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Georgios Chatzoudis | 23.09.2014 | 4533 Aufrufe | 1 | Interviews

"Der Webstuhl ist die älteste digitale Maschine"

Interview mit Ellen Harlizius-Klück zum Projekt "Weaving Codes - Coding Weaves"

An welchem historischen und theoretischen Punkt berühren sich die Praktiken des Webens und Programmierens? Welche Einsichten lassen sich gewinnen, wenn man diese Praktiken zusammenbringt? Wie beeinflussen digitale Technologien unsere Weisen des Herstellens oder Machens? Ellen Harlizius-Klück und Alex McLean verfolgen diese Fragen in ihrem Projekt Weaving Codes - Coding Weaves indem sie Muster aus der Perspektive der Weberei und der Musik untersuchen und eine Computersprache und einen Code entwickeln, mit dem sich die Konstruktion von Geweben und Mustern beschreiben lässt. Dieser Ansatz soll verdeutlichen, dass die Künste und die Geisteswissenschaften eine führende Rolle für unser Verständnis von vergangenen und unsere Entwicklung von neuen digitalen Entwicklungen übernehmen können. In diesem Kontext wird der antike Webstuhl als eine digitale Maschine aufgefasst die erste Konzepte einer dyadischen Arithmetik und Logik bereitstellt.

Wir haben Dr. Ellen Harlizius-Klück zu ihrem von der Gerda Henkel Stiftung geförderten Projekt befragt.

Dr. Ellen Harlizius-Klück, Stipendiaten der Gerda Henkel Stiftung und des Arts & Humanities Research Council (AHRC) 

PDF-Datei downloaden (1.06 MB)

"Diese Lochkartensteuerung stammte aus der Weberei"

L.I.S.A.: Frau Harlizius-Klück, Sie beschäftigen sich mit einem sehr interessanten Vergleich: Webkunst und Programmieren. Wie kamen Sie zu diesem Thema? Wie kamen Sie auf die Idee, Weben und Programmieren in einem Zusammenhang zu bringen?

Dr. Harlizius-Klück: Als ich Ende der siebziger Jahre an der Universität Siegen Mathematik studierte, gab es die ungewöhnliche Gelegenheit, ein Seminar über Euklids Elemente zu besuchen. Dieses Buch, ungefähr 350 v. Chr. geschrieben, hat die axiomatische Geometrie begründet und strenge Beweismethoden in der Mathematik eingeführt. Leider sollte ich für meinen Seminarbeitrag die Abschnitte zur dyadischen Arithmetik vorstellen, ein mathematisch sehr anspruchsloses Gebiet, dessen Sinn ich nicht verstand. Es stellte sich aber heraus, dass diese zweiwertige Zahlentheorie, bei der Zahlen nach gerade und ungerade klassifiziert werden, historisch die Basis für den logischen Aufbau der ganzen Theorie war. Platon grenzt sie im Dialog über den Staatsmann als reine Wissenschaft von angewandten Wissensformen ab. Aber die Historiker konnten nicht erklären, woher diese Grundidee des Gerade-Ungerade-Unterschieds stammt.

Ich kannte die Bezeichnung dyadische Arithmetik von Leibniz Dualzahlenlehre, und duale Zahlen sind ja die Grundlage des digitalen Prinzips mit dem unsere Computer rechnen. Um sie dazu zu bringen, also um sie zu programmieren, mussten wir damals in den Siebzigern noch Lochkarten stanzen und die Kartenstapel gut sortiert beim Operator abgeben. Ich wusste, dass diese Lochkartensteuerung aus der Weberei stammte. Merkwürdigerweise wird nun gerade in dem erwähnten Dialog Platons die Wissenschaft oder Kunst (techne), die der Staatsmann beherrschen muss, am Paradigma der Weberei erläutert. Der junge Gesprächspartner im Dialog ist nämlich schwach in Mathematik. Mir kam daraufhin der Verdacht, dass es auch in der Antike schon einen Zusammenhang von dyadischer Zahl und Weberei gegeben haben könnte.

Der Webstuhl mit einer ersten Geweberekonstruktion im Lichthof des Museums für Abgüsse Klassischer Bildwerke in München, anlässlich der Ausstellung „Penelope, rekonstruiert“

"Primzahlen sind fürs Weben sehr wichtig"

L.I.S.A.: Wann wurde das Weben erfunden? Spielte die Entwicklung der Mathematik dabei eine Rolle?

