Login

Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 10.06.2014 | 4603 Aufrufe | 1 | Interviews

Das Massaker von Distomo

Interview mit Hagen Fleischer zum 70. Jahrestag des Kriegsverbrechens

Vor 70 Jahren ermordeten Polizeisoldaten der 2. Kompanie des 7. Regiments der 4. SS-Polizei-Panzer-Grenadier-Division 218 Bewohner des Dorfes Distomo in Mittelgriechenland. Zu den Opfern zählen vor allem alte Menschen, Frauen, 34 Kinder im Alter von einem bis zehn Jahren und vier Säuglinge im Alter von zwei bis sechs Monaten. Das Dorf wurde niedergebrannt. Die Begründung: Rache für Partisanenanschläge auf deutsche Soldaten. An den griechischen Universitäten ist es vor allem ein Historiker deutscher Herkunft, der die nationalsozialistische Besatzungspolitik in Griechenland und die Verbrechen an der Zivilbevölkerung erforscht und in die Öffentlichkeit trägt. Wir haben Prof. Dr. Hagen Fleischer von der Universität Athen interviewt.

Google Maps

Distomo Museum

"Alle vorgefundenen Einwohner massakriert"

L.I.S.A.: Herr Professor Fleischer, einer Ihrer Forschungsschwerpunkte ist die Erforschung der deutschen Besatzung Griechenlands im Zweiten Weltkrieg. Am 10. Juni jährt sich eines der brutalsten Massaker deutscher Streitkräfte zum 70. Mal – das Blutbad von Distomo. Worum ging es genau? Was ist wenigen Worten passiert? Wer waren die Täter – SS oder auch reguläre Truppenverbände?

Prof. Fleischer: Bei einem „Säuberungsunternehmen“ im „bandenverseuchten“ Böotien fiel eine SS-Kompanie, die sich zuvor schon durch brutales Vorgehen einen Namen gemacht hatte (z.B. Kleisoura, 5.4.44: 270 ermordete Zivilisten beiderlei Geschlechts und jeden Alters), in einen Hinterhalt linker ELAS-Partisanen. Beide Seiten hatten Verluste, doch die SS rächte ihre 6 Toten noch am gleichen Tag. Ohne weitere Feindberührung rückte die Kompanie in den nahegelegenen Marktflecken Distomo (bei Delphi) ein und massakrierte alle vorgefundenen (218) Einwohner. Im Blutrausch gab es keine Ausnahmen - vom Greis bis zu Schwangeren und Säuglingen wurden alle niedergemetzelt, mit einer Grausamkeit, die der „zivilisierte“ Mitteleuropäer „balkanisch“ zu nennen pflegt. Im Anschluss verfasste Kompaniechef Lautenbach einen dreist gefälschten „Gefechtsbericht“, demzufolge das (wehrlose) Dorf heftigen Widerstand geleistet habe, wobei (ausschließlich) „Bandenangehörige und Bandenverdächtige“ getötet worden seien...

"Lustlos geführte Voruntersuchungen"

L.I.S.A.: Ist die deutsche Besatzungszeit in Griechenland juristisch gesehen aufgearbeitet? Sind die Schuldigen zur Verantwortung gezogen worden?

Prof. Fleischer: Nein, kein Einziger! In den Bonner Akten der 50er- und 60er-Jahre wurde der Besatzungsterror, sofern er Erwähnung fand, zumeist als Selbstschutz exkulpiert. Selbst viehische Mordtaten, wie die in Distomo, wurden als „Erschießungen“ deklariert – zur Vergeltung für „Morde [sic] an deutschen Soldaten”. Die Wortwahl hat programmatischen Charakter. So plädieren hohe Mitarbeiter des Auswärtigen Amtes für eine „Endlösung des sogenannten Kriegsverbrecherproblems“. Damit fand sich die Diplomatie im Gleichschritt mit der Justiz. Die einzige Hauptverhandlung eines bundesdeutschen Gerichts zur Tötung griechischer Zivilisten endete [1951] mit dem Freispruch des Angeklagten: denn angesichts der latenten Partisanengefahr sei es legitim gewesen, Personen zu exekutieren, die „nicht sofort als harmlos zu erkennen waren“! Dieses Verdikt zeichnet die Argumentationsmuster vor, mit denen deutsche Staatsanwälte lustlos geführte Voruntersuchungen einstellten; viele historisch wertvolle Akten wurden im Reißwolf entsorgt.

