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Lennart Pieper | 18.10.2018 | 680 Aufrufe | 1 | Interviews

„Der Adel galt als eine Art vormoderne Sparkasse“

Interview mit Sven Solterbeck über Konkurse im frühneuzeitlichen Adel

Das 18. Jahrhundert gilt oft als Vorbote unserer heutigen Zeit und erscheint uns vermeintlich vertraut. Doch die ständische Gesellschaft unterlag völlig anderen Regeln als die moderne: Sie war hierarchisch aufgebaut und zwang ihre Mitglieder dazu, ihren gesellschaftlichen Rang durch eine bestimmte Lebensführung zu demonstrieren. Das galt zumal für den Adel, von dem eine besondere Prachtentfaltung erwartet wurde, wodurch er nicht selten zur Aufnahme von Schulden gezwungen war. Doch was passierte, wenn Adlige ihre Außenstände nicht mehr begleichen konnten? Dr. Sven Solterbeck von der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster hat sich in seiner Dissertation, die den sinnfälligen Titel „Blaues Blut und rote Zahlen“ trägt, mit den ökonomischen und sozialen Mechanismen adliger Konkurse beschäftigt.

„Die ständische Gesellschaft funktionierte völlig anders als unsere heutige“

L.I.S.A.: Herr Dr. Solterbeck, Sie haben sich für Ihre Dissertation den westfälischen Adel des 18. Jahrhunderts zum Untersuchungsgegenstand gewählt. Was hat sie an der historischen Beschäftigung mit Adel fasziniert?

Dr. Solterbeck: Die Fremdheit, die Andersartigkeit des Adels hat mich besonders fasziniert. Die ständische Gesellschaft funktionierte völlig anders als unsere heutige. Unsere Gesellschaft ist egalitär aufgebaut, es gibt Gesetze gegen Diskriminierung und es gibt regelmäßig einen Aufschrei, wenn vermutet wird, dass Prominente, Politiker oder Besserverdienende vor Gericht oder anderswo besser als andere behandelt werden. Die Egalität ist – zum Glück – fester Teil unseres Selbstverständnisses und unseres Denkens. Das war in der vormodernen, ständischen Gesellschaft fundamental anders. Die Gesellschaft war hierarchisch aufgebaut, es gab überall und zwischen allen Rangunterschiede und -ordnungen, die über das Medium Ehre hergestellt wurden. Der Adel stellte die Spitze dieser Hierarchie dar, er war der am deutlichsten sichtbare Kristallisationspunkt der ständischen Gesellschaft. Sich mit dem Adel, seinem Ehrbewusstsein und seinen Rangkämpfen zu beschäftigen, ist ein ungemein spannendes, weil dem eigenen Denken so fremdes Untersuchungsvorhaben.

Das gilt umso mehr für Adelsfamilien, die mit einem Konkurs zu kämpfen hatten, denn der bedrohte das adlige Ehrbedürfnis auf mehrere Weise: Ein Konkurs war ehrenrührig, weil er mit dem Bruch von Zahlungsversprechen, Wortbruch also, einherging und diesen öffentlich machte. Ein Konkurs bedrohte den Güterbesitz, an dem aber viele ständische Ehrenrechte und Zugehörigkeiten hingen. Und ein Konkurs bedrohte vor allem die finanzielle Unabhängigkeit, die zum demonstrativen Statuskonsum und für die adlige Lebensweise notwendig waren. Es ist vor allem dieses Spannungsverhältnis zwischen der Ehrbedürftigkeit des Adels und der Ehrenrührigkeit eines Konkurses, das mich fasziniert hat.

„Reiche Überlieferung zu den Konkursverfahren“

L.I.S.A.: Mit welchen Quellen haben Sie vorrangig gearbeitet? Mussten Sie die adligen Nachfahren überzeugen, Ihnen Zugang zu ihren Hausarchiven zu gewähren?

Dr. Solterbeck: Ich habe vor allem mit den Archiven der von mir untersuchten Adelsfamilien gearbeitet. Die Familienarchive enthalten eine überaus gute und reiche Überlieferung zu den Konkursverfahren, Kreditbeziehungen sowie Familienstrategien (etwa dem Heiratsverhalten), die sich in Verfahrensakten, Rechnungsbüchern, aber auch vielen Briefen äußert. Gerade die Überlieferung der Verfahrensakten ist oft sogar noch reicher als in den entsprechenden obrigkeitlichen Archiven, die ich ebenfalls ausgewertet habe. Dadurch konnte ich mich auf die Untersuchung von vier Familien beschränken, deren Archive intensiv auswerten und die mich interessierenden Themengebiete sehr dicht rekonstruieren.

