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Georgios Chatzoudis | 05.05.2015 | 2895 Aufrufe | 4 | Interviews

"Das Vorurteil vom geisteswissenschaftlichen Misserfolg auf dem Arbeitsmarkt"

Interview mit Lucas Burkart über die Debatte um einen NC auf Geisteswissenschaften

Aus der Schweizerischen Volkspartei (SVP) kam zuletzt zum wiederholten Mal die Forderung, auf Disziplinen der Geistes- und Sozialwissenschaften einen Numerus Clausus einzuführen. Dadurch soll die Zahl der Studierenden - derzeit rund 45.000 in den Geistes- und Sozialwissenschaften - um die Hälfte reduziert werden. Die Begründung aus der SVP: Auf dem Arbeitsmarkt gibt es keine Verwendung für so viele Absolventen aus diesen Studiengängen. Stimmt das? Macht ein NC auf geistes- und sozialwissenschaftliche Fächer Sinn? Wir haben den Historiker Prof. Dr. Lucas Burkart von der Universität Basel gefragt.

Prof. Dr. Lucas Burkart lehrt an der Universität Basel Geschichte des Spätmittelalters und der italienischen Renaissance.

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"Diese Frage zu stellen, ist völlig richtig"

L.I.S.A.: Herr Professor Burkart, in der Schweiz gab es in den vergangenen Woche wieder eine lebhafte Debatte über die Geisteswissenschaften. Aus der Schweizerischen Volkspartei (SVP) kommt die Forderung, einen Numerus Clausus (NC) auf geisteswissenschaftliche Studien einzurichten. Wie kommt es zu dieser Initiative?

Prof. Burkart: Die Forderung ist ja nicht neu. Vor gut zwei Jahren hat sie Rudolf Minsch formuliert, damals Chefökonom der Economiesuisse, des Interessenverbandes der nationalen Wirtschaft. In diesem Kielwasser wurde die Idee dann wiederholt von liberal-konservativen Bildungspolitikern aufgegriffen. Auf dieser Linie ist nun auch der jüngste Vorstoß der nationalkonservativen Volkspartei zu verstehen, die sich ja vermehrt um die kantonalen Bildungsministerien bzw. die Bildungspolitik bemüht.

Der Vorstoß ist aber auch in einem größeren Zusammenhang zu sehen, der sich nicht auf die Schweiz beschränkt. Die Frage lautet: wozu dienen die Geisteswissenschaften einer Gesellschaft und weshalb soll diese sie sich leisten? Diese Frage zu stellen, ist völlig richtig. Doch sie lässt sich nicht beantworten, indem man alleine auf die zu geringe direkte ökonomische Verwertbarkeit der Geisteswissenschaften verweist.

"Der NC ist kein taugliches Steuerungsinstrument"

L.I.S.A.: Wie wurde die Forderung nach einem NC für die Geisteswissenschaften in der Schweiz aufgenommen?

Prof. Burkart: Etwas Empörung provoziert sowas natürlich immer, aber das ist ja Teil des politischen Spiels. Ansonsten relativ gelassen, scheint mir. Das hat meines Erachtens mehrere Gründe. Wie gesagt, die Forderung ist nicht neu, das nimmt der Sache etwas die Brisanz. Weiter denke ich, ist in der bildungs- und wissenschaftspolitischen Debatte hinlänglich bekannt, dass der NC kein taugliches Steuerungsinstrument ist. Schließlich hat sich die Volkspartei in wissenschaftspolitischen Fragen bisher weder durch besondere Sachkenntnis noch durch wegweisende Lösungsvorschläge hervorgetan.

Ein Anzeichen dafür scheint mir auch, dass der Vorstoß auch dieses Mal rasch wieder vom politischen Tapet ist; ernsthaft verfolgt hat ihn bisher noch keine politische Partei, geschweige denn, dass darüber ein überparteilicher Konsens hergestellt worden wäre, der im politischen System der Schweiz ja unabdingbar ist, wenn politisch etwas durchsetzen möchte.

"Eine anti-akademischer Haltung hat in der Schweiz eine gewisse Tradition"

L.I.S.A.: Die SVP meint, es gäbe zu viele Geisteswissenschaftler. Deshalb müsse man deren Zahl halbieren. Steckt angesichts der oft unklaren Berufsperspektiven für Geisteswissenschaftler nicht ein Funke Wahrheit darin?

