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Georgios Chatzoudis | 10.05.2016 | 544 Aufrufe | Interviews

"Die SED litt in der Hochschule an ihrer eigenen Macht"

Interview mit Bertram Triebel über die Geschichte der SED an der Bergakademie Freiberg

Obwohl sich die DDR in erster Linie als Staat der Arbeiter und Bauern verstand, geriet mit der Machtübernahme der SED auch das akademische Milieu in den Blickpunkt der Staats- und Parteiführung. In den Hochschulen des Landes sollten, wo möglich, verlässliche Parteikader die führenden Posten besetzen. Doch der Prozess der Politisierung der DDR-Universitäten dauerte länger als gemeinhin angenommen wird - die SED tat sich schwer mit der Übernahme der Kontrolle über das Hochschulwesen. Der Historiker Dr. Bertram Triebel hat sich diesen Prozess der Herrschaftssicherung am Beispiel der Bergakademie Freiberg genauer angeschaut. Im Rahmen seiner Dissertation untersuchte er, warum die SED mehr als zwanzig Jahre benötigte, um sich an die Spitze der Bergakademie zu setzen und um vor dort aus die Geschicke der Hochschule zu steuern. Wir haben ihn danach befragt.

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"Forschungslücken weckten mein Interesse"

L.I.S.A.: Herr Dr. Triebel, Sie haben im Rahmen Ihres Dissertationsprojekts zur Geschichte der SED an der Bergakademie Freiberg geforscht. Nun liegt Ihre Arbeit in Buchform mit dem Titel „Die Partei und die Hochschule“ vor. Wie sind Sie zu diesem Thema gekommen? Was war das erkenntnisleitende Interesse?  

Dr. Triebel: Die Bergakademie Freiberg hat 2015 ihr 250-jähriges Bestehen gefeiert. In Vorbereitung dieses Jubiläums hatte die Hochschule 2009 ein Graduiertenkolleg zur Geschichte der Bergakademie im 20. Jahrhundert ins Leben gerufen. Mir kam die Aufgabe zu, das Verhältnis von Politik und Hochschule in der DDR zu erforschen. Als ich mich in das Thema einarbeitete, fiel mir zweierlei auf. Zum einen stellte ich fest, dass in den Büchern zur Geschichte der Bergakademie die Rolle der SED – die allmächtige Partei in der DDR – nur am Rand vorkam. Zum anderen merkte ich, dass sich Historiker bislang nicht umfassend mit dem Wirken der SED an Universitäten beschäftigt hatten. Die vorhandenen Darstellungen beleuchteten die Herrschaft der Partei bis zum Mauerbau 1961. Was fehlte, war eine Geschichte der SED an einer Hochschule von ihren Anfängen in der Nachkriegszeit bis zum Ende während der Revolution 1989/1990. Diese Forschungslücken weckten mein Interesse, die SED an der Bergakademie Freiberg zu analysieren.       

Ehrengast: Staats- und Parteichef Walter Ulbricht beim Festakt "200 Jahre Bergakademie Freiberg" im November 1965

"Abhängigkeit von den 'bürgerlichen' Professoren"

L.I.S.A.: Sie zeigen in Ihrer Arbeit, dass der Einfluss der SED an einer Universität der DDR nicht automatisch gegeben war. Im Gegenteil, sagen Sie, die SED habe sich in der Bergakademie Freiberg erst durchsetzen müssen. Das überrascht, herrscht doch die Vorstellung vor, dass mit der Machtübernahme der SED sogleich nichts mehr ohne die SED gegangen beziehungsweise Widerstand gleich mit Inhaftierung verbunden gewesen wäre. Können Sie uns das erklären?  

