Login

Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 25.07.2017 | 985 Aufrufe | 1 | Interviews

"Die Angst vor Anerkennungsentzug"

Interview mit Christian Baron über tradierte und sich wandelnde politische Identitäten

Die Frage, warum Wähler, die ehemals politischen Parteien aus dem linken Spektrum ihre Stimme gegeben haben, sich nun massiv einer eher rechten Politik zuwenden, beschäftigt nun schon seit einiger Zeit unter anderen politische Beobachter und Wahlforscher. Zuletzt kochte die Frage hoch, nachdem Donald Trump zur Überraschung vieler die Wahl zum US-Präsidenten für sich entscheiden konnte und dabei vor allem in der traditionellen Wählerschaft der Demokratischen Partei punktete. Auch im Zuge der vielen Besprechungen der Autobiographie des französischen Soziologen Didier Eribon "Rückkehr nach Reims" füllten diverse Erklärungen Zeitungsspalten und Stunden in Podiumsdiskussionen. In diese Zeit fällt auch das Buch von Christian Baron, in dem er fragt provokativ fragt: Warum verachten die Linken die Arbeiter? Das Buch ist während seines soziologischen Dissertationsvorhabens entstanden, das derzeit noch den Arbeitstitel "Die Kulturalisierung des Klassenkampfes. Eine kritische Analyse des massenmedialen Sozialstaatsdiskurses in Deutschland" trägt. Wir haben ihm zu seinem Buch und zu seiner Forschung unsere Fragen gestellt.

"Verschränkung von Rassismus und Klassismus in den Medien"

L.I.S.A.: Herr Baron, Sie promovieren zurzeit über den massenmedialen Sozialstaatsdiskurs in Deutschland. Was genau nehmen Sie dabei in den Blickpunkt? Welche Vorüberlegungen haben Sie zu diesem Thema geführt?

Baron: Als Kind der sogenannten Unterschicht habe ich mich mit meinen bildungsbürgerlichen Ambitionen schon früh bemüht, einen großen Rückstand aufzuholen. Während meine Freunde sich in Schulpausen in der Raucherecke über Autos und Musik unterhielten, saß ich als 16-Jähriger in der Bücherei und las die „FAZ“ und den „Spiegel“. Mir fehlte der spielerische Umgang mit dem Lesen, den die meisten meiner Mitschüler aus Mittelschichtselternhäusern von klein auf gelernt hatten. Bevor mich Literatur, Theater und Filmkunst begeistern konnten, habe ich mich darum über selbsternannte Qualitätsmedien mit Politik und Gesellschaft konfrontiert. Daraus hat sich eine bis heute anhaltende Leidenschaft für Medien ergeben.

Während meines Studiums bin ich auf Theorien und Analysen gestoßen, die mich alles kritisch hinterfragen ließen, was ich in der Zeitung las. Da lag es nahe, mich damit auch wissenschaftlich zu befassen. Einer meiner Schwerpunkte im Soziologie-Studium war die Sozialpolitik. In den Medien ist mir dabei der unkritische Umgang mit der Agenda 2010 negativ aufgefallen. Als später die Sarrazin-Debatte ausbrach, da hatte mich mein Promotionsthema gefunden. Ich wollte wissen, inwieweit sich die Verschränkung von Rassismus und Klassismus quer durch das politische Spektrum der Medien zeigt. Einen wichtigen Teil der Analyse bilden dabei die Online-Kommentare der Leserschaft, weil es dazu bisher kaum empirische Untersuchungen gibt.

"Eine Renaissance des Klassenbegriffs in der Sozialwissenschaft"

L.I.S.A.: Begrifflich dominant ist in Ihrem Projekt der Begriff des Klassenkampfs bzeziehungsweise des Klassismus. Greifen Sie dabei nicht in die historische Mottenkiste? Sind das nicht begriffliche Konzepte, die an der Realität abprallen? Wo sehen Sie heute noch Klassen, zumal in einer Zeit, von der wissenschaftlich und medial überwiegend behauptet wird, dass aus Arbeitern Angestellte und Selbständige geworden und damit Klassenzugehörigkeiten beziehungsweise identitäten längst aufgelöst seien?

