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Georgios Chatzoudis | 10.07.2014 | 4012 Aufrufe | Interviews

"Der Erste Weltkrieg ist uns näher, als wir dachten"

Interview mit Thomas Schleper über die Ausstellung '1914 - Mitten in Europa'


Zum hundertsten Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs zeigen das LVR-Industriemuseum und das Ruhr Museum vom 30. April bis 26. Oktober 2014 in der Mischanlage der Kokerei Zollverein in Essen die Ausstellung „1914 – Mitten in Europa“. Erstmals versammelt der Landschaftsverband Rheinland (LVR) all seine Museen und Kulturdienste unter einem Themendach  und lädt zudem externe Partner ein. Das Ergebnis: 14 Ausstellungen, 30 Exkursionen und über 200 Rahmenprogramme mit Aktionstagen.Wir haben den Leiter des Projekts "1914 - Mitten in Europa", Prof. Dr. Thomas Schleper, nach Konzept und Ziel der Gesamtschau gefragt.

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"Per Standseilbahn eine 150 Meter lange Reise antreten"

Blick in die Ausstellung auf der Trichterebene der Mischanlage

L.I.S.A.: Herr Dr. Schleper, Sie sind Leiter des Projekts „1914 – Mitten in Europa“ des Landschaftsverbands Rheinland, das zurzeit vor allem als gleichnamige Ausstellung seit Ende April in der Mischanlage der Kokerei Zollverein in Essen sichtbar ist. Was gibt es zu sehen? Haben Sie ein paar Highlights für uns?

Dr. Schleper: Die Mischanlage mit der Standseilbahn ist schon ein Highlight für sich. Ein „Aggregat“, das nicht für Menschen gebaut wurde und nun zum zweiten Mal, nämlich nach der Präsentation „Sonne Mond und Sterne“ (1999), eine große Publikumsausstellung aufnimmt.

Blick in die Ausstellung auf der Verteilerebene der Mischanlage

Was diesen für die Ausstellung neugenutzten Industriebau betrifft, so ist es meines Erachtens. sehr gut gelungen, das anspruchsvolle und komplexe Thema „1914“ so zu integrieren, dass dessen nun wieder zugänglich gemachte architektonische Dramatik für die Dramaturgie der Ausstellung sozusagen kongenial zur Wirkung kommt: unter Ausnutzung seiner schieren Größe (Grundfläche: 36,60 x 24,60 Meter), seiner Höhe von insgesamt 35 Meter, seiner Binnenstruktur (samt Beschickungsanlage), die in Szenerien verwandelt wurden, um die Abschnitte und Themen der Ausstellung nicht nur aufzunehmen, sondern auch atmosphärisch in ihren Aussagen zu unterstützen. Hier hat Jürg Steiner mit seinem Team als Gestalter und Ausstellungsarchitekt auch all seine Erfahrung aus der „Sonne, Mond und Sterne“-Präsentation einbringen können.

Die Zentralausstellung des Gesamtprojektes gleichen Namens lässt nämlich den Besucher zunächst per Standseilbahn eine 150 Meter lange Reise antreten, um die obere Ebene der „Kopfstation“ zu erreichen, wo die zum Teil luftigen Utopien der Moderne verhandelt werden, die vor 1914 den Fortschrittsoptimismus befeuerten: Ideen vom Sozialismus, von der Volksgemeinschaft, von einer neuen Verbundenheit mit der Natur, vom neuen Menschen. „So viel Zukunft war nie“ lautet die entsprechende Überschrift. Wie ein Prolog ist dieser Abschnitt der Ausstellung konzipiert, der auch die schon kursierenden Dystopien nicht verschweigt. Die kristallinen Visionen von Glashäusern und Stadtkronen eines Bruno Taut werden konterkariert von den Angstbildern apokalyptischer Landschaften und Städte, wie sie Ludwig Meidner etwa gleichzeitig gemalt hat. So kündigt sich schon die „Janusköpfigkeit“ der Zeit am Vorabend des Ersten Weltkrieges an, die sich programmatisch durch die gesamte Ausstellung zieht.

