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Björn Schmidt | 22.10.2015 | 1315 Aufrufe | 1 | Interviews

"Die geschlechtsspezifische Konnotation ist wandelbar"

Interview mit Carola Westermeier über Weiblichkeitsbilder im Sport

Im Jahre 1955 verbot der Deutsche Fußballbund (DFB) seinen Vereinen, Frauenfußball anzubieten. Der damals bezeichnenderweise noch als "Damenfußball" bezeichnete Sport widerspreche der "Natur des Weibes", hieß es in der Begründung. Heutzutage ist Frauenfußball eine der am stärksten wachsenden Sportarten in Deutschland, nicht zuletzt wegen der Erfolge der deutschen Nationalmannschaft. Das Beispiel zeigt, wie stark sich Geschlechterkonzepte im Sport historisch wandeln können. Carola Westermeier von der Justus-Liebig-Universität Gießen hat sich mit den verschiedenen Weiblichkeitskonstruktionen im Frauensport und deren medialer Repräsentation beschäftigt. Welche Bilder werden im und über den Sport transportiert? In welchem Verhältnis stehen Sport und Gesellschaft? Welche Rolle spielen die Medien? Wir haben Frau Westermeier dazu befragt.

"Medien zeigten Spielerinnen in ihrer Rolle als Mutter oder in ihrem Alltag"

L.I.S.A.: Frau Westermeier, Sie beschäftigen sich mit dem Themenfeld Gender und Sport in den Medien. Zuletzt fand in Kanada die Fußballweltmeisterschaft der Frauen statt. Bei der EM 1989 erhielt die deutsche Nationalmannschaft der Frauen noch ein Kaffeeservice als Siegprämie. Entsprechend wurden Sportlerinnen in den Medien lange Zeit auf ihre Rolle als Frauen reduziert. Sportlerinnen waren sozusagen immer zuerst Frau und erst in zweiter Linie Sportlerin, was oft als Konflikt betrachtet wurde. Wie hat sich die Berichterstattung in den letzten Jahrzehnten entwickelt?

Westermeier:  Pauschalisieren lässt sich die gesamte Berichterstattung in den Medien natürlich nicht. Es kommt sehr auf das Format und das Medium selbst an, wie berichtet wird. Jedoch zeigt sich, dass sich viele Sportlerinnen in einer schwierigen Situation wiederfinden, scheinbar antagonistische Rollen miteinander verbinden zu müssen: Frau und Athletin. Nina Degele nennt es das „Dilemma von Weiblichkeit und Professionalität“. Das gilt insbesondere für Frauen, die eher männlich-konnotierte Sportarten ausüben. Beispielsweise behandelten Berichte über den Frauenfußball in den 1970er Jahren das Phänomen als etwas Exotisches. Mitunter wurde in der Berichterstattung mit der offenen Ablehnung gegenüber der Sportart nicht hinterm Berg gehalten. Sie galt als brutal und unweiblich. Das änderte sich zunehmend, und mit der Europameisterschaft 1989 in Deutschland wurde Frauenfußball mehr und mehr akzeptiert. Die Berichterstattung in den Printmedien zeigte in dieser Zeit viele Spielerinnen in ihrer Rolle als Mutter oder in ihrem Alltag. Frauenfußball war „Fußball mit Herz“. So gelang es den genannten Antagonismus zu überwinden. Was nicht unbedingt zur Folge hatte, dass das öffentliche Interesse an der Sportart deutlich stieg.

"Eiskunstlauf war ein exklusives Vergnügen aristokratischer Gentlemen"

L.I.S.A.: Trotz zunehmender Beliebtheit des Frauenfußballs gilt Fußball nach wie vor als typischer Männersport. Gibt es weitere Beispiele für Sportarten die überwiegend männlich oder weiblich geprägt sind? Wie wandelbar sind derartige Zuschreibungen in historischer Perspektive?  

Westermeier: Generell ist keine Sportart festgelegt für ein Geschlecht. Es ist sehr oft abhängig vom kulturellen Kontext. Das bekannteste Beispiel ist wieder der Fußball, der in Europa fest in Männerhand ist, während Soccer in den USA eine beliebte Sportart für Frauen ist. Historisch lassen sich Beispiele finden, dass die geschlechtsspezifische Konnotation für Sportarten wandelbar ist. Der Eiskunstlauf war im 19. Jahrhundert ein exklusives Vergnügen aristokratischer Gentlemen. Um die Jahrhundertwende war die Zahl der Männer und Frauen, die diese Sportart ausübten, ausgeglichener. Erst ab den 1930er Jahren änderte sich das Image der Sportart grundlegend. Ausschlaggebend war die norwegische Athletin Sinie Henie, die die Sportart auf internationalem Parkett dominierte, bevor sie im Anschluss daran ein Hollywoodstar wurde. Die große Popularität Henies, ihre erfolgreiche Filmkarriere und eine neue Generation von Sportlerinnen führten dazu, dass die Frauen-Wettkämpfe die der Männer überstrahlten und zur Hauptattraktion wurden. Die Sportart wurde in der Folge feminisiert, sodass eiskunstlaufende Männer Gefahr liefen, als „verweiblicht“ angesehen zu werden.[1]

"Körper als Träger, Vollzugsmedium und auch Produzent sozialer Ordnungen"

L.I.S.A.: Frauen haben heutzutage viele Sportarten erobert, die lange Zeit als Männerdomänen galten. Dies lässt sich auch als Zeichen zunehmender Gleichberechtigung verstehen. Lassen sich über das Verhältnis von Gender und Sport Rückschlüsse auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen ziehen? Und umgekehrt, lassen sich über den Sport eventuell neue Geschlechterkonzepte in die Gesellschaft tragen?

