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Georgios Chatzoudis | 17.12.2013 | 3869 Aufrufe | Interviews

"Balsam auf die Seele selbstbewusster gewordener Bildungsbürger"

Interview mit Stig Förster zum Ersten Weltkrieg

Die Debatte um eine Neuinterpretation des Ersten Weltkriegs ist in vollem Gange. Auch wir setzen sie in unserer Interviewreihe fort. Nachdem wir bereits mit Prof. Dr. Gerd Krumeich, Prof. Dr. Holm Sundhaussen und Adam Hochschild gesprochen haben, wollten wir nun von einem weiteren Historiker eine Einschätzung der laufenden Diskussion um das Buch "Die Schlafwandler" von Christopher Clark einholen. Prof. Dr. Stig Förster von der Universität Bern ist Experte für Kriegs- und Militärgeschichte und hat vor allem zum Ersten Weltkrieg publiziert. Wir haben ihm unsere Fragen gestellt.

Prof. Dr. Stig Förster, Professur für Neueste Geschichte an der Universität Bern

"Clarks Buch provoziert eine neue Kriegsschulddebatte"

L.I.S.A.: Herr Professor Förster, in Deutschland ist eine neue Diskussion über den Ersten Weltkrieg im Gange, ausgelöst durch Christopher Clarks Bestseller „Die Schlafwandler“. Obwohl Clark in der Einleitung betont, dass es ihm nicht um eine Neuauflage der Kriegsschulddebatte geht, sondern vielmehr um eine Beschreibung und Analyse des Wegs in den Ersten Weltkrieg, wird das Buch hierzuladen vor allem als Buch zur Schuldfrage rezipiert. Wie erklären Sie sich das?

Prof. Förster: Das Buch von Christopher Clark kam genau zum richtigen Zeitpunkt, denn 2014 jährt sich der Ausbruch des Ersten Weltkrieg zum hundertsten Mal. Dabei hat die englische Originalausgabe international weniger Wirbel ausgelöst als die deutsche Übersetzung, die in diesem Jahr erschien. Das hat etwas mit dem geschickten Marketing des Verlages zu tun und natürlich auch mit der generellen Aufmerksamkeit der Medien zum Thema Erster Weltkrieg.

Dabei spielt die Frage nach den Verantwortlichkeiten für die Verursachung dieses entsetzlichen Krieges naturgemäss eine große Rolle, denn das Thema ist nach wie vor höchst umstritten. Auch wenn Christopher Clark keine neue Kriegsschulddebatte vom Zaun brechen möchte, so provoziert sein Buch doch geradezu eine derartige Diskussion. Er zeigt ja sehr detailliert und ziemlich überzeugend, wie Politiker und Militärs in Serbien, Russland, Frankreich und sogar Großbritannien in verantwortungsloser Weise auf diesen Krieg zugesteuert haben. Einige der führenden Persönlichkeiten in diesen Ländern haben laut Clark den Krieg sogar gewollt. Demgegenüber spielt Clark die Rolle der deutschen und der österreichisch-ungarischen Führung bei der Verursachung des Krieges etwas arg herunter und ignoriert zuweilen den aktuellen Forschungsstand. Im Endeffekt werden dabei die Ergebnisse der Fischer-Debatte seit den 1960er Jahren teilweise revidiert.

Das ist aufregend, denn es stellt die international weitgehend akzeptierte These, wonach vor allem die deutsche Führung den Ersten Weltkrieg herbeigeführt hat, fundamental in Frage. Das löst natürlich Widerstand aus. Aber ich kann mich auch nicht des Eindrucks erwehren, dass in Deutschland bei manchen Leuten eine gewisse Erleichterung zu verspüren ist, wenn ein australischer Historiker die Entscheidungsträger des Kaiserreiches ein Stück weit von der Hauptverantwortung freispricht und das Deutsche Reich sowie die Donaumonarchie geradezu als Opfer der intriganten Machenschaften in Belgrad, St. Petersburg, Paris und London erscheinen lässt. Damit wird letztlich die alte Behauptung von David Lloyd George aufgefrischt, man sei in diesen Krieg hineingeschlittert. In einer Zeit, in der die Bundesrepublik Deutschland wieder zu einer regionalen Großmacht geworden ist, ist das Balsam auf die Seele selbstbewusster gewordener Bildungsbürger. Andere halten diesen Vorgang aber für bedenklich und setzen sich vehement zur Wehr. Und schon sind wir wieder bei einer politisch aufgeladenen Kriegschulddebatte.

