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Georgios Chatzoudis | 08.11.2016 | 2785 Aufrufe | 3 | Interviews

"Blackfacing ist die 'komische' Seite des Lynchens"

Interview mit Norbert Finzsch und Tahir Della über das sogenannte Blackfacing

Versteht man in Deutschland keinen Spaß mehr? An dieser Frage entzündete sich in der vergangenen Woche kurzzeitig eine erregte Debatte über das sogenannte Blackfacing. Was war geschehen? Ein weißer TV-Moderator einer Unterhaltungssendung gab sich als schwarzer Südafrikaner aus, indem er sein Gesicht schwarz geschminkt hatte und sich eine breitere Nase sowie dickere Lippen verpasste. In den Sozialen Netzwerken hagelte an dieser Blackface-Praxis Kritik, Sendung und Moderator wurde Rassismus vorgeworfen. Mit einem offenen Brief an die Sendeanstalt und einer öffentlichen Stellungnahme haben der Historiker Prof. Dr. Norbert Finzsch sowie Tahir Della vom Bundesvorstand des Vereins Initiative Schwarze Menschen in Deutschland gegen das Blackfacing protestiert. Wir haben sie dazu interviewt.

"Eine angeblich angeborene Musikalität und Begabung zum Tanzen"

L.I.S.A.: Herr Della, Herr Finzsch, Sie haben in der vergangenen Woche einen Offenen Protestbrief beziehungsweise eine Stellungnahme unter anderem an die Programmdirektion des Ersten Deutschen Fernsehens geschrieben. Hintergrund ist, dass in der ARD-Unterhaltungssendung „Verstehen Sie Spaß“ vom vergangenen Samstag der Moderator als Südafrikaner aufgetreten ist, und zwar als schwarzer Südafrikaner. Was ist dabei das Problem, das Sie als „Blackfacing“ bezeichnen? Was ist überhaupt unter „Blackfacing“ zu verstehen?

Finzsch: Unter Blackface verstehen HistorikerInnen eine Form des Make-up und der Verkleidung von Weißen, um eine schwarze oder afro-amerikanische Person zu repräsentieren. Die Praxis verbreitete sich in den Vereinigten Staaten rasch in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts und führte zu einer Verbreitung rassifizierter Stereotype auch außerhalb der Regionen, in denen die Sklaverei praktiziert wurde. Zu diesen Stereotypen gehört das Bild des „armen, aber glücklichen Schwarzen auf der Plantage“ oder das Klischee des halbzivilisierten kulturellen Hochstaplers, der nur so tut, als ob er den Werte- und Verhaltenskanon des Westens übernommen habe. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts hatte sich die Blackface Minstrel Show als nationale Kunstform etabliert, die bestimmte festgelegte Versatzstücke und Personen aufwies. Figuren, die typischerweise in diesen Minstrel Shows auftauchten waren Bones, Tambo, ein Interlocutor, deren Charakterzüge ebenso stereotyp ausfielen wie ihre Namen. 

Die weißen Schauspieler, die diese Charaktere verkörperten, sprachen eine übertriebene Form der afro-amerikanischen Mundart. Ihr Makeup und ihre Darstellung in den Programmheften verliehen ihnen riesige Augen, sehr breiten Nasen und dicken Lippen, die immer lächelten. Sie trugen in der Regel viel zu große Schuhe (wie Zirkusclowns) und ernährten sich angeblich von Opossums oder Waschbären. Minstrel-Charaktere wurden oft in animalistischen Begriffen beschrieben mit “Wolle” anstelle von Haaren, “blöken” anstellen von Sprechen und  ihre Kinder wurden als „dunkle Welpen“ bezeichnet. Zu den Stereotypen gehörte eine angeblich angeborene Musikalität und Begabung zum Tanzen. Bruder Tambo spielte das Tamburin und Bruder Bones die Knochenkastagneten. Beide Charaktere, die Sklaven oder ehemalige Sklaven darstellen sollten, waren ignorant und konnten sich nicht ausdrücken, weshalb ihnen in allen Aufführungen etwas Schlimmes passierte: Sie wurden betrogen, verletzt oder überfahren.

