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Judith Wonke | 13.03.2018 | 1103 Aufrufe | Interviews

"Die Geschichte der Moderne ist eine der Gewalt und Katastrophen"

Interview mit Reinhard Bernbeck über moderne Archäologie und materielle Spuren im NS

Mit der Archäologie werden gewöhnlich Disziplinen wie die Ur- und Frühgeschichte oder aber die Klassische Archäologie, die sich beispielsweise mit dem antiken Rom beschäftigt, assoziiert. Weniger populär ist hingegen die moderne Archäologie. Prof. Dr. Reinhard Bernbeck ist Professor für Vorderasiatische Archäologie an der Freien Universität Berlin, außerdem leitet er Ausgrabungen an Orten des 20. Jahrhunderts. Ein Beispiel für solche Projekte sind die Ausgrabungen auf dem Tempelhofer Flugfeld im Jahr 2012 und 2013. In seiner Publikation "Materielle Spuren des Nationalsozialistischen Terrors" zeigt er anhand dieses Beispiels die Möglichkeiten einer "Archäologie der Moderne" auf. Im Interview haben wir daher Fragen nach dem Stand der Disziplin, konkreten Funden und Erkenntnisgewinnen gefragt. 

"Historische Ungerechtigkeiten zwingen geradezu zum genauen Hinsehen"

L.I.S.A.: Typischerweise gelten Archäologen als Experten für die Antike, Sie sind Professor am Institut für Vorderasiatische Archäologie an der Freien Universität Berlin – Forschungsgegenstand ist somit der Alte Vordere Orient. Wie schaffen Sie es diese mit dem Forschungsfeld der modernen Archäologie zu verbinden?

Prof. Bernbeck: Ich habe zwar Vorderasiatische Archäologie studiert, dann jedoch mittels eines Stipendiums der Alexander von Humboldt-Stiftung ein Jahr in den USA verbracht und bin dort sozusagen akademisch “hängen geblieben” mit einer Professur. In den USA wird Archäologie traditionell als eine Subdisziplin der Anthropology betrachtet, zusammen mit Kulturanthropologie (der Ethnologie nahestehend), Linguistik und physischer/biologischer Anthropologie. Interdisziplinarität spielt in diesen Fächern eine sehr viel größere Rolle als in Deutschland, so dass ich neben meinem kleinen Orchideenfach der Vorderasiatischen Archäologie allgemeine Kurse zu “Current Social Theories” usw. unterrichtet habe. Das ganze Fachverständnis ist dort stärker an theoretischen Ansätzen ausgerichtet als an kulturhistorischen Spezifika. Mich hatten schon immer Fragen nach der Geschichte der Ideologie, nach der Entstehung und Aufrechterhaltung von Hierarchien, nach struktureller und direkter Gewalt in vergangenen Gesellschaften interessiert. Solche Fragen lassen sich sowohl für den alten Orient als auch für die Moderne stellen und je spezifisch beantworten. Zugänge zu solchen Themen sind nicht aus der Archäologie oder auch der Anthropologie zu gewinnen, sondern nur aus einem breiten Studium allgemeiner Literatur aus Bereichen wie Philosophie, Soziologie, generellen Kulturwissenschaften, politischer Ökonomie bis hin zur vergleichenden Literaturwissenschaft.

Dieser Fokus auf den theoretisch-allgemeinen Aspekten von Wissenschaft darf allerdings nicht darin enden, dass die grundlegende Faktizität des Historischen in ihrem Detail vernachlässigt wird. Ganz im Gegenteil meine ich, dass ein anerkennungstheoretisch fundierter Zugang zur Vergangenheit, wie ich ihn zu verfolgen versuche, auf dem Kleinteiligen des Geschichtlichen insistieren muss. Historische Ungerechtigkeiten zwingen geradezu zum genauen Hinsehen.

"Eine viel genauere Einsicht in den Alltag in solchen Lagern"

L.I.S.A.: Sie beziehen sich in Ihrer Publikation auf die Ausgrabungsfunde auf dem Tempelhofer Flugfeld in Berlin. Welche archäologischen Funde haben Sie gemacht und welchen Erkenntnisgewinn brachten die Ausgrabungen für die Forschungen? 