Prof. Burkart: In dieser Forderung stecken mehrere Aspekte, vier möchte ich nennen.

  1. Es gibt in der Schweiz das sogenannte duale Bildungssystem, in dem die (nicht-akademische) Berufsausbildung in internationalem Vergleich von sehr hoher Qualität ist. Die Maturitätsquote (ca. 20%) und die Zahl der Studierenden ist im internationalen Vergleich hingegen relativ gering. Zugleich erleben wir international eine Akademisierung von Bildung und Ausbildung, wodurch sich die Schweizer Bildungslandschaft herausgefordert und teilweise auch bedroht sieht.
  2. In dem Vorstoß klingt eine seltsam antiquierte Vorstellung nationaler Bildungsautarkie an. Entsprechend ignoriert die Forderung nach einem NC Internationalisierung und Globalisierung im tertiären Bildungssektor, die in der heutigen Schweiz bereits existieren und ja mit zahlreichen Instrumenten und beträchtlichen Mitteln gefördert werden. Die Regulierungsmöglichkeiten eines NC wären hierfür mit anderen Worten nicht nur beschränkt, sondern sie würden andere Maßnahmen geradezu konterkarieren.
  3. Die freie Studienwahl ist nicht zuvorderst ein steuerungspolitisches Ärgernis, sondern gerade von liberaler Warte eine Errungenschaft und ein wertvolles Gut schweizerischer Bildungskultur und -tradition. Dies ohne Notwendigkeit und auf Grund nachweislich falscher Analysen aufzugeben, wäre bildungspolitisch verantwortungslos.
  4. Die SVP, die sich stets mit besonders ausgeprägter Volksnähe brüstet, würzt das Ganze zudem mit einer Prise anti-akademischer Haltung, die in der Schweiz eine gewisse Tradition hat und mit der ein gewisses Wählersegment gerne bedient wird.

Nun zur Frage nach dem Funken Wahrheit. Für die Schweiz leuchtet dieser Funken nicht sehr hell. Die Erhebungen des Bundesamtes für Statistik zeigen, dass Abgänger der Geistes- und Sozialwissenschaften gut auf die heutige Arbeitswelt vorbereitet sind; ein Jahr nach Studienabschluss (MA) sind 95% bzw. über 96% (Doktorat) erwerbstätig. Fünf Jahre nach Studienabschluss präsentiert sich die Situation fast unverändert.

"Diversifikation ist in Zeiten der Unsicherheit eine gute und kluge Strategie"

L.I.S.A.: Die Geisteswissenschaften müssen sich nicht zum ersten Mal verteidigen. Die Frage nach Ihrem anwendbaren bzw. konkreten Nutzen hat beinahe den Charakter eines periodisch wiederkehrenden Rituals. Woran liegt das? Warum müssen sich Geisteswissenschaftler immer wieder für ihr Dasein rechtfertigen?  

Prof. Burkart: Die Rede von den auf dem Arbeitsmarkt nicht erfolgreichen Geisteswissenschaftlern ist zu einem guten Stück eine Mär, ein Vorurteil. Sie gründet möglicherweise in einer Kluft zwischen studierter Materie und ausgeübtem Beruf, oder anders gesagt, in der Tatsache, dass im Gegensatz zu Studierenden der Medizin oder Jurisprudenz eine Mehrheit der Absolventen in Berufsfelder gelangen, die sich nicht oder nicht ausschließlich in Kategorien disziplinärer Lerninhalte beschreiben lassen. Das bedeutet im Gegenzug aber keineswegs, dass disziplinäre Kompetenzen in ihrer Spezifizität keine Bedeutung für den Erfolg auf dem Arbeitsmarkt spielen würden. Diese praktizierte Offenheit (sic!) stellt nämlich kein Defizit dar, weder der disziplinären Ausbildung noch der nachgefragten Berufsprofile, sondern – im Gegenteil – eine Stärke. Denn Diversifikation ist in Zeiten der Unsicherheit eine ausgesprochen gute und kluge Strategie. Darauf bereitet ein geisteswissenschaftliches Studium vor und in der Schweiz geschieht das in einem quantitativ sinnvollen Rahmen.