Da die Familienarchive in öffentlichen Archiven deponiert sind, bedurfte es zum Glück keiner Auseinandersetzung mit den Nachfahren über die Frage, warum gerade deren Negativgeschichte niedergeschrieben werden soll. Ich muss aber dazu auch sagen, dass die Nachfahren einer Familie, mit der ich aus anderen Gründen in Kontakt kam, sich sehr interessiert an der Arbeit zeigten.

„Aus Gründen der Ehre mussten die Schulden beglichen, doch gleichzeitig der Status der Familie bewahrt werden“

L.I.S.A.: Lässt sich das wirtschaftliche Handeln des frühneuzeitlichen Adels – Kredite und Schulden gehörten offenbar dazu – mit heutigen Praktiken vergleichen?

Dr. Solterbeck: Das kommt auf den Vergleichsgegenstand an, also mit wessen Praktiken genau. Der Adel sah sich in mehreren Zwickmühlen zugleich: Er musste sich standesgemäß repräsentieren, also kostenintensiven Statuskonsum betreiben, um gegenüber den Standesgenossen mithalten zu können und nicht als unterständisch wahrgenommen zu werden oder um bestimmte höfische oder ständische Ämter ausfüllen zu können. Dazu gehörte auch der Habitus der demonstrativen Nichtachtung des Geldes. Doch gleichzeitig durfte er die ökonomische Basis seiner Familie nicht ruinieren. Das war ein Drahtseilakt, den manche Familienoberhäupter offenbar nicht schafften. Im Falle eines Konkurses tat sich eine zweite Zwickmühle auf: Aus Gründen der Ehre mussten die Schulden beglichen, doch gleichzeitig der Status der Familie bewahrt werden, was eine Verwertung der Familiengüter zugunsten der Gläubiger unmöglich machte.

Heute gelten die entsprechenden Normen – vor allem Statuskonsum und Statuswahrung – nicht mehr in ähnlich starker Weise. Aber auf anderen Gebieten können Akteure in ebensolche Zwickmühlen geraten, z.B. wenn an sie die Erwartung gerichtet wird, mehr Geld auszugeben, als eigentlich vorhanden ist, sie aber gleichzeitig für ökonomische Stabilität verantwortlich sind. In diese Lage mögen etwa Politiker schnell geraten, wenn ihre Wähler die Erfüllung bestimmter Aufgaben durch den Staat einfordern.

„Keine Familie verzichtete von sich aus auf Statuskonsum zugunsten von Gläubigern“

L.I.S.A.: In der ständischen Gesellschaft der Frühen Neuzeit musste der eigene soziale Rang auch nach außen dargestellt – repräsentiert – werden. Die ökonomische Seite dessen ist in der Forschung bislang eher unterbelichtet geblieben. Wie gingen verschuldete Adlige mit dem Problem um, dass sie sich einen standesgemäßen Lebensstil schlicht nicht mehr leisten konnten?

Dr. Solterbeck: Erlaubte die Verschuldung bzw. die Höhe der fälligen Zinsleistungen entsprechenden Statuskonsum nicht mehr, wurde letzterem zunächst der Vorrang gegeben. Keine Familie verzichtete von sich aus auf Statuskonsum zugunsten von Gläubigern, die ihre Forderungen nicht einklagten. Zwar sind bei einigen Familien durchaus frühe Konsolidierungsversuche bemerkbar, doch betraf das hauptsächlich die Abstoßung von als unnötig Erachtetem, auch wenn es in den Familien oft Uneinigkeiten darüber gab, was unnötig war und was nicht. Spätestens im Konkurs aber galten die Ausgaben für einen angemessenen Statuskonsum für eine Adelsfamilie gegenüber den Gläubigerforderungen als bevorrechtigt. Allen Familien wurde ein standesgemäßer Unterhalt im Konkurs zugestanden. Das betraf auch Aufwendungen für eine standesgemäße Versorgung der Kinder, in Damenstiften etwa und sogar in Domkapiteln. Der adelige Lebensstil war damit letztlich ungefährdet, auch wenn es mitunter einer Einforderung von Mitteln gegenüber den Gerichten und Obrigkeiten bedurfte. Insofern konnte sich der Lebensstil zwar einschränken bzw. der Kontrolle durch die Obrigkeiten unterliegen, ein Absinken auf ein unadeliges Niveau gab es jedoch bei keiner Familie. Das ist ein weiteres Beispiel für die Sonderrolle des Adels, denn Vergleichbares gab es in bürgerlichen Konkursen wohl nicht.

„Einem säumigen Schuldner wurde Wortbruch zur Last gelegt“

L.I.S.A.: Eine Ihrer Thesen besagt, dass ein Konkurs auch zum Verlust der ständischen Ehre führen konnte. Hatte Schuldenmachen auch eine moralische Dimension im Sinne von Schuld?

