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Georgios Chatzoudis | 22.08.2017 | 719 Aufrufe | Interviews

"Das Archiv als 'Tatort' historischer Forschung"

Interview mit Francisca Loetz über Film als Medium der Geschichtswissenschaft

Am Anfang jeder historischen Arbeit steht das Quellenstudium. Das Suchen, Lesen, Auswerten und Einordnen von Quellen ist die Grundlage jeder historischen Forschung. Dieser Arbeitsprozess ist für die Öffentlichkeit, die das historische Buch als Endprodukt des Forschungsprojekts in der Hand hält, meist unsichtbar. Die Historikerin Prof. Dr. Francisca Loetz von der Universität Zürich wollte genau diesen Prozess für eine beite Öffentlichkeit sichtbar machen und hat sich für dieses Anliegen für das Medium Film entschieden. Das Video mit dem Titel Tatort Archiv: Einem Gotteslästerer auf der Spur, das bei L.I.S.A. in einer deutsch- und in einer englischsprachigen Fassung vorliegt, ist das Ergebnis dieses Vorhabens. Welche Konzeption und Erzählung hinter diesem Film steckt, dazu haben wir Professor Loetz unsere Fragen gestellt.

"Das Archiv verkümmert zur Kulisse"

L.I.S.A.: Frau Professor Loetz, Sie haben für einen Kurzfilm über das Arbeiten mit Quellen im Archiv das Drehbuch geschrieben. Wie kam es überhaupt zu der Idee, über Quellenarbeit im Archiv einen Film zu produzieren?

Prof. Loetz: Professionelle filmische Dokumentationen zu historischen Themen wie auch die bescheideneren filmischen Selbstdarstellungen von Forschungsprojekten lieben es, zumeist männliche Experten in Szene zu setzen. Sie schreiten in effektvoller Beleuchtung durch Räume, beugen sich ehrfurchtsvoll über Dokumente oder stehen bewundernd vor Kunstschätzen. Sie vermitteln Forschungsergebnisse und halten mit rhetorischen Fragen den Spannungsbogen. Auch „talking heads“ wissen alle Fragen zu beantworten. Das Archiv verkümmert hierbei zur Kulisse. Solche Darstellungen sind für mich als Forscherin und Dozentin unbefriedigend. Der Forschungsprozess verschwindet im Hintergrund, statt im Vordergrund zu stehen. Daher wollte ich den Versuch unternehmen es „besser“ zu machen.  Endlich sollte einmal das Archiv als „Tatort“ historischer Forschung im Zentrum stehen.

"Der Gang ins Archiv ist mit einer hohen Hemmschwelle versehen"

L.I.S.A.: An wen richtet sich der Film? Welche Zielgruppe hatten Sie bei der Konzeption des Films im Auge?

Prof. Loetz: Die Arbeit im Archiv ist für historische Forschung trotz vieler digitaler Angebote weiterhin unabdingbar. Doch für viele, die wir uns an die bequemen Downloads und die schnellen Antworten verschiedener Suchmaschinen und Videokanäle gewöhnt haben, ist der Gang ins Archiv mit einer hohen Hemmschwelle versehen. Der Film will daher Studierenden und überhaupt Geschichtsinteressierten vermitteln, dass es reizvoll ist, die Hürden, die erst einmal zu überwinden sind, durchaus auch sportlich zu nehmen. Mit Archivmaterial zu arbeiten bedeutet überraschende, spannende, neue Welten zu entdecken.

"Lust am Forschen im Archiv wecken"

L.I.S.A.: Vor welchen Herausforderungen sowohl inhaltlich als auch technisch standen Sie mit dem Team bei der Erstellung des Films? Was war Ihnen vor allem wichtig?

