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Georgios Chatzoudis | 24.07.2018 | 757 Aufrufe | 1 | Interviews

"Die Konstruktion von verdichteten Sozialfiguren"

Interview mit Alban Frei und Hannes Mangold über das Personal der Postmoderne

Seit den 1960er Jahren entstand in modernen Gesellschaften eine Sozialfigur, die von den Technikhistorikern und Kulturwissenschaftlern Dr. Alban Frei und Dr. Hannes Mangold als das Personal der Postmoderne bezeichnet wird. Anhand der Beleuchtung von speziellen Berufen sowie von politischen beziehungsweise sozialen Praktiken machen die beiden Forscher bestimmte Charakteristika aus, die selbst so unterschiedliche Tätigkeiten wie beispielsweise die eines Programmierers, eines Stadtguerilleros, einer Postkolonialistin, einer Kuratorin oder einer Wissenschaftsmanagerin gemeinsam haben. Welche das sind und was das Personal der Postmoderne darüber hinaus ausmacht, dazu haben wir ihnen unsere Fragen gestellt.

"Einige typische Sozialfiguren der Zeit vorstellen"

L.I.S.A.: Herr Dr. Frei, Herr Dr. Mangold, Sie haben gemeinsam einen Sammelband herausgegeben, der sich „Das Personal der Postmoderne“ nennt. Im Untertitel wird der Anspruch erhoben, die Inventur eine Epoche zu leisten. Wie kam es zu diesem Band? Welche Beobachtungen haben Sie dazu inspiriert?

Dr. Frei/Dr.Mangold: Die Postmoderne ist ja die Selbstbezeichnung einer Zeit. Das bringt einige Probleme mit sich. Sollen wir den damaligen Philosophen glauben, dass sie in einer spezifischen Epoche lebten? Oder den Historikerinnen und Historikern, die ihnen folgen? Was wäre dann für diese Zeit charakteristisch? Diese Fragen haben sich uns in unserer Forschung immer wieder gestellt. Die Antworten, die mittels Definition oder positiv-negativ Liste versucht wurden, sind aber nur mässig hilfreich. Wir finden den Ansatz zielführender, einige typische Sozialfiguren der Zeit vorzustellen – und über das Personal der Postmoderne einen Einblick in diese sogenannte Epoche zu gewähren.

Zudem fanden wir die Idee reizvoll, dem dekonstruktivistischen Gestus dieser Epoche einen konstruktiven Akt entgegenzuhalten: Die Konstruktion von verdichteten Sozialfiguren. In unserem Band stellen wir unterschiedliche aber prägende Figuren nebeneinander. Daraus ergeben sich überraschende Verbindungslinien und Korrelationen. Die zentralen Probleme der Zeit werden plötzlich sehr konkret greifbar und es erübrigt sich, dieses ominöse Postmoderne hinter abstrakten Begriffen zu verbarrikadieren. Das „Personal der Postmoderne“ führt einerseits einen Vermittlungsauftrag aus und setzt andererseits auf mündige Leserinnen und Leser.

"Antworten auf zentrale soziokulturelle Problemstellungen ihrer Zeit"

L.I.S.A.: Wie sind Sie bei der Auswahl des Personals, das vom Programmierer, den User, die Stadtguerilla, über den Coach und die Postkolonialistin bis hin zur Kuratorin und Wissenschaftsmanagerin reicht, vorgegangen? Gibt es etwas, das die ausgewählten Tätigkeiten eint? 

Dr. Frei/Dr.Mangold: Sie verkörpern alle Antworten auf zentrale soziokulturelle Problemstellungen ihrer Zeit. Diese Zeit beginnt in den 1960er Jahren und endet mit dem Jahrtausend. Unter den Problemstellungen der einzelnen Figuren bestehen Verwandtschaftsbeziehungen. Auf die Digitalisierung reagieren etwa Programmierer, User oder Cyborg. Mit ökonomischen Managementtechniken versuchen Coach, Bildungsökonom oder Steuerexperte die Welt zu ordnen. Es geht also ein wenig zu wie auf einem großen Dampfer: Vom Heizer über den blinden Passageier bis zum Kapitän sitzen zwar alle im selben Boot, aber wie nahe sie sich dabei kommen, ist sehr unterschiedlich.