Baron: In den vergangenen Jahren gibt es eine Renaissance des Klassenbegriffs in der Sozialwissenschaft, weil immer deutlicher wurde, dass sich der grundlegende Widerspruch zwischen Kapital und Arbeit im Kapitalismus niemals auflösen lässt und Schicht-Konzepte das nicht berücksichtigen. In meiner Arbeit beziehe ich mich vor allem auf die Klassentheorie von Erik Olin Wright. Er  hat Lücken in der Marxschen Klassenanalyse ausgebügelt und neben den Kategorien von Arbeit und Eigentum auch die Organisationsmacht und den Qualifikationsgrad der Beschäftigten einbezogen. Die klassische Bestimmung der Klassenpositionen aus der Struktur der Produktionsverhältnisse steht auf der einen Seite. Dem gegenüber steht das Problem einer Verbindung mehrerer Abstraktionsebenen der Klassenanalyse. Dadurch bekommt er die heutzutage heterogen beschaffene Arbeiterklasse zu fassen. Es gibt Klassenlagen, in der Menschen weder Ausbeuter sind noch Ausgebeutete. Daraus leitet er wichtige Fragen an die Klassenanalyse ab, die auch mir in meiner Arbeit wichtig sind: Wie funktioniert heute Ausbeutung? Und welche Rolle spielt die gesellschaftliche Mitte in diesem Prozess?

"Für meine Arbeit mit Massenmedien wichtige Impulse"

L.I.S.A.: Sie greifen bei Ihrer Analyse auf die Diskurstheorie zurück. Inwieweit bietet diese Theorie, die auf Michel Foucault zurückgeht und bei ihm vor allem auf Sprache rekurriert, Möglichkeiten, soziale Konstellationen zu beschreiben? Hatte nicht gerade die Diskurstheorie Foucaults zu einer Marginalisierung klassischer klassentheoretischer Ansätze geführt, indem sie die politische Ökonomie zugunsten einer Fokussierung auf Kultur aufgab?

Baron: Die poststrukturalistische Theorie hat den Marxisten immer wieder Ökonomismus vorgeworfen. Und da ist ja auch was dran. Leider hat die Sache tatsächlich eine fatale Entwicklung genommen: Foucaults Anhänger haben die Analyse der politischen Ökonomie ausgeblendet und es den bürgerlichen Wissenschaftlern ermöglicht, nicht mehr über die strukturellen Seiten der sozialen Ungleichheit nachdenken zu müssen. Neben all den produktiven Widersprüchen, die es in den jeweiligen Werken von Foucault und Marx gibt, habe ich aber einen zentralen Aspekt ausgemacht, in dem Foucault den Marxismus doch ergänzen und für meine Arbeit mit Massenmedien wichtige Impulse liefern kann: Es geht um die große Frage, wie es das Kapital immer wieder schafft, sein eigenes Interesse als das gemeinschaftliche Interesse aller Mitglieder der Gesellschaft darzustellen. Marxisten suchen in einem Text eine vorhandene Wahrheit, die immer schon da ist und nur ausgesprochen werden muss. Foucault sagt dagegen: Der Diskurs verleiht dem Text seine „Wahrheit“, und dieser Diskurs ist geleitet von machttechnisch etablierten Denkweisen und Ideologien, die wiederum festlegen, was wir überhaupt über die Welt wissen. Ein Text stellt dabei keinen Schlüssel zu einer dahinter liegenden Realität dar, sondern ist selbst als Material und Gegenstand der Erzeugung von Wissen und „Wahrheit“ zu verstehen.

"Mein Herkunftsmilieu ist mir vertraut und fremd zugleich"

L.I.S.A.: Zuletzt haben Sie ein Buch publiziert mit dem Titel „Proleten, Pöbel, Parasiten. Warum die Linken die Arbeiter verachten“. Es ist nicht Ihr erstes Buch. Wie gelingt es Ihnen, neben einem Dissertationsprojekt noch zusätzlich Bücher zu schreiben? Alles Extrakte aus Ihrer noch laufenden Doktorarbeit?

Baron: Das Buch entstand ganz unabhängig von der Doktorarbeit. Mein Impuls, dieses Buch zu schreiben, speiste sich aus meiner Doppelexistenz als Lumpenproletarier und studierter Linker: Mein Herkunftsmilieu ist mir vertraut und fremd zugleich. In der akademischen Linken wiederum wollte ich immer dazugehören und bin trotzdem ein Alien geblieben. Also habe ich beide Welten journalistisch neu erkundet, viele Menschen getroffen und an meinem Beispiel die Frage aufgeworfen, warum es zu einer Entfremdung zwischen Linken und Arbeitern gekommen ist. In den vergangenen drei Jahren habe ich neben meiner Dissertation und meinem Brotberuf als Zeitungsredakteur viel Freizeit in dieses Buch investiert. Dadurch habe ich zeitweise mein Sozialleben kolossal vernachlässigt, aber es war nötig: So konnte ich mich schreibend befreien von vielen Geschichten und Gedanken, die schon so lange danach drängten, erzählt zu werden. Darum deckt mein Buch auch so viele verschiedene Themenfelder ab. So bald wird es mich sicher nicht mehr drängen, ein politisches Sachbuch zu machen, weil ich mich da jetzt erst einmal „leer geschrieben“ habe.