Prof. Loetz: Am Anfang standen so einige Zweifel. Wie produziert man als Universitätsprofessorin der Frühen Neuzeit und Sattelzeit, die noch nie ein Filmmanuskript geschrieben hat, einen Film? Wie erzählt man ohne audiovisuelles Quellenmaterial eine Geschichte, wenn die zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel von vorneherein jeglichen Gedanken an Reenactments, Computersimulationen und Inszenierungen ausschließen? Wie kommen „die Sprache“ der Wissenschaft und „die Sprache“ des Films zusammen? Geplant war ein ca. fünfminütiger Youtube-Streifen. Was schließlich herausgekommen ist, ist ein 15-minütiger Film, der das Doppelte des ursprünglich veranschlagten Budgets gekostet und mich neben den anderen beruflichen Verpflichtungen zusammen mit meinem Team über zwei Jahre in Anspruch genommen hat. Wenn der Film die Lust am Forschen im Archiv und die Neugier auch auf die Vormoderne weckt, haben wir unser Ziel erreicht.

"Wer seriös forschen will, geht den Quellen nach"

L.I.S.A.: Sie haben sich bei dem Drehbuch für eine Story entschieden, entlang der die Quellenarbeit im Archiv exemplifiziert wird. Warum dieses Narrativ?

Prof. Loetz: Film gehorcht anderen Erzähllogiken als geschichtswissenschaftliche Argumentationen. Der Flachware Archivakte, dem vermeintlich toten Papier, muss „Leben“ eingehaucht werden. Dafür eignet sich eine schillernde historische Figur wie die von Hans Rudolf Werdmüller besonders gut. Mit ihr lassen sich Grundsatzfragen historischer Forschung in eine dynamische Erzählung einspannen: Am Anfang steht Neugier. Wer seriös forschen will, geht den Quellen nach. Hier stellen sich die Probleme der Quellenüberlieferung, der Textsorten, der Entwicklung einer Fragestellung, der Sackgassen beim Recherchieren, der Erarbeitung valider Ergebnisse trotz Fehler. Und immer wieder stellt sich die Frage, was Geschichtswissenschaft leisten kann und was nicht.

"Geschichtswissenschaft und Medium Film sollten mehr voneinander lernen"

L.I.S.A.: Welche Feedback haben Sie bislang auf den Film erhalten? Wie wird er angenommen?

Prof. Loetz: Auf die ersten Vorführungen des Films im Kreis von Fachinteressierten erntete ich – so schien mir – überraschtes Schweigen, auf das skeptische Neugier folgte. Nach der anfänglichen Verwunderung erhielt ich schnell positive Rückmeldungen. Die Vertretung der Studierenden bat darum, den Film auf Facebook zur Verfügung stellen zu dürfen. Kollegen und Kolleginnen haben den Film auf ihrer Homepage verlinkt. Archive und Bibliotheken fragten an, ob sie auf ihrer Homepage auf den Film verweisen dürften. Ich ziehe daraus den Schluss: Geschichtswissenschaft und Medium Film sollten lernen, mehr voneinander zu profitieren statt sich lediglich gegenseitig zu instrumentalisieren. Das habe ich an einem anderen Ort weiter ausgeführt.

Prof. Dr. Francisca Loetz hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Francisca Loetz | Eine Historikerin produziert einen Film. Über den Versuch, es besser zu machen

aus: Francisca Loetz./Marcus Sandl (Hg.), Im Bilde. Vormoderne Geschichte in modernen Medien, Konstanz – München 2017, 71-91.

"Fernsehfilme, die Geschichte populärwissenschaftlich vermitteln, wollen unterhalten und informieren. Um die Ergebnisse historischer Forschung zu präsentieren, versuchen sie daher Vergangenheit möglichst spannend zu erzählen. Mithilfe von Animationen, Computersimulationen und rhetorischen Fragen erklären sie, wie die Geschichte rekonstruiert worden ist. Solche Filme dokumentarischen Charakters stellen Forschungsergebnisse dar. Sie zielen nicht darauf, den Erkenntnisprozess als solchen zu behandeln. Sie zeigen nicht, wie Wissen verfertigt wird. Geschichtswissenschaft setzt andere Akzente. Es geht um die Frage, wie ich etwas Relevantes über die Vergangenheit herausbekomme, indem ich den Erkenntnisregeln der Disziplin folge. In der Geschichtswissenschaft stehen Erkenntnisprozess und Argumentationsentwicklung im Zentrum der Aufmerksamkeit....."

(Der ganze Aufsatz im folgenden PDF.)

pdf: Eine Historikerin produziert einen Film (4.81 MB)

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