Genau betrachtet gründet die Notwendigkeit der Rechtfertigung aber nicht nur in der eben skizzierten Kluft zwischen studierter Materie und ausgeübtem Beruf, die das Vorurteil des geisteswissenschaftlichen Misserfolgs auf dem Arbeitsmarkt perpetuiert, sondern vielmehr die weit verbreitete Unkenntnis über die etwa im Geschichtsstudium erworbenen Kompetenzen und Möglichkeiten, diese Kluft zu überbrücken. Das heißt, meist ist gar nicht richtig klar, weshalb Geisteswissenschaftler können, was sie in vielfältigen Berufsfeldern tagtäglich leisten. Diese Unkenntnis zeichnet den gängigen gesellschaftspolitischen Diskurs in der Schweiz weitgehend aus, während der Arbeitsmarkt sich dieser Kompetenzen sehr wohl bewußt ist und sie – vielleicht eher implizit als explizit – nachfragt, absorbiert und auch angemessen remuneriert. 

"In Forschungskontexte kommen, die tatsächlich kollaborativ vorgehen"

L.I.S.A.: Wo sehen Sie als Geisteswissenschaftler die Zukunft geisteswissenschaftlicher Fächer? Vor welchen Herausforderungen stehen Disziplinen wie beispielsweise Geschichte, Archäologie oder Literaturwissenschaften?

Prof. Burkart: Die Aufgabe und die Herausforderung der Geisteswissenschaften bleibt unverändert bestehen. Sie leisten einen wesentlichen Beitrag an Reflexionsprozesse und damit an die Daueraufgabe gesellschaftlicher Selbsterneuerung; dies ist heutzutage nicht weniger notwendig als früher, doch hat sich die Perspektive - etwa für die Geschichte - verändert. Entwicklungen wie Globalisierung oder Digitalisierung - um nur zwei offensichtliche zu nennen - verändern das heutige Leben, stellen mitunter die Rahmung für künftige Entwicklungen dar. Das kann nicht ohne Effekt auf die Geschichte bleiben, wenn sie die oben benannte gesellschaftliche Rolle ernsthaft erfüllen will.

Konkret heißt das: diese Entwicklungen müssen in die historische Perspektive, in ihr Methodenverständnis sowie in die Vermittlung fachlicher Kompetenzen im Studium integriert werden. Wir können auch im Studium nicht so tun, als ob all dies nicht geschehen würde, und etwa weiterhin bzw. meistens beinahe ausschließlich eine derart euro-zentristische Perspektive einnehmen, wie es in der meisten Historischen Instituten in Deutschland und der Schweiz der Fall ist. Das lässt sich nicht von einem Tag auf den anderen ändern, kostet zudem relativ viel Geld; aber hier hat die europäische Universität eindeutig Nachholbedarf. Eine weitere Herausforderung sehe ich in unseren Arbeitskonventionen. Geisteswissenschafter tauschen sich aus, auf Tagungen, in Debatten, durch Publikationen, doch am Ende sind wir immer noch „Einzelkämpfer“. Ich denke, dass sich das ändern muss. Die Verfügbarkeit von Quellen und Literatur ist in den letzten zwanzig Jahren derart umfassender geworden, dass Fragen in einer Art zu bearbeiten sind, die von einem/r alleine nicht mehr zu bewältigen sind. Wir sollten also darüber nachdenken, wie wir in Forschungskontexte kommen, die tatsächlich kollaborativ vorgehen; nicht nur als Behauptung auf dem Papier von Forschungsanträge, sondern in der Praxis. Schließlich, und mit dem zuletzt genannten Punkt verbunden, müssen wir vermehrt überlegen, wie wir in unseren Publikationen in andere Wahrnehmungskontexte gelangen, als dies mit deutschsprachigen Artikeln in Fachzeitschriften, die nicht online verfügbar sind, heute meist der Fall ist. Ich rede hier nicht dem Ende des Buches das Wort, im Gegenteil! Das Buch muss unbedingt bleiben, dazu braucht es wohl sogar einer besonderen Hinwendung, aber die Wissenschaftskommunikation unserer Fächer wird sich, will sie überhaupt noch wahrgenommen werden, nicht mehr auf das gedruckte Papier beschränken können.