Prof. Bernbeck: “Das Tempelhofer Flugfeld” ist schon ein sehr allgemeiner Begriff. Dort gab es allein in dem Zeitrahmen, den ich für mein Buch ausgewählt habe (die Jahre 1933 bis 1945) ein Gestapo-Gefängnis, welches in das KZ Columbia umgewandelt, dann aber 1936 schon wieder geschlossen wurde, und ab etwa 1940 riesige Zwangsarbeitslager großer Firmen wie der Weser Flugzeugbau GmbH (nach dem Krieg über mehrere Zwischenbesitzer aufgegangen im Konzern “Airbus”) oder der Lufthansa. Für jedes archäologische Projekt müssen zunächst vorhandene nicht-archäologische Quellen untersucht werden. Ich habe in meinem Werk neben schriftlichen Dokumenten vor allem Fotos und mündliche Quellen genauer erörtert, denn es zeigt sich, dass nicht nur ein Ort wie dieses Flugfeld, sondern innerhalb desselben bestimmte Plätze radikal unterschiedliche Dokumentationskonfigurationen aufweisen. Waren für das KZ Columbia sehr viele Fotos aus einem Album eines der brutalen SS-Kommandanten, Karl Otto Koch, vorhanden, als auch recht viele Aussagen von Zeitzeug_innen, so gilt für die Zwangsarbeitslager, dass gerade Fotos und Zeitzeugenschaft kaum existieren, dafür aber einige Archiv-Dokumente, die jedoch nicht weit über Abrechungen und Briefe der Werksleitungen hinausgehen. Archäologie hat für das KZ Columbia einige Stücke erbracht, die eher Erinnerungscharakter an einen Ort der außergewöhnlichen Brutalität haben. Dagegen führten die materiellen Reste in den Zwangsarbeitslagern zu vielen Einsichten in dokumentarisch schlicht nicht belegte Verhältnisse. So wurde klar, dass ein Teil des Lagers der Weser Flugzeugbau GmbH für sowjetische Kriegsgefangene war. An anderen Stellen lässt sich nachweisen, dass die dokumentarischen Quellen in mancherlei Hinsicht nicht stimmen. Schließlich aber kommt hinzu, dass wir eine viel genauere Einsicht in den Alltag in solchen Lagern und in deren Ende bekommen als das über andere Quellenarten möglich ist.

Was Funde angeht, so sind auch aus Zwangsarbeitslagern, die ja für Kargheit und Mangel stehen, weit mehr Funde erhalten als aus vormodernen Zeiten. Wir haben in den Jahren 2012 bis 2014 bei unseren Grabungen ca. 90.000 Funde geborgen. Bei dieser Zählung ist allerdings jeder verrostete Nagel und jede zerschmolzene Scherbe einer Flasche einzeln berechnet. Man muss diese Funde unterschiedlich einordnen. Manche sind von Bauresten, andere stammen überhaupt nicht aus der Nazi-Zeit, sondern aus einem für den Flughafenbau aufgebrachten Bauuntergrund, in dem sich viele Keramikreste aus dem 19. Jh. finden, wieder andere sind Motorenteile von Bombern, die die Zwangsarbeiter_innen in den Werkshallen zusammensetzen mussten, und schließlich gibt es  persönliche Dinge wie Schmuck, Reste von Musikinstrumenten – etwa einer Mundharmonika –, selbstgemachte Spielsteine (Domino) und vieles Andere. Wir arbeiten dies alles derzeit mit der tatkräftigen Unterstützung des Landesdenkmalamts Berlin auf, indem wir diese Funde nach ihren Fundstellen auswerten. Es macht einen Unterschied, ob ich Schmuck und Ringe in einem unterirdischen Schutzgraben gegen Bombardierungen finde oder in der Nähe einer Baracke. Außerdem gibt es große Mengen Funde, die aus der direkten Nachkriegszeit stammen, als Tempelhof Luftwaffenstützpunkt der U.S. Air Force wurde.

"Ein Objekt kann uns „ansprechen“, muss aber nicht"

L.I.S.A.: In der Archäologie unterscheidet man zwischen „Funden“ und „Befunden“, außerdem wird immer wieder das Konzept der „Authentizität“ betont. Können Sie dies - vor allem mit Blick auf die moderne Archäologie - näher erläutern? 