Gedenkstätte bei Distomo

"Griechenland hat sich nie ganz davon erholt"

L.I.S.A.: Sie haben in zahlreichen Publikationen darauf hingewiesen, dass die deutsche Entschädigungszahlungen bisher minimal bzw. nicht ausreichend seien. Aber Deutschland hat bereits 1953 im Rahmen des Londoner Schuldenabkommens finanzielle Entschädigung geleistet. Ist das nicht genug? Wieviel forderte Griechenland und was wurde gezahlt?

Prof. Fleischer: 60.000 griechische Juden wurden zumeist in Auschwitz ermordet; über 30.000 weitere Griechen wurden im Lande liquidiert; mindestens 100.000 verhungerten. Nach dem deutschen Abzug litt jeder dritte Grieche an epidemischen Infektionskrankheiten. Viele waren obdachlos, da etwa 100.000 Wohnungen oder Häuser total (und weitaus mehr partiell) zerstört wurden. Wirtschaft und Infrastruktur des Landes wurden durch die Okkupation ruiniert, so etwa die "kriegswichtigen" Bergwerke im Raubbau ausgebeutet. Griechenland hat sich nie ganz davon erholt. 1945 bezifferte die griechische Seite den Schaden auf über zehn Milliarden Vorkriegsdollar. Hiervon erhielt Griechenland an Reparationen nur einen niedrigen Promillesatz: 25 – 70 Millionen $ in Sachwerten, zumeist demontierte Industrieanlagen, alte Schiffe, etc. Diese Reparationsleistungen im eigentlichen Sinne wurden aber nicht von einer deutschen Regierung erbracht, da 1945-49 kein deutscher Staat existierte, sondern von der Anfang 1946 im Pariser Abkommen konstituierten IARA (Inter-Allied Reparation Agency) zugeteilt. – Infolge des Kalten Krieges wurde die Reparationsfrage auf Druck der USA de facto abgewürgt, um den westdeutschen Teilstaat als Brückenkopf gegen Osten aufzubauen. Aus dieser Intention entstand, nach jahrelanger Vorarbeit des State Department, das Londoner “Abkommen zur Regelung der deutschen Auslandsschulden” (Februar 1953), das die zu regelnden Schulden wohlweislich auf die für die (primär angloamerikanischen) Gläubiger interessanten Vor- und Nachkriegsschulden begrenzte. Hingegen wurde die (insbesondere von den kleineren und ehemals vom NS-Reich okkupierten) kleineren alliierten Staaten vorgebrachte Frage der Kriegsschulden und –entschädigungen mit einer sybillinischen Formulierung auf die griechischen Kalenden verschoben. Als Zeitpunkt für die „Prüfung“ aller Reparationsforderungen verwies das Londoner Abkommen implizit auf eine Friedensregelung mit einem vereinigten Deutschland - womit angesichts der globalstrategischen Lage aber niemand rechnete!

Distomo Museum

In den frühen 1960er Jahren sah sich die Bundesregierung dennoch nach zähen Verhandlungen mit allen „Weststaaten“ gezwungen, diesen - ausdrücklich nicht als Reparation definierte „freiwillige“ - Pauschalbeträge zu zahlen, zur Weiterverteilung als individuelle "Wiedergutmachung" für Opfer nationalsozialistischer Verfolgung aus Gründen der Religion, Rasse und Weltanschauung. Griechenland erhielt insgesamt 115 Millionen D-Mark: in erster Linie für die Juden, aber auch für Zehntausende andere Opfer. Doch wurde im Vertragstext klargestellt, dass sonstige Ansprüche damit nicht abgegolten seien.

"Auf der Europakarte des NS-Terrors weiterhin ein weißer Fleck"

L.I.S.A.: Das Geld, dass der griechische Staat bisher von Deutschland erhalten hat – wohin ist es geflossen? Ist das Geld Opfern und Hinterbliebenen zu Gute gekommen?

Prof. Fleischer: Ja! Entgegen den in den deutschen Medien oft kolportierten Gerüchten, sind diese 115 Millionen nicht „irgendwo in dunklen Kanälen versickert“. Es gelang mir, die verschollenen Verzeichnisse der 96.880 positiv beschiedenen Entschädigungsanträge ausfindig zu machen und durch Stichproben zu verifizieren.

L.I.S.A.: Ist die deutsche Besatzungszeit in Griechenland ausreichend erforscht oder sehen Sie noch viele offene Punkte? Falls ja, welche wären das?

