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Georgios Chatzoudis | 30.04.2019 | 1775 Aufrufe | Interviews

"Er stieß das Tor zur Exploration der westdeutschen Gesellschaftsgeschichte weit auf"

Interview mit Detlef Siegfried zum Tod von Axel Schildt

Am 5. April des Jahres ist der Historiker Prof. Dr. Axel Schildt im Alter von 67 Jahren gestorben. Sein Name ist insbesondere mit der Erforschung der Intellektuellengeschichte des 20. Jahrhunderts verbunden, aber auch mit der Mediengeschichte des vergangenen Jahrhunderts sowie mit der Sozial- und Kulturgeschichte der Bundesrepublik. Von 2002 bis 2017 leitete er die Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg und war Professor für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg. Wir haben Prof. Dr. Detlef Siegfried von der Universität Kopenhagen, einen seiner engsten Weggefährten, um einen Blick zurück auf den Wissenschaftler sowie den Menschen Axel Schildt gebeten.

"Ein produktiver Arbeiter, der das Leben in vollen Zügen genoss"

L.I.S.A.: Herr Professor Siegfried, vor kurzem ist der renommierte Historiker Prof. Dr. Axel Schildt im Alter von 67 Jahren gestorben. Sie gehören zu den Historikern, die eng mit ihm zusammengearbeitet haben. Bevor wir auf Axel Schildt als Wissenschaftler zu sprechen kommen – wie erinnern Sie sich an den Menschen Axel Schildt?

Prof. Siegfried: Als Mensch kennzeichnete Axel Schildt erstens, dass er selbstbewusst war, ohne sich für etwas Besonderes zu halten. Obwohl er es vielleicht gerade deshalb war, wenn man seine Position als Lehrstuhlinhaber und Direktor eines Forschungsinstituts in Rechnung stellt. Denn unprätentiöses Verhalten oder gar Selbstironie, die ihn ebenfalls kennzeichnete, sind in gehobenen Positionen der Wissenschaft nicht besonders häufig anzutreffen. Überhaupt nahm er die Leute durch seinen Witz für sich ein, der die mitunter scharfen inhaltlichen Aussagen in der Form etwas abmildern konnte, ohne ihnen ihre Eindeutigkeit zu nehmen. Dadurch war er ein gefragter Gesprächspartner, ob nun auf wissenschaftlichen Konferenzen oder in der öffentlichen Debatte. Zweitens war er großzügig, womit ich nicht in erster Linie Materielles meine, sondern habituelle und intellektuelle Toleranz. Er hatte Verständnis für Menschliches ohnehin, ich würde sagen nahezu grenzenlos, aber auch politisch für ein breites Spektrum an Positionen. Einfach, weil er sich für alles interessierte, was nicht bedeutete, dass er sich nicht auch beißend über politische Peinlichkeiten jeglicher Richtung lustig machen konnte.

Eines seiner Spezialgebiete war die Geschichte des Konservatismus, was vielleicht auch ein bisschen aus seiner katholischen Sozialisation rührte, aber sicherlich vor allem aus intellektueller Neugier – und nicht verwechselt werden sollte mit politischer Indifferenz. Es war nicht ironisch gemeint, wenn er sagte, leider hätten in der Geschichte die Rechten meist die klügeren Köpfe gehabt. Schon als Schüler war Axel Schildt links und blieb es sein Leben lang. Sicherlich änderte er manche Positionen, aber eine totale Kehrtwendung, wie sie viele vollzogen, kam für ihn nicht in Frage. Die Persistenz seiner Haltung gründete in politischen Überzeugungen, aber sie war auch eine Sache des Herzens. Was uns neben anderem wirklich essenziell verband, war die doppelte Erfahrung des Aktivismus in der kommunistischen Bewegung und des Bruches mit ihren ideologischen Verengungen und organisatorischen Formen – eine Prägung, die für uns und für ein paar Freunde eine andauernde Quelle der Reflexion und daher mehr oder weniger direkt auch wissenschaftlich produktiv war. Weit über politische Geradlinigkeit hinaus war er loyal zu seinen Freunden und Mitarbeitern. Gehörte man zu diesem Kreis, dann konnte man auf seine Unterstützung bauen. Immer. Es sei denn, man verließ den Schildtschen Verfassungsbogen, der nach links hin weit offen war, aber eine klare Grenze nach rechts hatte – dort, wo man heute AfD-Positionen ansiedeln muss.

