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Georgios Chatzoudis | 12.03.2013 | 4240 Aufrufe | Interviews

"Der Holocaust hatte keine mediale Priorität"

Interview mit Norman Domeier über Auslandskorrespondenten in NS-Deutschland

Die deutsche Presse war während des Nationalsozialismus gleichgeschaltet. Nicht mehr Journalisten, sondern "Schriftleiter" berichteten im Dienste des Regimes über das Geschehen. Doch wie sahen die Arbeitsbedingungen für ausländische Journalisten in Deutschland aus? Durften sie weiterhin frei berichten? Welches Deutschlandbild transportierten sie in ihre Heimatländer? Der Historiker Dr. Norman Domeier von der Universität Stuttgart geht diesen und anderen Fragen nach. Wir haben ihn um einige Antworten gebeten.

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Dr. Norman Domeier

"Im Mittelpunkt stand bisher 'die andere Seite' des Journalismus"

L.I.S.A.: Herr Dr. Domeier, Sie beschäftigen sich zurzeit mit den Auslandskorrespondenten im Dritten Reich, also damit, wie ausländische Journalisten aus und über Deutschland in der Zeit von 1933 bis 1945 berichtet haben. Ist das nicht ein bereits breit untersuchtes Forschungsfeld? Was erhoffen Sie sich von Ihrer Untersuchung?

Dr. Domeier: Tatsächlich ist das Thema eine bekannte Lücke in der Geschichte des Dritten Reiches. Im Mittelpunkt stand bisher „die andere Seite" des Journalismus, also der staatliche Propaganda-Apparat mit der charismatischen Figur Joseph Goebbels an der Spitze. Ein Grund ist die Quellenlage, denn die ist immer der zentrale Punkt für die Arbeit eines Historikers: Die erhaltenen Propaganda-Akten sind recht bequem in Deutschland einsehbar. Die Nachlässe der Auslandskorrespondenten hingegen sind auf der ganzen Welt verstreut, mitunter in abgelegenen Archiven. Neben Beständen in London und Washington werde ich Material in Stockholm und Bern, in Moskau und Jerusalem einsehen müssen. Es ist bereits von der Recherchetätigkeit her ein globalgeschichtliches Thema.

Dieser Aufwand ist aber auch eine große Chance, denn ich erhoffe mir, sowohl das Mediensystem des totalitären Zeitalters als ein globales System rekonstruieren zu können, als auch den Nationalsozialismus als eine global agierende Bewegung kenntlich zu machen. Trotz aller historischen Singularität ergeben sich dadurch vielleicht Bezugspunkte für den medialen Umgang mit heutigen Diktaturen, denken Sie an das schwierige Verhältnis der Weltöffentlichkeit zu autoritären und diktatorialen Regimen wie Kuba, Venezuela, Iran, China oder Nordkorea.

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William L. Shirer berichtet vom Waffenstillstand in Compiegne 1940

"Die Zeitgenossen außerhalb Deutschlands erfuhren beinahe alles"

L.I.S.A.: Welches Deutschlandbild haben die Auslandskorrespondenten in den Jahren 1933 bis 1945 gezeichnet? Ist es das Bild, das wir heute von NS-Deutschland haben? Haben Franzosen anders berichtet als Engländer oder Amerikaner? Und wie verhielt es sich zum Deutschlandbild, das vor allem Joseph Goebbels bemüht war zu zeichnen?

Dr. Domeier: Dies sind wichtige Fragen meiner Forschung. Die heutige Vorstellung der breiten Öffentlichkeit vom nationalsozialistischen Deutschland ist weitgehend von der NS-Propaganda bestimmt. Wir sind, wenn man es zugespitzt sagen will, späte Opfer des Goebbels'schen Propaganda-Apparates. Nehmen Sie das Bild, das in den meisten aktuellen Fernsehdokumentationen dargestellt wird: Trommelwirbel, Blitzkriege, alte Männer, die sich daran erinnern, wie sie als kleine Schräubchen in einem angeblich perfekten Mechanismus funktioniert haben.