Westermeier: Wie die genannten Beispiele zeigen, ist Sport in die jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Kontexte eingebunden. Der Blick in die Historie des Sports zeigt jedoch auch, die mitunter abstrusen Argumente, mit denen Frauen – aber auch Männer – von bestimmten Sportarten ausgeschlossen wurden und wie diese an Überzeugungskraft verloren. Die Veränderung der geschlechtsspezifischen Zuschreibungen im Sport lassen annehmen, dass auch heutige Zuschreibungen außerhalb des Sports nicht unveränderbar sind.

L.I.S.A.: Sie schreiben, dass in kaum einem Bereich die Geschlechtertrennung so akzeptiert ist wie im Sport. Lange Zeit waren Frauen und teilweise Männer komplett von bestimmten Sportarten ausgeschlossen. Ist es ein Ziel aus Sicht einer geschlechterwissenschaftlichen Perspektive diese Trennung letztlich aufzuheben?

Westermeier: Meiner Meinung nach sollte Wissenschaft keine politischen Ziele verfolgen. Eher ist es ihre Aufgabe, historische und gesellschaftliche Entwicklungen aufzuzeigen und zu erklären. Den Bereich des Sports finde ich besonders spannend, da hier ständig ein expliziter Körperbezug präsent ist. Es ist eine dezidiert körperliche und körperzentrierte Praxis, in der Körper Träger, Vollzugsmedium und auch Produzent sozialer Ordnungen und kultureller Bedeutungen ist. Der Ausschluss von bestimmten Sportarten wurde bei Frauen nicht selten mit deren spezifischer Anatomie erklärt, auf die sich sportliche Aktivität negativ auswirke, etwa die Fruchtbarkeit beeinträchtigen könne. Viele dieser Argumente sind aus heutiger Sicht abwegig, mitunter absurd. Da liegt der Verdacht nahe, dass auch heute gültige Argumentationsmuster in Zukunft an Wirkmächtigkeit verlieren könnten.

"Sportler und Sportlerinnen sind auf eine gewisse Selbstinszenierung angewiesen"

L.I.S.A.: Ihr Fokus liegt auf der Erforschung von Weiblichkeitsbildern in den Medien. Die Darstellung von Sportlerinnen verorten Sie im Spannungsfeld zwischen dem Stigma des „Mannsweibs“ einerseits und der Sexualisierung als „Modelkörper“ andererseits. Inwieweit können bzw. müssen Sportlerinnen ihr eigenes Image steuern und wie hat sich der Umgang mit der eigenen medialen Darstellung verändert?  

Westermeier: Sportler und Sportlerinnen haben zunehmend erkannt, dass sie nicht nur dargestellt werden, sondern sich ebenso selbst inszenieren können. Insbesondere im Leistungssport sind sie auf eine gewisse Selbstinszenierung angewiesen, um Sponsoren und Unterstützer für sich gewinnen zu können. Dass Athletinnen dabei gegen gewisse Körperideale verstoßen, erschwert ihnen die mediengerechte Selbstinszenierung. Ein Beispiel sind die erfolgreichen Williams-Schwestern im Tennis, die aufgrund ihres durchtrainierten und muskulösen Äußeren als „Williams-Brothers“ diffamiert wurden. Andererseits zeigt das Beispiel Anna Kournikova, dass Sportlerinnen auch ohne herausragende Erfolge über ihr Aussehen Prominenz erlangen können. Während für Athleten eben dieses sportlich-muskulöse Aussehen ein Plus für ihre Popularität ist, kann es für Athletinnen ein Problem sein. Das wird mitunter durch gezielte Eigen-PR versucht zu umgehen: Fotoshootings oder Home-Storys, die speziell die ‚weibliche‘ Seite betonen, sind hier gern gewählte Strategien.

"Frauen spielen als Zuschauerinnen eine wichtige Rolle"

L.I.S.A.: Im Zuge der letzten Fußball-Weltmeisterschaften kursierte in den Medien das Bild von Frauen, die Fußballübertragungen für sich entdecken, weil dort durchtrainierte Männer zu sehen sind. Damit erfüllt dieses Bild wiederum Weiblichkeitsklischees. Welche Rolle spielt die Zuschauerposition bei der Herstellung von Geschlechterrollen im Sport?  

Westermeier: Es gibt einige Studien, die Grund zur Annahme geben, dass der ‚Groupie‘ nur einen sehr kleinen Teil der weiblichen Fans ausmacht. Das Interesse von Frauen am Fußball ist dabei ebenso vielfältig wie bei den Männern, nur dass sie sich häufiger für ihre Motive erklären müssen. Frauen spielen als Zuschauerinnen eine wichtige Rolle, das haben auch viele Bundesligavereine erkannt. Die meisten schätzen, dass etwa um die 30 Prozent ihrer BesucherInnen weiblich sind. Sehr viel höher ist das Interesse von Frauen bei internationalen Turnieren, bei den Männern übrigens ebenfalls. Angesichts der gängigen Werbebotschaften und -bilder ist jedoch anzunehmen, dass Verantwortliche in Marketing und Journalismus vorwiegend männliche Zuschauer vor Augen haben, wenn sie über die gesendeten und vermittelten Botschaften entscheiden.  

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[1] Mary Louise Adams, From Mixed-Sport to Sport for Girls: The Feminization of Figure Skating, in: Sport in History 30(2) 2010, S. 218-241.

Carola Westermeier hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Marcus Cyron | 23.10.2015 | 01:39 Uhr
Eher "Sonja" denn "Sinie Henie", nehme ich an. Eine "Sinie Henie" ist nirgends sonst zu finden.

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