Ihre angebliche Dummheit und mangelnde Kultur wurde durch den Interlocutor noch unterstrichen, der sich bemühte aristokratisches Englisch zu sprechen und ein umfassenderes Vokabular benutzte. Der rassistische Witz entstand durch die Missverständnisse von Tambo und Bones in der Unterhaltung mit dem Interlocutor.

Das Publikum, das sich diese Produktionen ansah, bestand mehrheitlich aus der weißen männlichen Arbeiterklasse. Viele von ihnen waren Iren oder andere Einwanderergruppen. Ausgehend von den USA verbreitete sich die Minstrel Show in Großbritannien und auch in Deutschland.

Die in diesen Shows reproduzierten Stereotype spielten nicht nur eine Rolle in der Vertiefung und Verbreitung rassistischer Bilder, Haltungen und Wahrnehmungen. Sie koexistierten mit der weit verbreiteten Praxis des Lynchens, das auch im Norden und Westen der USA  praktiziert wurde. Blackfacing ist sozusagen die „komische“ Seite des Lynchens, das überall dort eingesetzt wurde, wo African Americans diese Stereotype entlarvten, indem sie ökonomisch erfolgreich waren oder besonderes Bildungskapital anhäufen konnten.

Blackface und Minstrel Shows setzten sich auch im 20. Jahrhundert fort. Ironischerweise waren es die “modernen Medien” Radio und später Fernsehen, die diese Praxis fortsetzten. Die Praxis wurde so populär, dass auch immer mehr Amateure diese Shows inszenierten, weshalb in den 1920er Jahren eine Reihe von einschlägigen Anleitungen herauskam. Blackface wurde mit dem Beginn der Bürgerrechtsbewegung in den 1960er Jahren unpopulär. Die Aneignung, Ausbeutung und Assimilation schwarzer Kultur in den USA wurde damit aber nicht beendet.

Tahir Della und Norbert Finzsch

"Blackfacing kam und kommt noch immer auch in Deutschland zur Anwendung"

L.I.S.A.: Nun haben Sender, Sendung und Moderator vor und nach der Ausstrahlung betont, dass man mit der Darstellung eines Schwarzen durch einen Weißen niemanden habe verletzen wollen. Den Vorwurf des Rassismus hat man weit von sich gewiesen. Warum sind Sie damit nicht zufrieden? Welche Reaktionen haben Sie auf Stellungnahme und Brief erhalten?

Della: Diese Haltung ist nicht untypisch und begegnet schwarzen Menschen und ihren weißen UnterstützerInnen in fast allen Fällen rassistischer Diskriminierung. Viele Menschen glauben, dass rassistisches Handeln beabsichtigt oder an den Glauben an eine bio-logistische Konstruktion von »Rasse« gebunden sein müsste und genau hier liegt das Problem. Tatsächlich können weiße Menschen sowohl bewusst als unbewusst rassistische Handlungen vollziehen und dies nicht erkennen.

Im Übrigen ist darauf hinzuweisen, dass, entgegen der verbreiteten Meinung, Blackfacing auch in Deutschland zur Anwendung kam und immer noch kommt. Vor allem auf deutschen Bühnen wird diese Praxis durchgeführt und als Grund wird entweder die Ermangelung an schwarzen SchauspieleInnen genannt oder wie im Falle der Sendung „Verstehen Sie Spaß...?“ die reine Lust an der Verkleidung. Dass durch diese Praxis schwarze Menschen rassistisch diskriminiert werden, wird dabei billigend in Kauf genommen und als Begründung wird angeführt, dass es nicht Intention gewesen sei, rassistisch zu handeln und die Praxis deswegen auch nicht als rassistisch bezeichnet werden könne.  