Dr. Harlizius-Klück: Niemand kann sagen, wann das Weben erfunden wurde. Sowohl Textilien als auch Webgerät aus Holz zerfallen leicht. Erst wenn Ton oder Metall verwendet wird, haben Archäologen eine Chance, Hinweise in Form von Abdrücken oder Webgewichten zu finden. Der zurzeit älteste Textilfund stammt aus der Türkei und ist etwa 9.000 Jahre alt. In der griechischen Antike ist deshalb das Weben schon sehr weit entwickelt und man kann komplexe Gewebe und Muster produzieren, vor allem wenn man jene Arithmetik beherrscht, die Euklids Buch überliefert. Primzahlen sind zum Beispiel fürs Weben sehr wichtig weil, sich keine vollständigen Musterwiederholungen weben lassen, wenn die Gesamtfadenzahl des Gewebes eine Primzahl ist. Der gerade-ungerade Unterschied ist sowohl für die Grundstruktur jedes Gewebes als auch für viele Muster fundamental, zum Beispiel wenn Interferenzmuster erzeugt werden sollen. Das habe ich am Beispiel des Mäanders gezeigt (siehe Fotos meander_630.jpg). Dass die Mathematik für die Entwicklung der Weberei eine Rolle spielte, muss man wegen des Alters der Weberei verneinen. Die Frage ist eher, ob die Weberei für die Entwicklung der Mathematik eine Rolle gespielt haben könnte.

"Wichtig ist der strikte dualistische Aufbau eines Gewebes"

L.I.S.A.: Welche Muster haben Sie bisher gefunden? Wie sehen diese aus? Welche ähneln sich?

Dr. Harlizius-Klück: Über die tatsächlichen Muster kann man nicht viel sagen; es gibt einfach zu wenig Textilfunde aus Griechenland. Was wir auf Vasen sehen, ist außerordentlich vielfältig, aber oft schwierig zu interpretieren. Ob ein Muster gewebt, gestickt oder gestrickt ist oder einfach nur auf den Stoff gedruckt – da gibt eine Vase selbst nach sorgfältiger ikonographischer Analyse wenig Auskunft. Ich habe an einzelnen Beispielen Rekonstruktionen solcher Muster erstellt und viel über die innere Logik und Komplexität der Muster herausgefunden. Aber für die grundsätzliche Logik der Weberei ist das auch nicht der entscheidende Punkt. Wichtig ist der strikte dualistische Aufbau eines Gewebes, das Raster aus Kette und Schuss, die Tatsache, dass beim Weben jeweils nur zu entscheiden ist, ob der jeweilige Kettfaden gehoben wird oder nicht. Das ist alles was man wissen muss. Das macht den Webstuhl zur ältesten digitalen Maschine und deshalb kann diese Information als Loch in einer Karte gespeichert werden.

Vorder- und Rückseite des Gewebes veranschaulichen die für die in der Antike zentralen Prinzipien der Analogie und Polarität

"Das Digitale ist keine Erfindung der Moderne"

L.I.S.A.: Welche Einsichten lassen sich gewinnen, wenn man diese Praktiken zusammenbringt?

Dr. Harlizius-Klück: Die wichtigste Einsicht ist vielleicht, dass das Digitale keine Erfindung der Moderne ist, sondern eine sehr alte Idee, die sich durch die Kultur- und Wissenschaftsgeschichte zieht. Als ich nach antiken Textstellen für meine Hypothese suchte, fiel mir auf, dass die Weberei gerade wegen ihrer dualistischen und abzählbaren Struktur oft dazu dient, zu erklären, wie sich diskrete Elemente oder Atome zu Ganzheiten organisieren, die mehr sind als die Summe ihrer Teile. Wir finden solche Beschreibungen zum Beispiel bei Leukipp, Demokrit und Lukrez. Noch heute greift die Physik auf textile Vergleiche zurück, wenn das Zusammenspiel der Teilchen noch nicht mit mathematischen Modellen beschrieben werden kann. Einstein sprach von „tapestry of space and time“, aber man kann auch die strings der Physiker hier einordnen, die ja ebenso wie jeder Faden eine Drehung oder einen spin nach rechts oder links aufweisen.

Webtechnische Erklärung zum Mäandermuster des Exekias

"Die Unterschiede von Hand-werk und Rechen-werk"

L.I.S.A.: Wie beeinflussen digitale Technologien unsere Weisen des Herstellens oder Machens? Und umgekehrt: Können Programmierer von Webern profitieren?

Dr. Harlizius-Klück: Das sind genau die Fragen, denen ich in dem neuen Projekt „Weaving Codes – Coding Weaves“ mit dem Computerwissenschaftler Alex McLean und dem Game-Designer David Griffiths nachgehen möchte. Für die Weberei ist heute klar, dass die Technik viel stärkeren Einfluss auf unser Kleidungsdesign hat als das je zuvor der Fall war. Auch die Wahrnehmung handwerklicher Arbeit hat sich sehr verändert. Als ich 2009 für fünf Monate meinen Arbeitsplatz in ein Museum verlegte um dort an einem Gewichtswebstuhl zu arbeiten, waren die Reaktionen der Besucher sehr unterschiedlich. Viele bedauerten mich und lobten unsere fortschrittliche Zeit, wo man so was billig von Maschinen erledigen lässt. Wenn ich ihnen erklärte, dass ich auf dem Webstuhl Gewebe herstellen kann, die ein moderner Webstuhl nicht herstellen könnte, zweifelten sie daran, dass so etwas in der Antike möglich war.

