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Georgios Chatzoudis | 25.08.2015 | 907 Aufrufe | Interviews

"Der Luftkrieg verkehrt die traditionellen Geschlechterrollen"

Interview mit Sabine Kalff über Frauen im Luftkrieg

Der Titel ihres aktuellen Forschungsprojekts macht neugierig: "Weibliche Verhaltenslehren im Luftkrieg, Deutschland und Großbritannien, 1925-1947". Verhalten sich Frauen im Luftkrieg anders als Männer? Gibt es dabei sogar nationale Unterschiede? Gelten für deutsche Frauen andere Verhaltensweisen als für britische? Kann die Angst vor Bombeneinschlägen tatsächlich nach genderspezifischen sowie nach nationalen Kriterien unterschieden werden? Die Literaturwissenschaftlerin Dr. Sabine Kalff von der Humboldt-Universität zu Berlin hat diese und andere Fragen zu ihrem Projekt beantwortet. Dabei sind viele überraschende Aspekte zu Tage getreten, die auch uns als Redaktion den Spiegel vorgehalten haben.

Die ATA-Pilotin Ann Welch (ATA = Air Transport Auxiliary). Rechts Dr. Sabine Kalff.

Google Maps

"Relative Abwesenheit starker Emotionen wie Angst, Verzweiflung und Trauer"

L.I.S.A.: Frau Dr. Kalff, Sie forschen derzeit zum Thema „Weibliche Verhaltenslehren im Luftkrieg, Deutschland und Großbritannien. 1925-1947“. Die Titel deutet bereits einiges an, aber könnten Sie uns kurz erklären, um was es dabei genau geht?  

Dr. Kalff: In dem Projekt geht es um weibliche Reaktionen auf ein modernes militärisches Phänomen, den Luftkrieg, wie er seit den frühen 1920er Jahren konzipiert und ab den 1930er Jahren in die Praxis umgesetzt wurde. Als ‚totaler Krieg‘ bezog er die Zivilbevölkerung auf neue Weise in das Kriegsgeschehen ein. Durch die zunehmende Auflösung der Grenzen zwischen Front und ‚Heimatfront‘ wurden Frauen, die in den Städten die Bevölkerungsmehrheit darstellten, zum bevorzugten Objekt von Luftangriffen. Dadurch verschwammen die Grenzen zwischen kombattanten und nicht-kombattanten Kriegsteilnehmern. Aber Frauen partizipierten nicht nur als Zielobjekte am Luftkrieg, sondern partizipierten auch als Testpilotinnen, Überführungsfliegerinnen und Flak-Helferinnen, als sogenannte ‚Blitz-Mädchen’ am Krieg. Das schuf ein kollektives weibliches Kriegserlebnis, das aber auf ganz unterschiedlichen Erfahrungen basierte.

Die alliierte Strategie des moral bombing zielte darauf ab, die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken zu versetzen. Als normale Reaktion auf die akute und wiederkehrende Lebensgefahr erwartete man psychologisch zunächst Panik und starke emotionale und nervliche Erregung. Zumal die Bedrohung des Luftkriegs zwei instinktive Reaktionen auf Gefahr, Flucht und Angriff, unmöglich machte. Liest man historische Zeugnisse über die Luftangriffe, scheinen die Betroffenen jedoch sehr ‚cool‘ damit umzugehen. Ein Großteil der Familie kommt um, und die Überlebenden berichten stoisch von zahllosen Details, durch den Keller welchen Hauses genau sie entkommen konnten, über welche Straße sie dem Feuersturm entflohen, usw. Diese Details sind in chronistischer Hinsicht wertvoll, trotzdem wundert uns heutige Leser, mit welcher Ausführlichkeit der Erhitzungsgrad einer Straßenbahn, die Rauchentwicklung im Keller und dergleichen geschildert werden, die emotional eher nebensächlich sind verglichen mit der Ungewissheit, ob plötzlich verschwundene Kinder, Ehemänner und Eltern noch leben. Die relative Abwesenheit starker Emotionen wie Angst, Verzweiflung und Trauer zeugt davon, dass es psychologische Strategien oder Selbsttechniken gab, die den Frauen halfen, mit den physischen und psychischen Belastungen des Luftkriegs umzugehen. Mit weiblichen Verhaltenslehren sind also zunächst Verhaltensweisen gemeint, mit denen die Betroffenen selbständig auf die Bedrohung reagierten, wie etwa die Konzentration auf das unmittelbar Vorhandene, gesteigerter Aktivismus, betonte Ruhe. Damit wende ich Helmut Lethens These von den „Verhaltenslehren der Kälte“, die dieser vor allem bei den Autoren der Neuen Sachlichkeit in den 1920er Jahren ortet, auf eine andere historische Konstellation und auf ein anderes Geschlecht an: Wie sehen die weiblichen Verhaltenslehren aus, die mit ihrer Betonung der relativen Emotionslosigkeit allen gängigen kulturellen Zuschreibungen an Weiblichkeit widersprechen? Mich interessiert, wie sich diese Verhaltensweisen einerseits real äußerten, zum anderen, da sie uns ja zumeist nicht unvermittelt vorliegen, sondern textlich vermittelt, welche rhetorischen Strategien dabei zum Einsatz kommen. 