Finzsch: Die gute Absicht neutralisiert nichts. Die Frage, ob jemand verletzt wird, hängt nicht von der Intention der Sprechenden oder Handelnden ab. Selbst wenn wir Sender und Moderator lautere Motive unterstellen würden, ist das entscheidende Kriterium nicht die Intention, sondern die Wirkung eines Handelns. Es kann ja sein, dass Herr X nach eifriger Gewissenserforschung zu dem Schluss kam, er habe niemanden verletzen wollen. Tatsache ist, dass Blackfacing in einer bestimmten Tradition steht (auch in Deutschland) und dass man sich dieser Tradition durch die treuherzige Aussage, man habe nur Quatsch machen wollen, nicht entledigen kann. Maßstab ist hier das Empfinden der von Rassismen Betroffenen. Rassismus ist ja nicht nur eine individuelle Einstellung, er existiert als struktureller und institutioneller Rassismus und ist hier vielleicht noch wirkungsmächtiger als in der persönlichen Ideologie der Rassisten.

Ich habe durchweg positive Stellungsnahmen zu meinem Brief erhalten, vielleicht aber auch, weil ich mich in einer sozialen Gruppe bewege, die mit den Problem des Rassismus bewusst umgeht.

"Strukturell sind wir 'Weiße' alle RassistInnen"

L.I.S.A.: Die Reaktionen im Netz sind geteilt. Neben Verständnis für Ihre Position liest man auch Verständnis für die andere Seite: „Was ist so schlimm daran?“, „Man wird ja wohl noch mal…“, „Darf man sich nicht mehr verkleiden?“, „Das hat mit Rassismus nichts zu tun, ist doch nur Spaß!“, „Gutmenschentum“, „Political Correctness“ usw. Was sagt das über die Mehrheitsgesellschaft – in diesem Fall die Weißen – aus? Wie erklären Sie sich diese Reaktionen?  

Finzsch: In Deutschland gibt es einen tiefsitzenden individuellen Rassismus, der das Erbe der Nazidiktatur und der Restaurationspolitik in beiden deutschen Staaten nach 1945 ist. Das deutsche koloniale Erbe ist nie umfassend aufgearbeitet worden. Postkoloniale Ansätze im Geschichtsstudium und im Geschichtsunterricht sind die Ausnahme. Es gibt bis heute kein einziges wissenschaftliches Buch zum Sklavenhandel von Brandenburg-Preußen. Es ist schwierig, sich diesem Klima als Weißer zu entziehen. Weiß-Sein bringt eine Dividende. Man wird gesellschaftlich dafür belohnt, weiß zu sein. Es bedarf einer bewussten Anstrengung, den strukturellen und institutionellen Rassismus zu „sehen“ und ihn in sich und in der Gesellschaft anzugehen - tagtäglich. Deswegen wird der Rassismus von selbst niemals aufhören. Strukturell sind wir „Weiße“ sozusagen alle RassistInnen; dabei schließe ich mich auch ein. Ich habe 1999 - nach den Pogromen in Rostock und Hoyerswerda - zusammen mit Jim Horton und Lois Horton die erste Geschichte der African Americans auf Deutsch geschrieben. Davor gab es keine Gesamtdarstellung. Der Genozid an Herero und Nama ist bis heute nicht von der Regierung als solcher anerkannt worden – der an den Armeniern in der Türkei schon. Die weißen Deutschen denken immer noch, sie seien die einzigen legitimen Deutschen, ungeachtet der jahrzehntelangen Geschichte der Einwanderung. Bis zu einem Viertel der Deutschen unterhalten antisemitische Vorurteile. Damit sind nicht nur Neonazis gemeint, sondern diese Einstellung reicht weit in das Spektrum der „bürgerlichen“ und linken Parteien.

Della: Wir haben zahlreiche Rückmeldungen erhalten, die zeigen, dass es in Deutschland inzwischen eine große Anzahl an Menschen gibt, die sich unserer Kritik anschließen und es für untragbar halten, dass in öffentlich-rechtlichen Fernsehanstalten immer noch vermeintliche Unterhaltung ausgestrahlt wird, die sich auf Kosten von marginalisierten Gruppen diskriminierender Mittel bedient. Es macht sehr oft den Anschein, dass die Öffentlichkeit reflektierter ist als die Sender oder Bühnen und dass sie durchaus bereit ist, neue Formate anzunehmen.  