Dr. Triebel: In der Tat brauchte die SED-Parteiorganisation mehr als zwei Jahrzehnte, bis sie Ende der 1960er Jahre die uneingeschränkte Führungsinstanz an der Bergakademie Freiberg war. Für diesen langen Weg gab es mehrere Ursachen. Zuerst kämpfte die Parteiorganisation mit internen Problemen. Nach Gründung des Verbandes an der Bergakademie im Jahr 1946 traten vor allem Studierende in die Partei ein, aber nur wenige Professoren. Zwangsläufig übernahmen jüngere Genossen Führungspositionen, obwohl sie keine Leitungserfahrungen besaßen. Sie hatten große Probleme, die Parteiorganisation systematisch zu führen und die Mitglieder anzuleiten. Erschwerend kam hinzu, dass sich das Gros der Genossen an der Hochschule kaum politisch engagierte. Darüber hinaus gelang es den jungen Parteisekretären nicht, den Verband mit einer arbeitsfähigen Struktur auszustatten.

Zur eigenen Schwäche kam in der Nachkriegszeit die Abhängigkeit von den „bürgerlichen“ Professoren an der Bergakademie. Nach Meinung der SED galten sie als „bürgerlich“, weil sie sich als Fachleute verstanden und viele von ihnen der marxistisch-leninistischen Ideologie skeptisch bis ablehnend begegneten. Die SED war aber beim wirtschaftlichen Wiederaufbau des Landes auf die Fachkompetenz der Ordinarien angewiesen. Damals existierte keine kommunistisch gesinnte Gegenelite in den Technik- und Naturwissenschaften. Zudem stärkte die offene Grenze zur Bundesrepublik die Position der Hochschullehrer. Fühlten sie sich politisch zu sehr drangsaliert, konnten sie jederzeit die DDR verlassen. Damit waren der SED an der Bergakademie einige Jahre die Hände gebunden. Dies bedeutete jedoch nicht, dass die SED einflusslos an der Hochschule gewesen wäre. Ihre Macht speiste sich allerdings nicht aus der Stärke des lokalen Verbandes, sondern aus Entscheidungen der Parteizentrale und DDR-Regierung.  

Eintritt: Übergabe des Parteibuchs an ein neues Mitglied im März 1979

"Der Aufstieg der SED ging mit einer Politisierung der Hochschule einher"

L.I.S.A.: Wie setzte die SED ihren Führungsanspruch in der Universität durch? Was waren die Folgen für eine eher technisch ausgerichtete Hochschule wie die Bergakademie? Spielte dabei der verordnete Marxismus-Leninismus eine Rolle?

Dr. Triebel: Dass sich die SED-Parteiorganisation an der Bergakademie durchsetzte, lag vor allem an der Aktivität der Parteispitze in Berlin. Ihre Hochschulpolitik veränderte die Lage schrittweise zu Gunsten der Genossen in Freiberg.

Als sich die SED im Frühjahr 1946 gründete, hatte sie keinen „Masterplan“, wie sie mit den Universitäten in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) umgehen soll. Ihre Funktionäre mussten sich erst in die für sie oft fremde akademische Welt einarbeiten. Klar war nur, dass mit der „bürgerlichen“ Universität gebrochen werden und eine „sozialistische“ Hochschule entstehen sollte. Um dieses Ziel zu erreichen, setzte die SED rasch auf strukturelle, personelle und inhaltliche Veränderungen an allen Universitäten in SBZ/DDR. Strukturell etwa legte sie fest, dass der Parteisekretär an den Senatssitzungen teilnehmen sollte. Des Weiteren politisierte die Partei die Lehre, indem sie das gesellschaftswissenschaftliche Grundstudium – später als Marxismus-Leninismus bezeichnet –  einführte. Wie es der Name vermuten lässt, ging es um politische und philosophische Fragen, allen voran um die Vorzüge des Sozialismus gegenüber dem Kapitalismus. Die Teilnahme war für alle Studenten obligatorisch. Was das Personal betraf, strebte die SED einen Elitenwechsel an, arbeitete aber aus besagten Gründen erst einmal mit den „bürgerlichen“ Professoren zusammen. Als sie in den 1960er Jahren altersbedingt aus dem Dienst schieden, installierten die SED-Funktionäre in der Regel systemloyale Wissenschaftler mit Parteibuch, die mittlerweile zur Verfügung standen.  

