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Georgios Chatzoudis | 11.09.2018 | 507 Aufrufe | Interviews

"Das Unslebare des Terrors lesbar machen"

Interview mit Jesko Bender über literarische und historiographische Lesarten von 9/11

Der Terroranschläge vom 11. September 2001 in New York sind nach wie vor Gegenstand von verschiedenen Narrativen - wissenschaftlichen, literarischen und pop-kulturellen aller Art. Letztere begannen gleich nach den Anschlägen, als Kulturkommentatoren versuchten, das unbegreifliche Geschehen in Worte zu fassen und zu rationalisieren, was nicht immer zu gelingen schien und hier und dort für Verstörung oder gar Empörung sorgte. So hatte beispielsweise der Komponist Karlheinz Stockhausen knapp eine Woche nach den Attentaten diese als das "größte Kunstwerk", das es je gegeben habe, bezeichnet. Auch die deutschsprachige Literatur setzte sich schon früh und bis heute mit 9/11 auseinander. Der Germanist und Politikwissenschaftler Dr. Jesko Bender hat sich die literarischen Narrative genau angeschaut und dabei Terror als Diskurs- und Textphänomen untersucht. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Die Frage, wie Terror erzählt werden kann"

L.I.S.A.: Herr Dr. Bender, Sie haben ein Buch mit dem Titel „9/11 erzählen. Terror als Diskurs- und Textphänomen“ geschrieben. Bevor wir ins Detail gehen -  was hat Sie zu dieser Studie bewogen? Welche Ausgangsbeobachtungen lagen ihr zugrunde?

Dr. Bender: Ausgangspunkt waren zunächst einmal zwei Beobachtungen, für die man noch nicht einmal in die Tiefe literaturwissenschaftlicher Auseinandersetzungen gehen muss: Zum einen, dass ich es bemerkenswert fand, wie viele deutschsprachige Texte sich an 9/11 abarbeiten, dieses Ereignis also gewissermaßen in einen deutschen Kontext einschreiben. Und zweitens, dass sie dabei allesamt einer eigentlich naheliegenden (vielleicht zu naheliegenden) Versuchung widerstehen: Den Terror von 9/11 mit dem Terror der RAF zu verknüpfen. Die zweite Beobachtung finde ich insofern wichtig, weil sich daran zeigt, dass es den Texten nicht so sehr um eine inhaltliche Auseinandersetzung (im Sinne einer erzählten Geschichte, also dem, was man narratologisch alshistoire bezeichnet), geht, sondern um eine diskursive Auseinandersetzung mit dem Phänomen des Terrors. Etwas plakativ zusammengefasst: Spannend sind die Texte, weil sie die Frage aufwerfen, wie Terror erzählt werden kann. Und um sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen, muss man die vermeintlich inhaltliche Linie zwischen RAF und 9/11 (beides ist ja als Terror gelabelt), gar nicht aufmachen. Es heißt ja im politischen Diskurs immer wieder, Terror sei das Ende der Kommunikation. Dass Terror aber eine unglaubliche Masse an Kommunikation erzeugt, das beweisen nicht zuletzt die literarischen Texte.    

"Terror ist nicht das Ende der Kommunikation, im Gegenteil"

L.I.S.A.: Im Zentrum Ihrer Arbeit steht das Phänomen des Terrors, mit dem Sie sich eingangs grundlegend auseinandersetzen. Eine Definition – so schreiben Sie – von Terror sei nicht möglich, vielmehr sei das Phänomen Terror nur in seiner kulturellen Dimension erfassbar, um Terror überhaupt erst erzählen zu können. Andererseits stellen Sie die Unsagbarkeit und Unlesbarkeit von Terror fest. Wie passt das zusammen?

Dr. Bender: Terror ruft die verdrängte Dimension politischer Souveränität auf: Die Gründungsgewalt, über die sich politische Souveränität überhaupt erst als solche setzt, die aber verdrängt wird, um sich (auch gewaltsam) behaupten zu können. Daraus resultiert die enorme Verunsicherung, die durch terroristische Gewaltakte entsteht. Wir spüren, dass bei diesen Gewaltakten etwas mitschwingt, das bei anderen fürchterlichen Gewalttaten, beispielsweise Amokläufen, nicht mitschwingt. (Und bei dieser Feststellung geht es nicht darum, die eine Gewalttat als weniger schlimm anzusehen als die andere. Beide sind fürchterlich, entfalten ihre Wirksamkeit aber auf unterschiedliche Weise). Deswegen erzeugt Terror Angst und Schrecken, deswegen sind uns terroristische Gewalttaten unheimlich. Unheimlich im Sinne Sigmund Freuds, der sagt, dass das Unheimliche in einer Verdrängungsbeziehung zum Heimeligen (damit meint er: Vertrauten, Eigenen) steht. Was wir als Terror bezeichnen, sind Gewalttaten, die dieses Gefühl einer unheimlichen Gewalttat hervorrufen. Ich würde das tatsächlich auch auf dieser Affektebene fassen: Dieses Unheimliche verschreckt und verstört uns fundamental, es ist erst einmal unsagbar. Es muss sagbar gemacht werden und das ist ein kultureller Prozess. Deshalb ist Terror nicht das Ende der Kommunikation, im Gegenteil: Eine Vorstellung des Terrors wird ersprochen, erschrieben, erzählt. Und deshalb finde ich es so spannend, sich anzuschauen, welche Erzählweisen die Literatur anbietet, um eine Vorstellung des Terrors zu erzeugen. Weil sie das Erzählen als Kulturtechnik immer auch mitreflektiert, also über ein Wissen von sich selbst verfügt.