Dr. Solterbeck: Hier muss zwischen verschiedenen Formen von Ehre unterschieden werden: Es gab die (geburts-)ständische Ehre, die über den Adelsstatus einer Familie entschied. Es gab aber auch die persönliche Ehre eines Akteurs, die etwa auf persönlichem Vertrauen oder auf persönlichen Leistungen beruhte. Beide Ebenen standen durchaus im Zusammenhang, etwa wenn Vertrauen oder Misstrauen mit ständischer Zugehörigkeit begründet wurde. Beides konnte jedoch auch unabhängig voneinander bestehen. Das Schuldenmachen selbst stellte für die persönliche Ehre noch kein Problem dar. Schulden bzw. Kredite waren weit verbreitet und konnten sogar als ein Mittel dienen, sozialen Kontakt zu schließen oder zu halten. Der Adel galt gar als eine Art vormoderne „Sparkasse“, denn die meisten Kredite waren als langfristige Anlage von überschüssigem Geld gedacht. Erst andauernde Zahlungsausfälle wurden zum Problem. Einem säumigen Schuldner wurde dann Wortbruch zur Last gelegt. Gelang es einem Schuldner nicht, seine Säumigkeit mit äußeren Umständen zu erklären, sich also moralisch zu entschuldigen, wurden die Zahlungsausfälle tatsächlich mit persönlicher Schuld in Verbindung gebracht. Die Schuldner bemühten sich daher fast immer um eine Erklärung ihrer Situation. Doch auch wenn dies nicht gelang, wurde die moralische  Schuld nicht automatisch auf die ganze Familie übertragen, sondern blieb auf einzelne, säumige Akteure beschränkt.

„Institutioneller Schutz der Familiengüter bestand bis ins 20. Jahrhundert“

L.I.S.A.: Die klassische sozialhistorische Frage nach dem gesellschaftlichen „Obenbleiben“ des Adels ist in der Forschung zuletzt etwas aus dem Blick geraten. Mit Blick auf Ihre Ergebnisse: Wie gelang es dem Adel, seine gesellschaftliche Dominanz bis ins 19. Jahrhundert hinein zu behaupten?

Dr. Solterbeck: Der westfälische Adel erreichte dies unter anderem durch die rechtliche Gestaltung seines Güterbesitzes. Viele Güter des Adels waren Fideikommisse oder Lehen. Diese Konstruktionen beschützten die Adelsfamilien und ihren Besitz, auch wenn die Familie in Konkurs geriet. Fideikommisse waren Stiftungen, die die Güter einem Familienoberhaupt in rechtlicher Hinsicht entzogen und sie zum Eigentum der ganzen Familie machten. Das Familienoberhaupt war seiner Familie gegenüber – auch gegenüber seinen eventuell noch ungeborenen Kindern – für die Güter verantwortlich und verlor unter anderem das Recht, die Güter zu veräußern oder zu verschulden. Lehen wiesen vergleichbare Verfügungsbeschränkungen auf.

Verschuldete das Familienoberhaupt diese Güter trotzdem, konnten sich die Nachfolger darauf berufen, dass der ursächliche Schuldner dies gar nicht gedurft hatte, die Nachfolger für die Schulden also nicht verantwortlich waren. Die Obrigkeiten teilten diese Einschätzung zumeist, solange sich die Familien zu einer grundsätzlichen Zahlungsbereitschaft bekannten. Im Ergebnis wurden die Konkursverfahren häufig durch Vergleiche zwischen Familien und Gläubigern beendet, die den Familien erlaubten, ihre Güter und damit ihren Status zu bewahren. Dieser institutionelle Schutz der Familiengüter gegenüber den Gläubigern, aber auch gegenüber den Ansprüchen einzelner Familienmitglieder bestand bis ins 20. Jahrhundert. Der erklärte Schutz durch die Landesherren, der sich in vielfältiger Weise in den Konkursverfahren zeigte, stellt einen anderen Faktor (neben vielen weiteren) für die erfolgreiche Statuswahrung dar.

Dr. Sven Solterbeck hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Harald Töpfer | 25.10.2018 | 15:01 Uhr
Aus den Antworten sprudelt nicht nur immenses Wissen, sondern auch die Begeisterung des Forschers für sein Thema in beeindruckender Form. Ein positives Gegenbeispiel, dass ein schriftlich geführtes Interview nicht zu Satzungetümen und demonstrativ vor sich her getragenem übertriebenem Akademiker-Sprachduktus führen muss. Im Gegenteil! Man erfährt hier unheimlich viel, wird von dem Enthusiasmus von Herrn Solterbeck angesteckt und das selbst wenn man weder ausgeprägtes Interesse an westfälischer Landesgeschichte noch Kompetenz als Frühneuzeit-Historiker hat. Also, chapeau, das zeigt, wie es mit der anregenden Wissens(chafts)vermittlung auch gehen kann!

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