"Konkurrenz zu anderen diskriminierten Gruppen in der Geschichte"

L.I.S.A.: Sie machen in Ihrem Protest deutlich, dass das sogenannte Blackfacing eine lange Geschichte hat. Wann kam die Praxis auf, durch Maskerade die Hautfarbe zu wechseln? Welche Konzepte waren und sind damit verbunden? Welche Attribute werden über Praktiken wie das Blackfacing stereotypisch transportiert? Warum wurden die Rollen von Schwarzen nicht mit schwarzen Darstellern besetzt?  

Finzsch: Dies wird in der Forschung unterschiedlich diskutiert. Einige sehen in der Minstrel Show und im Blackface eine psychologische Funktion, die des Sündenbocks. Der schwarz geschminkte Schauspieler, der qua Rolle von der Gesellschaft ausgeschlossen war, trieb auf diese Weise die weißen Dämonen aus. Eine Identifizierung mit dem Charakter blieb aus, weil dieser niemals wirklich menschlich war, sondern in der Regel als weniger-als-menschlich dargestellt wurde. Ein anderer Faktor ist die Konkurrenz zu anderen diskriminierten Gruppen in der Geschichte, etwa zwischen irischen Einwanderern und African Americans. In der Kultur des 19. Jahrhunderts wurden Iren als Afrikanern gleichgestellte Untermenschen perzipiert, wenig mehr als Affen, und entsprechend in Karikaturen und Cartoons auch porträtiert. Der Kampf der „Black Irish“ um Anerkennung und ihr schließlicher Aufstieg in die Reihen der anerkannten weißen Arbeiterklasse geschahen auf dem Hintergrund ihrer Gegnerschaft zu African Americans, die sie als Bedrohung ihres sozialen und ökonomischen Status wahrnahmen. Ein weiteres Element stellte die abwehrende Auseinandersetzung mit der Abolitionsbewegung dar, die ab den 1830er Jahren energisch auf der Abschaffung der Sklaverei bestand. Weiße Autoren waren um 1850 stärker bemüht, die Sklaverei als ein „positives Gut“ darzustellen. Den Plantagensklaven ginge es besser als den „Lohnsklaven“ des Nordens, wurde immer wieder propagiert. Hier passten die Minstrel Shows und das Blackface perfekt, denn sie zementierten die Idee der schwarzen Inferiorität. 

Die Hauptidee des Blackface liegt in der Demonstration weißer Überlegenheit. Dem intellektuellen rationalen Weißen wird ein animalischer, sexualisierter und dummer Schwarzer gegenübergestellt. Dies wird mit dem Register des Geschlechts jeweils anders bespielt, je nachdem, ob es sich um weiße oder um schwarze Männer und Frauen handelt. Die Spitze der Schöpfung hat demnach der weiße Mann inne, gefolgt von der weißen Frau, die in der Regel als „Lady“ und Trägerin der weißen Kultur konzipiert wird. Der schwarze Mann ist im öffentlichen Diskurs um „Rasse“ entweder ein entmannter und harmloser Onkel Tom oder ein hyperviriler Vergewaltiger. Die weiße Frau als Mutter und Dame muss vor den sexuellen Avancen des schwarzen Mannes geschützt werden, notfalls mit tödlicher Gewalt. Ganz unten stehen schwarze Frauen, die in der Gestalt entweder der Jezebels (triebgesteuerte Sexualobjekte) oder der Mamies daherkommen. Die Mamies sind das Korrelat des Onkels Tom, lieb, mütterlich, übergewichtig und verlässlich.

Zur Frage, warum solche Rollen nicht mit schwarzen SchauspielerInnen besetzt werden, kann Herr Tahir Della besser Auskunft geben als ich.    