Ausgebombte nach dem Feuersturm in Hamburg, Juli/August 1943.

L.I.S.A.: Im Titel Ihres Projekts werden zwei Dichotomien angesprochen: weiblich-männlich und deutsch-britisch? Was unterschied weibliche von männlichen Verhaltenslehren? Und wo lagen die Unterschiede zwischen Deutschland und Großbritannien? Hätten Sie einige Beispiele?  

Dr. Kalff: Wodurch sich weibliche und männliche Verhaltenslehren unterschieden, ist eine ganz interessante Frage – allerdings ist ein Vergleich erst auf der Basis der Untersuchung einer größeren Menge weiblicher und männlicher Verhaltenscodes während des Kriegs möglich. Es gibt in den Texten, bei denen es sich überwiegend um autobiographische Zeugnisse, aber auch um literarische handelt, geschlechterübergreifende Strategien der Distanzierung von der Gefahr, wie etwa eine extreme Rationalisierung, z.B. durch Listenführung über die Luftangriffe. Manche Tagebücher erschöpfen sich geradezu in der Auflistung von Bombenalarmen. Andererseits findet sich häufig eine Ästhetisierung. Die Berliner Journalistin Ursula von Kardorff gemahnte die verwüstete Stadtlandschaft wahlweise an Hieronymus Bosch und an surrealistische Gemälde. Das erinnert an Ernst Jünger, der den britischen Luftangriff auf Paris emphatisch als ästhetisches Spektakel begrüßte. Andererseits gibt es deutliche Unterschiede – Autorinnen schildern wahrscheinlich häufiger Zustände von Angst als ihre männlichen Kollegen. Auch soziale Aktivitäten mögen eine größere Rolle spielen. Es ist jedoch sehr interessant, wenn sich Frauen quasi-soldatische Tugenden abverlangen, da dies nicht mit dem gängigen Frauenbild zusammenpasst. Der Luftkrieg verkehrt die traditionellen Geschlechterrollen zumindest partiell: Die Soldaten an der Front können keine Schutzfunktion gegenüber den Frauen an der ‚Heimatfront‘ ausüben – sie sind vielmehr häufig erleichtert, nach einem schweren Bombenangriff bei ihrem Heimaturlaub wieder zur Front zurückzukehren, denn dort können sie wenigstens zurückschießen.

Was den Vergleich zu Großbritannien angeht, so sind verschiedene neuere Studien zum Luftkrieg wie Richard Overy oder Dietmar Süß vergleichend angelegt. Auch für die weiblichen Verhaltenslehren im Luftkrieg ist ein Vergleich sehr interessant. In Großbritannien ist die aktive Beteiligung von Frauen am Militär und in der Luftfahrt besser erforscht als für Deutschland, das ist eine wichtige Anregung. Es gibt Studien zu den Fliegerinnen der ATA (Air Transport Auxiliary), Autobiographien von Pilotinnen und systematische Erhebungen der zivilen Reaktionen auf den Luftkrieg, etwa in Form des Mass Observation Project. Die Rezeption des Luftkriegs und der weiblichen Beteiligung verlief deutlich positiver als in Deutschland, wo Beteiligung am Krieg zugleich Beteiligung am Nationalsozialismus bedeutete – womit sich nach Kriegsende niemand brüstete. Durch einen Vergleich lässt sich besser einschätzen, was spezifisch nationalsozialstisch war und was nicht.

Die Pilotin Elly Beinhorn (li.) und die ATA-Pilotin Jacqueline Cochrane (re.)

"Ruhe und Disziplin waren die wesentlichen Punkte"

L.I.S.A.: Ihr Betrachtungszeitraum setzt in der Zwischenkriegszeit ein – also nach dem Ersten Weltkrieg – und reicht bis kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Wovon war die Ausarbeitung von Verhaltenslehren stärker beeinflusst? Von der Erfahrungen des vergangenen Krieges oder von der Erwartung zukünftiger Kriege?