"Diesen Krieg endlich wirklich als Weltkrieg betrachten"

L.I.S.A.: Der Büchermarkt wird schon seit Wochen und Monaten von neuen Büchern zum Ersten Weltkrieg überschwemmt. Ist mit neuen Erkenntnissen zu rechnen? Oder geht es insgesamt weniger um historisches Wissen, sondern vielmehr um ein Ringen um Geschichtsbilder?

Prof. Förster: Natürlich geht es auch um Geschichtsbilder, wie ich soeben angedeutet habe. Das ist bei größeren Debatten zum Thema Geschichte unvermeidlich und keineswegs ungesund. Unser Geschichtsbild hat immer auch eine tagespolitische Seite. Daher macht es Sinn, Geschichtsbilder, Mythen und Legenden permanent kritisch zu hinterfragen. Solange die entsprechenden Auseinandersetzungen wissenschaftlich sauber, korrekt und fair geführt werden, ist das in Ordnung, ja wünschenswert.

Andererseits deutet sich an, dass im Zuge des anstehenden „Jubiläums“ keineswegs nur die alten Debatten aufgewärmt werden. Im Detail werden durchaus neue Erkenntnisse präsentiert. Noch wichtiger aber ist der grundlegende Trend, der sich jetzt abzeichnet: Die traditionellen nationalen Scheuklappen werden überwunden in Richtung auf einen transnationalen Zugang. Christopher Clarks Buch ist ein wichtiger Beitrag zu dieser Tendenz. Noch bedeutsamer finde ich allerdings, dass die eurozentrische Betrachtungsweise gerade aus der Mode kommt. Mehrere Konferenzen zum Thema Erster Weltkrieg, die jetzt abgehalten werden, legen großen Wert darauf, diesen Krieg als globales Ereignis zu analysieren. Tatsächlich hatte der Krieg weltweite Auswirkungen. Vor allem der Nahe Osten, aber auch erhebliche Teile von Afrika, kurzzeitig Ostasien und generell die Weltmeere wurden zu wichtigen Kampfzonen. Allein im Nahen Osten fanden, vorsichtigen Schätzungen zufolge, mehr als zwei Millionen Menschen den Tod. Die Geschichtswissenschaft ist endlich dabei, diesen Krieg wirklich als Weltkrieg zu verstehen.

"Weltkriege waren ein katastrophaler Ausdruck von Globalisierungstendenzen"

L.I.S.A.: Der Krieg von 1914-1918 wird in Deutschland vor allem als der Erste Weltkrieg erinnert. In Frankreich, Großbritannien und den Vereinigten Staaten ist die Bezeichnung „Großer Krieg“ geläufig. In Deutschland fällt zurzeit auf, dass auch die Bezeichnung „Großer Krieg“ immer häufiger verwendet wird. Ist das ein Zeichen dafür, dass der Krieg auch in der jüngeren deutschen Geschichte neu einsortiert wird? Stichwort: Zeitalter des totalen Kriegs.

Prof. Förster: Wie man den Ersten Weltkrieg denn nun bezeichnet, halte ich für weniger wichtig. Das Wort vom „Großen Krieg“, welches neuerdings auch in Deutschland geläufig wird, stammt dabei wohl vor allem aus Übersetzungen. Gleichwohl wird dieser Krieg tatsächlich unter neuen Gesichtspunkten betrachtet. Dabei geht es insbesondere um die Geschichte der Weltkriege, also des Siebenjährigen Krieges, der Napoleonischen Kriege und der beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts. In gewisser Weise war sogar der Kalte Krieg ein schleichender Weltkrieg. Hinter dieser langfristigen Betrachtungsweise steckt die Bedeutung, welcher die Geschichtswissenschaft seit einiger Zeit der Entwicklung der Globalisierung beimisst. Weltkriege waren eben ein gewalttätiger, katastrophaler Ausdruck der Globalisierungstendenzen.

Das Schlagwort vom „Zeitalter des totalen Krieges“ ist keineswegs neu. Ich war vor einigen Jahren selbst federführend an einer internationalen Konferenzserie zu diesem Thema beteiligt. Dabei stellte sich heraus, dass man mit dem Begriff „totaler Krieg“ sehr vorsichtig umgehen muss. Eigentlich kann es einen solchen Krieg gar nicht geben, weil die postulierte Totalität real nicht möglich ist. Zudem sind Kriege, um mit Clausewitz zu sprechen, viel zu sehr durch Friktionen gekennzeichnet. Nicht einmal die totale Mobilisierung aller Menschen und Ressourcen ließ sich bewerkstelligen. Man sollte daher nur von Annäherungswerten an ein gedankliches Konstrukt reden. Diese Annäherungstendenzen waren aber in den Weltkriegen deutlich erkennbar.