Und wenn Sie nach dem Menschen fragen, dann muss etwas Drittes ergänzt werden, auf dem viele seiner Eigenschaften fußten – seine Geselligkeit, die Gelassenheit, die Lebensfreude. Axel konnte genießen. Er liebte es, gut zu essen und zu trinken, er liebte Musik – nicht Jazz (zu elitär), bedingt Klassik, sondern vor allem Rock und Folk aus seinen formativen Jahren –, er besuchte Bob-Dylan-, Paul-Simon- und Neil-Young-Konzerte, ging ins Theater und begeisterte sich für Fußball. Dies alles in der Regel gemeinsam mit seiner Frau Gabriele Kandzora, in der er auch intellektuell eine kongeniale Partnerin auf Augenhöhe hatte, und nicht selten mit der gemeinsamen Tochter Julia, die er sehr liebte (natürlich trug er das Neil-Young-T-Shirt, das sie ihm bei einem Konzert gekauft hatte). Highbrow oder Populär – diese Unterscheidung spielte in seinen kulturellen Neigungen keine Rolle, auch weil er keinen  Distinktionsbedarf hatte. An all dem konnte er sich intensiv erfreuen – und dies neben seiner Arbeit als Forscher, Institutsdirektor und Hochschullehrer. Darin war er für mich wirklich ein Vorbild: ein produktiver Arbeiter, der das Leben in vollen Zügen genoss, ja, für den zwischen beiden Elementen eigentlich gar kein Widerspruch bestand.

"Aus seiner Sicht war das Gedächtnis eine wenig verlässliche Quelle"

L.I.S.A.: Axel Schildt hat sich intensiv der Erforschung des 20. Jahrhunderts gewidmet. Auf welchen gesellschaftlichen Bereichen lag dabei sein Schwerpunkt? Lassen sich aus seiner Biographie Rückschlüsse auf seine historischen Interessen und Fragestellungen ziehen?

Prof. Siegfried: Die Geschichte des Konservatismus habe ich schon erwähnt, ihr war seine Dissertation zur Querfrontkonzeption Kurt von Schleichers (1980) gewidmet, zu ihr kehrte er immer wieder zurück, als Autor eines Standardwerks zum „Konservatismus in Deutschland“ vom 18. Jahrhundert bis zur Gegenwart (1998), aber zum Teil erschloss sie ihm auch das große Thema, an dem er seit den späten 1980er Jahren arbeitete, die Geschichte der bundesdeutschen Gesellschaft seit 1945. Allerdings verharrte er hier nicht bei ideen- und politikgeschichtlichen Aspekten, sondern verband sie mit sozial- und kulturgeschichtlichen Fragen. Ausgearbeitet findet sich dieser multiperspektivische Ansatz in seiner Habilitationsschrift, die in zwei Büchern publiziert wurde, welche die beiden Sphären ironischerweise wieder trennen: „Moderne Zeiten. Freizeit, Massenmedien und ‚Zeitgeist‘ in der Bundesrepublik der 50er Jahre“ (1995) und „Zwischen Abendland und Amerika. Studien zur westdeutschen Ideenlandschaft der 50er Jahre“ (1999). Mit diesem starken Impuls stieß er das Tor zur Exploration der westdeutschen Gesellschaftsgeschichte weit auf, wie sie dann nicht zuletzt an seinem Institut eine Heimat finden sollte.

Ein Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Zeitung hat dem respektvollen Nachruf von Martin Sabrow den an Peter Rühmkorf anknüpfenden Titel „Die Jahre, die er kannte“ verpasst und damit nahegelegt, hier wie dort handele es sich um eine Art „Privatgeschichtsschreibung“ (so Rühmkorf über sein Buch „Die Jahre die Ihr kennt“ von 1972, Klappentext und S. 244). Ich erwähne das, weil Sie nach biographischen Verbindungen fragen. Es macht ja gerade die Spezifik des Zeithistorikers aus, dass er Zeiten untersucht, die er selbst erlebt hat und damit stärker noch als andere Historiker gezwungen ist, die Frage nach der eigenen Involviertheit zu reflektieren. Denn niemand kann sich von der Steuerung der Forschungsinteressen durch Wertideen befreien. Mitunter wurden bei Axel Schildt derartige Verbindungen deutlich, so in einem Aufsatz zur Schülerbewegung von 1968, der er selbst als Mitglied der SDS-Schülerorganisation AUSS angehört hatte. Aber es wäre natürlich viel zu kurz gegriffen, würde man darin lediglich jene „Privatgeschichtsschreibung“ sehen, mit der Rühmkorf sein Buch etikettierte. Axel Schildt war als Wissenschaftler ein Quellenfuchs ohnegleichen, er kannte die Archive zur Gesellschafts- und Intellektuellengeschichte der Bundesrepublik wie kein anderer und war gleichzeitig skeptisch gegenüber allzu optimistischen Erwartungen der Oral History. Unter bestimmten Fragstellungen kann sie ertragreich sein, aber aus seiner Sicht war das Gedächtnis eine wenig verlässliche Quelle, und auch seinem eigenen vertraute er nur begrenzt. Anders war es mit dem Sensorium, das man als Zeitgenosse für die Verhältnisse in seiner Zeit entwickelt – ein Gefühl dafür, ob eine nachträgliche Interpretation so ungefähr stimmig oder nicht stimmig ist. Dieses Sensorium war bei ihm ziemlich untrüglich und bewahrte ihn davor, die Bundesrepublik nachträglich in ein allzu rosarotes Licht zu tauchen bzw. schwarz zu malen.

