einfluss auf ihren Mann erkennt man an der Tatsache, dass sie Mitautorin und Mitunterzeichnerin des Aktes über die Thronfolge war, durch den Paul 1796 die von Peter I. abgeschaffte Primogenitur wieder einführte. Damit fanden die Palastrevolutionen und Staatstreiche des 18. Jahrhunderts ein Ende. Aber die Kaiserin Maria ist vor allem als Gründerin des Schlossparkensembles Pawlowsk und Begründerin eines landesweiten Netzwerks von Sozial- und Bildungseinrichtungen in die Geschichte eingegangen, die wirklich funktionierten. Tausende Familien waren ihr zu Dank verpflichtet. Für Verdienste auf dem Gebiet der Wohltätigkeit wird heute wieder das von ihrem Sohn Nikolaus I. gestiftete Marienabzeichen verliehen.

Nikolaus I. traf nach eigenem Bekunden keine wichtige Entscheidung, ohne seine Frau um Rat gefragt zu haben, und nannte sie seinen „Schutzengel“. Damit ist verbürgt, dass Charlotte von Preußen einen enormen Einfluss auf ihren Mann hatte. Ohne sie wäre seine eiserne Herrschaft womöglich noch schwerer erträglich gewesen. Marie von Hessen und bei Rhein hat Alexander II., ihren zögernden Mann, bei seinem großen Werk der Aufhebung der Leibeigenschaft nach Kräften unterstützt. Durch die Gründung von Mädchengymnasien, die nach ihr „Mariengymnasien“ genannt wurden, hat sie die Frauenbildung in Russland enorm gefördert, außerdem gilt sie als Gründerin des russischen Roten Kreuzes. Man weiß also in Russland, dass die „Jolka“, der geschmückte Tannenbaum, aus Preußen stammt, dass „Pawlowsk“ ein Werk der gekrönten Künstlerin aus Württemberg ist und dass die Mariengymnasien, die heute zum Teil wieder so heißen, ihren Namen nach der Herrscherin aus Hessen tragen. Die ursprüngliche Herkunft der Monarchinnen spielt dabei keine Rolle mehr.

"Das aktuelle 'Unverständnis' ist kein kulturelles, sondern ein politisches"

L.I.S.A.: Schaut man sich heute das deutsch-russische Verhältnis an, besteht vor allem viel Unverständnis füreinander – beiderseits. Wie erklären Sie sich, dass trotz vielfach miteinander verflochtener Geschichte, die Unterschiede nicht nur politisch, sondern vor allem kulturell erklärt werden?

Dr. Butenschön: Kulturelle Unterschiede zwischen den Völkern gibt es immer, und das ist gut so. Ich glaube nicht, dass es zwischen Russen und Deutschen kulturelle Missverständnisse gibt. Die beiden Kulturen haben einander immer befruchtet und tun es bis heute, auch wenn es politisch knirscht, auch wenn uns das nicht immer bewusst ist. In diesem Zusammenhang erinnere ich immer gerne daran, dass wir den Preußischen Präsentiermarsch, mit dem in Berlin immer noch Staatsgäste empfangen werden, Nikolaus I. verdanken, der diese vergessene Komposition Friedrich Wilhelms III., seines Schwiegervaters, 1835 bei der Großen Revue in Kalisz zum ersten Mal aufführen ließ. Und ich erinnere auch daran, dass beim Großen Zapfenstreich nach dem Befehl „Helm ab zum Gebet“ eine Melodie des Komponisten Dmitrij Bortnjanskij ertönt, nämlich „Ich bete an die Macht der Liebe“. Bortnanjskij hat übrigens viel für Maria Fjodorowna gearbeitet.

Das aktuelle „Unverständnis“ ist kein kulturelles, sondern ein politisches, das infolge der Politik Wladimir Putins auch zwischen Russen und Franzosen, Russen und Engländern usw. besteht. Die Annexion der Krim kann und muss man nicht „verstehen“, die muss man ablehnen und verurteilen. In diesem Zusammenhang ist „Unverständnis“ das falsche Wort. Wer versucht, Putins Politik zu „verstehen“, ist kein seriöser Beobachter oder Analytiker russischer Politik. Leider denken die Russen immer noch in den Kategorien der Machtpolitik des 19. Jahrhunderts, Ausdehnung und Machtentfaltung waren ihnen immer wichtiger als der innere Aufbau und das Wohl der Bevölkerung. Und sie setzen immer noch auf militärische Stärke. Das ist ein „Geschäftsmodell“, das niemanden mehr beeindruckt, am wenigsten die Nachbarn, die „weg von Russland“ und „nach Europa“ wollen. Dahin würden übrigens auch Millionen junger Russen lieber heute als morgen übersiedeln.

In der Vergangenheit haben die dynastischen Beziehungen und das Gottesgnadentum auf beiden Seiten politische Animositäten zwar zugelassen, komplette Brüche aber verhindert. Man sprach auf Augenhöhe miteinander, die Regierenden auf beiden Seiten kannten und schätzten einander, meistens jedenfalls. Und die Regierten kurten in Baden-Baden oder Schlangenbad bzw. gingen auf der Suche nach einem besseren Leben zu Tausenden und Zehntausenden nach Russland und wurden loyale Untertanen der russischen Herrscher. Nikolaus I., der Ehrenbürger von Berlin war, ging dort allein spazieren, ohne Suite und Bodyguard, und unterhielt sich auf der Straße mit den Leuten. Er sprach gut Deutsch. Alexander II. trug immer die Uniform des preußischen Regiments, das sein Großvater Friedrich Wilhelm III. ihm verliehen hatte, wenn er in Berlin aus dem Zug stieg. Beide waren nicht nur außerordentlich charmant, beide hatten eine große natürliche Autorität. Wladimir Putin spricht auch Deutsch, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er allein in Berlin herumläuft und mit den Berlinern redet. Die russischen Kaiser waren in Berlin populär, der derzeitige russische Präsident ist es nicht.

Dr. Marianna Butenschön hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Christian Stadermann | 22.06.2019 | 11:00 Uhr
"Die Annexion der Krim ... muss man ablehnen und verurteilen."
Dieser - aus dem Zeitgeist geborene - Satz relativiert das Interview leider.
Wie jeder Historiker weiss, gehört die Krim zu Rußland.

Kommentar

von Inge | 23.06.2019 | 10:40 Uhr
Nein, Herr Stadermann, das ist geschichtsvergessen!

Mit der Argumentation kann auch Deutschland Schlesien zurückfordern.

Nur Verhandlungen können die Lösung sein.

Kommentar erstellen

7D6CL