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Dr. Birte Ruhardt | 07.10.2014 | 2096 Aufrufe | Interviews

Das Leben der Sklavenschiffsköche

Interview mit Melina Teubner über brasilianische Sklavenschiffsköche

Noch bis zum Ende des 19. Jahrhunderts war in Brasilien der Sklavenhandel erlaubt und auch nach dem Verbot war das Interesse an Sklaven immer noch groß. Die Historikerin Melina Teubner erforscht dabei in ihrem aktuellen Dissertationsprojekt die Geschichte brasilianischer Sklavenschiffsköche. Dafür reiste sie auch nach Brasilien, um biographische Quellen zu verschiedenen Köchen zu studieren. Für ihre Magisterarbeit zum selben Thema wurde sie mit dem Georg-Rudolf-Lind-Förderpreis für Lusitanistik ausgezeichnet. Wir wollten von ihr wissen, woher die Köche kamen, wie ihr Alltag aussah und was sie kochten.

Köchinnen in den Häfen.
Jean-Baptiste Debret - Negras Vendedoras de Angu-1834-1839

Google Maps

"Einzelne Köche im besten Fall an verschiedenen Orten wiederfinden"

 L.I.S.A.: Wo finden Sie Informationen über das Leben der Sklaven auf hoher See? Mussten Sie dazu nach Brasilien reisen?

Teubner: Informationen über das Leben von Sklaven und ehemaligen Sklaven auf hoher See zu finden, ist nicht ganz einfach. Ein Großteil der Menschen, die an Bord von Sklavenschiffen arbeiteten, waren Analphabeten oder konnten wenig mehr als ihren eigenen Namen schreiben. Dies traf vor allem auf Menschen in niedrigen Positionen zu. Zu den niedrigeren Positionen an Bord von Sklavenschiffen zählte die Arbeit als einfacher Matrose, Koch, Essensverteiler (Menschen die das Essen in die Laderäume der Gefangenen brachten und dort verteilten) und Lotse. Es ist deshalb sehr schwierig, Aufzeichnungen zu finden, die diese Menschen selbst hinterlassen haben. Allerdings gibt es Dokumente, in denen die Mannschaftsmitglieder der Schiffe Erwähnung finden bzw. in Verhören zu Wort kommen. Das können zum Beispiel Mannschaftslisten von Schiffen, Verhöre durch die Polizei, Bordtagebücher, Hafeneinfahrtslisten oder auch Berichte von Reisenden sein. Nach dem Verbot der Sklaverei im 19. Jahrhundert haben die Schiffseigner allerdings versucht, möglichst wenige Aufzeichnungen zu hinterlassen und aus diesem Grund beispielsweise Bordbücher vor einer Kontrolle durch die britische Marine ins Meer geworfen, um damit zum Teil wichtige Beweise zu vernichten, was die Suche für diesen Zeitraum etwas erschwert.

Die Kontrollen durch die britische Marine bescheren allerdings eine andere Gruppe von Quellen, die sehr wichtig ist. Seitdem der Sklavenhandel verboten worden war, kontrollierte das britische Militär Schiffe auf dem Atlantik. Konnten diese als Sklavenschiffe deklariert werden, weil sie entweder Gefangene an Bord hatten oder die Ladung einen Hinweis hierauf gab, wurden Teile der Mannschaften vor binationale Gerichtshöfe gestellt, die sogenannten mixed courts, und zu der jeweiligen Reise und ihren Lebensgeschichten befragt. Unter diesen Befragten waren zum Teil auch Sklaven und ehemalige Sklaven. Da die Besatzungen an unterschiedlichen Stellen vor Gericht gestellt wurden, ist es allerdings notwendig, verschiedene Archive aufzusuchen.

Für mein Projekt plane ich Forschungsaufenthalte in verschiedenen Archiven. Ich werde nach Rio de Janeiro, Lissabon, Luanda, São Tome und London reisen, um eine möglichst große Anzahl an unterschiedlichen Quellen zu finden und um einzelne Köche im besten Fall an verschiedenen Orten wiederzufinden. Die Quellen und Informationen dann zusammenzusetzen, gleicht zu Beginn häufig einem Puzzle, in dem häufig sogar Teile fehlen. Besonders die Reise nach Brasilien ist aber auch wichtig, weil es in Brasilien viele Forscher gibt, die zu ähnlichen Themen arbeiten, und ein Austausch mit diesen Forschern daher sehr wichtig ist.

