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Judith Wonke | 06.02.2018 | 430 Aufrufe | Interviews

"Die Rolle von Musik im urbanen Kontext"

Interview mit Susana Zapke über das Projekt "Interactive Music Mapping Vienna"

Wien und Musik gehören seit jeher zusammen, denn die Musik prägt die österreichische Hauptstadt wie keine andere Stadt. Das Projekt "IMMV – Interactive Music Mapping Vienna: Exploring a City. 1945 up to the present day" untersucht nun den Klangteppich der Stadt von 1945 bis heute: Welche Verbindungen bestehen zwischen der Musik, Politik und Gesellschaft? Welche (musik)-geschichtlichen Zusammenhänge lassen sich entdecken? Die Forschungsergebnisse sollen anschließend mit neuesten Technologien erfahrbar gemacht und visualisiert werden, um so als Modell für andere Metropolen zu dienen. Leiterin des Projektes ist Prof. Dr. Susana Zapke, der wir im Interview Fragen zum Projekt gestellt haben. 

Copyright: Wikimedia Commons

"Rolle von Musik im urbanen Kontext"

L.I.S.A.: Frau Prof. Dr. Zapke, Sie sind Leiterin eines Projektes, das versucht den Klangteppich der Stadt Wien zu rekonstruieren. Was versteht man darunter? Welche Methode wenden Sie hierfür an?

Prof. Zapke: Das Forschungsprojekt Interactive Music Mapping Vienna untersucht die Rolle von Musik im urbanen Kontext als gesellschaftliches Identifikationsinstrument und wie Musik zu städtischer Symbolpolitik funktionalisiert wird. Für die ‚Musikstadt-Wien’ ist diese Perspektive insofern neu, als Musikgeschichte paradoxerweise bislang abgekoppelt von Stadtgeschichte erzählt wurde. Den konkreten Gegenstand unserer Forschung stellen die Fest-Veranstaltungen im öffentlichen Raum Wiens im Zeitraum der Zweiten Republik, 1945 bis heute. Dafür verwenden wir als Gegenfolie die Fest-Veranstaltungen der Ersten Republik (1918 bis 1934/38-45), wodurch eventuelle Kontinuitäten und Diskontinuitäten plastisch erfahrbar werden. Wir möchten zeigen, wie eine Stadt sich selbst definiert und durch welche Handlungen und Entscheidungen das eigene Profil geschärft wird. 

"Musik als sinnliches Medium"

L.I.S.A.: Ziel Ihres Projektes ist es, Verbindungen von Musik, Politik und Gesellschaft herauszuarbeiten: Wie spiegelt sich das politische und gesellschaftliche Zeitgeschehen in der Musik wider? Und welche Rolle spielt die Musik bei der Wahrnehmung einer Stadt, in diesem Fall Wien?

Prof. Zapke: Die Musik als sinnliches Medium, als ephemere Präsenz, ist ein Generator von Atmosphäre und Stimmung und ein wichtiges Attribut der imaginären Erinnerung. Musik ist nicht nur ideologisch konnotiert, sondern evoziert auch die Vorstellung städtischer Sphären. Musik ist an kulturelle und soziale Praktiken gebunden. Wir denken hier vorwiegend an eine Kulturpolitik der Gefühle und an die Strategien und Prozesse der musikalischen Stadt-Konstitution, die das Image Wiens, die Wien-Marke bis heute maßgeblich prägen. Die Frage lautet: Welche Mechanismen stehen hinter dieser städtischen Wahrnehmung? Dafür suchen wir auch nach konkreten Akteuren und nach der fragilen Verbindung von Ideologie, Subjektivierung, dem tradierten Habitus und utopischen Entwürfen. All diese Aspekte bilden ein Geflecht, das wir durch die Untersuchung konkreter Handlungen, d.h. die Feierlichkeiten im öffentlichen Raum, transparent darstellen möchten.

"Topos der Musikstadt"

L.I.S.A.: Was hat Sie motiviert ein solches Projekt umzusetzen? Welche Vorüberlegungen oder gegebenenfalls ähnlichen Projekte gehen diesem voraus?