Della: In den USA des 18. Und 19. Jahrhunderts war es schwarzen Menschen aufgrund der rassistischen Segregation unmöglich vor einem weißen Publikum zu spielen, geschweige ernsthafte Rollen zu verkörpern. Und wenn wir uns die fortgesetzten Ausschlüsse schwarzer SchauspielerInnen in Deutschland ansehen, wird deutlich wo hier die Kontinuitäten liegen. Des Weiteren zeigt dies, dass Weiße alles spielen können und dies unabhängig davon, ob ihre Rollen hinsichtlich der Hautfarbe nicht näher definiert sind oder als ausdrücklich nur „weiß“ beschrieben sind und schwarzen Menschen es unmöglich gemacht wird sich selber zu spielen.

"Dies ist mitnichten ein Einzelfall - es hört einfach nicht auf"

L.I.S.A.: Ist der Vorfall bei „Verstehen Sie Spaß?“ ein Einzelfall oder sind solche Rückgriffe auf rassische Distinktionsmerkmale nach wie vor präsent? Haben Sie Beispiele?  

Della: 2009 sorgte Günter Wallraff für Aufsehen, als er sich für seinen Dokumentarfilm „Schwarz auf Weiß“ dieser rassistischen Praxis bediente.

2012 gab es Diskussionen um das Stück „Ich bin nicht Rappaport“ im Berliner Schlossparktheater, weil ein weißer Schauspieler schwarz geschminkt die Rolle eines Afroamerikaners spielte. Kurz zuvor verbot der Autor Bruce Norris die Aufführung seines Stückes „Clybourne Park“ am Deutschen Theater in Berlin. Das Stück thematisiert die rassistischen Konflikte in den USA im Jahr 1959. Norris begründete seine Entscheidung mit der Besetzung einer „schwarzen“ Rolle durch eine weiße Schauspielerin im Blackface.  

Im September 2012 lief im Deutschen Theater Dea Lohers Stück „Unschuld“. Es handelt von zwei Sans-Papiers in einer europäischen Hafenstadt, die von zwei weißen Schauspielern im Blackface gespielt wurden.  

2013 hat Denis Scheck in seiner ARD-Sendung "Druckfrisch" sich das Gesicht schwarz angemalt und mit weißen Handschuhen bekleidet in die Debatte über rassistische Sprache in Kinderbüchern eingegriffen.  

Ebenfalls 2013 schockiert die Sendung „Wetten das?“ mit eine Saalwette, in der 25 Paare als Jim Knopf verkleidet ins Studion kommen sollten. Sie wurden darauf hingewiesen, dass „Jim natürlich geschminkt sein soll - Schuhcreme, Kohle, was auch immer“.

2014 kam es in Potsdam zu Protesten gegen die Verwendung von Blackface-Darstellern in Zusammenhang mit dem Sinterklaasfest. 

Finzsch: Dies ist mitnichten ein Einzelfall. Es hört einfach nicht auf. Die deutsche Gesellschaft scheint unfähig zu sein, auf diesem Gebiet hinzuzulernen. Das jüngste Beispiel ist die gutgemeinte Kampagne „Wir sind alle Affen“, bei der Weiße mit einer Banane in der Hand posieren und auf diese Weise gegen die Diskriminierung von schwarzen Fußballspielern demonstrieren wollen. 2005 fand sich der Augsburger Zoo bemüßigt, unter dem Titel "African Village" eine Ausstellung im Stil der "Völkerschauen" des 19. Jahrhunderts zu organisieren. Das hatte durchaus Tradition. In deutschen Zoos wurden ab dem Ende des 19. Jahrhunderts bis in die vierziger Jahre des 20. Jahrhunderts unter anderem Afrikaner entmenschlicht, als exotische Objekte vorgeführt und rassenanthropologischen Untersuchungen unterzogen. Auch in den Völkerschauen war die Rede von Exotismus, von Ursprünglichkeit und Naturverbundenheit. Ich möchte mir ersparen, auf die unappetitlichen rhetorischen Entgleisungen eines Dieter Hallervorden näher einzugehen, der es 2012 für opportun hielt, die Rolle eines schwarzen Menschen von einem Weißen im Blackface spielen zu lassen. Auch hier hieß es, das sei nicht rassistisch, es sei gut gemeint und es habe keine geeigneten schwarzen Schauspieler gegeben. Vor einiger Zeit verbot der Autor Bruce Norris die Aufführung seines Stückes „Clybourne Park“ am Deutschen Theater in Berlin. Das Stück thematisiert die rassistischen Konflikte in den USA im Jahr 1959. Norris begründete seine Entscheidung mit der Besetzung einer „schwarzen“ Rolle durch eine weiße Schauspielerin im Blackface. Im September 2012 lief im Deutschen Theater Dea Lohers Stück „Unschuld“. Es handelt von zwei Sans-Papiers in einer europäischen Hafenstadt, die von zwei weißen Schauspielern im Blackface gespielt wurden. 2014 kam es in Potsdam zu Protesten gegen die Verwendung von Blackface-Darstellern in Zusammenhang mit dem Sinterklaasfest. Die Initiative Schwarze Menschen in Deutschland forderte,  die rassistische Karikatur ‘Zwarte Piet’ bei Nikolausfeiern in Deutschland abzuschaffen. Immerhin unterstützte die Stadt Potsdam 2015 diese Praxis nicht mehr offiziell. Ich könnte diese Aufzählung fortsetzen, erspare dies aber mir und meinen LeserInnen.