"Die Linke trägt eine erhebliche Mitschuld"

L.I.S.A.: Im Anschluss an die Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der Vereinigten Staaten setzte auch hierzulande eine Diskussion über die Gründe für dessen Sieg beziehungsweise für die Niederlage der Kandidatin der Demokratischen Partei, Hillary Clinton, ein. Eine der Kernfragen lautet bis heute: Wie konnte es einem Kandidaten der konservativen Republikaner gelingen, ausgerechnet beim Arbeitermilieu der USA zu punkten, obwohl die finanziell schwächeren Bevölkerungsteile traditionell eher das klassische Wählerreservoir der Demokraten bilden? Erklärt ihr Buch in diesem Zusammenhang etwas - ähnlich wie das Buch des französischen Soziologen Didier Eribon „Rückkehr nach Reims“, der aus biographischer Perspektive erzählt, wie aus kommunistischen Wählern Anhänger des Front National wurden?

Baron: In meinem Buch gibt es ein ganzes Kapitel mit dem speziellen Zuschnitt auf die Flüchtlingsproblematik und den Aufstieg der AfD. Darin beschreibe ich, wie es der herrschenden Politik gelingt, den „weißen“ und den migrantischen Teil der deutschen Arbeiterklasse aufeinander zu hetzen. Die AfD wird vor allem von der sogenannten Mittelschicht unterstützt. Die meisten einfachen Arbeiter und „Abgehängten“ gehen dagegen gar nicht mehr zur Wahl. Dieses fehlende Wählerpotenzial ist natürlich ein Grund, warum die AfD so stark ist, und deshalb müssten die Linken gerade die Nichtwähler für sich gewinnen.

Richtig ist natürlich auch, dass unter den „Abgehängten“ ebenso wie in allen anderen Gesellschaftsteilen sich immer mehr zu den Rechten hingezogen fühlen. Und wenn man sich die Frage stellt, warum weiße Arbeiter die AfD wählen, dann trägt auch die Linke eine erhebliche Mitschuld. Zum einen, weil sie in den vergangenen Jahrzehnten identitätspolitische Themen wie Minderheitenrechte und Geschlechteridentitäten systematisch gegen die Klassenfrage ausgespielt hat. Wer in Armut lebt, fühlt sich von Linken nicht mehr angesprochen oder vertreten. Zum anderen verteufeln viele Linke jeden, der diffus gegen „das Fremde“ protestiert, anstatt mit diesen Menschen in Dialog zu treten. Rassisten Rassisten zu nennen, das ist die eine, die notwendige Sache. Eine andere und ablehnenswerte Sache ist es, Menschen zu entmenschlichen. Mittlerweile erscheint vielen Linken ausnahmslos jeder Pegida-Demonstrant als Nazi-Zombie. Das ist bequem für diese Linken, es verharmlost aber das im Kapitalismus strukturell angelegte Rassismus-Problem als kollektiver Charakterfehler eines ungebildeten Mobs.

"Konkurrenzdruck, bei dem die soziale Herkunft zum Wettbewerbsvorteil wird"

L.I.S.A.: Nehmen wir einfach die Frage im Untertitel Ihres Buches auf: Können Sie in wenigen Worten die Frage beantworten, warum die Linken, wie von Ihnen behauptet, die Arbeiter angeblich verachten? Was verstehen Sie in diesem Zusammenhang unter „die Linken“? 

Baron: Es gibt in Deutschland nach wie vor viele Linke, auf die meine Diagnose nicht zutrifft. Leider geben die aber nicht den Ton an. Die jüngere Generation der Linken in Deutschland ist stark akademisch geprägt. Bei der SPD gibt es noch einen klassischen Arbeiter im Parlament, bei der Linkspartei sind die Hälfte der Parteitagsdelegierten nicht mal Gewerkschaftsmitglieder. Der dominante Teil der deutschen Linken ist kosmopolitisch, gesund und kauft im Bioladen ein. Die Verachtung gegen „die da unten“ zeigt sich in verschiedenen Strömungen auf unterschiedliche Weise, und im Buch drösele ich das auch auf. Gemeinsam ist allen aber die Tendenz, nichts mit dem „Pöbel“ zu tun haben zu wollen.