"Der deutsche Generalstab zog nicht mit dem Schlieffenplan in den Krieg"

L.I.S.A.: Sie haben sich in Ihren Forschungen sehr intensiv mit den Militärmentalitäten vor und im Ersten Weltkrieg beschäftigt. Die Festlegung des deutschen Generalstabs auf den Schlieffenplan gilt als ein Indiz dafür, dass das Deutsche Reich einen Krieg durchaus in Kauf genommen hat. Denn einen Plan B gab es offenbar nicht – ganz nach dem Motto: Wenn es zum Krieg kommt, dann gleich zu einem im Osten und im Westen. Clark legt indes in seinem Buch großen Wert auf das Planspiel „Lokalisierung des Kriegs auf dem Balkan“. Passt das überhaupt zusammen?

Prof. Förster: Die Planungen des deutschen Generalstabes, die Kriegsmentalitäten und der Versuch (wenn es ihn denn wirklich gegeben hat), den Krieg auf den Balkan zu lokalisieren, sind sehr verschiedene Paar Schuhe. Letzteres war eine Frage der Diplomatie und der Politik. Der Generalstab aber bereitete sich auf den großen Krieg vor, denn das war ja auch seine Aufgabe. Da war der Balkan als Kriegsschauplatz nachrangig. Es ging viel mehr vor allem um den Krieg an zwei Fronten. Da eine Großoffensive nach Osten schon logistisch kaum möglich war, kristallisierte sich der Angriff auf Frankreich als Lösungsansatz heraus. Einen generell defensiv geführten Krieg lehnte der Generalstab aus Gründen der Politik und der Kampfmoral ab – meiner Ansicht nach war das ein schwerer Fehler. Zudem gilt es festzuhalten, dass der deutsche Generalstab eben nicht mit dem Schlieffenplan in den Krieg zog. Moltke und Ludendorff hatten den Plan in wesentlichen Punkten grundlegend verändert. Der Feldzugsplan von 1914 rechnete nicht mehr unbedingt mit einem schnellen Sieg im Westen. Vielmehr deutet Vieles darauf hin, dass es vor allem darum ging, eine günstige Ausgangsposition für einen längeren Krieg zu schaffen. Der Krieg sollte ins Feindesland getragen werden und damit die deutschen Industriegebiete im Westen geschützt werden. Außerdem nahm man vom ursprünglich angedachten Überfall auf die Niederlande Abstand, da man diese „Luftröhre“, wie Moltke betonte, für den deutschen Außenhandel benötigte.

"Der Vernichtungsgedanke war keineswegs neu"

L.I.S.A.: Der Erste Weltkrieg wurde 1914 von allen beteiligten Seiten als kurzer, wenn auch heftiger, Krieg erwartet. Tatsächlich kam es bekanntlich anders. Inwieweit hat die Erfahrung mit einem langen Stellungskrieg das Denken über den Krieg verändert. Welche Rolle spielt dabei der Wille, den Gegner zu vernichten?

Prof. Förster: Es ist eine Legende, dass alle Beteiligten einen kurzen Krieg erwarteten. Der ältere und der jüngere Moltke sowie weitere Generalstabsoffiziere in Deutschland befürchteten vielmehr einen jahrelangen Krieg, eine generelle Katastrophe. Friedrich Engels, Ivan Bloch August Bebel und Norman Angell haben vor einem derartigen Krieg schon seit den 1880er Jahren öffentlich gewarnt. Der britische Kriegsminister Lord Kitchener glaubte ebenfalls an den langen Krieg. Die britische Marineleitung setzte mit ihrer Planung für eine umfassende Seeblockade auf einen langwierigen Krieg. Führende Politiker hofften allerdings tatsächlich, dass es nur zu einem kurzen, heftigen Gewitter kommen würde. Der Stellungskrieg im Westen und die entsetzlichen Materialschlachten überstiegen dann allerdings alle Vorstellungskraft. Es kann kein Zweifel daran bestehen, dass dies in einer Radikalisierung und Brutalisierung der Kriegführung resultierte. Dabei war der Vernichtungsgedanke jedoch keineswegs neu. Doch die Tendenz, die schon im 19. Jahrhundert erkennbar war, nämlich den Vernichtungsgedanken auf die feindliche Zivilbevölkerung auszudehnen, erhielt nun zunehmend Nahrung. Aber erst im Zweiten Weltkrieg kam diese Tendenz vollends zum Durchbruch. Dies war ein zentraler Aspekt der Totalisierung der Kriegführung.

Prof. Dr. Stig Förster hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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