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Georgios Chatzoudis | 12.11.2013 | 4629 Aufrufe | Interviews

Brauch und Ritual gestern und heute

Interview mit Regina Bendix zur Geschichte von Brauchtümern

Zum Jahresende häufen sich wieder Feier- und Gedenktage, die historisch gewachsen mit verschiedenen Ritualen verbunden sind und heute Tradition haben. Doch wann wird eine gesellschaftliche oder kulturelle Praxis zum Ritual oder Brauch? Was unterscheidet überhaupt einen Brauch vom Ritual? Wie wandelt sich unser Verständnis davon? Und welche Rolle spielt dabei der Konsum?

Die Erforschung von Bräuchen und Ritualen zählt zu den Arbeitsschwerpunkten der Kulturanthropologin Prof. Dr. Regina Bendix von der Georg-August-Universität Göttingen. Wir haben ihr unsere Fragen gestellt.

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"Wesentlich ist, welchen Stellenwert Menschen einem Ereignis zuschreiben"

L.I.S.A.: Frau Professorin Bendix, zu Ihren Forschungsschwerpunkten zählen unter anderem Bräuche und Rituale. Was unterscheidet einen Brauch von einem Ritual?

Prof. Bendix: Im heutigen, alltäglichen Sprachgebrauch wird quasi kein Unterschied gemacht zwischen diesen Begriffen. Natürlich kann man hier einiges an wissenschaftlicher Sekundärliteratur zusammentragen und auf Begriffsbestimmungen des 19. Jahrhunderts verweisen, wo man etwa zwischen Sitte und Brauch unterschieden hat: ersteres wäre heute quasi mit Bourdieus „habitus“ zu fassen, und letzteres wären markierte Ereignisse im Jahres- und Lebenslauf. Es wird etwa auch argumentiert, dass das Ritual eher eine sakrale Konnotation hätte, während der Brauch eher im Alltagsleben angesiedelt sei. Aber als Ethnographin wird man Menschen begegnen, die dank der Zirkulation von akademischen Wissensbeständen auch für ihren Geburtstag gerne den Begriff des Rituals verwenden und wiederum von kirchlichen Bräuchen sprechen. Es gibt auch WissenschaftlerInnen, die innerhalb eines größeren, festlichen Anlasses rituelle Elemente ausmachen, d.h. Ritual für bestimmte Sequenzen, die z.B. statusverändernd wirken, benutzen. Man könnte die Frage auch ganz pragmatisch über sprachliche Unterschiede angehen – in der anglo-amerikanischen Kulturanthropologie erweitert man die Begriffspalette zu „custom, ritual, festive drama, festival, spectacle“ und so weiter. Es gibt also in der Wissenschaft immer einen Bedarf, sich auf analytische Kategorien zu einigen, um vergleichende Forschung mit mehr oder weniger einheitlichen Vokabularien führen zu können. In der Feldforschung dagegen ist essentiell, die Bezeichnungen zu nutzen, die von den Gewährspersonen im Feld eingesetzt werden. Entsprechend: wenn mir heute jemand sagt „wir feiern im November ein Kartoffel-Festival“, dann werde ich die Person nicht korrigieren und darauf beharren, dass es sich doch wohl um einen Erntedankbrauch handle. Wesentlich ist letztendlich, was in einem spezifischen Anlass geschieht, wie Menschen sich darauf vorbereiten, was sie darüber wissen und weitergeben und welchen Stellenwert sie dem Ereignis zuschreiben.

"Lust in einer Wohlstandsgesellschaft groß zu feiern"

L.I.S.A.: Hierzulande stehen bis zum Ende des Jahre wieder einige wiederkehrende Bräuche und Rituale an – Sankt Martin, Karnevalsauftakt, Nikolaus, Weihnachten und Silvester. Woran liegt es, dass sich diese aufgezählten Ereignisse dauerhaft halten und Jahr für Jahr wiederkehren? Es gab doch in der Vergangenheit sicherlich noch mehr typische Jahrestage, die aber nach und nach verschwunden sind. Was ist also entscheidend dafür, dass ein bestimmtes Ereignis zu einem Brauch oder Ritual wird?

