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Georgios Chatzoudis | 17.03.2016 | 997 Aufrufe | Interviews

Fälschungen, wie sie im Buche stehen

Interview mit Henry Keazor über Fake und Buchfälschungen

Denkt man an gefälschte Bücher, fallen einem gleich die sogenannten Hitler-Tagebücher oder auch die vermeintlichen Protokolle von Zion ein. Doch das Spektrum der Fälschungsforschung rund um das gedruckte Schriftgut umfasst weitaus mehr, als nur das Enttarnen von spektakulären Buchfälschungen. In Universitätsbibliothek Heidelberg dokumentiert von Mai an eine Ausstellung das Thema "Fälschungen und Bücher" - unter anderem durch Gegenüberstellungen von echten Büchern und gefälschten Kunstwerken. Kuratiert wird die Schau von dem Heidelberger Kunsthistoriker Prof. Dr. Henry Keazor, der bereits seit Jahren zum Phänom der Kunstfälschungen intensiv forscht. Wir haben ihn dazu befragt.

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"Faszination für die Figur des Fälschers"

L.I.S.A.: Herr Professor Keazor, gemeinsam mit Dr. Maria Effinger bereiten Sie zurzeit eine Ausstellung mit dem Titel „Fake: Fälschungen, wie sie im Buche stehen“ vor. Mein weiß von Ihnen, dass Sie intensiv zu Fälschungen unter anderem in der Bildkunst geforscht haben. Nun das Thema Fälschungen und Bücher. Was haben Fälschungen und Bücher genau miteinander zu tun?  

Prof. Keazor: Auf den ersten Blick könnte man meinen, dass Fälschungen und Bücher nicht allzu viel miteinander zu tun haben – tatsächlich aber gibt es da recht viele und zum Teil sehr enge Bezüge: Zum einen studieren Fälscher sehr oft Bücher über bestimmte Künstler, um daraus Vorbilder und Vorlagen für ihre Fälschungen im Stil eben dieser Künstler zu gewinnen. Außerdem beziehen sie sehr oft das notwendige Wissen hinsichtlich der bei der Fälschung zu beachtenden Technik oder der zu fälschenden Provenienz für das vermeintliche Original aus Büchern. Selbst die Einschleusung der Fälschungen in Kunstmarkt und Kunstgeschichte geschieht dann häufig über Bücher: Entweder, indem man Experten von der angeblichen Echtheit der Fälschung überzeugt, so dass sie dann als vermeintliches Original in Werk- oder Ausstellungskatalogen landet. Oder aber, indem der Fälscher dann eben zu Täuschungszwecken direkt Hand an ältere Kataloge legt und sie manipuliert, indem er unter die echten Werke seine Fälschungen mischt und diesen so eine Geschichte gibt, die sie eigentlich gar nicht haben – so geschehen im Fall von John Drewe, der die von seinem Komplizen John Myatt gemalten Fälschungen ab Mitte der 1980er in Ausstellungskataloge aus den 1950er Jahren hineinbastelte, so dass es schien, als seien die Bilder damals schon in wichtigen Ausstellungen zu sehen gewesen. Und schließlich können ganze Bücher die eigentliche Fälschung darstellen: Man denke z.B. an den 2012 als Fälschung entlarvten Band des „Sidereus Nuncius“, Galileo Galileis 1610 erschienener Schrift „Der Sternenbote“, wo es 2005 so schien, als habe man eine Ausgabe entdeckt, in die Galilei, wie ein Künstler, von Hand die Vorlagen für die zu druckenden Monddarstellungen selbst hineingemalt habe – bis sich das Ganze dann eben als Fälschung erwies.

Aber Bücher haben auch in der sozusagen umgekehrten Richtung mit Fälschungen zu tun: Sie werden von Fälschern nicht nur für ihre Zwecke benutzt, sondern in wissenschaftlichen Bücher werden Fälscher auch enttarnt. Allerdings kann das auch wiederum dazu führen, dass die Fälscher dann anschließend ihre eigene Geschichte vermarkten, in dem sie Autobiografien schreiben oder von Biografen ihren Lebensweg darstellen lassen. Dahinter steht dann die Faszination für die Figur des Fälschers, die auch auf eine seit dem 19. Jahrhundert bestehende Roman- und Erzähltradition zurückgeht, wo Fälscher die Hauptfiguren darstellen.

"Wir stellen den gefälschten Galileo-Band aus"

L.I.S.A.: Was wird es in diesem Zusammenhang in der Ausstellung zu sehen geben?