Dr. Kalff: Die ersten Luftangriffe erfolgten gegen Ende des Ersten Weltkriegs. Sie bewirkten keine große Zerstörung, versetzten aber die Zivilbevölkerung in Angst und Schrecken. Jedem militärischen Strategen war klar, dass der nächste Krieg auch im Luftraum stattfinden würde. Der Einsatz von Flugzeugen entgrenzte das traditionelle Schlachtfeld. In welcher Weise genau, darüber spekulierten Autoren wie Giulio Douhet und Erich Ludendorff mit ihren Thesen zum totalen Krieg. Die Luftfahrtindustrie und die Luftfahrttechnik entwickelten sich in den 1920er Jahren sehr stark. Pilotinnen und Ingenieurinnen wie Amy Johnson, Pauline Gower, Elly Beinhorn und Melitta Schiller hatten großen Anteil an dieser allgemeinen Popularisierung der Luftfahrt. Im Zusammenhang mit den fliegerischen Techniken entwickelten sich gleichfalls Verhaltenslehren – wie fliegt man ein Flugzeug, wie geht man mit bestimmten Gefahrensituationen um, z.B. mit Fallböen? Viele solcher oftmals impliziter Verhaltenslehren regulierten den Umgang mit moderner Technik, in diesem Fall dem Flugzeug. Die berühmteste deutsche Pilotin Hanna Reitsch visualisierte nachts im Bett fliegerische Routinen und berief sich bei dieser Technik auf die „Geistlichen Übungen“ des Begründers des Jesuitenordens, Ignatius von Loyola. Zu den fliegerischen Selbsttechniken gehört auch der Gebrauch von Stimulanzien wie Kokain und Pervitin. Flieger des Ersten Weltkriegs benutzten Kokain, um sich wachzuhalten. Wie und ob diese Tradition sich fortsetzte – zum Beispiel bei den frühen Langstreckenrekorden – ist nicht so leicht zu ergründen. Darüber wird in den autobiographischen Texten nicht gesprochen. Diese Art von Selbstpraktiken entwickelten sich parallel zur technischen Entwicklung und den Flugpraktiken – man denke nur an die vielen Rekorde im Höhen- und Langstreckenflug in dieser Zeit.

Was den Luftschutz angeht, so war die Orientierung an den Erfahrungen des Ersten Weltkriegs zentral. Es waren die einzigen Erfahrungen, die man überhaupt mit dem Luftkrieg hatte. Neben individuellen und professionellen Verhaltenslehren, von denen bislang die Rede war, gab es natürlich auch offizielle Verhaltensregulierungen, gerade im Zusammenhang des Luftschutzes. Ab 1935 wurde in Deutschland die Teilnahme an Luftschutzübungen und damit verbundenen Maßnahmen wie Verdunklung und Dachbodenentrümpelung verpflichtend. Hier und später im Bunker gab es zahlreiche Verhaltensvorgaben, die zum Teil öffentlich ausgeschrieben waren und deren Einhaltung von Luftschutzwarten und anderen Vertretern des Regimes durchgesetzt werden konnte. Ruhe und Disziplin waren die wesentlichen Punkte. Allerdings glaube ich, dass die Bunkergemeinschaft selbst einen mindestens ebenso großen Einfluss auf das Verhalten der Insassen hatte wie normative Vorgaben, gerade in der Endphase des Kriegs. Zum Beispiel war Kritik an der Regierung natürlich verboten, aber in der Menschenmenge ließ sich nicht feststellen, wer sie geäußert hatte. Zwischen Verordnungen und Praxis bestand gegen Ende des Kriegs ein erheblicher Unterschied.

Frauen retten Wertgegenstände nach einem Luftangriff auf London 1940.

"Das ohnehin schon sehr eingeschränkte Privatleben wurde weiter zurückgedrängt"

L.I.S.A.: Wie hat sich die Veränderung der Luftkriegsführung, vor allem die militärisch-technische Entwicklung sowie die strategische Neuausrichtung des Luftkriegs auf bewohnte Gebiete, auf die Verhaltenslehren ausgewirkt?  

Dr. Kalff: Der Luftkrieg richtete sich schon im Ersten Weltkrieg gegen zivile Ziele. In dieser Hinsicht gab es keine Neuausrichtung. Der Effekt der Angriffe war im Ersten Weltkrieg allerdings sehr gering. Das Flächenbombardement der Alliierten auf deutsche Städte ab dem Sommer 1943 war jedoch ein Novum und führte in Deutschland zum massiven Ausbau von öffentlichen Luftschutzräumen, insbesondere Bunkern und Stollen. Damit endet auch die Vergleichbarkeit mit Großbritannien – dort gab es keine Flächenbombardements. Infolge der neuen allierten Strategie wurde das deutsche System der Flugabwehr umgestellt, was auch zu einer verstärkten Einstellung von Frauen in den Nachrichtensystemen und als Flakhelferinnen führte. Es partizipierten deutlich mehr Frauen als zuvor aktiv am Luftkrieg.