Prof. Bernbeck: Befund und Funde verhalten sich zueinander wie ein Behälter und sein Inhalt. Eine Grube ist ein Befund, das dort Hineingeworfene die Funde. Auch ein Barackenrest ist Befund, während die in den Erdschichten der Baracke angetroffenen beweglichen Gegenstände wie etwa eine Gabel, ein Dosendeckel oder ein verrosteter Emailbecher als Funde einzustufen sind. Von grundsätzlicher Relevanz ist die genaue Dokumentation der Lage aller beweglichen Funde, die wir aus dem Erdreich heben. Denn durch diese kann man mehr oder minder genau Aktivitäten der Vergangenheit rekonstruieren, ob diese nun aus den Jahren 1933-1945 sein mögen oder aus dem 5. Jt. im südlichen Turkmenistan. Und der Mensch handelt nicht immer so, wie er sich das selbst vormacht. Gerade die frühen Projekte der Archäologie der Moderne in den USA untersuchten, wieweit Menschen das, was sie zu konsumieren vorgaben, auch wirklich verbrauchten. Der Archäologe William Rathje verglich einfach Umfragen zum Verbrauch spezifischer Haushalte mit deren tatsächlichem Müll und fand signifikante Unterschiede heraus. Auf der Ebene des Alltagshandelns sind die materiellen Spuren mithin zuverlässiger als Interviews oder mündliche Stellungnahmen.

Genau deshalb kann die Archäologie auch bislang unbekannte Aspekte der Neuzeitgeschichte aufdecken. Es geht nicht darum, die nationalen oder gar internationalen Dimensionen der Geschichte des 20. Jhs. grundsätzlich zu verändern. Selbst das mag eines Tages möglich sein. Wichtig ist zunächst viel eher, bei Lokalgeschichten ein noch genaueres Hinschauen zu lernen. Erst als wir in Tempelhof in einem der erwähnten Luftschutzgräben neben Schmuck und vielen nummerierten Aluminiumplättchen auch ein Kondom fanden, sahen wir uns die vorhandenen Luftbilder des Tempelhofer Felds, die die Royal Air Force im Krieg aufgenommen hatte, nochmals genauer an. Dabei stellten wir fest, dass an etlichen Stellen aus den Baracken ausgetretene Pfade zu dem Graben sichtbar waren. Archäologische und fotografische Quellen lassen nunmehr den Schluss zu, dass zumindest dieser Luftschutzgraben gleichzeitig so etwas wie ein Aufenthaltsraum war, und dass man dort die wertvollsten Dinge verstaute – nicht aber, wie wir naiv angenommen hatten, in den Baracken. Das lag sicher daran, dass die Baracken aufgrund ihrer Holzbauweise und der häufigen Bombardierung nicht nur für Menschen ein äußerst unsicherer Raum waren, sondern auch für alles, was Zwangsarbeiter_innen an wertvollem Besitz noch bei sich hatten.

Aus diesen Erkenntnissen resultieren zwei weitere Fragen, die wir derzeit nicht beantworten können: Waren die räumlichen Verhältnisse in anderen Zwangsarbeitslagern genauso? Diese Frage zielt auf räumliche Zustände in einem größeren geographischen Rahmen. Und zweitens, die Voraussetzung für das archäologische Entdecken dieser Funde bedeutet, dass die Frauen, die ihr Eigentum dort regelrecht versteckten – wir fanden es teils unter den Bodenplatten — es letztlich doch verloren, als im Winter 1943-44 eine Bombe eine Baracke traf, worauf ein großer Teil des Lagers komplett abbrannte und nicht mehr weiter benutzt wurde. Hier geht es nicht um anhaltende Bedingungen des Lagerlebens, sondern um ein Ereignis. Was geschah mit den Zwangsarbeiterinnen? Blieben sie in Berlin? Wurden sie entlassen? Wurden sie  gar nach Rabsteijn im grenznahen Gebiet in Nordtschechien verfrachtet, wo die Weser Flugzeugbau GmbH gegen Ende des Krieges eine in Tunneln verborgene Fabrik errichten wollte?