"Lesarten für den Terror, den die historiographische Auseinandersetzung nicht bietet"

L.I.S.A.: Was kann zeitgenössische Literatur, die Sie in Ihrem Buch anhand von 13 Romanen und Erzählungen exemplarisch untersuchen, leisten, um die Unlesbarkeit des Terroranschlags 9/11 zu überwinden? Welche Lesarten kann sie schaffen? Und wie verhalten sich diese Lesarten zur wissenschaftlichen Historiographie über den 11. September?

Dr. Bender: Die Literatur bietet zunächst einmal Erzählungen an. Erzählungen, die sich daran abarbeiten, wie sie Terror überhaupt erzählen können. Und zwar nicht in einem historiografischen Sinne, dem es um AkteurInnen, Organisationsstrukturen, politische Rahmenbedingungen etc. geht. Vielleicht steckt im Folgenden ein etwas emphatisches Literaturverständnis, aber: Die Texte, die ich untersucht habe, begeben sich an (ganz unterschiedliche) Randgebiete des Erzählens, die aber am Rand der Zone angesiedelt sind, die ich als das Unlesbare des Terrors bezeichnet habe. Ich arbeite in meinem Buch drei Typologien des Erzählens an diesen Randgebieten heraus: Ein Erzählen, dem es um die Dekonstruktion des Ereignisses und darin um eine Poetik der Zeugenschaft geht - im Zentrum dieses Kapitels steht Ulrich Peltzers Bryant Park. Das zweite typologische Erzählverfahren wendet sich der unheimlichen Dimension des Terrors zu und macht Terror über eine Poetik der Verdrängung lesbar - mustergültig führt dies Katharina Hackers Die Habenichtse vor. Und das dritte typologische Erzählverfahren erzählt Terror, indem es eigentlich vom Terror nicht spricht. Terror wird darin zu einer Allegorie des Lesens - Paulus Hochgatterers Eine kurze Geschichte vom Fliegenfischen führt diese Verfahrensweise mit großer Lust am Erzählen vor.     

Und so bieten die literarischen Texte Lesarten für den Terror, den die um Faktizität bemühte historiographische Auseinandersetzung nicht bietet, die sie aber auch gar nicht liefern muss. So wenig ich von literarischen Texten ein tieferes Verständnis über die Entwicklungsgeschichte Al-Qaidas erwarten würde (und, mal ehrlich, wer wollte einen Roman lesen, um etwas darüber zu erfahren?), so wenig erwarte ich von der wissenschaftlichen Historiografie, dass sie mir beispielsweise etwas über die Dekonstruktion des Denkmusters der Zäsur präsentiert.

"Terror eher durch kulturelle Narrative fassen"

L.I.S.A.: Welche Narrationen sind es denn, die unsere Wahrnehmung eines Ereignisses wie das des 11. Septembers, dominant prägen: die literarischen oder die historiographischen? Sind diese beiden Erzählformen überhaupt klar voneinander zu trennen?

Dr. Bender: Ich möchte diese beiden Narrationen eigentlich nicht gegeneinander ausspielen. Sie leisten jeweils etwas unterschiedliches, funktionieren nach je eigenen Regeln, in unterschiedlichen Formen und setzen immer auch unterschiedliche Aspekte auf ihre Agenda. Es ist inzwischen ja allgemein anerkannt, dass auch die Historiographie narrativ verfährt, insofern könnte man jetzt natürlich sagen, die historiographischen und die literarischen Narrative sind nicht klar voneinander zu trennen, weil es eben nur unterschiedliche Narrative (aber eben Narrative) sind. Das ist aber nur die eine Seite und ich vermute, das ist nicht das, worauf Sie mit dieser Frage hinaus wollen. 

Wenn ich eben gesagt habe, dass die beiden Narrative unterschiedliche Aspekte auf ihre Agenda setzen, dann lässt sich darüber eine Antwort skizzieren: Historiographische Narrative wenden sich der kulturellen Wirkmacht des Terrors nicht zu, weil kulturelle Fragen schlichtweg zu »weiche« Faktoren für den »harten« historiographischen Diskurs sind. Aber Terror ist kein Faktum Brutum, er wirkt gerade über diese ›weichen‹ Faktoren, er wirkt im kulturellen Feld. Albrecht Koschorke hat in einem systematischen Text über das Verhältnis von Kulturwissenschaft und Systemtheorie mal von den »kulturellen Weichstellen« der Gesellschaft und des Politischen gesprochen, die durch Erzählungen erst sichtbar, sagbar, verhandelbar würden. Und ich gehe in meiner Arbeit davon aus, dass die verstörende, beunruhigende und unheimliche Dimension des Terrors genau dort gesucht werden muss. 

