Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 30.11.2011 | 3917 Aufrufe | Interviews

"Der Euro-Raum ist wirtschaftlich tot"

Interview mit Prof. Dr. Werner Plumpe

Hochverschuldete Staaten, Rekordzinsen, Rezession - was tun? Sparen oder neue Kredite aufnehmen? Über diese Frage streiten sich zurzeit Ökonomen und Regierungschefs. Hilft dabei vielleicht ein Blick zurück, um aus der Geschichte zu lernen? Oder erleben wir gegenwärtig eine historisch beispiellose Krise?

Wir haben dem Wirtschaftshistoriker Prof. Dr. Werner Plumpe von der Universität Frankfurt am Main diese und andere Fragen gestellt. Zusätzlich zu seiner Tätigkeit als Hochschullehrer ist Prof. Dr. Werner Plumpe unter anderem Vorsitzender des Verbandes der Historiker und Historikerinnen Deutschlands (VHD).

Zoom

Prof. Dr. Werner Plumpe

"Ausmaß der Staatsschuldenkrise ist ohne historisches Vorbild"

L.I.S.A.: Herr Professor Plumpe, wenn man der allgemeinen medialen Berichterstattung folgt und die sich ständig überschlagenden Zahlen zu Schulden und Haushaltsdefiziten auf sich wirken lässt, hat man das Gefühl, in einer historisch beispiellosen Wirtschaftskrise zu stecken. Stimmt der Eindruck?

Prof. Plumpe: Der Eindruck ist sowohl richtig als auch falsch. Falsch ist er insofern, als die Wirtschaftskrise der Jahre 2008/2009 durchaus tiefgreifend war und zumindest im deutschen Fall den stärksten Rückgang des Bruttoinlandsproduktes nach dem Krieg zur Folge hatte. 2010 wuchs die deutsche Wirtschaft allerdings bereits wieder kräftig; in diesem Jahr wird es ebenfalls ein deutliches Plus geben.

Auch wenn sich das Wachstum wohl abschwächen wird, handelte es sich 2008/2009 daher um eine normale Rezession, deren Erscheinungsbild durch die Finanzkrise dramatischer ausfiel, als sie in Wirklichkeit war. Das mag auch dazu beigetragen haben, dass die Politik in den großen Industriestaaten aus Angst vor einem Zusammenbruch des Finanzsystems sehr viel Geld in die Hand genommen hat, um sogenannte systemrelevante Akteure (also Banken) zu retten.

Das hat allerdings vor allem dazu geführt, daß die Finanz- und Bankenkrise in die Länge gezogen wurde und in gewisser Hinsicht bis heute anhält; vor allem aber haben diese Aktionen, mit denen der Krisenmechanismus ausgebremst werden sollte, die ohnehin hoch verschuldeten Staaten sehr viel Geld gekostet, so dass sich nun eine weltweite Staatsschuldenkrise eingestellt hat. Deren Ausmaße sind in der Tat neu und ohne historisches Vorbild.

"Die Weltwirtschaftskrise 1929 eignet sich nicht als Vergleichsmaßstab"

L.I.S.A.: Was unterscheidet die aktuelle Wirtschaftskrise von anderen großen ökonomischen Zäsuren der Vergangenheit?

Prof. Plumpe: Die Wirtschaftskrise 2008/2009 unterschied sich nicht grundlegend von früheren Wirtschaftskrisen. Nimmt man die Weltwirtschaftskrise von 1929 als Maßstab, so fiel die Krise 2008 allerdings sehr viel moderater aus, sie traf vor allem relativ wohlhabende Länder und hatte daher nicht die sozial desaströsen Folgen wie die Weltwirtschaftskrise.