Prof. Bendix: St. Martin hat sich mit Nichten dauerhaft gehalten. In Südniedersachsen, wo ich lebe, gibt es eigentlich ein stetes Tauziehen zwischen dem Import-Brauch Halloween und St. Martin. Kinder lösen dies am Besten und nutzen kurzerhand sowohl den 31.10. wie auch den 11.11., um sich in der Nachbarschaft Süßigkeiten zu erbetteln – einmal kostümiert im Halloween-Kostümrepertoire und einmal mit dem St.Martinslied um Gaben heischend. Noch 2003 hat kaum ein Kind den Liedtext gekannt, in den letzten 3-4 Jahren wird das wieder eingeübt, denn es gibt hier durchaus auch einen kleinen Kulturkampf: das „Einheimische“ soll wieder besser Wurzeln fassen, in den Jahrzehnten vor der Jahrtausendwende war St. Martin hier aber eher verschwunden und aus der Quellenlage heraus kann man argumentieren, dass St. Martin v.a. erstarkt ist, weil manche sich ob des kommerziellen Imperialismus von Halloween stören. In diesem Jahr kommt eine zusätzliche Lenkung dazu: im Sinne der gesellschaftlichen „Inklusionsdebatte“ wird von manchen Politikern argumentiert, dass der Martinstag Kinder muslimischen Glaubens ausschließe, was wiederum seitens des Vorsitzenden des Zentralrates der Muslime dementiert wurde, der den Lebenswandel des historischen St. Martins als geradezu vorbildlich charakterisiert.

Kurzum: man kann nicht pauschal annehmen, dass Bräuche Jahr für Jahr wiederkehren würden, es braucht immer Menschen und Gruppen, die sie auch feiern möchten. Bei Jahreslauf Ereignissen wie Weihnachten oder Ostern hat sich dies natürlich durch deren tiefe Einbettung in den Markt zusätzlich verfestigt. Für den Handel wäre es eine Katastrophe, wenn das Weihnachtsgeschäft nicht mehr bestünde! Trotz zunehmender Säkularisierung und schwindendem Kirchenbesuch fühlen sich wohl manche Bürger nicht nur wegen des familiär erwarteten Geschenkaustauschs zum Einkauf verpflichtet, sondern auch, weil sie über die Medien ja informiert werden, ob der Weihnachtsverkauf denn gut angelaufen ist.

Im Hier und Jetzt muss entsprechend die wirtschaftliche Dimension – das „Ritualgeschäft“ sozusagen – in die Analyse von zyklischen Festereignissen mit einbezogen werden. Denken Sie z.B. an die vielen Sommer-Karnevale, die in den letzten 20-30 Jahren eingeführt wurden: dies sind dezidierte Anreize an uns alle, in der warmen Jahreszeit zu feiern und damit auch zu konsumieren. Der sich aus sakralen Terminsetzungen ableitende Karneval oder Fasching liegt ja in einer konsumtechnisch gesprochen weit weniger günstigen, kalten Jahreszeit.

Neben Mega-Ereignissen wie Weihnachten oder Karneval können wir aber viele Jahreslaufereignisse beobachten, die eingeführt werden, Hochzeiten durchleben, und danach vielleicht auch wieder abflauen. In Hann. Münden z.B. wurde in diesem Jahr das Rosenfest zum Mündener Altstadtfest umbenannt, denn engagierte Bürger hatten ein Abflauen des Interesses im Ort wahrgenommen; so wurde auch keine Rosenfee mehr gewählt und damit begonnen, eine dynamische Festverwandlung zu unternehmen. Heißt: hier möchte man dem „Brauch“ nicht ausgeliefert sein, die Feste nicht so feiern, wie sie fallen, sondern Feste haben, die auch denjenigen, die in einer mobilen Gegenwartsgesellschaft in diesem Ort leben, Freude bereiten.