Der historiographische Diskurs wendet sich beispielsweise nicht der Frage zu, wie dieser regelrechte Wiederholungszwang entsteht, sich immer und immer wieder Bilder von 9/11 anzusehen - auch wenn man beim hundertsten Mal nicht mehr weiß, als beim ersten Mal. Alleine der konkrete Tag selbst bestand ja aus nichts anderem als der permanenten Wiederholung der immer gleichen Bilder (bis hin dazu, dass sie irgendwann mit pathetischen Popsongs, zum Beispiel Enyas Only Time oder New York von U2, unterlegt wurden). Dieser Wiederholungszwang, aus dem sich der schon verzweifelte Versuch ablesen lässt, durch das bloße Betrachten der Bilder etwas davon zu verstehen, was sie zeigen - dieser Wiederholungszwang zeugt davon, dass Terror eher durch kulturelle Narrative gefasst und vielleicht auch: bewältigt werden kann.   

Literarische Texte haben sich (auf sehr unterschiedliche Weise) dieser Frage sofort angenommen, für die Historiographie sind das eher Nebenschauplätze, vielleicht sogar schlichtweg Nebenwidersprüche. Dafür liefern historiographische Ansätze Antworten auf ganz andere wichtige Fragen.  

"9/11 betrachte ich als eines der wirk- und bildmächtigsten Terror-Ereignisse"

L.I.S.A.: Wenn Sie sich vergleichbare Terrorereignisse anschauen, denen einst eine Monstrosität ähnlich der von 9/11 zugeschrieben worden ist, was ist dann für das Sprechen und Schreiben über 9/11 zu erwarten? Wird sich mit wachsender zeitlicher Distanz das Ereignis relativieren oder haben wir es dabei mit einer Form von Terror zu tun, die als grundlegender Gewaltakt bzw. als eine neue politische Ordnung begründender Gewaltakt zu begreifen ist?

Dr. Bender: Auch wenn mir in meiner Arbeit viel daran gelegen ist, den Zäsur-Gedanken als unzulänglich herauszuarbeiten: 9/11 betrachte ich ohne Zweifel als eines der wirk- und bildmächtigsten Terror-Ereignisse. Insbesondere auch, weil dieser Anschlag eine globale Bedeutung hatte, die kein Terroranschlag zuvor hatte. Auch wenn man sagen kann, dass bspw. die RAF ebenfalls sehr wirk- und bildmächtig war (gerade auch auf popkultureller Ebene), so ist sie doch ein deutsches Terrorphänomen.

Insofern glaube ich nicht, dass 9/11 mit zeitlicher Distanz zu etwas werden wird, woran man sich nicht immer wieder neu abarbeiten kann - denken Sie beispielsweise an die Serie »Designated Survivor«, die 2016 produziert und fast auf den Tag genau 15 Jahre nach den Anschlägen vom 11. September erstmals ausgestrahlt wurde: Diese Serie widmet sich dem Bilderhaushalt der Zeit unmittelbar nach den Anschlägen vom 11. September 2001. Ausgangspunkt der Handlung ist ein verheerender Anschlag auf das Kapitol in Washington, bei dem der gesamte Regierungsapparat der USA, auch der Präsident, ermordet wird. Einzig ein Regierungsmitglied überlebt (der namensgebende »Designated Survivor«, dieses ist aber paradoxerweise kurz vor dem Anschlag aus der Regierung entlassen worden. Die Serie spielt also die Vollendung von 9/11 (das vierte Flugzeug sollte mutmaßlich das Kapitol treffen) durch und radikalisiert die Frage der Souveränität nochmals. Und dabei begibt sie sich gewissermaßen in unser Bild-Archiv der Nullerjahre, kramt die Bilder heraus, schreibt sie aber zugleich um, indem sie sie ins digitale Zeitalter übersetzt. Dieses Verfahren zeugt davon, dass die Bilder nach wie vor virulent sind. »Designated Survivor« geht dabei sehr akribisch und reflektiert vor, ein kleines Beispiel: Es gibt in der ersten Folge eine Szene, in der die sogenannte Bullhorn-Speech von George Bush auf den Trümmern des WTC bildlich zitiert wird. Skandieren die Zuhörer bei Bush noch "USA USA", schauen sie in »Designated Survivor« während der Rede des Präsidenten auf ihre Smartphones und verfolgen Berichte über eine Eskalation in anderen Gegenden der USA, die sich zeitgleich unter dem Eindruck der Anschläge zuträgt. Die Serie stellt somit die Frage, ob man gewissermaßen an zwei Orten gleichzeitig sein kann, erneut - sie war durch die Live-Berichterstattung über 9/11 ja schon aufgeworfen worden, stellt sich aber heute sicherlich nochmal anders. Aber eben nach wie vor im Rückgriff auf 9/11.

Dr. Jesko Bender hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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