Prof. Dr. Norbert Finzsch und Tahir Della haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Gottfried Scherer | 14.11.2016 | 07:04 Uhr
Der Artikel ruft in mir den Mohren in der Darstellung der Heiligen drei Könige wach, die eine grundlegende Erkenntnis meines dilettierenden Philosophiestudiums aktiviert, und provoziert einen Einspruch - der schöne Spruch, Alles sei Nichts, könnte sich ja auch hier bewähren: Nicht generell ist Blackfacing zu kritisieren, sondern üerall da, wo es rassistische Einstellungen befördert. Oder sollen Katholiken oder Juden auf dem Theater nur noch von Katholiken oder Juden gespielt werden? So falsch meines Erachtens es ist, im Unterricht darauf zu dringen, dass die Schüler in Diskussionen lernen sollen, Meinungen zu vertreten, die sie selbst nicht haben, so falsch wäre es wohl, Rollenspiele generell zu unterbinden.
Auf die rassistische Verwendung von blackfacing nachdrücklich hinzuweisen, bleibt deshalb ein Desiderat. Das Interview macht dies deutlich, die generalisierende Konsequenz ist allerdings meines Erachtens intellektuell unredlich...

Kommentar

von Prof. Dr. Gisela Miller-Kipp | 14.11.2016 | 15:47 Uhr
"Ach du liebes bischen" - und wie bemalen wir jetzt den Othello, wenn er von einem weißen Tenor gesungen wird?
Ernstlich: Da zieht man aus medialen Aufführungen nebst Alltagsbeoachtung einen schicken neuen Begriff und schafft sich dann die gesellschaftliche Gegenwart und Wirklichkeit dazu, hier insbesondere den "strukturell" rassistischen und als solchen seit Kaisers Zeiten lernunfähigen weißen Bürger. Natürlich kann nur ein Wissenschaftler (jeden Geschlechts) unterscheiden zwischen Vordergrund und Hintergrund, zwischen allerorten aufgeführter "Schwarzmalelrei" und individuellem und/oder gesamtgesellschaftlichem politisch-anthropologischem Wissen und Urteilen. So kommen Mißvergnügen an einander und Mißtrauen in die Welt.

Kommentar

von Norbert Finzsch | 27.06.2017 | 17:39 Uhr
Nein, liebe Frau Miller-Kipp, so einfach kann man es sich auch als Pädagogin nicht machen. "Mediale Aufführungen nebst Alltagsbeobachtungen" sind das beileibe nicht. Und ein "schicker neuer Begriff" ist es auch nicht. Gelegentlich soll die Zuhilfenahme eines Buches bei der Erkenntnis helfen, dass es sich hier um ein Phänomen handelt, das beinahe 200 Jahre alt ist. Mein Vorschlag bezüglich des "Othello-Problems": Keine Bemalung. Also keine "Schwarzmalelrei" [sic!]. Misstrauen kommt allenfalls durch Simplifizierung und Naivität in die Welt.

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