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Georgios Chatzoudis | 30.05.2017 | 728 Aufrufe | Interviews

"Das panoptische Schema breitet sich aus"

Interview mit Carolin Wiedemann über kritische Kollektivität in Zeiten von Facebook und Co.

Das Kapital von privatwirtschaftlich betriebenen Sozialen Netzwerken wie Facebook ist eine möglichst große Übereinstimmung der realen mit der virtuellen Identität ihrer Nutzerinnen und Nutzer. Klarnamen, Wohnort, Telefonnummer, Interessen, politische Gesinnung, Konfessionszugehörigkeit, Hobbies, favorisierte Filme und Musik und Likes für Konsumartikel und andere Produkte - das sind Daten, die für Unternehmen von großem Wert sind und zielgerichtetes Product Placement erlauben. Aber nicht nur Privatunternehmen interessieren sich für solche Informationen, auch staatliche Behören und Institutionen sammeln diese fleißig und streben nach Eindeutigkeit und Nachvollziehbarkeit von virtuellen Profilen, um beispielsweise subversives Verhalten frühzeitig nach seinem Gefahrenpotential abschätzen zu können. Kommodifizierung und Kontrolle gehen hierbei gemeinsame Wege. Ist das Nutzen des Netzes so gesehen vor allem eine große Datenerhebungsmaschine, der wir uns für frei- und gutwillig unterwerfen? Ist kritisches und nonkonformes Verhalten im Netz überhaupt noch möglich, wenn wir mit Klarnamen agieren? In welche Raster fällt man, falls man es doch tut? Welche Bedeutung kommt dabei Anonymität zu? Die Soziologin Dr. Carolin Wiedemann hat sich in Ihrer Dissertationsarbeit dieser Fragen angenommen. Wir haben ihr unsere Fragen gestellt.

"Das Unberechenbare und Ereignishafte bestimme ich als subversiv"

L.I.S.A.: Frau Dr. Wiedemann, Sie haben im Anschluss an Ihre Dissertationsarbeit einen Band publiziert, in dem Sie den Fokus auf kritische Kollektivität im Internet richten. Wie lautet dabei Ihre Ausgangsfrage und was ist Ihre zentrale These?

Dr. Wiedemann: Ich frage in dieser kumulativen Doktorarbeit, was als subversiv gelten kann unter den Bedingungen der Informatisierung, die mit der Entwicklung einer biopolitisch-kybernetischen Kontrollgesellschaft im Deleuzianischen Sinn einhergeht. Gegenüber einem kontrollgesellschaftlichen Zugriff, der über die proaktive Identifikation und Bewegungskontrolle funktioniert, bestimme ich das Unberechenbare und Ereignishafte sowie Formen von Kooperation als subversiv, die nicht auf Repräsentationslogiken, sondern auf „emergenter Solidarität“ basieren, welche wiederum unter anderem durch digitale Infrastrukturen ermöglicht wird.

"Differenz ist nur in einem standardisierten Rahmen möglich"

L.I.S.A.: Ihren Untersuchungen liegt eine bestimmte Dialektik des Konzepts von Freiheit zugrunde. So verfügen wir demnach beispielsweise über Wahlfreiheit – uns liegen in unterschiedlichen Lebensbereichen und zu verschiedenen Phasen unseres Lebens mehrere Optionen vor, über die wir frei entscheiden können. Gleichzeitig aber etablieren diese Wahlfreiheiten paradoxerweise ein Regime, in dem wir uns freiwillig selbstregulieren und selbstkontrollieren, mit einer auffälligen Tendenz zu Konformität und Homogenisierung. Welche Rolle spielt dabei eine Plattform wie Facebook?

Dr. Wiedemann: Es scheint vielen mittlerweile selbstverständlich, auf Facebook etwa freiwillig ein elektronisches Raster auszufüllen, das sich Profil nennt. Die Wahlmöglichkeiten sind vorgegeben, Differenz ist dabei immer nur in einem standardisierten Rahmen möglich. Gleichzeitig ruft Facebook die UserInnen dazu an, sich als einzigartig und besonders aufmerksamkeitswürdig darzustellen. Sie sollen alles, was sie tun, für andere dokumentieren: „Was machst Du gerade?“ lautet die zentrale Frage. Antworten kann man darauf mit ein paar Sätzen, mit einem Foto und einem Video. Diese Antworten können dann von anderen kommentiert und bewertet werden - öffentlich bzw. vor dem Publikum der so genannten „Freunde“. Je stärker die User_innen vernetzt sind, je mehr Facebook-Freunde sie haben, desto größer wird ihre Sichtbarkeit. Da damit aber gleichzeitig auch die Fülle an Informationen wächst, die sichtbar sind, wird es umso wichtiger, aktiv zu sein. Die andauernden Update-, Beobachtungs- und Kommentarfunktionen stellen sicher, dass einem Aufmerksamkeit zuteilwird: Je häufiger ein Beitrag „geliket“ wird, desto sichtbarer wird, desto länger bleibt er auch für die „Freunde“ sichtbar.