"Eine 'neue Nervosität' breitete sich aus"

Blick in die Ausstellung auf der Verteilerebene der Mischanlage

Das 3. Obergeschoss, die Verteilerebene, ist den weiteren Beispielen eines verheißungsvollen „Aufbruchs in die Moderne“ an Rhein und Ruhr gewidmet. Wirtschaftliche Globalisierung, städtebauliche Infrastrukturprogramme, technische Errungenschaften wie elektrische Schwebebahn oder Telefon, Freizeitentwicklung, soziale Verbesserungen auch für die Arbeiterschaft und Anfänge einer Konsumgesellschaft spiegeln den Glanz eines großen Versprechens der industriellen Moderne. Doch es herrschte auch das Regiment von Disziplin, bürgerlicher Tugenden und neuer Leistungsanforderungen, eine „neue Nervosität“ breitete sich aus. Das Militär mit seinen Regeln und Rängen hatte eine zentrale Bedeutung für das Zusammenleben im Kaiserreich. So lenkt nicht nur das knallrote Elektroautomobil „Runabout“ von 1903 die Blicke auf sich, auch eine Vitrine mit der Moulage einer „Schnürfurche der Leber“ findet sich auf dieser Etage: An den Folgen des engen Schnürens werden die gesundheitsschädlichen Folgen einer Disziplinierung deutlich, die von einem noch traditionellen Körperideal der Frau ausging. Demgegenüber dürfte das „Reformkostüm mit Jacke für den Tag“ oder der „Turnkittel des 1. Turnvereins für Frauen in Köln“ auch heute noch als befreiende Antwort auf die „Unnatur“ der herkömmlichen Kleidung verstanden werden.

Blick in die Ausstellung auf der Trichterebene der Mischanlage

Über einen leichten Schwindel hervorrufenden Treppeneinbau erreicht man das 2. Obergeschoss mit seinen 12 Bunkern. Der nackte Eisenbeton stimmt in jene düstere Atmosphäre ein, die die zweite Hauptstation der Präsentation, nämlich die von „Gewalt und Zerstörung-Der Krieg im Westen“, begleitet.

"Der Besucher läuft über eisernen Schrott"

Bild links: Nagelfigur „Eiserner Georg“ aus Krefeld, Skulptur von Helene von Beckerath, 1916, Leihgeber: Museum Burg Linn © Ruhr Museum, Fotograf Rainer Rothenberg
Bild rechts: Offizier in Uniform, Carte de Visite, 1914-1918, Sammlung LVR-Industriemuseum © LVR-Industriemuseum

Während auf den abschüssigen, weiter nach unten auf die nächste Ebene weisenden, umgekehrt-pyramidal geformten Trichterwänden zeitgenössische Filmsequenzen von Tod und Zerstörung in bewegten und bewegenden Bildern flimmern, posieren auf der Ausstellungsebene todbringende Waffen aus der „Waffenschmiede des Deutschen Reiches“ und anderer Rüstungsbetriebe: das Maschinengewehr mit dem schier unverdächtigen Namen „08/15“, die schwere Feldhaubitze M 1913. Auch baut sich hier der „Eiserne Georg“ aus Krefeld auf, eine Nagelfigur (der Bildhauerin Helene von Beckerath), die, wie vergleichbare Beispiele anderer Städte, Spenden für den Krieg eintrieb. Eine Wandgroße Gedenktafel für 283 gefallene Männer aus der katholischen St.-Joseph-Gemeinde Essen-Katernberg, biblisch bebildert, reiht die Namen der Gefallenen in alphabetischer Folge auf: Der Tod zeigt sich hier von seiner streng demokratischen Seite. Beeindruckend, dass der Besucher auch über eisernen Schrott läuft, der die zumeist im Ruhrgebiet produzierten Tötungsmittel sozusagen nach erfolgtem Gebrauch auf den Schlachtfeldern für die ausstellende Reflexion jetzt fragmentarisch an den Ort ihrer Entstehung zurückholt.