Alle Vergleiche zu ihr waren und sind daher falsch und verleiten die Staaten nur zu mehr oder weniger wirkungslosen Konjunkturprogrammen. Die Weltwirtschaftskrise eignet sich aufgrund ihrer besonderen, durch die unbewältigten Folgen des Ersten Weltkrieges bedingten Merkmale überhaupt nicht als Vergleichsmaßstab. Nimmt man die Krisen des 19. Jahrhunderts oder die der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts zum Vergleich, so zeigt sich die Normalität der Krise von 2008/2009.

"Demokratien haben ein Problem mit der Haushaltsdiziplin"

L.I.S.A.: Zur Bezeichnung der aktuellen Krise, kursieren unterschiedliche Begriffe: die einen sprechen von der Schulden- bzw. Verschuldungskrise, die anderen sehen in der aktuellen Situation vor allem eine allgemeine Finanzkrise. Während im ersten Fall die Staaten als Verursacher gelten, zielt der zweite Ansatz auf die Finanzmärkte. Was trifft tatsächlich zu?

Prof. Plumpe: Gegenwärtig haben wir es nicht mit einer Wirtschafts- und/oder Finanzkrise zu tun, sondern mit einer Krise der staatlichen Handlungsfähigkeit infolge undisziplinierter und fehlerhafter Haushaltsführung. Obwohl die Zinsen für alle Euro-Staaten seit dessen Einführung historisch niedrig waren, hat man das nicht als Anreiz zur Entschuldung genutzt, sondern im Gegenteil die Verschuldung in bis dato unbekannte Höhen getrieben, weil man glaubte, sich das jetzt bei den niedrigen Zinsen ohne weiteres leisten zu können. Demokratische Systeme haben ohnehin ein Problem mit der Haushaltsdisziplin; niedrige Zinsen wirken da geradezu wie Prämien auf Schluderei.

Die Wirtschafts- und Finanzkrise 2008/2009 hat die Party brutal beendet, und zwar aus zwei Gründen: Einerseits wollten die selbst klammen Banken von den unsicheren Staaten  nun höhere Zinsen, andererseits verschuldeten sich die Staaten, um jeweils ihre eigenen Banken zu retten. Das hat in den Teufelskreis kriselnder Banken und zunehmend zahlungsunfähiger Staaten geführt. Eigentlich hätte jetzt längst Remedur geschaffen werden müssen, und zwar durch die nötigen Bankerotte bei Banken und überschuldeten Staaten, doch hat diese Lösung so große Ängste hervorgerufen (um den Euro, um die Banken, um die Exportwirtschaft), dass die Politik an den Rettungsmaßnahmen festhält, die die derzeitige Krise im Grunde überhaupt erst ermöglicht haben.

"Politik hat gegen kapitalistische Krisenmechanismen geputscht"

L.I.S.A.: Inwiefern sind Krisen, wie wir sie jetzt erleben, historisch betrachtet systemimmanent bzw. Teil einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung?  

Prof. Plumpe: Das, was wir momentan erleben, hat mit Kapitalismus nichts zu tun, im Gegenteil! In einer funktionierenden kapitalistischen Ökonomie wären jetzt zahlreiche Banken, allerdings auch einige Staaten zahlungsunfähig. Man müßte dann auf dieser gereinigten Basis neu anfangen. 

Die Politik hat mit den zuvor geschilderten Folgen allerdings gegen die kapitalistischen Krisenmechanismen geputscht – und steht jetzt vor dem Scherbenhaufen angeschlagener Banken und zahlungsunfähiger Staaten. Doch anstatt endlich zu einer grundlegenden Bereinigung zu kommen, die auch den bisher reformunwilligen Staaten wie Italien zügig Beine machen würde, verlängert man die Probleme auf Pump weiter. Das dicke Ende kommt; es wird nur hinausgeschoben.

"Eurobonds halten den Kranken krank und schwächen die Helfer"

L.I.S.A.: Zur Sanierung der hochverschuldeten Staatshaushalte in Europa setzen die einen vor allem aufs Sparen, die anderen fordern eine Flutung der Kreditmärkte mit frischem und billigem Geld der EZB oder auf Anleihen der europäischen Staaten, den so genannten Eurobonds. Wer hat Recht?