Melina Teubner bei der Arbeit im Arquivo Histórico Itamaraty in Rio de Janeiro - Brasilien

"Es wird deshalb auch häufig vom „Hidden Atlantic“ gesprochen"

L.I.S.A.: Ihre Untersuchungen beschränken sich auf die Sklavenschiffsköche des 19. Jahrhunderts. Wieso wählten Sie diesen Zeitraum, in dem der Sklavenhandel in seinen Ausläufen und in vielen Ländern schon verboten war?

Teubner: Das 19. Jahrhundert gilt bis heute eher als das Jahrhundert der Abolition. Allerdings wurden in einige Regionen bis über die Mitte des Jahrhunderts hinaus weiter Millionen von Gefangenen verschifft. Die meisten Gefangenen wurden im 19. Jahrhundert nach Brasilien und nach Kuba gebracht. Obwohl Brasilien auch schon in den Jahrhunderten davor massenweise Gefangene importiert hatte, nahm der Sklavenhandel in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts noch einmal stark zu. Die Sklaverei blieb in Brasilien bis 1888 erlaubt. Sklavenhalter und auch Händler hatten also bis zum Verbot der Sklaverei großes Interesse an der Einfuhr neuer Gefangener.

Das internationale Verbot des Sklavenhandels konnte die Händler nicht davon abhalten, sich in dem Geschäft zu engagieren, das weiterhin sehr lukrativ war. Sie wurden nur kreativer, um den Sklavenhandel im Verborgenen durchzuführen. So gaben sie falsche Routen für die Schiffe an, deklarierten Sklavenschiffe als normale Handelsschiffe, vernichteten Papiere und liefen häufig kleinere Anlegeplätze in der Nähe der großen Häfen an, um die Gefangenen dort an Land zu bringen. Es wird deshalb auch häufig vom „Hidden Atlantic“ also dem verborgenem Atlantik gesprochen. Bis 1850 funktionierte der Sklavenhandel nach Brasilien noch sehr gut, danach wurde es schwieriger, obwohl auch nach 1850 noch Schiffe bekannt sind, die Brasilien erreichten.

"Die meisten der Arbeiter auf Sklavenschiffen wurden als „Portugiesen“ beschrieben"

L.I.S.A.: Welchen kulturellen Hintergrund hatten die Sklavenschiffsköche? Aus welchen Ländern kamen sie?

Teubner: Das ist eine schwierige Frage, die ich zum heutigen Zeitpunkt auch noch nicht abschließend beantworten kann. Generell wurden die meisten der Arbeiter auf Sklavenschiffen als „Portugiesen“ beschrieben, was aber nicht viel über die Herkunft aussagt, weil es auch ehemalige Sklaven aus Portugal sein konnten. Der brasilianische Sklavereiforscher Jaime Rodrigues geht davon aus, dass ca. 17% der Besatzungen auf Sklavenschiffen im 18. Jahrhundert einen afrikanischen Hintergrund hatten. Für das 19. Jahrhundert würde ich eher von einer etwas höheren Zahl ausgehen. Viele dieser Menschen sind wohl direkt an den afrikanischen Küsten als Schiffspersonal angeheuert worden – zum Beispiel wenn jemand aus der Mannschaft auf dem Weg von Brasilien nach Afrika verstorben war oder aber wegen ihrer guten Ortskenntnisse.

Einige der Schiffsangestellten waren aber auch Menschen, die als Gefangene nach Brasilien gebracht wurden. Sie hatten dort häufig viele Jahre in Sklaverei gelebt und konnten sich danach ihre Freiheit erkaufen, wonach sie dann in verschiedensten Positionen auf Sklavenschiffen anheuerten. Dies war in Brasilien möglich, weil es neben der wohl bekannteren Plantagensklaverei auch große Dienstleistungssklavereien in den brasilianischen Städten gab. Sklavinnen und Sklaven arbeiteten als KöchInnen, HändlerInnnen, Mechaniker, Prostituierte und in vielen anderen Berufen auf den Straßen und hatten einen bestimmten Betrag an ihre Besitzer zu entrichten. Verdienten sie mehr, konnten sie etwas Geld zur Seite legen und sich nach Jahren die eigene Freiheit erkaufen. Aber auch nach dem Erkauf der eigenen Freiheit, war es in den brasilianischen Städten für sie oftmals schwer, besser bezahlte Arbeiten zu finden.

