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Georgios Chatzoudis | 05.09.2018 | 1785 Aufrufe | Interviews

"Dimensionen, die dem Brand der Bibliothek von Alexandria gleich kommen"

Interview mit Hermann Parzinger zum Brand des brasilianischen Nationalmuseums

Die Vernichtung von Wissensbeständen durch Feuer weckt im ersten Moment Assoziationen an die Antike - an den Brand der Bibliothek von Alexandria oder den der Kaiserlichen Bibliothek von Konstantinopel. Heute scheint es aufgrund von technischen Möglichkeiten kaum noch vorstellbar zu sein, dass eine Bibliothek, ein Archiv oder ein Museum komplett den Flammen oder anderen Katastrophen zum Opfer fallen kann. Und doch gibt es auch für die Gegenwart und die jüngere Vergangenheit immer noch zu viele Beispiele: der Brand in der Herzogin-Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar im September 2004 (auch in der Nacht vom 2. auf den 3. September) oder der Einsturz des Historischen Archivs der Stadt Köln im Jahr 2009. Nun hat sich vor wenigen Tagen in Brasilien eine Katastrophe von ähnlich großen Ausmaßen ereignet: im brasilianischen Nationalmuseums in Rio de Janeiro, das vom 2. auf den 3. September bis aus die Außenmauern niedergebrannt ist. Zwanzig Millionen Objekte, darunter zahlreiche von weltkultureller Bedeutung, sind dabei unwiederbringlich vernichtet worden. Wir haben Prof. Dr. Hermann Parzinger, Präsident die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, um eine persönliche Einschätzung der Lage gebeten.

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"Ein kaum fassbarer Verlust"

L.I.S.A.: Herr Professor Parzinger, in Rio de Janeiro ist das Nationalmuseum, das Museu Nacional, niedergebrannt. Zwanzig Millionen Objekte sollen unwiederbringlich vernichtet worden sein. Was waren Ihre ersten Gedanken, nachdem Sie von diesem Brand erfahren haben? Denkt man da gleich an Alexandria oder Konstantinopel 473 n. Chr.? Denkt man an die eigenen Museen?

Prof. Parzinger: Zunächst einmal war das ein riesiger Schock, als ich davon hörte. 20 Millionen Objekte für immer unwiederbringlich verloren, das kann man sich gar nicht vorstellen, das macht schlicht sprachlos. Wenn das wirklich wahr ist, dann kommt das schon Dimensionen gleich, die dem Brand der Bibliothek von Alexandria gleich kommen. Ein gigantisches Archiv des Menschheitswissens wäre für alle Zeit verloren, ein kaum fassbarer Verlust. Was unsere eigenen Museen betrifft, so bin ich beruhigt, weil ich weiß, welche enorm aufwändigen Maßnahmen wir ergreifen, was Brandschutz und andere Sicherheitsmaßnahmen betrifft. Das ist bestens investiertes Geld. Aber der Brand der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar oder der Einsturz des Stadtarchivs in Köln vor einigen Jahren zeigten, dass solche Katastrophen durchaus auch bei uns passieren können.

Prof. Dr.Dr.h.c.mult. Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz

"Universalmuseen wie das in Rio sind keine Ausstellungshallen, sondern Wissensarchive"

L.I.S.A.: Was bedeutet dieser Verlust für Wissenschaft und Forschung? Gab es Objekte, die aus wissenschaftlicher Perspektive höher einzuschätzen sind als andere? Anders gefragt: Welcher Verlust schmerzt (Sie) besonders?

Prof. Parzinger: Ich will das jetzt gar nicht voreilig bewerten, das wäre unseriös, denn zunächst müsste man wissen, was denn nun wirklich vernichtet ist, und ob die Hiobsbotschaften den Tatsachen entsprechen. Ich würde die Frage auch gar nicht so stellen, denn Universalmuseen wie das in Rio sind keine Ausstellungshallen, sondern Wissensarchive über die Entwicklung der Menschheit und ihrer natürlichen Umwelt. Da sind auch die auf den ersten Blick unscheinbaren Dinge wichtig, die in einer Ausstellung vielleicht weniger spektakulär wirken, aber enormen Wert für die Forschung besitzen.

"Derselbe Bildungsanspruch wie auch die großen Universalmuseen in London oder Paris"

L.I.S.A.: Mit dem Untergang eines Museums, das den Status eines Nationalmuseums hat, geht nicht nur für Wissenschaft und Forschung etwas verloren, sondern in diesem Fall für Brasilien und die Brasilianer im Besonderen. Wie hoch ist der Verlust für die nationale Identität eines Landes und seiner Bevölkerung einzuschätzen?