Diese Ökonomie der Aufmerksamkeit ist gerade in Bezug auf die Frage nach der Freiheit und der Freiwilligkeit interessant: Vor ein paar Jahren lautete der Titel einer Dokumentation über die „Digital Natives“ auf Arte: „Google zeigt mich, also bin ich.“ Das panoptische Schema, über das schon Foucault schrieb, hat sich derart ausgebreitet, dass die User_innen andauernd freiwillig Informationen über sich und ihr Leben preisgeben, den Beobachter_innen-Blick zu brauchen scheinen, um sich als Subjekt zu konstituieren.

"Machttechniken, die einzelne dazu bringen, sich selbst zu disziplinieren"

L.I.S.A.: Sie orientieren sich in Ihrer Analyse stark an den Konzepten der Kontrollgesellschaft von Gilles Deleuze sowie der Gouvernementalität und Biomacht von Michel Foucault. Weder der eine noch der andere haben die aktuellen Sozialen Netzwerke erleben können. Wenn Sie deren Überlegungen nun zur Analyse von Facebook und Co. heranführen, finden Sie in deren Werk Hinweise darauf, dass dort die aktuelle Entwicklung mit- bzw. vorausgedacht wurde? Oder hatten Deleuze und Foucault ganz andere Regime im Kopf, jenseits von Digitalität und Virtualität?

Dr. Wiedemann: Michel Foucaults Arbeiten stellen gleichermaßen ein Analyseraster für Machtverhältnisse dar und beschreiben im Laufe seines Werks verschiedene lokal und zeitlich begrenzte Machttypen wie den der Disziplinarmacht im 19. Jahrhundert, den der Biomacht und der Gouvernementalität im 20. Jahrhundert. Für meine Arbeit ist Foucault in beiderlei Hinsicht relevant, einerseits, um das Fortwirken und die Modifikation von Macht-Techniken, die er beschrieben hatte, gerade im Hinblick auf deren Verbindung mit neuen technologischen Entwicklungen zu analysieren, andererseits, um eine bestimmte Analyseperspektive einzunehmen. Und zwar eine, die Macht in Abgrenzung sowohl zu affirmativ-bürgerlichen als auch zu kritisch-marxistischen Machtkonzepten als das Modell einer subjektlosen und dezentrierten „Mikrophysik der Macht“ artikuliert, in der Form eines produktiven Netzwerks, das den gesamten Gesellschaftskörper durchzieht. Foucault hat sich zwar noch nicht mit Computern und dem Internet befasst und dennoch Machtformen beschrieben, mit denen sich die Entwicklung von Kommunikations- und Informationstechnologie erklären lässt.

Mit seiner Analyse der Disziplinarmacht anhand der Architektur eines Gefängniskonzepts, des Panopticons - darauf hatte ich gerade schon verwiesen - zeigt Foucault bereits, wie sich Machttechniken etablieren, die einzelne dazu bringen, sich selbst zu disziplinieren, den kontrollierenden Blick eines Souveräns zu internalisieren. Wie sich das im gesamten Gesellschaftskörper ausbreitet, machen Foucaults Analysen der Entstehung der modernen Gouvernementalität deutlich; und so lassen sich auch gegenwärtige Situationen verstehen: Dass etwa Google seit 2014 mit dem Hersteller des Armbands Jawbone kooperiert, mit dem einzelne User_innen sich permanent selbst überwachen können, und dass zu den Partnern von Jawbone auch Alfa Bank gehört, eine russische Firma, die ihren Kunden höhere Kredite gibt, wenn deren Armband zeigt, dass sie sich effizient disziplinieren.

Mit Bezug auf Gilles Deleuze wird das noch plausibler, weil dessen Konzept der Kontrollgesellschaft Foucaults Ausführungen zur Bio-Macht mit der Herausbildung eines kybernetischen Wissens und der Emergenz neuer Technologien explizit zusammen denken lässt. Deleuze beschreibt bereits 1992 Kontrollmechanismen freiheitlichen Aussehens, Mikrotechniken, die sich auf den alltäglichen Kommunikationsbeziehungen niederlassen, um jede ihrer Regungen abzutasten, abzufragen, zu steuern und zu normieren - auf Basis von Computertechnologie. Doch auch Deleuze konzentriert sich nicht auf die Maschinen: Genau wie Foucault fordert auch er eine Perspektive, die technologische Neuerungen im Rahmen anderer gesellschaftlicher Entwicklungen verortet und sie gleichzeitig als konstitutiven Teil davon erachtet.