Entsprechend: ich möchte dem Bild der „nach und nach verschwindenden“ Bräuche das Bild von Gemeinschaften und Interessensgruppen gegenüberstellen, die sich heute bisweilen auch aktiv mit Hergebrachtem auseinandersetzen, die Manches abstauben, wie eben etwa den St. Martin, oder aber abschütteln oder auch ganz einfach aus Kostengründen einstellen. Letzteres ist der Fall mit vielen Dorfkirmes und Schützenfesten, welche manche Ortschaften reduzieren, abkürzen oder einstellen – weil bisweilen der Schützenverein auch stark geschrumpft ist, dafür aber vielleicht ganz andere, einer Gegenwart und ihren Interessen entsprechende Trägergruppen Jahreslaufereignisse einführen. Denn: Jahreslaufereignisse können auch eine enorme Bürde darstellen. Wenn Menschen nicht mit Leib und Seele drin stecken und dafür fiebern, wie das sicher bei vielen Karnevalisten der Fall ist, dann lohnt es auch nicht ,wenn WissenschaftlerInnen daher kommen und das Verschwinden von Bräuchen konstatieren. Die interessante Frage ist dann eher, nachzuvollziehen, was sich verändert hat in einer Gemeinschaft, um die Trägerschaft eines Brauchs zu erodieren. Umgekehrt gibt es Bräuche, wie etwa das Treppenfegen und Klinkenputzen zum 30. Geburtstag, das nicht weiter als zu den 1950er Jahre zurückgeht, und in welchem sich die Lust in einer Wohlstandsgesellschaft die jungen Jahrzehnte bereits groß zu feiern bestens abbildet.

"Wir verhandeln solche Ereignisse"

L.I.S.A.: Wie konstitutiv sind Bräuche und Rituale für Gesellschaften? Hat mit dem Einzug der Moderne als „Entzauberung der Welt“ oder später noch mit der Postmoderne das schleichende Ende von Bräuchen und Ritualen eingesetzt? Oder entwickeln sich wieder neue?

Prof. Bendix: Die Frage ist vielleicht eher, inwiefern Bräuche und Rituale „zauberhaft“ sind? Mit dem Verweis auf die enge Verbindung von Markt und Feiern wird schon deutlich, dass solche Ereignisse nicht in einem Bereich frei von Wirtschaft und Politik liegen. Konstant ist doch z.B. der Bedarf, wichtige Ereignisse zu markieren und durch die Markierung auch in Erinnerung zu halten: 9. November, Tag der deutschen Einheit, Tag der Arbeit um nur drei gewichtige Erinnerungstage unterschiedlicher Art zu nennen, verlangen nach einem ganz anderen rituellen Vokabular als das Errichten eines Maibaums oder das Feiern der Mittsommernacht. Letztere leiten sich aus verschiedenen Traditionen ab und sind regional verortet, wobei gerade Mittsommer unter den wachsenden Gruppierungen von Neuheiden auch eine neue-alte Konnotation erhält. Wir verhandeln solche Ereignisse, es gibt hier keine Automatismen der Fortführung. Wir können uns voll einsetzen und uns der Ästhetik, Kulinarik und insgesamt körperlichen Verwandlung, die solchen Ereignissen innewohnen kann, hingeben.

Wir können uns aber auch weigern: es gibt Geburtstagsverweigerer; es gibt Paare, die lieber insgeheim heiraten als die sozialen und finanziellen Bürden eines großen Hochzeitsfestes zu überdauern; es gibt Festmuffel die während der Fasnacht aus ihrem Wohnort fliehen. Es gibt andere Menschen, die ihr Umfeld dafür begeistern können, ein neues Fest zu entwickeln. Wieder andere wachsen an einem Ort auf, der einen Brauch scheinbar „seit Menschengedenken“ durchführt (was mit kulturhistorischer Forschung meist präzisiert werden kann) und die von dort nie wegziehen wollen würden, weil sie sonst bei diesem Brauch nicht mehr mittun können. Akteure, Kontexte, Geschichte – all dies spielt eine Rolle wenn wir Bräuche betrachten; losgelöst von tragenden Akteuren lassen sich keine Aussagen hierzu machen.