Die Wirklichkeit des NS-Staates war weitaus vielschichtiger, denn sie war vor allem durch Gegenläufigkeiten und Machtkämpfe gekennzeichnet. Und genau darüber erfuhren die Zeitgenossen – außerhalb Deutschlands – auch beinahe alles, so meine These. Jeder Franzose konnte bis 1939, jede Amerikanerin bis 1941 und jeder Schweizer sogar bis 1945 die meisten Ereignisse, Entwicklungen und Widersprüche des Dritten Reiches in seiner morgendlichen Zeitung mitvollziehen. Kurzum: Wir hängen heute immer noch dem Propagandabild des Dritten Reiches an den Lippen, das für die Menschen im Binnenraum der Diktatur per Presseanweisungen gezeichnet wurde. Die Medienwirklichkeit im Rest der Welt war aber eine ganz andere, und sie harrt immer noch der Erforschung.

Die zentrale Figur aber, die für die Information der Weltöffentlichkeit über die Vorgänge in NS-Deutschland sorgte, das war der Auslandskorrespondent, bzw. die Auslandskorrespondentin. Das Berlin der 1930er Jahre war auch das Arbeitsfeld für die ersten hauptberuflichen Korrespondentinnen, etwa die Französin Stéphane Roussel, die ihre beeindruckende Karriere nach dem Zweiten Weltkrieg in der Bonner Republik fortsetzte.

Natürlich sind dabei große Unterschiede feststellbar. Es gab auch amerikanische, britische und französische Journalisten, die Sympathien für Antisemitismus und Nationalsozialismus hegten. Umgekehrt waren die Korrespondenten aus dem faschistischen Italien in den ersten Jahren des NS-Regimes besonders kritische Journalisten. Generell galt jedoch: Die amerikanische Presse besaß die größte Narrenfreiheit, das Regime traute sich an sie, im Gegensatz etwa zu Briten und Franzosen, kaum heran. Wer die amerikanische Presse las, konnte sich keinen Illusionen über den "schönen Schein des Dritten Reiches" hingeben, wie ihn die Propagandisten um Goebbels immer wieder neu zu erzeugen versuchten.

"Bis 1939 konnten die Auslandskorrespondenten frei berichten"

L.I.S.A.: Unter welchen Bedingungen konnten Auslandskorrespondenten im Dritten Reich arbeiten? Waren Sie in ihrer Arbeit vielen Vorschriften unterworfen? Konnten Sie frei berichten?

Dr. Domeier: Bis zum Kriegsausbruch 1939 konnten die Auslandskorrespondenten sich frei bewegen, frei recherchieren und frei berichten. Im Gegensatz zu ihren Kollegen von der gleichgeschalteten deutschen Presse, die nun nicht mehr als Journalisten, sondern als "Schriftleiter" im Dienste des Regimes zu agieren hatten, waren sie nicht an das ausgefeilte System von Pressekonferenzen, Presseanweisungen und Sprachregelungen gebunden, das die deutsche Öffentlichkeit nach 1933 in der Tat zu einem diktatorial beherrschten Raum machte, in dem im besten Fall noch "zwischen den Zeilen" gelesen werden konnte.

Allerdings konnten sich die Auslandskorrespondenten nach 1933 nicht mehr so stark wie in der Weimarer Republik auf ihre Stringer verlassen, ihre deutschen Zuarbeiter und Informanten. Auf sie wie auch auf die Sekretärinnen und festen Mitarbeiter hatte die Gestapo nun einen unmittelbaren Zugriff. Diesen Einschnitt kompensierten die britischen und amerikanischen Korrespondenten aber durch den Abbau des an anderen Nachrichtenorten harten Konkurrenzdruckes und den Aufbau einer ungewöhnlich starken Solidarität untereinander: In dem legendären Berliner Lokal "Taverne" tauschten sie allabendlich Informationen aus und koordinierten ihre Berichterstattung bei besonders heiklen Themen.