"Der Aufstieg der Betriebswirtschaft zur Königsdisziplin ist wichtig"

L.I.S.A.: Die zentralen Begriffe „Personal“ und „Inventur“ erinnern an das Vokabular von Betrieben. Ist es ein typisches Signum der Postmoderne sowie deren Handlungsspielräumen, dass sie nicht von ungefähr an betriebswirtschaftliche Kategorien anschließen? Anders gefragt: Wie neoliberal ist das postmoderne Personal, das Sie ausgewählt haben?

Dr. Frei/Dr.Mangold: An sich ist das Personal der Postmoderne überhaupt nicht neoliberal. Es macht nur seinen Job, wenn man so will. Natürlich ist ein Bereich des Postmodernen mit dem Neoliberalen verknüpft und in Figuren wie dem Raider oder der Kuratorin kommt das deutlich zum Ausdruck. Der Begriff „Personal“ hat neben der betrieblichen auch eine theatrale Bedeutungsebene. Er trägt noch die Persona in sich, die typisierten Masken aus dem antiken Theater. Die Theatermetaphorik, das Maskenhafte, die Bühne, waren für uns wichtig. Die Inventur verstehen wir als einen Prozess, eine Art Defilee oder ein Auf- und Abtreten auf der Bühne der Postmoderne. Der Aufstieg der Betriebswirtschaft zur Königsdisziplin ist wichtig. Aber wir versuchen diesen vor dem Hintergrund älterer Institutionen zu sehen.

"Die Stadtguerillera ist ausgesprochen postmodern"

L.I.S.A.: Herr Dr. Mangold, Ihr Beitrag „Die Stadtguerillera“ verwundert auf den ersten Blick. Was hat eine historisch überholte Figur, wie die der Stadtguerilla, noch in der Postmoderne verloren? Waren Theorie und Praxis der Stadtguerillera nicht vielmehr an die Moderne geknüpft? Oder ist das zu sehr aus der europäischen Perspektive gedacht?

Dr. Mangold: Die Stadtguerillera ist sogar ausgesprochen postmodern. Gerade weil sie explizit an eine moderne Form anknüpft und diese dabei verändert, symbolisiert sie das Verständnis einer Epoche als eines „danach“. Die Geburtsstunde der Stadtguerillera war erst in den 1960er Jahren in Uruguay. Sie war also nicht nur dezidiert kein anglo-europäisches Kind, sondern trug den Befreiungskampf auch in den urbanen Raum und machte ihn dabei weiblich. Dafür warf sie Gesetze des Partisanenkampfs über Bord, die noch für Lenin oder Mao sakrosankt gewesen waren. Als sie zum Beispiel sozialistische mit feministischen Forderungen verknüpfte, konnte sie wohl auf Traditionslinien zurückgreifen, musste aber die Geschlechterfrage mit Vehemenz gegen die Klassenfrage einfordern, wie im bekannten Schlachtruf: „Befreit die sozialistischen Eminenzen von ihren bürgerlichen Schwänzen!“ Inzwischen ist die Zeit der Stadtguerillera seit knapp dreißig Jahren abgelaufen, aber zuvor war sie eine ungemein wichtige Figur für den Umbau der Sicherheitsdispositive. Viele wichtige Grundelemente der heutigen Terrorismusbekämpfung gehen auf den staatlichen Kampf gegen die Stadtguerilla zurück, unter anderem computerisierte Fahndungsmethoden.

"In der Postmoderne wurden Geschlechterrollen und -grenzen neu verhandelt"

L.I.S.A.: Herr Dr. Frei, Ihr Beitrag „Die Wissenschaftsmanagerin“ ist wie andere Beiträge auch an das weibliche Geschlecht gebunden? Warum? Ist die Postmoderne vor allem eine feministische Epoche?