Bild links: Soldaten mit Gasmasken an einem schweren MG, 1918, © Leihgeber: Bibliothek für Zeitgeschichte in der Württembergischen Landesbibliothek, Stuttgart
Bild rechts: Französische Soldaten und Panzer in der Hochstraße, Bochum, 1923,© Leihgeber: Stadt Bochum, Presseamt

Ein zum Gruseln einladendes Ausstellungsstück bildet für mich das Gemälde von Otto Bollhagen, das um 1915 entstand. Es zeigt Männer in weißen Anzügen, die wie Marsmenschen aussehen, bevor sie eine weiße, aus Flaschen aufsteigende Wolke vernebelt. Titel des seltenen wie seltsamen Bildes: Giftgasversuch zur Erprobung von Gasmasken auf der Wahner Heide in Köln. Eines der herausragenden „(Wahn-)Sinn(s)bilder“ für Dehumanisierung und Brutalisierung, die sich schon an der „Heimatfront“ zeigt.

"Das militärische Männlichkeitsideal steht neben dem Mythos 'Neue Frau'"

Bild links: Orangefarbenes Charlestonkleid bestickt mit Silberperlen und grauer Federboa, 1920er-Jahre
Bild Mitte: „Stresemann“ der Gesellschaftsanzug mit grau-schwarz gestreifter Hose, benannt nach dem Politiker Gustav Stresemann, 1920er Jahre
Bild rechts: Matrosenanzüge für Kinder und Matrosenkleid für junge Frauen, 1900-1910

Weiter der Schwerkraft und letztlich dem alten Weg der Kohle folgend erreicht der Besucher über einen geschwungenen Treppenlauf die „Trichterebene“ im 1. Obergeschoss. Ein Raum, in den die trichterförmigen Ausläufer der Bunker wie offene Münder hinab reichen und zusammen mit dem hier einfallenden Tageslicht und dem Arrangement der Verglasungen und Vitrinen-Schaukästen eine Art kristalliner Raumstruktur erzeugen. Hier wird nämlich das Schlusskapitel aufgeschlagen, das sich der Zwischenkriegszeit an Rhein und Ruhr widmet. Headline: „Die entzauberte Moderne“. Die Coolness dieses Raumes entspricht der Ernüchterung vieler Utopien, darunter die Hoffnung auf mehr gesellschaftliche Emanzipation, auf die wohl Frauen gesetzt hatten, als sie die Arbeitsplätze der eingezogenen Männer einzunehmen hatten und diese nun wieder zur Verfügung stellen mussten. Doch manches wird auch erreicht in der neuen Weimarer Republik, das Frauenwahlrecht etwa, die Befreiung vom Stuck durch „neue Sachlichkeit“. Die bereits begonnene Rationalisierung wird fortgeführt, z.B. als „wissenschaftliche Betriebsführung“ oder „Menschenwirtschaft“. „Der Taumel der Maschinenanbetung“ (Erich Reger) lebt weiter, aber auch das militärische Männlichkeitsideal. Das steht neben dem Mythos „Neue Frau“, die sich die wenigsten leisten können. Herausragend in diesem Zusammenhang wieder die textilen Exponate, die auch das Aufkommen neuer sozialer Schichten belegen: „Kittelkleid mit konstruktivistischem Muster“ oder „Abgetragener Herrenanzug „Kriegsversehrter““ oder der „Stresemann“ – der Gesellschafsanzug mit grau-schwarz gestreifter Hose, benannt nach dem nicht zuletzt für die Geschichte der Rhein-Ruhr-Region bedeuten deutschen Politiker der 1920er Jahre.