Zum hohen Spielraum der Auslandskorrespondenten trug auch der künstlerische, vom eigenen Genie überzeugte Umgang Goebbels' und seiner führenden Mitarbeiter mit der Auslandspresse bei. Was viele heute nicht wissen: Es gab im Dritten Reich selbst während des Zweiten Weltkrieges keine Vorzensur, außer für Radioberichte. Das Propagandaministerium und das ebenfalls für die Korrespondenten zuständige Auswärtige Amt versuchten die Weltöffentlichkeit sehr subtil zu beeinflussen. Gerade bei der mächtigen amerikanischen Presse stießen sie jedoch an ihre Grenzen. Ihre Berichterstattung ließ sich kaum korrumpieren. US-Korrespondentinnen wie Sigrid Schultz von der Chicago Tribune berichteten aus Berlin bis 1941 in gnadenloser Offenheit über die dunklen Seiten des Regimes. Nicht einmal den Ausdruck "Nazi", der auch im Englischen sehr abfällig klang, ließen sich die US-Korrespondenten verbieten. Im Gegenteil: Sie gebrauchten ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit, wodurch selbst die schönsten Propaganda-Meldungen konterkariert wurden.

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Louis P. Lochner und Joseph Goebbels

"Auslandskorrespondenten besaßen ein quasi-diplomatisches Prestige"

L.I.S.A.: Wie hat die NS-Propaganda auf die Berichterstattung des Auslands reagiert?

Dr. Domeier: Sehr filigran, sehr auf den Einzelfall abgestimmt. Hier zeigte sich auch, in welchem Ausmaß das NS-Regime global zu agieren verstand. Amerikanische Zeitungsartikel wurden nicht nur von den dafür eigens eingerichteten Stellen bei der deutschen Botschaft in Washington und in den verschiedenen deutschen Konsulaten in Nordamerika gelesen. Immer wieder erhielt Berlin auch Informationen zu aufsehenerregenden Zeitungsartikeln oder Radioberichten von Nazi-Sympathisanten aus der ganzen Welt, dies konnte ein Kleinbürger aus dem amerikanischen Mittleren Westen ebenso sein wie ein Englandhasser aus der Führungsschicht Bombays oder Singapurs. Die Berliner Auslandskorrespondenten waren also wirklich einer globalen Kontroll- und Reaktionsspirale unterworfen.

Wenn Auslandskorrespondenten für ihre Berichterstattung betraft oder belohnt werden sollten, bot sich dem Regime eine ganze Palette nach dem alten Rezept "Zuckerbrot und Peitsche". Allzu kritischen Korrespondenten wurde das Arbeitsleben schwer bis unmöglich gemacht, etwa indem sie nicht mehr zu offiziellen Terminen eingeladen, Telefone überwacht oder abgeschaltet, einheimische Mitarbeiter bedroht wurden. Auch einige Verhaftungen durch die Gestapo sind belegt. Gefällige Journalisten durften es sich nach 1939 beispielsweise in zwei luxuriös eingerichteten "Auslandspresseclubs" in Berlin gutgehen lassen, in denen im krassen Gegensatz zur kriegsbedingten Rationierung der Champagner in Strömen floss.

Im Extremfall zögerte das NS-Regime jedoch nicht, missliebige Auslandskorrespondenten auszuweisen. An dieser Praxis, die immer mit internationalen Verwicklungen einherging, zeigt sich interessanterweise das quasi-diplomatische Prestige, das Auslandskorrespondenten damals besaßen: Eine Ausweisung zog immer Gegenmaßnahmen des anderen Staates nach sich. Als 1938 mehrere NS-Korrespondenten wegen Spionagetätigkeit London verlassen mussten, hatte auch der allseits respektierte Berliner Korrespondent der Times Norman Ebbutt seine Koffer zu packen. Für viele Korrespondenten bedeutete die Ausweisung aus Nazi-Deutschland einen schweren Karriereknick, denn Berlin galt damals als der spektakulärste Nachrichtenumschlagplatz der Welt.