Einige ehemalige Sklaven entschieden sich, häufig wohl weil andere Alternativen fehlten, auf einem Sklavenschiff anzuheuern. Dies stellte zumindest für ein paar Monate einen sicheren Job dar, und auch niedrigere Besatzungsmitglieder konnten verhältnismäßig viel verdienen. Auf den Schiffen arbeiteten oftmals auch Sklaven, die von ihren Besitzern an ein Sklavenschiff vermietet wurden, was für den Besitzer sehr lukrativ sein konnte oder die einem der höheren Besatzungsmitglieder gehörten. Die Regionen aus denen die Besatzungen kamen, scheinen sich in etwa mit den Hauptsklavenhandelsregionen an den afrikanischen Küsten gedeckt zu haben. Die meisten Besatzungsmitglieder gaben an, aus den Regionen des heutigen Angola, beispielsweise aus Luanda, Benguela und Cabinda zu stammen. Dies waren im 19. Jahrhundert die wichtigsten Häfen für den Sklavenhandel nach Brasilien. Viele andere scheinen aber auch aus den Gebieten der Gold- und Sklavenküste gekommen zu sein. Die Herkunft der Sklaven bzw. ehemaligen Sklaven möchte ich in meiner Arbeit genauer untersuchen.

The image describes the H.M.S. "Rattler" (left) capturing the slaver "Andorinha" (right), in August, 1849.
The Illustrated London News (Dec. 29, 1849), vol. 15, p. 440

"Die Hierarchie an Bord spiegelte sich auf den Tellern wider"

L.I.S.A.: Auf welchen Schiffen arbeiteten die Sklaven und was kochten sie?

Teubner: Es handelte sich hierbei um Schiffe unterschiedlicher Größe. Es gab Schiffe, auf denen bis zu 800 Gefangene verschifft wurden. Das waren dann aber bereits sehr große Schiffe. Die meisten scheinen eher um die 400 Personen an Bord gehabt zu haben. Bei der Frage was sie kochten, kommt es auch etwas darauf an, für wen sie kochten. Es gab offenbar Schiffe mit zwei Köchen: einen für die Mannschaft und einen für die Gefangenen. Die Ernährung der höheren Besatzungsmitglieder konnte sich nämlich erheblich von der Ernährung der Gefangenen und der der niedrigeren Besatzungsmitglieder unterscheiden. Die Hierarchie an Bord des Schiffes spiegelte sich also gewissermaßen auf den Tellern wider. Im Normalfall sollten die Gefangenen zweimal am Tag etwas zu Essen erhalten. Sie bekamen dann eine Art Eintopf aus verschiedenen Zutaten.

Die häufigsten Nahrungsmittel an Bord von Sklavenschiffen waren Reis, Yams, Bohnen, Mais oder Maniokmehl, das besonders im brasilianischen Sklavenhandel verwendet wurde, oftmals wohl, weil es billiger war. Ein- oder zweimal pro Woche gab es hierzu etwas Trockenfisch (Bacalhão) oder Trockenfleisch, hin und wieder auch etwas Kautabak. Einige Gefangene bekamen auch etwas Essig zum Trinken, weil es gegen verschiedene Krankheiten wie Beispielsweise Skorbut helfen sollte und Zitrusfrüchte zur damaligen Zeit sehr teuer waren. Die Essensrationen und auch die Wasserrationen waren sehr knapp bemessen. Trotzdem war es das Ziel jeder Reise, möglichst viele der Gefangenen, wenn auch geschwächt, am Leben zu erhalten, um möglichst hohe Gewinne mit der Reise zu erzielen. Der Koch hatte die Aufgabe, mit möglichst wenigen Ausgaben möglichst viele Menschen am Leben zu halten. Das Essen der unteren Besatzungsmitglieder unterschied sich nicht in hohem Maße von dem der Gefangenen. Bei den höheren Besatzungsmitgliedern sah dies hingegen anders aus. Für diese wurden auf einigen Schiffen unterschiedliche Tiere mitgenommen, um diese an Bord schlachten zu können und dadurch frisches Fleisch an Bord zu haben. Dabei handelte es sich zum Beispiel um Enten, Truthähne, Hühner, Schweine usw. Auch Käse, Champagner und viele andere Lebensmittel ließen sich an Bord finden.