Bild links: Elektroautomobil „Runabout“, London Electro-Mobile Syndicate Ltd., 1903, Leihgeber: RWE Power AG
Bild rechts: 680er Zweizylinder Motorrad der Marke Allright, 1910, Leihgeber: Horst Nordmann

Massenversammlungen, Gemeinschaftserlebnisse und Filmindustrie setzen ganz auf „Wiederverzauberung“. Die Darstellung zum Ersten Weltkrieg, der im grenznahen Ruhrgebiet und von vielen bewaffneten Auseinandersetzungen begleitet bis weit in die zwanziger Jahre andauerte, endet mit epilogartigen Hinweisen auf einen nahezu bruchlosen Übergang in die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg. Die Präsentation riskiert eine festsitzende Aporie zwischen Aggression und Avantgarde: Die ambivalente Moderne mit ihren Zumutungen an Individuum und Gesellschaft bleibt trotz und wegen ihrer Versprechen eine unbewältigte. Bis auf den heutigen Tag?

"Die schwer erträgliche Ambivalenz von 'Aggression und Avantgarde'"

Hitler und Mussolini besuchen Essen, die „Waffenschmiede des Reiches“, 27. September 1937

L.I.S.A.: In Begleittexten zur Schau ist immer wieder zu lesen, dass das Jahr 1914 und damit der Beginn des Ersten Weltkriegs nicht das eigentliche Thema, sondern vielmehr der Anlass sei. Der Anlass wozu? An anderer Stelle wird das Jahr 1914 auch als „Scharnierjahr“ bezeichnet. Was ist damit gemeint?

Dr. Schleper: Der Beginn des Ersten Weltkrieges ist ein gewichtiger Anlass, um die Ursprünge, Brüche und Kontinuitäten einer Moderne zu thematisieren, der wir selbst angehören. Der angeblich so ferne, in Deutschland durch die Deckerinnerung des Zweiten Weltkrieges und den Holocaust lange aus dem Blickwinkel geratene Erste Weltkrieg ist uns näher als wir vielleicht dachten. Insbesondere die Situation am Vorabend des Ersten Weltkrieges beschert so manche Déjà-vu-Erlebnisse. Nicht dass wir unmittelbare Vergleiche bemühen sollten, aber es gibt schon Analogien, die nachdenklich stimmen. Der gegenwärtig wieder aufkeimende Nationalismus, die instabile Lage an den östlichen Rändern Europas bestätigen dies. In einer vor Wochen stattfindenden Diskussion im Deutschen Historischen Museum in Berlin referierten die Experten Gerd Krumeich und Christopher Clark über die Julikrise 1914. Der anwesende deutsche Außenminister gab in seinem Beitrag zu verstehen, dass ihm bei der Schilderung des komplizierten Szenariums und im Hinblick auf die gegenwärtigen diplomatischen Bemühungen, an denen er maßgeblich teilnimmt, „Schauer über den Rücken laufen.“

1914 hat also unverhofft zusätzliche Aktualität gewonnen. Sicherlich ging vieles 1918 mit dem Kaiserreich zu Ende, manches wurde aber erst am Vorabend und mit dem Krieg angestoßen und weitergeführt. Der Begriff „Scharnier“ steht für ein Kontinuum bei gleichzeitigem Wandel und Umbruch: Für das Kontinuierliche spricht zum Beispiel die These von Hans-Ulrich Wehler, der in Übereinstimmung mit Charles de Gaulle einen zweiten „dreißigjährigen Krieg“ ins Gespräch bringt, weil die völkischen „Ideen von 1914“ auch zur ideologischen Grundausstattung des Zweiten Weltkrieges zählten. Neben der Essener Zentralausstellung fragen auch die übrigen 13 Ausstellungen unseres Verbundprojektes nicht nur nach der schwer erträglichen Ambivalenz von „Aggression und Avantgarde“ um „1914“, sie provozieren auch mit dem „Scharnier“-Thema, weil sie auf eine wie auch immer gebrochenen Kontinuität bis in die Gegenwart anspielen.