Prof. Dr. Lucas Burkart hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Michael Zerjadtke | 05.05.2015 | 15:15 Uhr
Mit einem Magister in Alter Geschichte und Klassischer Archäologie gehöre ich zu den "Betroffenen". Seit meinem Abschluss 2011 habe ich die letzte 4 Jahre die Situation meiner Kommilitonen und -innen verfolgen können. Zwar kann meine Perspektive nicht als repräsentativ gelten, doch da es nicht so viele Lehrstühle für meine Fächer gibt, kann ich auch nicht völlig daneben liegen.

Ich finde den Vorstoß einer Verkleinerung bestimmter Wissenschaftszweige gar nicht verkehrt, denn in Dtl. stellt sich die Situation anders dar, als in der Schweiz (wo laut Artikel 95% in einem Job sind - Allerdings verrät diese Zahl noch nicht, welchen Job diese 95% ausüben.). Doch wenn ich die Wege meiner Bekannten nach verfolge, so sehe ich da oftmals nicht die Karrieren, die man sich vorgestellt hat. Die Meisten finden ihr Betätigungsfeld außerhalb der studierten Disziplinen und viele müssen sich durch Zweitstudium oder Lehre neu qualifizieren. Gern tun dies die Wenigsten, viele hadern im Nachhinein mit ihrer Studienwahl und sind frustriert.

Fragt man die Unis, so möchten diese freilich keine Studenten verlieren, weil mehr Studenten, mehr Geld bedeutet. Doch auf deren Zukunft wird kaum geachtet. Es wäre angebracht, über andere Betreuungsschlüssel nachzudenken, da Geisteswissenschaften nun mal stark argumentativ geprägt und diskussionslastig sind und daher ein anderes Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden erfordern. Die weit geringeren Materialkosten im Verhältnis zu anderen Wissenschaften würden den relativen personellen Mehraufwand ausgleichen.

Fragt man hingegen die Lehrenden, so sind viele der Ansicht, dass ein wenig mehr Auslese nicht schaden könnte.

Im übrigen möchte ich noch einen Hinweis zu einem älteren Artikel äußern, der auf Ihrer Seite erschien (http://www.lisa.gerda-henkel-stiftung.de/in_der_wirtschaft_wird_ein_doktor_titel_sehr_geschaetzt?nav_id=5121). Dr. Bagherpour beschreibt darin, wie ihr ihr Doktortitel in Archäologie zu einer Laufbahn in der Wirtschafts- und Kulturberatung verholfen hat. Erst einmal Hut ab zu diesem Werdegang und zu der Leistung. Was aber leider etwas untergeht ist, dass nicht ihr Abschluss hier den Ausschlag gegeben hat, sondern im erheblichem Maße ihre Sprachkompetenz und Ortskenntnis, die sie ihrer halbiranischen Herkunft und ihren Reisen zu verdanken hat. Der Abschluss ist hier mehr so eine Art Bonus. Der allein hätte ihr wenig gebracht. Es wäre durchaus ehrlich, den jungen Studieninteressierten klar zu machen, dass nach dem Abschluss eine sehr harte Zeit auf sie zukommen wird.

Es gibt m.E. von fachlicher Seite eigentlich keinen Grund, warum man nicht ein wenig strenger bei den Zugangskriterien sein könnte.