„Authentisch“ mögen Funde und Befunde sein. Ich ziehe es vor, diesen Begriff nicht zu benutzen, da er eigentlich eine Beziehung beschreibt, nämlich die zwischen einer Person und einem Ding, das authentisch scheint. Diese ursprüngliche Relation wird aber durch die Verwendung des Begriffs im Alltag transformiert. Es scheint so, als sei Authentizität genuiner Teil von Gegenständen. Daher ist es besser, Dingen, die aus Grabungen kommen, ein „Evokationspotenzial“ zuzusprechen, wie ich dies in meinem Buch genannt habe. Ein Objekt kann uns „ansprechen“, muss aber nicht. Manche Tourist_innen besuchen ein ehemaliges Konzentrationslager und sind nicht berührt, wie man aus Untersuchungen mittlerweile weiß. Das hängt ab von solchen Bedingungen wie Stress, den eine Besucherin mit sich bringt, oder einem zu absolvierenden Pflichtprogramm, kann aber auch durch Stimmungen und Wetter beeinflusst sein. An anderen Tagen trifft uns die Materialität des Leidens mit voller Wucht. Die ausgegrabenen Bruchstücke können also einen sinnlich wahrnehmbaren Bedeutungsüberschuss vermitteln, der zu Imaginationen über die Vergangenheit an Orten wie dem Tempelhofer Feld führt. Zum anderen sind Objekte anschaulich und unwiderruflich da: sie sind Bürgen für historische Ereignisse, Zustände und Prozesse, die wir manchmal im Umriss kennen, deren Detail uns aber durch die archäologische Forschung näher gebracht wird.

"Die Archäologie der Moderne ist eines der dynamischsten Forschungsfelder in der Archäologie"

L.I.S.A.: In Ihrem Epilog stellen sie fest, dass zumindest in Deutschland eine Zunahme von Ausgrabungen im Bereich der modernen Archäologie zu verzeichnen ist. Wie bewerten Sie den Stand der modernen Archäologie und welche Erwartungen haben Sie für die zukünftigen Entwicklungen

Prof. Bernbeck: Ich beantworte diese Frage in zwei Schritten. Zunächst nehme ich Bezug auf die international existierende Archäologie der Moderne, sodann auf die Eigenheiten, die sie im deutschsprachigen Bereich entwickelt hat.

International ist die Archäologie der Moderne eines der dynamischsten Forschungsfelder in der Archäologie überhaupt. Das liegt teilweise an ihren Überraschungseffekten, wie sie für jedes neue Forschungsfeld typisch sind. Ähnliches lässt sich in den Anfängen anderer Wissenschaften finden, etwa in den Entstehungsjahrzehnten der Biochemie, als man auch tastend die Forschungsobjekte erst nach und nach erschloss. Was die Neuzeitarchäologie angeht, so teilt sich dieses sehr junge Fachgebiet schon wieder auf in kleinere Spezialisierungen wie die „Contemporary Archaeology“, die nur die Zeiten nach dem 2. Weltkrieg untersucht.

Zudem ist es nicht falsch zu behaupten, dass sich die Archäologie als Wissenschaft der „Anfänge“ immer weiter von dieser ursprünglichen Definition weg entwickelt zu einem Fach, welches sich mit Materialität beschäftigt. Dabei zeigt sich auch eine große Nähe zu Teilen der Ethnologie und Kulturanthropologie, die nach langen Jahren der Faszination mit der Welt kultureller Symbole plötzlich die materielle Welt als wichtigen Teil der Kultur wiederentdeckt hat. Doch zur Archäologie zählen nicht nur die von Menschen gemachten Objekte, sondern – ganz besonders im Falle der Landschaftsarchäologie – auch die Natur.