Prof. Plumpe: Euro-Bonds, Stabilitätsbonds, Elitebonds, oder wie das alles heißt, haben einen wesentlichen Effekt – sie senken, wenn alles gut geht, die Zinsen, die die angeschlagenen Euro-Länder zahlen müssen, freilich um den Preis, dass dann Deutschland, die Niederlande, Finnland etc. höhere Zinsen zahlen müßten. Das Ergebnis ist absehbar: Für die einen sinkt der Grund für Strukturreformen, weil man sich wieder billiger verschulden kann, die anderen bekommen Probleme der Kreditwürdigkeit und der Zahlungsfähigkeit.

Wie man die Staatsschuldenkrise dadurch bekämpfen will, daß man den Kranken weiterhin krank hält, dafür aber die Helfer schwächt, ist nicht nachvollziehbar. So etwas lebt wahrscheinlich vom Druck der Lobbyisten, die nur ihre eigene Rendite im Kopf haben, und von der Hoffnung, irgendetwas werde schon passieren, wenn die Zeit ins Land geht. Die eine Haltung ist egoistisch, die andere bestenfalls blauäugig. Dass SPD und Grüne sich für Eurobonds einsetzen, mit denen der deutsche Steuerzahler für die Lücken büßt, die die Superreichen etwa in Griechenland durch ihre Steuerverweigerung gerissen haben, ist historisch gesehen schon bemerkenswert!

"Ein Ende des Euros bedeutet nicht ein Ende Europas"

L.I.S.A.: Was müsste Ihrer Meinung nach passieren, um auf lange Sicht stabile wirtschaftliche Verhältnisse in Europa zu schaffen? Welche Rolle spielt dabei die Forderung, die Finanzmärkte mehr zu regulieren?
 
Prof. Plumpe: Der Euro-Raum ist wirtschaftlich tot; er wird derzeit künstlich am Leben gehalten. Ohne die Kreditspritzen aus Deutschland etc. wäre er längst untergegangen. Das kann man noch eine Zeitlang weitertreiben; dann ist das Geld alle und man muss zur Notenpresse greifen, wodurch über kurz oder lang die eigenen Bürger enteignet werden.

Man sollte daher nach einer währungspolitischen Lösung suchen, die den einzelnen Ländern genug Spielräume für eigene Anpassungsprogramme läßt. Das wird nicht ohne Lasten gehen, da in Zukunft nur das ausgegeben werden kann, was auch erwirtschaftet wird. Das ist zum Teil deutlich weniger als im Moment, wo der Verbrauch über Kredite künstlich aufgebläht ist.

Aber es hilft nichts. Nüchterne ökonomische Disziplin ist gefragt und verantwortungsvolles politisches Handeln. Und dazu gehört auch, das apokalyptische Reden zu beenden, wonach ein Ende des Euros ein Ende Europas bedeute. Das mag aus Sicht der Brüsseler Bürokratie so sein; ansonsten hängt Europa aber keineswegs allein an einer Währung, die ohnehin nur eine technische Angelegenheit ist, die entweder funktioniert oder nicht.

Europa ist viel zu viel wert, um es von einer derartigen Frage abhängig zu machen! Die Finanzmärkte mag man von mir aus regulieren, nur hat das mit der aktuellen Staatsschuldenkrise nichts zu tun. Auch regulierte Banken nehmen Zinsen; und auch kontrollierte Finanzmärkte würden Griechenland anders taxieren als die Schweiz. Die Regulierung der Finanzmärkte – das ist ein Kampf gegen die wirklichen oder vermeintlichen Ursachen der Krise von 2008/2009. Heute ist die Lage völlig verändert.

Prof. Dr. Werner Plumpe hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar erstellen

T1RJPH