Eigentlich müsste es ja ganz leicht sein: Da auch immer mehr Linke nach dem Studium lange Zeit nur prekäre Jobs bekommen, nähern sie sich denen ökonomisch an, die schon immer im Dreck saßen. Dadurch könnte eine neue Klasse entstehen, die sich ihres Elends bewusst ist. So einfach ist es aber natürlich nicht. Mit der Massenprekarisierung der jüngeren Akademiker geht ein Konkurrenzdruck einher, bei dem die soziale Herkunft zum Wettbewerbsvorteil wird. Wo der eine sich Hartz 4 unterwerfen muss und sich von Freunden oder Familie keinerlei Geld leihen kann, ist es dem anderen möglich, sich durch die Eltern oder gut verdienende Freunde finanzieren zu lassen, um einerseits nicht die reale Hartz-4-Armut erleben zu müssen und andererseits, um die für den Lebenslauf so wichtigen unbezahlten Praktika zu machen. Aus diesem Abgrenzungsverhalten entwickelt sich unter Linken die Haltung, sich im Alltag als prekärer Arbeiter darzustellen, andererseits aber alle Ungerechtigkeitsquellen der Klassengesellschaft anzuzapfen, um bloß nicht dauerhaft zu einem prekären Arbeiter zu werden.

"Klassismus, um den Klassismus am eigenen Leib zu verhindern"

L.I.S.A.: Um auf Ihr Dissertationsprojekt und den Anfang der Fragen zurückzukommen: Welche Rolle spielen die Medien bei der Schaffung von Abgrenzungsidentitäten? Wer grenzt sich dabei gegen wen ab?

Baron: Ich untersuche das Thema in meiner Dissertation ja vor allem daran, wie mit dem Thema der Erwerbslosigkeit massenmedial umgegangen wird. Da stelle ich eine klassenspaltende Tendenz der Meinungshegemonie fest. Erwerbslosigkeit gilt grundsätzlich als verdächtig. Zugleich sind medial aufgebauschte Einzelfälle „arbeitsunwilliger“ Menschen für Journalisten und Leserschaft eine willkommene Gelegenheit, sich selbst sozial aufzuwerten. Der Druck durch die Jobcenter wird als naturgegeben akzeptiert, und man selbst entgeht durch die aggressive Abgrenzung zu Aktivierungsverweigerern der Gefahr, klassistisch diskriminiert zu werden. Klassismus wird also eingesetzt, um den Klassismus am eigenen Leib zu verhindern. Es ist eine Angst vor Anerkennungsentzug. Damit die eigene Identität inmitten des drohenden sozialen Abstiegs verkraftbar bleibt, müssen die angestauten Frustrationen sich entladen. Die richten sich dann gegen die Projektionsfläche der „Unterschicht“. Erst durch diese Finte wirkt diese Form des Klassismus systemstabilisierend, denn sie macht sich die wichtigste Quelle des menschlichen Strebens zur Waffe: das Bedürfnis nach Aufmerksamkeit und Achtung, nach sozialer Anerkennung und Liebe.

Christian Baron hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Jörn Eiben | 25.07.2017 | 22:36 Uhr
Vielen Dank für das spannende und aufschlussreiche Interview. Ich habe zwei Fragen, die als Anmerkungen getarnt sind, oder umgekehrt.
1. Zum Diskurskonzept: "Der Diskurs verleiht dem Text seine „Wahrheit“, und dieser Diskurs ist geleitet von machttechnisch etablierten Denkweisen und Ideologien, die wiederum festlegen, was wir überhaupt über die Welt wissen. Ein Text stellt dabei keinen Schlüssel zu einer dahinter liegenden Realität dar, sondern ist selbst als Material und Gegenstand der Erzeugung von Wissen und „Wahrheit“ zu verstehen." Das ist vollkommen richtig. Mir ist jedoch nicht klar, was jetzt der neue "Kniff" in Richtung Marxismus ist.

2. Zu den Wähler*innen der AfD: Bei den ganzen "Wahlanalysen" in den öffentlich-rechtlichen Medien wurde immer wieder darauf hingewiesen, dass eine Vielzahl der Wähler*innen tatsächlich der Gruppe der Nichtwähler*innen angehören. Wie passt denn das mit dem Befund zu den vielen, nicht-wählen gehenden Arbeiter*innen zusammen?

Das sind wirklich ernstgemeinte Fragen und Anmerkungen, keine getarnte Kritik. Über Antworten würde ich mich freuen.

Mit freundlichen Grüßen,

Jörn Eiben

Kommentar erstellen

QWNKPC