Mit der Intensivierung der Angriffe auf die großen und mittelgroßen Städten verlagerte sich das Leben dort zunehmend in den öffentlichen Raum – Bunker wurden stark frequentiert, es war den Menschen klar, dass sie dort sicherer waren als in den Kellern der Häuser. Das Privatleben, ohnehin schon sehr eingeschränkt durch Kriegsdienst, Reichsarbeitsdienst und Verpflichtungen gegenüber anderen parteilichen und staatlichen Organisationen, wurde weiter zurückgedrängt. Öffentliche Einrichtungen wie die NSV, die Nationalsozialistische Volkswohlfahrt, bekamen eine größere Bedeutung, gerade für Ausgebombte, und ihre Arbeit wird von der Bevölkerung deutlicher und zumeist positiv wahrgenommen. Nur wenige, wie Kardorffs früh verstorbener Bruder, verstanden das Prinzip: „Klemm der Katze den Schwanz ein und lass sie wieder raus, dann wird sie voller Freude sein.“  

Weibliches Personal des River Emergency Service in Luftschutzräumen, London 1940.

"Von weiblichen Kriegserlebnissen wurde schon sehr bald nicht mehr geredet"

L.I.S.A.: Wie effektiv waren die Verhaltenslehren letztlich? Wurden sie befolgt?  

Dr. Kalff: Man muss zwischen drei Arten von Verhaltenslehren unterscheiden, jenen, die das individuelle Verhalten regulieren, professionellen Praktiken und offiziellen Verhaltensvorgaben, deren Einhaltung mit Zwangsmaßnahmen durchgesetzt werden kann. Die Grenzen sind fließend – fliegerische Verhaltenskodizes waren nicht verbindlich schriftlich niedergelegt, trotzdem wurden sie beachtet. In diesem Zwischenbereich bewegen sich auch die ganzen Verhaltensregeln von Luft- und Brandschutz. Die Journalistin Margret Boveri nannte Deutschland das Land der Ordnung. Ich würde sagen: des Organisierens. Die Organisation des Luftkriegs und seiner Folgen war unter schwierigen Bedingungen sehr effizient. Was das professionelle Verhalten angeht, so ging die Selbstbeschwörung, sich tapfer und soldatisch diszipliniert zu zeigen, bei der Pilotin Hanna Reitsch nahtlos über in eine irrationale Selbstaufopferung: Sie befürwortete fliegerische Selbstmordeinsätze, die selbst der Luftwaffe zu weit gingen. Soldatische Tugenden bis ins Extrem getrieben sind weder rational noch zweckmäßig. In Hinblick auf individuelle Verhaltenslehren wird oftmals übersehen, dass es sich um eine Art psychische Selbstregulierung handelt, sozusagen um eine gesunde Reaktion auf außergewöhnliche und bedrohliche Umstände. Die amerikanische Journalistin Martha Gellhorn wundert und ärgert sich, als ihr eine Frau in dem gerade befreiten Rheinland von den Bombardierungen und der Zerstörung ihres Hauses erzählt. Da sind Millionen von ermordeten Juden und die deutschen Kriegsverbrechen an der Zivilbevölkerung, und diese Frau schert sich nur um ihren zerstörten Hausstand? Sie hat ja auch recht. Aber natürlich sind es nicht nur die Möbel, die die Frau beschäftigen. Ein englischer Psychologe beobachtete schon 1941, dass Opfer des Luftkriegs wochenlang von nichts anderem als dem Angriff in allen Details und den von ihm angerichteten Schäden sprachen. Das Darüberreden verschafft eine seelische Erleichterung und einen gewissen Stolz, die Katastrophe überlebt zu haben. Als unmittelbare Reaktion auf einen solchen schweren Schlag, wie der Verlust des eigenen Hauses oder der eigenen Wohnung– schon Einbrüche haben ja ein seelisch bedrohliches Potential – scheint mir das durchaus verständlich. Wenn es fünf Jahre später immer noch ausschließlich um die zerstörten Möbel geht, ist das schon problematischer. Allerdings war es wohl eher so, dass über diese Art von Kriegserlebnissen abseits der Front – Luftangriffe, Flucht, Vertreibung, Vergewaltigungen, man könnte auch von weiblichen Kriegserlebnissen sprechen – schon sehr bald gar nicht mehr geredet wurde. Eine ganze Generation ist mit kriegstraumatisierten Eltern aufgewachsen, von deren Erfahrungen von Ohnmacht, Verlust und Unrecht sie nicht viel mehr kannte als die seelischen Folgen der Unfähigkeit, sich damit auseinanderzusetzen. Mich interessiert die Herkunft dieser übermäßigen emotionalen Brutalität und Kälte.

Dr. Sabine Kalff hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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