Prof. Fleischer: Jahrzehntelang war die Besatzungszeit weitgehend ein Tabuthema, da die mit Abstand größte Widerstandsorganisation, die linke EAM/ELAS, den anschließenden Bürgerkrieg verlor und daraufhin politisch und sozial ausgegrenzt wurde. So war es ausgerechnet ein Deutscher - noch bevor er durch Doppelstaatsbürgerschaft auch zum „Neu-Griechen“ wurde - der als erster (1980/81) an griechischen Hochschulen den 2. Weltkrieg in den Lehrplan einführte. Mittlerweile sind die meisten Aspekte in der griechischen Historiographie gut erforscht, wohingegen für die meisten Deutschen Griechenland auf der Europakarte des NS-Terrors weiterhin einen weißen Fleck darstellte. Hier hat sich erst durch den Staatsbesuch von Joachim Gauck im März etwas geändert.

Vor der Synagoge in Joannina: Prof. Moisis Elisaf, Präsident der Isr. Gemeinde Jannina; Bundespräsident Joachim Gauck; der griechische Staatspräsident Karolos Papoulias; Prof. Dr. Hagen Fleischer (v.l.n.r.)

"Ganz überwiegend positive Resonanz auf Gaucks Besuch"

L.I.S.A.: Wie war in der griechischen Öffentlichkeit die Resonanz auf diesen Besuch, auf seine Worte?

Prof. Fleischer: Bundespräsident Gauck hatte sich gründlich auf diesen schwierigen Besuch vorbereitet, gerade auch hinsichtlich des düstersten Kapitels der gemeinsamen Geschichte. Damit korrigierte er zumindest für seine Person das griechische (leider nicht ganz unbegründete) Stereotyp von der „Arroganz der Macht“ namentlich des offiziellen Deutschlands, die sich im Nicht-Wissen-Wollen manifestiere... Ganz überwiegend positiv war die Resonanz insbesondere auf seinen Versöhnungsbesuch - gemeinsam mit dem griechischen Präsidenten Karolos Papoulias in der epirotischen Gemeinde Lyngiades. Auch dort hatten die deutschen Besatzer (Wehrmacht und nicht SS!) alle greifbaren (über 80) Einwohner ermordet: größtenteils Frauen, Greise und Kinder. Am Denkmal für die Opfer bat Gauck als erster Repräsentant Deutschlands überhaupt um Verzeihung für die Besatzungsverbrechen. Die entscheidenden Sätze seiner Aufsehen erregenden Rede lauteten:

"Wir Nachgeborenen tragen persönlich keine Schuld. Und doch fühle ich an Orten wie diesem tiefes Erschrecken und eine doppelte Scham. Ich schäme mich, dass Menschen, die einst in deutscher Kultur aufgewachsen sind, zu Mördern wurden. Und ich schäme mich, dass das demokratische Deutschland, selbst als es Schritt für Schritt die Vergangenheit aufarbeitete, so wenig über deutsche Schuld gegenüber den Griechen wusste und lernte. […] Es sind die nicht gesagten Sätze und die nicht vorhandenen Kenntnisse, die eine zweite Schuld begründen, da sie die Opfer sogar noch aus der Erinnerung verbannen. Und so möchte ich heute aussprechen, was Täter und viele politisch Verantwortliche der Nachkriegszeit nicht aussprechen konnten oder wollten: Das, was geschehen ist, war brutales Unrecht. Mit Scham und mit Schmerz bitte ich im Namen Deutschlands die Familien der Ermordeten um Verzeihung. Ich verneige mich vor den Opfern der ungeheuren Verbrechen, die hier und an vielen anderen Orten zu beklagen sind. […] Achtet und sucht die Wahrheit. Sie ist eine Schwester der Versöhnung."

Prof. Dr. Hagen Fleischer hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Elke Kaasmann | 07.04.2016 | 10:36 Uhr
Ostermontag in Distomo begegneten wir einem Mann, dessen Großvater das deutsche Massaker überlebte und der von Bundespräsident Gauck für Distomo Anteilnahme erfuhr. Die Rede Gaucks, hier auszugsweise veröffentlicht, ist vorbildlich für unaufdringlich gelebte christliche Ethik, die noch Wahrheit beim Namen nennt und Menschen persönlich statt nur politisch korrekt erreicht. Unser Gesprächspartner weinte vor Dankbarkeit.

Kommentar erstellen

0RDKJY