Neben diesen Maßnahmen agierte die Parteiorganisation an der Bergakademie zunehmend professioneller. Ab Anfang der 1960er Jahre übernahmen politisch und organisatorisch geschulte Funktionäre das Amt des 1. Sekretärs. Sie wussten, wie man einen Parteiverband nach innen führt und seine Interessen gegenüber dem Rektorat durchsetzt. Ende der 1960er Jahre verkörperte die SED schließlich das, was sie von Anfang an sein wollte: das Machtzentrum an der Bergakademie.

Der Aufstieg der SED ging mit einer Politisierung der Hochschule einher. Studenten mussten die Seminare und Vorlesungen in Marxismus-Leninismus besuchen, wollten sie ihr Studium bestehen. Wissenschaftler mussten neben ihren fachlichen Leistungen auch politisches Engagement – am besten durch eine SED-Mitgliedschaft – nachweisen, wollten sie einmal einen Lehrstuhl übernehmen. Und auch die Forschung fand in dem Rahmen statt, den die SED mit ihrer Hochschul- und Wirtschaftspolitik setzte.  

Machtzentrum: Parteiversammlung an der Bergakademie im Januar 1986

"Die SED-Nadel am Revers eröffnete größere berufliche Chancen"

L.I.S.A.: Welche Bedeutung hatte die Durchsetzung der SED an den Hochschulen einerseits für die wissenschaftliche Qualität der Forschung und andererseits für die politische Motivation der SED-Mitglieder?  

Dr. Triebel: Für die SED gehörten Wissenschaft und Politik zusammen. Dementsprechend sollte ein Wissenschaftler in der DDR, sich sowohl durch sehr gute Forschungen und eine wirkungsvolle Lehre auszeichnen als auch im Sinne des Sozialismus auftreten. Erfüllte ein Kandidat nicht beide Kriterien, so wurde er in der Regel auch kein Professor. Daher blieben die Wissenschaftler ohne Lehrstuhl, die zwar fachlich qualifiziert waren, sich jedoch nicht zur SED und ihrer Politik bekannten. Andere dagegen strebten unbedingt eine Professur an und traten deshalb in die SED ein. Es war aber nicht so, dass alle Hochschullehrer nur der Karriere willen das Parteibuch annahmen. Bei vielen war es eine Mischung aus politischer Überzeugung und dem Wissen, dass die SED-Nadel am Revers größere berufliche Chancen eröffnete.

Als Professor wiederum konnte man seine Forschungsthemen nicht zwangsläufig frei wählen. Es war die SED, die mit ihrer Hochschul- und Wirtschaftspolitik den Rahmen bestimmte, in dem sich die Wissenschaftler bewegen mussten. Während der Ölkrise Mitte der 1970er Jahre setzte die SED etwa verstärkt auf die Förderung einheimischer Braunkohle. Entsprechend dieser Politik hatten sich die Wissenschaftler nun intensiver mit diesem Energieträger, seiner Gewinnung und Verarbeitung zu beschäftigen.

Innerhalb dieser Vorgaben bemühten sich die Professoren um konkurrenzfähige Forschungsprojekte, doch kämpften sie mit vielen Widrigkeiten. Statt wissenschaftlich zu arbeiten, saßen die Ordinarien oft in Besprechungen von Partei und Hochschule. In strengen Wintern konnte es passieren, dass wissenschaftliche Mitarbeiter nicht im Labor experimentierten, sondern Schnee schaufeln mussten, da es nicht genügend Hausmeister gab. Dazu kam die Mangelwirtschaft in der DDR. So fehlten den Wissenschaftlern häufig notwendige Geräte, weshalb sie improvisieren und Apparate nachbauen mussten. 

