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Judith Wonke | 22.10.2019 | 328 Aufrufe | Interviews

"Die Werbeindustrie hat das enorme Potenzial erkannt"

Interview mit Moritz Baßler zur Nennung von Markennamen in der Pop-Musik

Die Popmusik ist in unserem Alltag präsent und wird vor allem von der Werbeindustrie immer wieder genutzt, um Produkte zu vermarkten und potentielle Kunden zu erreichen. Die Vermutung liegt nahe, dass dieser Prozess auf Gegenseitigkeit beruht und Werbe- und Musikindustrie als gleichberechtigte Partner nebeneinander existieren. Dass dies nicht der Fall ist, zeigt der Germanist Prof. Dr. Moritz Baßler, der sich in seiner jüngsten Publikation mit der Nennung von Markennamen in der Popmusik auseinandersetzte. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt und wollten wissen, warum sich die Popmusik von der Werbeindustrie distanzierte, welches Material der Studie zu Grunde lag und welche Rolle soziale Medien in der Popkultur spielen. 

"Pop-Musik vermeidet die Nennung von Marken geradezu"

L.I.S.A.: Prof. Dr. Baßler, Sie beschäftigen sich in Ihren Studien unter anderem mit der Popkultur und untersuchen in Ihrer jüngst erschienenen Publikation die Markennennungen in der Popmusik. Wie ist die Idee zu diesem Thema entstanden? Welche Überlegungen gingen der Studie voraus?

Prof. Baßler: Als Literaturwissenschaftler habe ich zunächst eine Pop-Literatur beforscht (z.B. Bret Easton Ellis, Benjamin v. Stuckrad-Barre), die sich durch üppige Verwendung, bisweilen sogar katalogartige Aufzählungen von Markennamen auszeichnet und von anderer Literatur unterscheidet, so wie schon die Pop Art der 1950er und 60er sich durch ihre Abbildung von Markenartikeln von anderer Kunst unterschied (z.B. Richard Hamilton, Andy Warhol). Dann fiel mir irgendwann auf, dass das in klassischer Pop-Musik wider Erwarten und mit wenigen Ausnahmen gerade nicht der Fall ist – sie vermeidet die Nennung von Marken geradezu. Daraus entstand die Forschungsfrage des Buches, die ich dann im Rahmen eines Projektes zur Konsumästhetik weiter entwickeln durfte.

"Western Promises ist zuallererst ein Liebhaber-Projekt"

L.I.S.A.: Abgesehen von den untersuchten Popsongs – welches Quellenmaterial liegt Ihrer Studie zu Grunde? Und haben Sie alle erwähnten Songs selbst gehört? In diesem Zusammenhang: Hören Sie gerne Popmusik?

Prof. Baßler: Aber sicher hab ich die selbst gehört. Western Promises ist zuallererst ein Liebhaber-Projekt. Basis-Archiv für die Studie ist meine private Plattensammlung, mit sowas wie The Who Sell Out oder Trio bin ich aufgewachsen, auch Bilderbuch oder Arcade Fire gehören zum Bestand und sind nah an meinem Herzen. Auf manche Dinge bin ich dann natürlich auch erst im Zuge der Recherchen oder durch Tipps gestoßen; ohne das Riesenarchiv des Web 2.0 mit seinem universalen Zugriff auf die gesamte Musikgeschichte hätte ich das Buch so nicht schreiben können. Außerdem haben wir am Lehrstuhl in Münster ein Archiv mit Pop-Zeitschriften angelegt, das sehr nützlich war.

"Auch heute noch wird im Indie-Bereich meistens auf Markennamennennungen verzichtet"

L.I.S.A.: Zweifelsfrei lässt sich für die heutige Zeit festhalten, dass die Musik- und Werbeindustrie eng miteinander verknüpft sind. Für die Zeit bis zu den 1980er-Jahren stellen Sie jedoch fest, dass die Popmusik weitestgehend auf Markennennungen verzichtete – und das, obwohl Sie selbst ein Teil der Konsumgesellschaft war und ist. Wie erklären Sie sich diesen Wandel?

Prof. Baßer: Soviel hat sich gar nicht verändert. Auch heute noch wird z.B. im Indie-Bereich meistens auf Markennamennennungen verzichtet, auch heute noch wirken sie in deutschen Lyrics, z.B. bei Von wegen Lisbeth, eher lustig. Warum das so ist, davon handelt Western Promises. Eine deutliche Änderung im Umgang mit Markennamen hat sich zweifellos im Hip-Hop-Bereich ereignet: Hier gehört einerseits die Luxusware, die man eben nur anhand ihrer Marke erkennt (Cristal statt Sekt, Lexus statt Auto), offenbar zum Kernbestand dessen, was den ausgestellten Lebensentwurf kennzeichnet, andererseits vertragen, ja verlangen Hip-Hop-Tracks viel mehr Text als der klassische lyrische Popsong, was die Integration von Fremdmaterial wie Markennamen befördert. Aber das sind nur erste Beobachtungen – von Hip-Hop verstehe ich leider nichts.

"Es war für Pop-Musiker auch meistens ok, der Industrie Musik zu liefern"

L.I.S.A.: Während sich die Popmusik in ihren Anfängen von der Werbeindustrie distanzierte, war diese an einer engen Beziehung interessiert. Sie sprechen in diesem Zusammenhang von einer Asymmetrie. Waren sich die Industrien der Ungleichheit bewusst? Welche Bemühungen sind seitens der Werbeindustrie zu verzeichnen?

Prof. Baßler: Die Werbeindustrie hat sofort das enorme Potenzial von Pop erkannt und arbeitet seit den 1950er Jahren mit Pop-Musik, wenn sie ein jugendliches Publikum ansprechen will. Es war für Pop-Musiker auch meistens ok, der Industrie Musik zu liefern, das haben sogar die ‚harten‘ Rolling Stones oder eine Hippie-Band wie Jefferson Airplane früh gemacht – umgekehrt wollte sie aber die Markennamen nicht auf ihren Platten und in ihren Songs haben. Das ist diese Asymmetrie, von der die Studie ausgeht. Die im gleichen Projekt entstandene komplementäre Studie über die Verwendung von Pop-Musik in Werbung (von Melanie Horn) ist noch nicht erschienen, die kommt aber noch.

"Das Web 2.0 macht dabei den Reporter überflüssig"

L.I.S.A.: Eine Frage zum Schluss: Sie betonen den besonderen Stellenwert der „Homestory“, durch die der Popstar nahbar wurde. Mit Blick auf aktuelle Entwicklungen und die Bedeutung der sozialen Medien: Sehen Sie diese, vor allem im Hinblick auf eine Selbstinszenierung, als Fortsetzung dieses Phänomens?

Prof. Baßler: Das könnte man sagen. Das Web 2.0 macht dabei den Reporter überflüssig, der früher die Homestory vermittelte – jetzt kann der Star seine Fans unmittelbar füttern, was zu ganz neuen Formen von Community führt (z.B. Lady Gaga mit ihrem Gefolge aus Little Monsters). Aber um Stilgemeinschaften ging es im Pop eben immer schon – gerade in der Frage, wer den Stil des guten Lebens bestimmt, liegt ja der Kern der Konkurrenz von Pop und Werbeindustrie.

Prof. Dr. Moritz Baßler hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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