Kommentar

von Dr. N. Bagherpour Kashani | 14.05.2015 | 13:00 Uhr
Sehr geehrter Herr Zerjadtke,
danke für Ihre Anerkennung, jedoch muss ich Ihrem Kommentar noch etwas hinzufügen. Natürlich sind es auch meine Orts- und Sprachkenntnisse, die ausschlaggebend sind für meinen Werdegang, allerdings hat gerade meine geisteswissenschaftliche Ausbildung einen hohen Anteil an diesem Erfolg. Zunächst einmal habe ich u.a. viele meiner Kenntnisse und Fähigkeiten zu Iran durch die Arbeit in archäologischen Projekten erlangen können (http://beratung-iran.de/?page_id=8); zudem ermöglicht es mir meine wissenschaftliche Ausbildung und nicht zuletzt die Auseinandersetzung mit einem umfangreichen und komplexen "Projekt" wie meiner Dissertation, mich mit neuen und vielschichtigen Themen auseinandersetzen zu können.
Ich möchte damit sagen, dass viele Geisteswissenschaftler nicht wissen, was sie alles zu bieten haben und wie sie damit für sich werben können. Als ich Stipendiatin der Gerda Henkel Stiftung war, habe ich viele andere Stipendiaten kennen gelernt, die ein ausgeprägtes Wissen über Länder oder gewisse Bereiche besitzen, das weit über die Kenntnisse mancher sogenannter Experten geht.
Wenn ein Geisteswissenschaftler eine Laufbahn ausserhalb der Universität oder der Forschung einschlagen möchte, ist es natürlich nicht leicht, seine Nische zu finden. Dennoch bin ich der Auffassung, dass es mehr Möglichkeiten gibt, als es allgemein bekannt ist. Es wird leichter, wenn junge Wissenschaftler früh ihre Weichen stellen, um rechtzeitig Netzwerke, Kontakte und Zusatzwissen aufzubauen. Wünschenswert wäre es daher, wenn die Universitäten, Institute und Fachbereiche an diesem Punkt eine grundlegende und kompetente Unterstützung bieten würden, etwa durch Coachings, evtl. als Ausgleich für die hohen Materialkosten, die andere Fächer aufweisen, wie es auch Prof. Burkart im Interview andeutet. Derzeit sind in Politik und Gesellschaft vor allem die sogenannten wirtschaftlich effizienten Berufe gefragt (Stichwort Wirtschaftswachstum). Ich halte es aber nicht für sinnvoll die Zahl der Geisteswissenschaftler zu reduzieren, denn dadurch würde uns eine große Gruppe, kritisch sowie vielseitig denkender und einsetzbarer Personen abhanden kommen, die wertvoller für unsere Gesellschaft sind als es zunächst ersichtlich ist. Herr Prof. Burkart nennt hier die gesellschaftliche Selbsterneuerung, zu der gerade Geisteswissenschaftler einen wichtigen Beitrag leisten.

Kommentar

von Dr. Oliver Hülden | 17.05.2015 | 14:02 Uhr
Ich verzichte jetzt mal auf eine Anrede, weil ich meine Frage an keine bestimmte Person richten möchte. Frau Bagherpour Kashani schreibt, dass derzeit in Politik und Gesellschaft die ökonomischen Interessen dominieren, was zweifellos zutrifft. Mit dem "Derzeit" scheint angedeutet zu sein, dass sich das in Zukunft auch wieder ändern könnte. Da würde mich interessieren, wie das konkret geschehen soll, denn von alleine wird es ja wohl nicht passieren.
Die zweite Frage schließt unmittelbar daran an und betrifft die Formulierung "gesellschaftliche Selbsterneuerung", mit der ich zugegebenermaßen wenig anfangen kann. Da wüsste ich gerne, was ich denn aus geisteswissenschaftlicher Perspektive (von mir aus aber auch ganz allgemein) darunter konkret zu verstehen habe. Wer soll sich denn da in welche Richtung genau selbst erneuern? Und wer soll eigentlich den Hebel zu dieser Selbsterneuerung an welcher Stelle ansetzen?
Zu beiden Fragen würden mich Reaktionen freuen.

Kommentar

von Michael Zerjadtke | 21.05.2015 | 15:15 Uhr
Sehr geehrte Dr. Bagherpour Kashani,

ich danke Ihnen für Ihre Rückmeldung. Sie haben Recht damit, dass Geisteswissenschaftler oft nicht wissen, was sie eigentlich außerhalb von Bildung und Forschung zu bieten haben. Auch ist ein gewisser Anteil an kritisch gebildeten Bürgern unabdingbar für eine freie und demokratische Gesellschaft, doch am Ende bleibt doch festzustellen, dass viele hinterher umschulen müssen und/oder mit ihrer Karriere sehr unzufrieden sind. Und es können nun mal nicht alle Unternehmer werden, wie es von wirtschaftsliberaler Seite teilweise geäußert wird (was ich Ihnen keinesfalls unterstellen möchte). Viele sind dafür nicht geeignet und auch für diese Menschen muss es Möglichkeiten geben, ihren Lebensunterhalt würdevoll zu bestreiten. Dafür sollte idealerweise ihre (Aus)Bildung sorgen.