Dies betrifft aber Technik im Allgemeinen und ist nicht auf digitale Technologien beschränkt. Im „Weaving Codes – Coding Weaves“ Projekt möchten wir eine Code-Sprache entwickeln, die es ermöglicht, ein Gewebe so zu beschreiben und zu simulieren, wie ich es an einem Gewichtswebstuhl, also mit den antiken Mitteln, herstelle. Wir hoffen, mit dieser Code-Sprache eine Möglichkeit zu haben, auf sehr elementare Art in die Funktionsweise von Computern einführen zu können. Alex McLean hat bereits Erfahrung mit Kursen für Grundschüler gesammelt, in denen das Programmieren parallel zum Weben eingeführt wird, was den Vorteil hat, dass abstrakte Dualismen haptisch und durch Bewegungsimpulse untermauert werden. Weben muss man mit beiden Händen und in wechselnden Richtungen, um vorwärts zu kommen. Die Übersetzung in Code oder Programmsprache erfordert den Übergang zur Linearität der Logik. Im Vergleich werden die Unterschiede von Hand-werk und Rechen-werk bewusst. Darauf kommt es uns an.

"Daten organisieren sich nicht selbst"

L.I.S.A.: Mit Ihrer Studie leisten Sie einen Beitrag zu einem jungen Wissenschaftszweig in den Geisteswissenschaften, zu den sogenannten Digital Humanities. Sehen Sie das auch so? Wo liegt dabei für Sie das Gewicht? Mehr digital oder mehr Humanities?

Dr. Harlizius-Klück: Was die Digital Humanities kennzeichnet, ist eher die digitale Verarbeitung und Repräsentation von Daten. Der Begriff des Digitalen selbst wird dabei genauso wenig erforscht wie handwerkliche Aspekte des Programmierens, zu denen immer auch die Frage gehört, wie Daten klassifiziert werden. „Digital“ steht merkwürdigerweise im Sinne des Objektiven gegen „analog“, „hermeneutisch“, „interpretativ“. Auf der Herrenhausener Konferenz im Dezember 2013 wurde zum Beispiel das Ende der Theorie oder der hypothesengeleiteten Forschung prognostiziert und Lev Manovich empfahl: „Don’t start with research questions! Look at the data instead.“ Das halte ich für ein gefährliches Missverständnis. Der Erfolg des CERN bei der Entdeckung des Higgs Bosons kann uns etwas ganz anderes lehren. In einem Artikel in DIE ZEIT von 2011 erklärte der Sprecher des Detektor-Teams, dass von 40 Millionen Daten, die der LHC liefert nur 200 „interessante Ergebnisse“ für die Auswertung verwendet werden. Das sind 0,005 Promille! Und wann ist ein Ergebnis interessant? Wenn es in ein vorher formuliertes Modell oder zu einer Hypothese passt. Die Physiker haben kein Problem damit 99,9995, also gerundet 100 Prozent ihrer Daten aufgrund einer Hypothese zu ignorieren. Daten organisieren sich nicht selbst.

Unser Projekt „Weaving Codes – Coding Weaves“ wird vom Arts & Humanities Research Council im Rahmen eines Programms zur Digitalisierung in den Humanwissenschaften gefördert. Trotzdem passen wir nicht recht in die Definition der Digital Humanities, wie sie der Herrenhausener Konferenz zugrunde liegt. Unser Ziel ist, geisteswissenschaftliches und computerwissenschaftliches Forschen so zusammenzubringen, dass sich beide transformieren und wir die Möglichkeiten und Grenzen der Zusammenarbeit besser verstehen. Ob das Gewicht dabei mehr auf digital oder humanities liegt? Ich würde sagen: Nur wenn die Fäden aus konträren Richtungen kommen und gleichen Anteil am Gewebe haben, wird ein tragbares Ganzes daraus.

Das Anfangsband für die Rekonstruktion des Gewebes auf dem Skyphos aus Chiusi mit geflügelten Figuren

Dr. Ellen Harlizius-Klück hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Für ihr Forschungsprojekt erhielten Alex McLean und Kia NG (Universität Leeds) als Principal und Co-Inverstigators, und Ellen Harlizius-Klück (Centre for Textile Research, Univeristät Kopenhagen/Leibniz Universität Hannover) als International Co-Investigator den Digital Transformations Amplification Award des Arts and Humanities Research Council (GB) für Projekte die das Potential der digitalen Technologien zur Transformation von Forschung in den Künsten und Geisteswissenschaften erweitern.

Weiterführende Links

Kommentar

von Professor Marie Louise nosch | 23.09.2014 | 16:23 Uhr
This is a very important and exciting research project, congratulations!

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