Prof. Zapke: Der Topos einer Musikstadt ist mit Wien wie mit keiner anderen europäischen Stadt verbunden. Dieser Topos basiert jedoch auf rein musikimmanentem Denken. Die Ikone der Musikgeschichte, wie etwa die Wiener Klassik, die zweite Wiener Schule, das Wiener Lied oder der Austro-Pop überwiegen in dieser klassischen Erzählform. Die Musikstadt Wien bietet aber vieles mehr an musikalischen Ereignissen, die Stadt selbst hat sich politisch-ideologisch als Musikraum definiert und entsprechend Politik damit betrieben. Die Erste und Zweite Republik sind klare Beispiele hierfür. Sie greifen zwar auf das übergeordnete, tradierte Topos der Musikstadt, bespielen den öffentlichen Raum aber immer wieder von neuem. Dadurch entsteht eine ganz klar definierte Assoziation und Stadt-Wahrnehmung.

Zahlreiche Sondierungen haben vor Beginn des Forschungsprojektes stattgefunden. Wir haben beispielsweise an den Gemeindebauten und an der Kulturpolitik der Ersten Republik, an der Idee einer proletarischen Musikkultur gearbeitet aber auch an der Bedeutung des Wiener Praters als politischer Ort und als wesentlicher Konstituierungsraum eines spezifischen Stadt-Verständnisses haben wir bereits Vorarbeiten geleistet.

"Es gibt keine vorgefertigte Narration"

L.I.S.A.: An welche Zielgruppe richtet sich das Projekt: Musikwissenschaftler und Historiker oder Laien? Und wie sollen die Forschungsergebnisse der Öffentlichkeit präsentiert werden?

Prof. Zapke: Das Projekt hat zwei Zielgruppen: den Novice und den Expert-User.  Die Vermittlungsplattform, die mit dem nationalen Forschungspartner, die Technische Universität Wien, erstellt wird, soll alle Medienformen – Text/Bild/Audio-Dokumente bis hin zu Film-, Fernseh- und Rundfunkaufzeichnungen berücksichtigen. Diese interaktiven Visualisierungslösungen stehen dem User zu Verfügung. Dieser kann, je nach Wissenstand und Interessengebiet durch die Informationsmasse navigieren und dadurch Stadt-Geschichte sensorisch erfahren. Es gibt keine vorgefertigte Narration. Der User stellt sich die Information, die er haben möchte zusammen.

L.I.S.A.: Auf welchen Zeitraum beziehen Sie sich? Sind dabei historische oder musikgeschichtliche Epochen ausschlaggebend?

Prof. Zapke: Der zentrale Zeitraum ist die Zweite Republik, jedoch ermöglicht unsere Zeitmaschine die Navigation durch die Erste Republik wodurch Kontinuitäten und Brüche ersichtlich werden. Ausschlaggebende Daten sind natürlich gegeben: Beispielsweise das Ende des Zweiten Weltkrieges, die Unterzeichnung des Staatsvertrags (1955), die Jubiläen (z.B. 10 Jahre Staatsvertrag, 100 Jahre Erste Republik, Komponistenjubiläen), der 1. Mai, der Tag der Fahne, Staatsbesuche, Denkmalerrichtungen, Arbeitersportfeste, Festzüge und Aufmärsche durch die Stadt.

"Mehrdimensionale künstlerische Translationen"

L.I.S.A.: Inwiefern wird der Stadtraum physisch mit einbezogen?

Prof. Zapke: Die kartografische Darstellung der Stadt bildet die Basis für die Visualisierung der Ereignisse in Zeit und Raum. Wir arbeiten auch mit historischen Karten und berücksichtigen dabei die Transformation des urbanen Raums. Eine zweite Ebene bildet jedoch die virtuelle Realität, der imaginäre Raum, der sich nicht an einem physischen Ort festlegen lässt, sondern nur in evokativen Stadt-Bildern, Stadt-Affekte reflektiert. Für diese virtuelle Ebene arbeiten wir mit ästhetischen Bildstrategien und mehrdimensionalen künstlerischen Translationen.

Das Projekt wird gefördert von: FWF–Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung, AR 384-G24 Programm zur Entwicklung und Erschließung der Künste (PEEK)

Prof. Susana Zapke hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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