"Die SED-Funktionäre nahmen nicht alle Wissenschaftler auf"

L.I.S.A.: Lassen sich aus der Erforschung der Herrschaft der SED an einem begrenzten Ort, wie in Ihrer Studie der Bergakademie Freiberg, Rückschlüsse auf Struktur und Funktion der SED-Herrschaft in der DDR insgesamt ableiten? Oder verhält es sich umgekehrt: Brechen Einzelstudien die bisherige Sicht auf die SED-Herrschaft in der DDR eher auf und verlangen nach Korrektur?  

Dr. Triebel: Lokalstudien können nicht das ganze System erklären. Aber sie lassen Rückschlüsse auf andere Orte oder gesellschaftliche Bereiche zu – in meinem Fall auf die Rolle der SED an den Universitäten in der DDR.

So lässt sich fragen, ob in den 1970er und 1980er Jahren die Partei andernorts mit ähnlichen Schwierigkeiten kämpfte wie die Genossen an der Bergakademie. In dieser Zeit litt der SED-Verband an seiner eigenen Macht: Immer mehr Wissenschaftler drängten in seine Reihen, die Funktionäre nahmen jedoch nicht alle auf. Dafür gab es schon zu viele Akademiker unter den Mitgliedern, die SED verstand sich nach wie vor als Arbeiterpartei. Doch gerade diejenigen an der Bergakademie, die als Arbeiter galten – Hausmeister, Küchenkräfte und Laboranten – wollten nicht Mitglied werden. Die Funktionäre bemühten sich jahrelang, mehr Arbeiter zu werben – letztlich ohne großen Erfolg. Mitte der 1980er Jahre waren knapp zehn Prozent der SED-Mitglieder Arbeiter, die übergroße Mehrheit der Anhänger – Studenten, wissenschaftliche Mitarbeiter, Dozenten und Professoren – zählte zur „Intelligenz“.

Solche Erkenntnisse tragen zu einer differenzierten Sicht auf die SED-Herrschaft bei. Arbeiten wie mein Buch erklären, wie die Diktatur im Alltag der Menschen funktioniert hat. Denn längst sind noch nicht alle Fragen zur DDR-Geschichte geklärt, gerade in Hinblick auf den Herbst 1989, als die SED und ihre über 40-jährige Herrschaft innerhalb weniger Monate im ganzen Land zusammenbrach. Dass sich die meisten Mitglieder und Funktionäre gegen den eigenen Machtverlust kaum wehrten, lag nicht nur am Ausmaß der Protestbewegung und fehlender sowjetischer Unterstützung. Viele Genossen hatten nach meinen Erkenntnissen innerlich resigniert.

In den 1980er Jahren waren die SED-Mitglieder an der Bergakademie mit den gleichen Problemen konfrontiert wie ihre parteilosen Kommilitonen und Kollegen – auch sie standen vor leeren Regalen in der Kaufhalle, mussten forschungsrelevante Geräte über Umwege beschaffen und lasen in den Zeitungen einseitige Erfolgsmeldungen über den Sozialismus in der DDR. Gleichzeitig war es ihre Aufgabe, die Politik der Parteispitze an der Hochschule zu vertreten. Dieser Spagat wurde immer schwieriger, je länger die Führungsriege um den Generalsekretär Erich Honecker die angespannte Lage im Land ignorierte. Viele SED-Anhänger an der Bergakademie verloren im Laufe der Zeit die Hoffnung auf einen Wandel und setzten sich kaum noch offensiv für den verordneten Kurs ein. Als die Partei im Herbst 1989 wankte, trat ein Großteil der Mitglieder aus ihren Reihen aus. Nur wenige verschrieben sich einem Neuanfang, sodass sich die Parteiorganisation an der Hochschule schließlich auflöste.            

Dr. Bertram Triebel hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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