Sicher wird das Interesse an der Archäologie der Moderne nicht abebben. Es ist die Praxis, die fasziniert. In einer Welt, in der man immer mehr versucht, jedes zukünftige Risiko einzugrenzen und abzuwehren, so dass Erwartungsräume für zukünftige Unvorhergesehenheiten schrumpfen, ist eine Tätigkeit, die (fast) risikolos nach Unerwartetem sucht – und noch dazu in der Vergangenheit – aufgrund dieser entdeckerischen Praxis faszinierend. Es geht dabei sicher nur teilweise um historische Inhalte. Anknüpfungspunkte sind eher Dinge, die wir vielleicht selbst im Alltag benutzen, über deren Gebrauch in der rezenten Vergangenheit wir uns aber wenig Gedanken machen. Das mag etwa gelten für die vielen kompletten Flaschen und Behälter für Haargel, Rasierwasser und andere Toilettenartikel für Männer, die wir in Abfallgruben des U.S. Militärs fanden.

Die geschichtliche Dimension dieser archäologischen Arbeiten wird in Zukunft komplexer. Denn unsere Gesellschaft ist zunehmend migrantisch und wird es sicher auch auf absehbare Zeit bleiben. Menschen unterschiedlichster Kulturen leben zusammen. Das bringt die Frage mit sich, wer diese Geschichte als die „eigene“ ansieht. Gerade für Ausgrabungen an Orten der Nazi-Zeit ist es äußerst wichtig, dass diese Stätten der brutalen Unterdrückung und Ausschließung von Minderheiten oder Fremden nicht heute wieder als Exklusionsmittel fungieren, indem Menschen migrantischen Hintergrunds suggeriert wird, das sei nicht ihre Geschichte. Insofern beharre ich darauf, dass die Zwangsarbeitslager auf dem Tempelhofer Feld für eine Arbeitergeschichte relevant sind, und zwar eine mit internationaler Perspektive.

"Erlernen eines professionellen Umgangs mit anderen Quellenarten"

L.I.S.A.: Die Archäologie hat die „Nazi-Zeit“ bislang wenig beachtet. Welche Konsequenzen ergeben sich dadurch für die Disziplin – vor allem für den Dialog mit Fachrichtungen wie der Geschichtswissenschaft? 

Prof. Bernbeck: In Fachbereichen der Archäologie sind Interessen an der Neuzeit im universitären Bereich zwar allmählich bemerkbar, doch habe ich öfter gehört, das sei einzuordnen unter „Ur- und Frühgeschichte“ (und nicht, so die unausgesprochene Weiterführung, unter „Vorderasiatischer Archäologie“). Solche kuriosen Bemerkungen haben ihren Ursprung in der Eingrenzung der traditionellen archäologischen universitären „Disziplinen“, die sehr viel strikter als etwa in den U.S.A. ist. Es gibt daher im deutschsprachigen Raum nur zwei Universitäten (Kiel und Wien), an denen eine Archäologie der Moderne über eine Professur vertreten ist. Das ist zu wenig, um einen tiefgehenden Fachdiskurs in Gang zu setzen. Die Ländergesetze führen andererseits dazu, dass eine Vielzahl an Orten des 20. Jahrhunderts ausgegraben wird. Und wie erwähnt, ist hierzulande das Interesse an dieser Archäologie riesig, denn es betrifft eine Geschichte, die, wie man oft sagt, „greifbar“ wird. Das entstandene Ungleichgewicht lässt sich auch beschreiben als ein Feld der Ausgrabungsarbeit auf der einen Seite, großes öffentliches Interesse an diesen Arbeiten auf der anderen Seite und einer klaffenden Lücke dazwischen, die eigentlich durch methodische, interpretative und theoretische Diskussionen geschlossen werden müsste. Genau dort liegt die Aufgabe einer universitär verankerten Archäologie der Moderne. Inhaltlich müsste diese neben traditionellen methodischen oder theoretischen Kenntnissen darauf abzielen, das Erlernen eines professionellen Umgangs mit anderen Quellenarten wie der Oral History sowie dem fotografischen und archivalischen Quellenbestand zu einem einheitlichen Studiengang zusammenzuführen.