Sehr geehrter Dr. Hülden,

ich gebe Ihnen vollkommen Recht, dass das Wort "derzeit" (...wären in Politik und Gesellschaft vor allem die sogenannten wirtschaftlich effizienten Berufe gefragt) suggeriert, es wäre jemals anders gewesen. Das ist meines Erachtens nämlich nicht der Fall. Es ist zwar nicht zu bestreiten, dass aufgrund der Globalisierung und der damit einher gehenden globalen Konkurrenz der Arbeitskampf härter geworden ist, doch lief der Niedergang der Geisteswissenschaften nicht parallel hierzu. Die seit Jahrzehnten explodierenden Absolventenzahlen haben nun mal auch die Anzahl der Geisteswissenschaftler wachsen lassen, obwohl der Markt nicht dementsprechend wuchs. Die staatlichen Stellen sind und waren stets begrenzt und die Arbeitsmöglichkeiten in Verlagen und anderen wissenschaftsnahen Unternehmen sind nicht im gleichen Maße gewachsen wie die Masse der Absolventen. Ich teile auch Ihre Einschätzung, dass die Marktdominanz in überschaubarer Zeit nicht ersetzt werden und sich auf den Arbeitsmärkten für Geisteswissenschaftler kaum eine Verbesserung einstellen wird. Ich denke, das Ansehen der Geisteswissenschaften ist und war nur bei einem relativ kleinen Teil der Bevölkerung hoch und wird es auch bleiben.

Die Formulierung "gesellschaftliche Selbsterneuerung" ist in der Tat sehr versatzstückartig, ist aber nicht falsch. Nach meiner Interpretation ist hierunter die potentielle Fähigkeit eines kritischen Individuums gemeint, sich selbst und die Gesellschaft neu zu hinterfragen und bei Bedarf zu ändern (zu allererst sich selbst). In einfachen Worten: wenn man merkt, dass in der mitteleuropäischen Gesellschaft etwas nicht rund läuft und Tendenzen erkennbar sind, die auf mittlere Sicht in eine ökonomische oder soziale oder sonstwie geartete Katastrophe führen können, dann muss man was ändern. Änderungen sind jedoch immer Arbeit und mit Mühen verbunden, weshalb die Meisten Änderungen nicht mögen. Wenn man jedoch verstanden hat, dass sie nötig sind und einverstanden ist mit ihrer Umsetzung, kann man ihnen entweder nicht im Wege stehen oder aktiv mit helfen und andere beim Verstehen unterstützen. Da Änderungen in einem demokratischen System von einem gewissen Prozentsatz getragen (und überprüft) werden müssen, braucht man einen Anteil an Verstehenswilligen. Im Besonderen ist anzumerken, dass Probleme und Lösungen nicht allein aus ökonomischer Sicht gesehen werden dürfen. Die ökonomische ist eine wichtige, aber eben nur eine Sicht unter vielen. Soziale, historische, politische und rechtliche Aspekte spielen auch eine Rolle und bedürfen der Fürsprache und vor allem auch des Verständnisses. Letzteres erlangt man aber nur, wenn es genug Personen gibt, die Willens und in der Lage sind, komplizierte Sachverhalte zu durchdringen.
Wer den Hebel zu dieser Selbsterneuerung an welcher Stelle ansetzen soll, ist eine schwierige Frage. Ich denke, man sollte solche Veränderung überhaupt nicht steuern. Sie geschehen von ganz allein durch die Selbstorganisation von Individuen. Nehmen Sie die sog. Homo-Ehe. Dass die gleichgeschlechtliche Ehe kommt, ist vollkommen klar, nur nicht wann. Dabei hat niemand von oben gesteuert, dass nun bald auch Schwule und Lesben heiraten können sollen. Die Menschen sind allgemein toleranter geworden und gewöhnen sich an den Gedanken. Da muss man nichts im Speziellen forcieren - das geschieht von allein.

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