Prof. Parzinger: Ich habe das Nationalmuseum in Rio vor vier Jahren besucht. Es ist ein wahres Universalmuseum zur Menschheits- und Naturgeschichte Südamerikas mit Schwerpunkt Brasilien gewesen, unglaublich eindrucksvoll vom Umfang der Sammlungen und auch vom Anspruch, die Geschichte Südamerikas im globalen Kontext darzustellen, denn es ab ja auch Sammlungen zu Altägypten, zum antiken Griechenland, zu den Etruskern, da stand derselbe Bildungsanspruch dahinter, der auch die großen Universalmuseen in London, Paris, St. Petersburg, New York und Berlin zu ihren weltweit ausgreifenden Sammlungen trieb, um die Kulturen der Menschheit vergleichend betrachten zu können. Viele andere Museen in Brasilien, die ich seinerzeit besucht habe, beginnen erst mit dem Barock, also mit dem Eintritt der Europäer in die Geschichte des Kontinents, die indigenen Kulturen werden vielfach nicht entsprechend und schon gar nicht gleichwertig dargestellt. In Rio war das anders. Dennoch habe ich Zweifel, dass dieses Museum zuletzt viel zur nationalen Identität der Brasilianer beigetragen hat. Es war veraltet und ja, es war leider auch ziemlich heruntergekommen.

"Digitalisate können niemals das Original in seiner Bedeutung ersetzen"

L.I.S.A.: Ersten Meldungen zufolge ist bis auf einen Meteoriten nahezu alles unwiederbringlich zerstört worden. Ist das wirklich so? Lässt sich selbst nach einem so verheerenden Brand vielleicht doch noch etwas retten, wenn auch nicht in puncto Originalität? Stichwort: Digitalisierung.

Prof. Parzinger: Von hier aus der Ferne kann ich wirklich nicht sagen, wie die Situation vor Ort ist, und ob wirklich alles verloren ist. Aber Digitalisate können niemals das Original in seiner Bedeutung für Forschung und Vermittlung ersetzen. Sie gehen schließlich trotzdem in die Philharmonie, obwohl Sie Konzerte auch auf CD hören können. Digitalisate sollen nur die Verbreitung und Zugänglichkeit von Wissen und Kulturgütern erhöhen, aber sie können die originalen Quellen niemals ersetzen. Insofern tröstet es bei solchen Verlusten wenig, wenn man vorher digitalisiert haben sollte.

"Verantwortung von staatlicher Seite sieht anders aus"

L.I.S.A.: Bei der Suche nach den Brandursachen wird vor allem die Klage laut, das Museum sei zuletzt finanziell verwahrlost bzw. zahlreichen öffentlichen Sparmaßnahmen ausgesetzt gewesen. Sind Museen insgesamt unterfinanziert? Fehlt Geld, um Vorsichtsmaßnahmen gegen solche Vorfälle treffen zu können? Muss uns der Kulturerhalt am Ende jedes Geld wert sein, um solche Katastrophen zu verhindern?

Prof. Parzinger: Ich muss schon sagen, dass ich entsetzt war, als ich das Nationalmuseum in Rio vor vier Jahren besucht habe. „Verwahrlost“ ist ein starkes Wort, aber irgendwie traf es zu. Statt dem Einbau von Klimatechnik hat man einfach die Fenster aufgemacht, jedenfalls kam es mir so vor. Verantwortung von staatlicher Seite sieht da anders aus. Von Kollegen hörte ich jetzt, dass das Museum zuletzt nur mehr einen geradezu lächerlich geringen Etat gehabt haben soll. Da muss man sich nicht wundern, dass so etwas passiert, noch dazu in einem historischen Gebäude mit sehr viel Holz als Baumaterial. Ich will nicht voreilig urteilen, weil ich wie gesagt die Situation vor Ort nicht kenne. Wenn aber für die Sicherheit von musealen Sammlungen dieser Qualität und Dimension nicht Mindeststandards sichergestellt werden können, dann muss sich der Staat fragen lassen, ob er hier seiner Verantwortung noch nachgekommen ist. Man darf deshalb auf die Aufarbeitung der Brandursachen gespannt sein und kann nur hoffen, dass daraus die richtigen Schlüsse gezogen und – wenn es Versäumnisse gibt – die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.  

Prof. Dr.Dr.h.c.mult. Hermann Parzinger hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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