Die Archäologie hat zudem bislang völlig verpasst, auf Eigenheiten aufmerksam zu werden, die ihr für bestimmte Dimensionen des Nachdenkens über die Nazi-Zeit einen einzigartigen Zugang verschaffen. Ich nenne nur einen, den ich in meinem Buch zu verdeutlichen versuche: das Erinnern an die namenlosen, ja nicht einmal als Individuen bekannten Menschen, welche in unterschiedlichen Situationen in Lagern litten und oftmals gar nicht überlebten. Die materiellen Spuren, die wir ausgraben, führen direkt hin zu diesen Menschen und der Situation, in der sie sich befanden. Jedes Erinnern an den Namen eines Opfers der Nazis ist gleichzeitig untrennbar verbunden mit dem Vergessen vieler anderer. Erinnern ist eine Tätigkeit der Konzentration auf etwas oder jemanden, und befindet sich in einer dialektischen Spannung mit Verschweigen. Die Archäologie hat die Mittel in der Hand, an die Namenlosen und komplett Vergessenen zu erinnern. Das hebt sie ab besonders von Oral History, aber auch von historischen Erzählungen. Eine festere akademische Einbindung einer solchen Disziplin wird sicher durch einen stetigen Fachdiskurs zu einer wesentlichen Vertiefung und intellektuellen Auseinandersetzung mit den Potenzialen, aber auch den Problemen einer solchen Archäologie führen.

"Man muss genau unterscheiden zwischen Objektivität, Wahrheit und Wahrheitsanspruch"

L.I.S.A.: In der Geschichtswissenschaft hat man einen „Wahrheitsanspruch“ längst aufgegeben. Sie machen in Ihrer Publikation jedoch deutlich, dass die Archäologie noch immer den Anspruch auf „Objektivität“ vertritt. Wie gehen diese Überzeugungen überein und wie lassen sich die beiden Disziplinen in der modernen Archäologie verbinden?  

Prof. Bernbeck: Ich denke, man muss genau unterscheiden zwischen Objektivität, Wahrheit und Wahrheitsanspruch. Es wird heute in den Wissenschaften kaum noch jemand für seine Ideen Wahrheit an sich reklamieren. Wahrheitsansprüche sind etwas anderes: es dreht sich dabei um die Forderung, möglichst nahe an eine Wahrheit heranzukommen, sei sie historisch, naturwissenschaftlich oder anderswie gelagert. Doch ist dies eine relationale Position, keine absolute. Der Begriff der Objektivität ist getrieben von der Idee, eine unvoreingenommene Forschungsposition einnehmen zu können. Es ist genau diese letztere Behauptung, die ich in meinem Buch stark kritisiere. Eine komplett unvoreingenommene Forschung gibt es nicht, schon gar nicht in Bezug auf die Nazi-Zeit. Ich denke zudem, dass auch in den Geschichtswissenschaften die Frage der Objektivität weiterhin oft eine Rolle spielt. Worum es mir geht, ist nicht unbedingt die Abschaffung derselben. Vielmehr lehne ich mich an Sandra Hardings These der „strong objectivity“ an, nach der die traditionelle Objektivität des „neutralen Beobachtungsstandpunkts“ gerade aufgrund ihrer behaupteten Neutralität nicht objektiv sein kann. Vielmehr ist die Bestimmung der eigenen Position für eine diesen Standpunkt relativierende Historiographie notwendig. Ich habe daher in den Ausführungen zur Archäologie der Nazi-Zeit an etlichen Stellen Positionalitätsnarrative eingebaut.

Eine Archäologie der Moderne, besonders wenn sie sich auf die Schicksale der Subalternen, im Falle der Nazi-Zeit auf die Schicksale der Opfer bezieht, wird notwendig auch neue narrative Formen entwickeln müssen, die weder den Standard der archäologischen Monographien übernehmen können, der oft aus Katalogen mit wenig Interpretation besteht, noch das Schreiben kohärenter Narrative historischer Art übernehmen sollte. Die Geschichte der Moderne, besonders des gesamten 20. Jahrhunderts und dessen, was wir bis heute vom 21. Jahrhundert kennen, ist eine der Gewalt und Katastrophen. Der Einbezug der Perspektive der Opfer dieser Prozesse schließt auch die Sinnlosigkeit und Unerträglichkeit des Erduldens solcher Verhältnisse ein. Ein harmonisch-kohärenter Diskurs ist somit ebenso unangemessen wie die Ästhetik säuberlich aufgereihter archäologischer Objekte. Neue Formen der Darstellung müssen erst noch gefunden werden. 

Prof. Reinhard Bernbeck hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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