"In etwa zwanzig Jahren viel mehr Wahrnehmung des chinesischen Neujahrs"

L.I.S.A.: Hat beispielsweise Halloween, das auch gerade hinter uns liegt, die Chance, in unserer Gesellschaft dauerhaft zu einem Brauch oder Ritual zu werden?
 
Zu Halloween und seiner Verbreitung in Europa gab es schon diverse Enqueten. Hieraus zeigt sich sehr schön, wie spezifische Bevölkerungsgruppen und Regionen aus dem „brauchtümlichen Angebot“, das Halloween darstellt, das heraussuchen, was besonders anregt. So lässt sich vorsichtig verallgemeinernd sagen, dass im deutschsprachigen Europa das Spuk und Grusel betonende Element, das im amerikanischen Halloween zentral ist, weniger Akzeptanz findet – in den USA wird dies auch durch die Verquickung mit dem Symbolkomplex des Mexikanischen Dias de los Muertos erklärbar. Hierzulande werden jedoch Allerheiligen und Allerseelen als kirchliche Feiertage am 1. und 2. November losgelöst gehalten – dort wo diese überhaupt noch begangen werden. Was an Halloween anspricht – neben dem bereits erwähnten Kostümieren und Süßigkeiten erbetteln für Kinder – sind die Kürbisse, die als Herbstschmuck und als besondere Attraktionen auf Bauernhöfen und Märkten mit Halloween assoziiert werden können, aber nicht müssen; bisweilen wird dies noch gekoppelt etwa mit einem Maisfeld Labyrinth – es werden also Aspekte aus dem Erntebereich hervorgehoben, und vielleicht dann doch noch ein Gerippe oder ein Gespenst dazugegeben. Kostümparties unter Erwachsenen sind ebenfalls beliebt, aber wenn Sie Sich wiederum das Marktverhalten ansehen: Lebkuchen nehmen bereits im Oktober mehr Regalraum ein als Halloween-Süßigkeiten. Das muss nicht so bleiben – die Beliebtheit und Verbreitung von Festlichkeiten hängt stark von individueller Initiative und institutionellem Mittragen ab. Es würde mich z.B. nicht überraschen, wenn wir in etwa zwanzig Jahren viel mehr Wahrnehmung des chinesischen Neujahrs hätten.

"Ideologisch und zwischenmenschlich das Geschehen justieren"

L.I.S.A.: Aktuell kocht ein Fall hoch, bei dem eine Kindertagesstätte das Martinfest in das „Sonne-Mond-Sterne-Fest“ umbenannt hat. Wofür spricht das? Haben wir es hier mit dem Wandel eine Brauchs zu tun?

Prof. Bendix: Nicht der Wandel des Brauchs, aber der Wandel der Menschen, die ihn tragen! wie bereits erwähnt ist Inklusion z.Z. im deutschen Gesellschaftsdiskurs wegweisend. Dies geht z.B. einher mit der in diesem Jahr auch thematisierten Ausmerzung politisch inkorrekten Vokabulars aus Kinderbuchklassikern. Ob eine solche Umbenennung wird Fuß fassen können, wird sich erst zeigen.  Eine erfolgreiche Umbenennung schützt auch nicht davor, dass in einigen Jahrzehnten ein Brauch-Restaurateur auftaucht, der auf den „Ursprung“ beharren möchte und wiederum genug Anhänger findet, um auch das wieder durchzusetzen. Wissenschaftlich gesehen spannend sind diese Diskurse auf jeden Fall; sie laufen neben dem eigentlichen Organisieren und Feiern – was ja auch bereits viel zu Reden und Tun gibt! Im Reden über das jeweilige Fest versucht man ideologisch und zwischenmenschlich das Geschehen zu justieren. Wir leben in einer Zeit, wo diese „lenkenden Eingriffe“ bisweilen mehr Raum einnehmen als das eigentliche Feiern.

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