"Neue Formen von Kollektivität, die die Spuren einzelner im Netz verwischen"

L.I.S.A.: Im Mittelpunkt Ihrer Ausführungen steht die Frage nach Möglichkeiten und Formen des Widerstands in einer Netzwelt, die noch in den 1990er Jahren mit Hoffnungen auf einen herrschaftsfreien Raum verbunden waren. Tatsächlich kam es anders – sogenannte Big Player, die privatwirtschaftlich organisiert sind und entsprechend agieren, stellen uns Plattformen zur Verfügung, die unser virtuelles Verhalten neu organisieren, normieren und kommodifizieren. Das Phänomen „Anonymous“ identifizieren Sie als eine Möglichkeit für subversives Verhalten bzw. als eine Form des Widerstands. Warum? Ist deviantes Verhalten im Netz nur noch anonym möglich? Ist Anonymität bzw. sind Polyidentitäten die verbliebenen Formen der individuellen als auch der kollektiven Subversion?

Dr. Wiedemann: Das kontrollgesellschaftliche Dispositiv operiert auf der Ebene der Individuen und basiert auf deren Selbstaktivierung: Die User_innen konkurrieren miteinander im Wettbewerb darum, wer die coolere Netz-Identität hat, während Facebook an den Datensätzen verdient und die Bevölkerung sich überwachen lässt. Das unternehmerische und kompetitive Selbst korrespondiert also mit der freiwilligen Unterwerfung unter ein kybernetisch-kontrollgesellschaftliches Regime. Dem gegenüber lassen sich zwei Momente als subversiv bestimmen: 1. Ein Begehren nach Gemeinschaft, nach Kollektivität, die nicht nach Identitätslogiken organisiert ist, niemanden ausschließt und nicht hierarchisiert, und 2. das Unberechenbare, das Ereignishafte, das sich noch nicht in Informationen festhalten lässt. An Anonymous lassen sich, trotz der diversen Schwachstellen dieses Phänomens, solche Formen von Kooperation illustrieren, die auf der Möglichkeit des spontanen, anonymen Austauschs im Netz basieren und damit neue Formen von Kollektivität darstellen, die die Spuren einzelner im Netz verwischen. Ein Ziel, das Gruppen, die deviante Aktionen planen, im Netz natürlich verfolgen müssen, um nicht ins Visier der Behörden zu geraten.

"Aus Freiwilligkeit wird Zwang, aus Einzigartigkeit Konformität"

L.I.S.A.: Wie wirken sich in der virtuellen Welt eingeübte Praktiken auf die reale Welt aus, wenn wir davon ausgehen, dass Plattformen wie Facebook Regime darstellen, die mehrheitlich nicht demokratisch sondern eher autokratisch organisiert sind: Facebook sanktioniert unerwünschte Beiträge, jeder Initiator eines Beitrags oder eines Diskussionsstrangs entscheidet, welcher Kommentar erscheinen darf oder gelöscht wird. Sehen Sie die Gefahr, dass solche virtuellen Muster sich auch auf reale politische Praxis auswirken könnten?

Dr. Wiedemann: Eine solche Dystopie hat Dave Eggers ja 2013 in seinem berühmten Roman gezeichnet: Das Internet-Unternehmen The Circle hat mit dem Social-Media-Konzept ‚TruYou‘ alle Konkurrenten und eine demokratisch gewählte Regierung überflüssig gemacht, das Motto lautet: „ein Konto, eine Identität, ein Passwort, ein Zahlungssystem pro Person. Schluss mit mehrfachen Identitäten. Ein einziger Button für den Rest deines Onlinelebens.“ Aus Eggers Circle gibt es kein Entkommen: Unter den Leitlinien ‚Leidenschaft, Partizipation, Transparenz‘ wird aus Freiwilligkeit Zwang, aus Einzigartigkeit Konformität, und wer sich widersetzt, muss sterben. Eggers wurde oft kritisiert dafür, dass seine Geschichte unrealistisch sei, weil darin etwa gar keine kollektiven Kämpfe gegen einen solchen Apparat zur Sprache kommen. Ich hoffe, diese Kritik ist berechtigt.

Dr. Carolin Wiedemann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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