"Für uns heute unfassbar, aber die traurige Wahrheit"

L.I.S.A.: Konnten Journalisten in Nazi-Deutschland investigativ arbeiten? Gab es größere Enthüllungsstorys, die Sie nennen könnten? War es beispielsweise möglich, den Mord an den europäischen Juden zeitnah zu recherchieren? Ist darüber berichtet worden? Oder gingen solche Meldungen in der Berichterstattung über das Kriegsgeschehen regelrecht unter?

Dr. Domeier: Beachtlicherweise versuchten viele Auslandskorrespondenten trotz des Zuckerbrot-und-Peitsche-Systems der NS-Machthaber immer wieder investigativ zu recherchieren und durch Enthüllungsstories oder die schnellste Berichterstattung, sogenannte Scoops, ihr Prestige zu erhöhen. Schon wenige Wochen nach der Machtübernahme 1933 berichteten die Auslandskorrespondenten über die Errichtung der ersten Konzentrationslager in Deutschland, in denen damals noch vorwiegend politische Gegner misshandelt und ermordet wurden. Der linksgerichtete Manchester Guardian etwa machte dies zu einem Dauerthema seiner Berichterstattung und er konnte sogar auf Informanten bei der Berliner Polizei zurückgreifen. Der französische Korrespondent Jules Sauerwein von Paris-Soir hingegen, der als erster Auslandskorrespondent das KZ Sonnenburg bei Berlin besuchen durfte, wollte dort nichts als preußische Korrektheit erkennen. Er ließ sich das Lager, in dem auch der Friedensnobelpreisträger Carl von Ossietzky inhaftiert war, von einem ihm sympathischen SS-Mann als "Besserungsanstalt für politisch Verirrte" verkaufen.

Andere Auslandskorrespondenten trieb das journalistische Gespür dazu, hohe persönliche Gefahren einzugehen, wie den britischen Journalisten Noel Panter. Er versuchte durch riskante Recherchen die geheime Wiederaufrüstung Deutschlands zu enthüllen. Im "Fall Panter" reagierte das Regime mit der härtesten Sanktion gegenüber Auslandskorrespondenten: Panther wurde sofort verhaftet und ausgewiesen. Während Panther als Militärspion verunglimpft wurde, störte 1936 der amerikanische Star-Korrespondent William Shirer das freundliche Bild, das NS-Deutschland während der Olympischen Spiele von sich liefern wollte. Er berichtete über das kurzzeitige Abhängen antisemitischer Schilder und Slogans an den Spielorten und entlarvte damit die Augenwischerei der Propaganda gegenüber der Weltöffentlichkeit. Die Folge war eine scharfe Denunziationskampagne der deutschen Presse, die Shirer als "dreckigen Juden" attackierte, wodurch sie eben doch ihre antisemitische Fratze zeigte.

Der Mord an den europäischen Juden ist sicher das schwierigste Kapitel bei der Untersuchung der Auslandskorrespondenten. Nach meinem jetzigen Forschungsstand waren die nach dem Kriegseintritt der USA in Berlin verbliebenen "freien" Korrespondenten, also vor allem die Schweden und Schweizer, zu schwach, ihre Heimatländer selbst zu stark militärisch bedroht, um hier investigativ zu recherchieren oder auch nur größere Schlagzeilen zu lancieren. Die in der amerikanischen Presse auftauchenden Randnotizen zu "Exzessen" und "Pogromen" gegen Juden irgendwo "im Osten" wurden von vielen Menschen entweder für überzogen und für Kriegspropaganda der Alliierten gehalten oder sie gingen schlichtweg im globalen Nachrichtenstrom unter, der vor allem auf militärische Bewegungen konzentriert war. Für uns heute mag es unfassbar sein, aber die traurige Wahrheit ist: Der Holocaust wurde in der internationalen Presse keinesfalls totgeschwiegen, nur besaß er in the heat of the action des Zweiten Weltkrieges keine politische, keine militärische und auch keine mediale Priorität.

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