Friedrich-Alfred-Hütte Rheinhausen, Ölgemälde 1910er Jahre

L.I.S.A.: Sie nehmen in der Ausstellung die Rhein-Ruhr-Region in den Fokus. Der Titel „Mitten in Europa“ lässt die Assoziation zu, dass sich dort auch die Mitte Europas befunden habe. Was macht die Rhein-Ruhr-Region mit Blick auf den Betrachtungszeitraum der Ausstellung so bedeutsam?

Dr. Schleper: „Mitte“ in „Mitten in Europa“ meint dreierlei: Zum einen spielt diese „Mitte“ in Kombination mit „1914“ auf eine Ungeheuerlichkeit an, dass nämlich „inmitten“ der guten Stube Europas mit seinem Bildungsstolz, seinem Humanismus und seinen prosperierenden Gesellschaften das „Menschenschlachthaus“ möglich wurde. Frei nach Walter Benjamin: Im philanthropisch hochgestimmten Herz der „Hochkultur“ nistet die Barbarei.

"Eine andere Moderne an den 'Mittel-Metropolen' an Rhein und Ruhr"

Bild links: Arbeitslose vor einer Schlafbaracke in Essen-Karnap, Fotografie von Willy van Heekern, 1930, Sammlung Ruhr Museum © Ruhr Museum
Bild rechts: Viehofer Straße mit RWE-Stammwerk und Zentrale, Essen, 1930, © Leihgeber: Historisches Konzernarchiv RWE, Essen

„Mitten in Europa“ bezieht sich zum Zweiten auf eine Region, die aus mehreren Gründen als kultureller Transferraum gelten kann: zwischen Berlin, der stürmisch aufsteigenden neuen Metropole Preußens und der französischen „Hauptstadt des IX. Jahrhunderts“. Der Rhein als Grenzstrom trennt und verbindet die anliegenden Nationen, an dessen Ufern sowohl nationalistisch die Messer gewetzt, aber auch die Ideen eines friedfertigen Europas gepflegt wurden. Es war Köln, nicht Berlin, wo 1912 die erste große Ausstellung zur modernen Kunst mit vielen französischen Künstlern stattfand. Richtungsweisend war ebenso die Kölner Werkbundausstellung von 1914, auf der sich alle namhaften Architekten und Gestalter mit ihren Bauten und Produkten empfahlen. Es waren die miteinander konkurrierenden „Mittel-Metropolen“ an Rhein und Ruhr, die eine „andere“ Moderne in gemeinsamer Konkurrenz zu den großen Zentren Berlin, Paris, Wien oder Brüssel probten. Hierbei kam es auch stark auf ein Wechselverhältnis zwischen städtischen und ländlichen Einflüssen an. Dass, was man heute an Programmen der Infrastrukturentwicklung, des Stadt- und Siedlungsbaus oder der Industriearchitektur unter dem Begriff „Industriekultur“ subsumiert, hatte vor allem hier ein frühes und starkes Standbein, das es übrigens noch vielfach zu entdecken gilt.

Die Rhein-Ruhr-Region war schließlich die wirtschaftliche „Herzkammer“ des Reichs, das industrielle „Maschinenhaus“, die „Waffenschmiede“, militärisches Aufmarschgebiet und für die Logistik des Nachschubs wie für die Versorgung der Verwundeten zentral. Durch die Ruhrbesetzung verlängerten sich entsprechend die Konflikte mit den Nachbarstaaten, insbesondere hinsichtlich des Versailler Vertrages und seiner Erfüllung.

"Wir folgen der aktuellen Geschichtsforschung zum Ersten Weltkrieg"

Bearbeitung von Geschützrohren in der Abteilung Sterkrade, Werk II, Halle 12 der Gutehoffnungshütte, Oberhausen, um 1916

L.I.S.A.: Inwieweit fließt in die Konzeption einer thematisch so breit angelegten auch die aktuelle Forschung mit ein? Werden neue Werke wie die von Christopher Clark, Gerd Krumeich oder Herfried Münkler für die Ausstellung rezipiert?