Prof. Keazor: Wir haben versucht, das Thema so anschaulich und abwechslungsreich wie möglich zu gestalten, d.h. es gibt nicht nur echte Bücher zu sehen, sondern auch gefälschte Kunstwerke: Wir zeigen gefälschte Zeichnungen und Grafik, aber auch Gemälde, darunter u.a. Fälschungen von Wolfgang Beltracchi, von denen eine hier auch einem Original des von ihm gefälschten Künstlers gegenübergestellt wird, so dass der Besucher die Parallelen, aber auch die Unterschiede zwischen Original und Fälschung selbst studieren kann. Zudem zeigen wir einen der eben angesprochenen, von John Drewe Anfang der 1990er Jahre manipulierten Ausstellungskataloge und stellen ihn auch hier dem Original aus den 1950er Jahren gegenüber. Und: Wir stellen den eben erwähnten gefälschten Galileo-Band aus, der zuvor noch nie öffentlich zu sehen war.   

"Es lohnte sich, gefälschte Fälschungen herzustellen"

L.I.S.A.: Könnten Sie uns an einem konkreten Beispiel aufzeigen, welche Dimensionen das Thema Fälschungen un Bücher annehmen kann?  

Prof. Keazor: Angesichts der vielen interessanten Fälle ist es richtig schwer, da eine Auswahl zu treffen, aber jenseits der hier schon angesprochenen Themen fand ich einen Fall besonders kurios, wo jemand die 1969 erschienene Biografie des Fälschers Elmyr de Hory 22 Jahre später noch einmal neu herausgibt – und sie dabei aber im Abbildungsteil um Illustrationen von angeblichen Fälschungen de Horys ergänzt, die sich im Besitz des Neuherausgebers befinden…und bei denen es sich um Fälschungen der Fälschungen de Horys handelt: Diese waren im Laufe der Zeit selbst so wertvoll geworden, dass es sich mittlerweile lohnte, gefälschte Fälschungen herzustellen und sie im Rahmen dieser neu herausgegebenen Biografie als vermeintliche Originale auszugeben, um sie anschließend leichter verkaufen zu können.

"Technische Analysen des Papiers bestätigen den Verdacht"

L.I.S.A.: Wie kann man Fälschungen aus Büchern oder sogar Fälschungen in Büchern identifizieren und nachweisen? Welche Methoden stehen Forschern zur Verfügung? Welche Bedeutung kommt dabei digitalen Techniken zu?  

Prof. Keazor: Es gibt hier die unterschiedlichsten Spielarten: Es gibt Fälle, in denen Experten alleine schon beim Betrachten der Buchillustration einer Fälschung stutzig wurden und einen ersten Fälschungsverdacht hatten. Der britische Wissenschafts- und Buchhistoriker Nick Wilding zum Beispiel hat bei den Vorbereitungen zu einer Rezension des Buches, mit dem die Entdeckung des damals noch für echt gehaltenen und als Sensation gefeierten Galileo-Bandes mitgeteilt wurde, erste Anhaltspunkte für eine Fälschung gesehen und zu sammeln begonnen. Alleine anhand solcher Illustrationen konnte er dann den Nachweis erbringen, dass es sich bei dem Buch um eine Fälschung handelt, was dann durch technische Analysen des Papiers, auf dem der Band gedruckt war, bestätigt wurde. Die rasche Verfügbarkeit der Bilder, gerade dank der digitalen Technik, spielt hier eine große Rolle. Die Fälschungen der Ausstellungskataloge von John Drewe wiederum konnten ihm, allerdings erst, nachdem er entlarvt worden war, u.a. ebenfalls aufgrund der technischen Untersuchungen der Kataloge nachgewiesen werden, die auf dem falschen Papier und mit der falschen Farbe gedruckt waren.

"Der Plagiator versucht öffentlichen Ruhm zu gewinnen, der Fälscher bleibt anonym"

L.I.S.A.: Denkt man an Fälschungen und Bücher fällt einem neben dem Begriff „Fake“ auch der Begriff „Plagiat“ ein. Befinden wir uns hier noch in einem Zusammenhang oder handelt sich hierbei doch um zwei verschiedene Dinge?  

Prof. Keazor: Das sind in der Tat zwei sehr verschiedene und sogar einander entgegengesetzte, wenngleich verwandte Phänomene: In beiden Fällen wird ja eine Sache als etwas ausgegeben, was sie eigentlich nicht ist – bei der Fälschung das Werk des einen Künstlers für das eines anderen ausgegeben; beim Plagiat wird die Leistung des einen für die des anderen ausgegeben. Aber: Beim Plagiat ist es so, dass ich die Leistung eines anderen als meine eigene darstelle – bei der Fälschung ist es gerade umgekehrt. Dort gibt der Fälscher das eigene Werk ja als das eines anderen, meist berühmteren Künstlers aus. Zudem versucht der Plagiator, mit seiner Tat öffentliche Ehre und Ruhm für sich zu gewinnen, während der erfolgreiches Fälscher gerade anonym, im Verborgenen bleiben muss und eventuelles Lob daher nicht öffentlich für sich beanspruchen kann ohne sich selbst zu entlarven. 

Prof. Dr. Henry Keazor hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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