"Es gibt Schiffe, für die kein Koch aufgeführt ist"

L.I.S.A.: Waren es überwiegend Männer oder auch Frauen, die als Köche auf den Schiffen arbeiteten?

Teubner: Auf den Listen der Schiffsmannschaften tauchen nur Männer auf. Allerdings gibt es viele Hinweise darauf, dass Köche auf Sklavenschiffen von weiblichen Gefangenen bei der Arbeit unterstützt wurden. Diese haben beispielsweise Reis gemahlen und viele andere Aufgaben übernommen. Hierzu wurden aus den Gefangenen einzelne Personen ausgewählt, die dann meist etwas besseres Essen oder Kleidungsstücke bekamen und Aufgaben an Bord übernahmen. Es gibt Schiffe, für die kein Koch aufgeführt ist. Vielleicht haben auf diesen Schiffen Frauen dessen Aufgaben übernommen. Allerdings gibt es hierfür nur wenige Hinweise. Unter den Sklavenhändlern gab es aber durchaus auch Frauen. Diese schienen sehr mobil gewesen zu sein und befuhren den Atlantik als Passagiere in beide Richtungen.

"Das Leben an Bord von Sklavenschiffen war von Gewalt geprägt"

L.I.S.A.: Die Lebensbedingungen vieler Sklaven, die auf den Plantagen oder im Bergbau arbeiteten, waren unwürdig. Wie waren die Lebensbedingungen der Sklavenschiffsköche?

Teubner: Die Lebensbedingungen der Sklavenschiffsköche dürfen nicht romantisiert werden. Menschen, die auf Sklavenschiffen arbeiteten, hatten häufig wenig andere Perspektiven. Das Leben an Bord des Schiffes war sehr hart. Sehr viele Menschen überquerten auf sehr engem Raum den Atlantik. Wie oben bereits erwähnt gab es schlechte Nahrung, die dazu auch noch nahezu immer knapp bemessen war. Außerdem kursierten viele Krankheiten, weshalb nicht selten auch Mannschaftsmitglieder starben. Die Überfahrt selbst konnte auf Grund der Wetterbedingungen auch gefährlich werden. Hinzu kam die Gefahr von Angriffen durch andere Schiffe und im 19. Jahrhundert die Gefahr von Kontrollen. Auch das Leben an Bord von Sklavenschiffen war von Gewalt geprägt: Gewalt gegenüber den Gefangenen, Gewalt der Gefangenen untereinander, aber auch Gewalt innerhalb der Mannschaften. Fast auf jeder Überfahrt starben Menschen – Mannschaftsmitglieder wie Gefangene. Tote Menschen waren also allgegenwärtig. Der Gestank auf diesen Schiffen muss sehr stark gewesen sein. Menschen die lange Zeit in diesem Kosmos gelebt haben, fiel es offensichtlich schwer, sich an Land wieder einzuleben.

Trotz diesen menschunwürdigen Bedingungen gab es Menschen, die sich in diesem Geschäft engagierten, weil sich für untere Mannschaftsmitglieder relativ gute Gehälter und für höhere Mannschaftsmitglieder sehr hohe Gewinne erzielen ließen. Sklaven und ehemalige Sklaven die auf Sklavenschiffen arbeiteten genossen eine große Mobilität. Sie lernten häufig mehrere Sprachen und viele verschiedene Orte kennen. Auf den Schiffen waren ehemalige Sklaven Teile der Mannschaft, arbeiteten mit ihren Kollegen zusammen und wurden gleich bezahlt.

Wenn Schiffe aufgebracht wurden, wurde mit den Sklavenmatrosen auf unterschiedliche Art verfahren. Die britische Marine versuchte, einige von ihnen zu befreien. Nicht alle fanden jedoch die Aussicht in die britische Kolonie Sierra Leone zu kommen sehr attraktiv. Allerdings muss auch dieser Aspekt, nämlich wie Sklavinnen und Sklaven beispielsweise Freiheit definiert haben, noch weiter untersucht werden.  

Melina Teubner hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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