Dr. Schleper: Das breit aufgestellte Projekt basiert nicht zuletzt auf der Unterstützung durch einen wissenschaftlichen Beirat, der mit Stefan Berger, Christoph Cornelißen, Dominik Geppert, Susanne Hilger, Gerhard Hirschfeld, Stefanie van de Kerkhof, Gudrun Marlene König, Gerd Krumeich und Regina Schulte Expertinnen und Experten der Geschichte, Sozial- und Kulturgeschichte ausweist, die unser administrativ aufwändiges Vorhaben mit der aktuellen Wissenschaft und Forschung zum Ersten Weltkrieg verbindet. Mit Bärbel P. Kuhn kommt eine Didaktikerin hinzu, mit Beate Schlanstein eine Medienexpertin.

Bild links: Postkarte der Arbeiter- und Soldatenräte, 1918, Sammlung Ruhr Museum © Ruhr Museum
Bild Mitte: Der Maschinenmensch, Metallarbeiter-Zeitung, 25. April 1931, Sammlung LVR-Industriemuseum © LVR-Industriemuseum
Bild rechts: Allegorie einer sozialistischen Zukunftsvision, Postkarte 1908, Sammlung Ruhr Museum © Ruhr Museum

Für die Literaturgeschichte steht Gertrude Cepl-Kaufmann, zugleich Vorsitzende. Mit Dominik Groß, Reinhard Johler, Robert Kaufmann und Jürgen Wiener steht uns Fachkompetenz auf den Spezialgebieten Ethnologie, Kunst- und Medizingeschichte zur Seite. Catherine Robert, Herbert Ruland und Lita Wiggers sorgen dafür, dass wir auch die Perspektiven aus Frankreich, England, Belgien und den Niederlanden auf dem Schirm haben. Seit Februar 2012 wurden und werden die Ausstellungskonzepte der einzelnen Häuser diskutiert.

Hamsternde Kinder auf einer Landstraße bei Hiltrup im Münsterland, August 1918

Von Christopher Clark übernehmen wir die Sichtweise, die Menschen der damaligen Zeit als „Zeitgenossen“ ernst zu nehmen. Er plädiert für eine transnationale, gesamteuropäische, Jörn Leonhard gar für eine weltweite Perspektive. Gegenüber Clark betont Gerd Krumeich die „Hauptlast“ der deutschen Verantwortung für den Ersten Weltkrieg, was für unser Verständnis der „Mitte Europas“ nicht ausgespart wird, aber auch nicht zentral ist, da wir nicht komparativ mit Blick auf die Nachbarnationen operieren. Herfried Münkler, Oliver Janz und andere weisen auf die Bedeutung des Ersten Weltkrieges für das Verständnis der folgenden Katastrophen, was für alle Ausstellungen zumindest in der Perspektive wichtig ist. Insgesamt folgen wir der aktuellen Geschichtsforschung zum Ersten Weltkrieg auch in dem Sinne, stärker den Alltag an der „Heimatfront“ in den Fokus zu nehmen.

Blick in die Ausstellung in der Kopfstation der Mischanlage

Fast alle unsere Ausstellungen bieten auch einen Katalog bzw. ein Ausstellungsbuch, was auch die wissenschaftliche Basis unserer Auseinandersetzung spiegelt, die vor etwa drei Jahren mit der Bestimmung der Projektleitung begann. Im September 2013 fand dann im LVR-LandesMuseum ein internationaler Kongress mit dem Thema „Aggression und Avantgarde“ statt, der unter Beteiligung des wissenschaftlichen Beirates erste Thesen präsentierte und zur Diskussion stelle. Dabei wurden auch die im Rahmen des 1914-Verbundprojektes in Kooperation mit Schulen gestarteten bzw. geplanten Vorhaben präsentiert.