Dr. Frei: Die Wissenschaftsmanagerin fand eine Nische zwischen den akademischen und betrieblichen Bereichen der Universität, oder, zugespitzt auf prototypische Figuren, zwischem dem Ordinarius und dem Sekretär. Das Jobprofil, das ab den 1970er Jahren eher beiläufig entstand, verfestigte sich ab den 1990er Jahren im Zuge von New Public Management-Reformen und dem Boom universitärer Weiterbildungen. Es bot einem bis daher in der akademischen Ordinariatspyramide etwas vernachlässigten Klientel neue Perspektiven: dem chronisch überlasteten akademische Mittelbau, der bisher Verwaltungs- und Organisationsarbeiten zusätzlich zur eigenen Forschungstätigkeit eher nebenbei zu erledigen hatte. Dieses Personal fand, sofern es bereit war, die eigenen akademischen Ambitionen beiseite zu legen, planbare Arbeitszeiten, verlässliche Arbeitgeber mit guten Rahmenbedingungen, während die Nebeneffekte akademischer Gepflogenheiten wie Auslandsaufenthalte, lange Publikationslisten und Konferenzteilnahmen an Bedeutung verloren. Diese strukturellen Rahmenbedingungen waren für Frauen und Männer zwar gleichermassen attraktiv, boten aber gerade den Akademikerinnen eine Option, Familienplanung und Arbeitsumfeld Universität zu vereinen. Im Personal der Postmoderne hat die Wissenschaftsmanagerin also eher aus praktischen denn aus theoretischen Gründen den Wissenschaftsmanager verdrängt. Mit der Wissenschaftsmanagerin lässt sich deshalb nicht für eine feministische Postmoderne argumentieren. Ich würde die Postmoderne eher als Epoche beschreiben, in der Geschlechterrollen und -grenzen neu verhandelt wurden.

"Vielleicht käme man so zu einem weniger ironischen Grundgefühl"

L.I.S.A.: Was meint in Ihrem Band der Verweis auf die Ironie? Ist mit Ironie nicht nur der spielerische Umgang mit dem vorgestellten Personal gemeint, sondern vielmehr das Grundgefühl einer historischen Zeit, die als Postmoderne betrachtet wird?

Dr. Frei/Dr.Mangold: Als Historiker sind wir immer wieder gezwungen, Grenzziehungen und Brüche zu beschreiben, von denen wir wissen, dass sie sich keinesfalls so klar abgrenzen lassen, wie wir das behaupten. Historische Epochengrenzen sind solche Konstrukte, die trotz aller Problematik erlauben, eine Ordnungsleistung in die Vergangenheit zu projizieren, die den Blick für zeittypische Phänomene schärft. In unserem Band haben wir die Postmoderne um 1960 beginnen lassen. Die Schriften, welche die Postmoderne in den 1970er und 1980er Jahren retrospektiv beschrieben und begründeten, weisen tatsächlich oftmals einen ironischen Unterton auf. Der Dekonstruktionsgestus wird in diesen Schriften eher spielerisch, denn aggressiv inszeniert. Man könnte die Postmoderne natürlich auf Nietzsche oder Heidegger zurückführen und käme so vielleicht zu einem weniger ironischen Grundgefühl.

"Wo sollen wir denn hin mit dem ganzen Personal?"

L.I.S.A.: Sie verkünden, dass mit Ihrer Sammlung die Inventur nicht abgeschlossen sei. Wirklich? Ist der nächste Schritt in oder nach der Postmoderne nicht der in das personalfreie Zeitalter?

Dr. Frei/Dr.Mangold: Unser Band leistet natürlich kein vollständiges Inventar. Das Konzept der Inventur lädt die Leserinnen und Leser im Gegenteil gerade dazu ein, sich weitere Figuren auszudenken. Nehmen wir einmal an, die verbreitete Annahme stimmt und die Postmoderne ist Geschichte – wo sollen wir denn hin mit dem ganzen Personal? Das können nicht einmal Adecco oder Manpower unterkriegen. Denn eines scheint uns gerade als Technikhistoriker klar: die kulturpessimistische Annahme, ein technischer Bruch wie das Aufkommen der Informationstechnologien würde menschliche Arbeitskraft obsolet machen, lässt sich aus der Geschichte heraus schwerlich begründen. Das Personal nach der Postmoderne arbeitet vielleicht mit anderen Gerätschaften und teilt sich Arbeit- und Freizeit flexibel ein – das Personal der Post-Postmoderne befindet sich nicht in der Auflösung, sondern in einem Verlagerungsprozess.

Dr. Alban Frei und Dr. Hannes Mangold haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Jan-Holger Kirsch | 01.08.2018 | 11:43 Uhr
Siehe zu dem Band auch die Rezension von Clemens Albrecht, in: H-Soz-Kult, 18.5.2016, https://www.hsozkult.de/publicationreview/id/rezbuecher-25296

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