"Als besonderes Highlight bereiten wir nun die 'Eurovision' vor"

Blick in die Ausstellung auf der Bunkerebene der Mischanlage

L.I.S.A.: Wie fällt Ihre bisherige Bilanz der Ausstellung aus? Welches Feedback haben Sie nach gut einem Monat erhalten? Was ist noch zu erwarten in den kommenden Wochen und Monaten?

Dr. Schleper: Bislang ist es hervorragend gelungen, das Verbundprojekt auch administrativ, logistisch und kommunikativ programmgemäß auf die Bahn zu bringen. Die ersten Pressekonferenzen und Eröffnungen waren wegen des regen Interesses seitens der Journalisten und des Publikums vielversprechend. „Traces“, eines der Schulprojekte im Verbund, das mit Partnerschulen in Frankreich, Belgien und Polen zusammenarbeitet, hat den Bürger-Medien-Preis erhalten.

Sicherlich markiert die Essener Ausstellung mit 2.500 Exponaten auf 2.500 Quadratmetern einen ersten Höhepunkt in der Wirkung nach innen wie nach außen. Vor der Tür stehen nun noch die Eröffnungen in Kommern, Wesel, Bonn, Düsseldorf und Köln. Nach Kommern kommen vor allem die externen Partner stark zum Zuge. In Überlegung ist, von der Essener Ausstellung aus, dem Zentralmagneten in der Verbundsequenz, noch stärker auf die übrigen Aktivitäten des Gesamtvorhabens zu verweisen.

Als besonderes Highlight bereiten wir nun die „Eurovision“ vor, eine Art Abschlussveranstaltung, die im Februar 2015 im LVR-Industriemuseum Oberhausen stattfinden wird, und zwar in Kooperation mit der Landeszentrale für Politische Bildung NRW und dem Institut Moderne im Rheinland. Hierbei wird ein neues Format erprobt: Wir wollen eine wissenschaftliche Rückschau mit einer Art Schülerkonvent verbinden, um das Resümee auf das Jahr 2014 mit einer Perspektive auf Europa zu koppeln. Wie wurde 2014 die Erinnerung an 1914 begannen, und zwar nicht nur im Rheinland, sondern auch in den Nachbarländern? Gibt es so etwas wie eine europäische Erinnerung an die „Urkatastrophe“? Natürlich gilt es auch, eine Bilanz zum Projekt „1914 - Mitten in Europa“ zu ziehen. Leitend wird dabei auch die Frage nach dem Geschichtsunterricht sein, wie er in Ländern wie Frankreich, England oder Belgien ausgerichtet war auf dieses Weltereignis. Zahlreiche Projekte sind dann gestartet worden oder bereits abgeschlossen. Auch Projekte in internationaler Kooperation und in Zusammenarbeit mit Museen und Schulen. Das wollen wir im Februar nächsten Jahres einmal zusammenführen und zur Debatte stellen.

Insgesamt halte ich es für wichtig, den Kooperationsgedanken fach- und amtsübergreifender Perspektive dieses m.W. in der Bundesrepublik und darüber hinaus einmaligen Verbundprojektes zu betonen. Die Struktur des LVR-Dezernats Kultur und Umwelt machte diese, weitere Kooperationen und Forschungen ermutigende Horizontöffnung möglich - was selbst auf Ebene der Universität und Akademien selten gelingt. Eine abschließende Evaluation, die neben Medienspiegel, Besucherzuspruch und Kassenlage auch die Erfahrungen der Kolleginnen und Kollegen ins Kalkül zieht, wird Kriterien dafür eruieren, ob es seitens des Verbandes weitere, keinesfalls selbstverständliche Initiativen dieser Art auch zukünftig wird geben können.

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Prof. Dr. Thomas Schleper hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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