Die Interessen, die sein Leben geprägt haben, haben ohne Zweifel auch seine Arbeit als Forscher beeinflusst. Axel Schildt las buchstäblich alles, von der Boulevardpresse – regelmäßig die Hamburger Morgenpost (gern schon am Vorabend in der Kneipe erstanden mit reichlich Trinkgeld für den Verkäufer), BILD-Zeitung nur beim Friseur – über die sogenannte Qualitätspresse (FAZ täglich) bis hin zu Titanic und Konkret sowie mehr oder weniger obskuren politischen Blättern (in den 70er Jahren gerne den Arbeiterkampf als Klatschblatt der linksradikalen Szene). Er war ein Medienjunkie, begann den Tag mit Frühstücksfernsehen, hörte Radio und natürlich war er regelmäßiger Kinogänger, so dass sein Interesse für Mediengeschichte nicht von ungefähr kam. Gleichzeitig war er aber auch ein Intellektueller, der schon früh – etwa als Redakteur der vom Marburger AStA herausgegebenen Studentenzeitschrift – selbst politisch eingreifen wollte und sich bis zu seinem Tode auch als Public Intellectual betätigte. Auch daher also sein Interesse für Intellektuellengeschichte, das sich allerdings in keiner Weise auf das beschränkte, was er aus eigener Anschauung „kannte“. Bis wenige Tage vor seinem Tod arbeitete Axel Schildt daran, seine große Geschichte der Medienintellektuellen der Bundesrepublik fertigzustellen, für die er viele Jahre lang in den Archiven recherchiert hatte.

"Was sein Denken betrifft, so war es immer konkret und an der Empirie orientiert"

L.I.S.A.: Gemeinsam haben Sie mehrfach publiziert, darunter auch ein vielbeachtetes Buch über die Kulturgeschichte der Bundesrepublik nach 1945. Wie sah bei Ihnen gemeinsames historisches Arbeiten aus? Wodurch zeichnete sich dabei Axel Schildts Denk- und Arbeitsweise aus?

Prof. Siegfried: Wir haben zusammen vier Sammelbände herausgegeben und ein Buch geschrieben – die Kulturgeschichte, von der Sie sprechen. Die Sammelbände sind aus Konferenzen entstanden, bei denen die Zusammenarbeit hauptsächlich darin bestand, sie zu konzipieren, zu organisieren und am Ende Aufsätze einzuwerben und zu redigieren. Es handelt sich dabei um wirkliche Kooperationsprojekte, bei denen unsere jeweiligen Anteile jeweils unterschiedlich stark ausgeprägt waren. Ich ging 1996 nach Kopenhagen mit der Idee für ein Forschungsprojekt über die 60er Jahre, deren Startschuss bei einer Konferenz zu diesem bis dahin noch nicht weiter erforschten Jahrzehnt fallen sollte. Ich kannte natürlich den von Axel Schildt mit Arnold Sywottek herausgegebenen Band „Modernisierung im Wiederaufbau“ (1993) über die 50er Jahre, den ich auch über diese Dekade hinaus inspirierend fand, und fragte ihn, ob er sich vorstellen könnte, ein ähnliches Projekt über die 60er Jahre basierend auf einer Konferenz an meiner neuen Wirkungsstätte in Dänemark zu unternehmen. Er war sofort Feuer und Flamme. Als Newcomer in der Zeitgeschichtsforschung zur Bundesrepublik hätte ich diese Sache nie allein aus eigener Kraft stemmen können. Wir besuchten eine Tagung der Historischen Kommission der SPD, die dieses Feld partiell erschloss, um mögliche Referentinnen und Referenten zu identifizieren, viele der dann an der Konferenz beteiligten Kolleginnen und Kollegen kannte Axel Schildt jedoch ohnehin schon, und er beschaffte Geld bei der DFG, ich beim dänischen Forschungsrat. Das Konzept der Konferenz, die 1998 stattfand, und die Einleitung des Sammelbandes „Dynamische Zeiten“ (2000) haben wir gemeinsam erarbeitet. Bei dem ebenfalls auf einer Konferenz in Kopenhagen beruhenden Sammelband „Between Marx and Coca-Cola. Youth Cultures in Changing European Societies, 1960-1980“ (2006), der thematisch näher an meinem Forschungsprojekt lag, war ich es, der die meisten Teilnehmerinnen und Teilnehmer zusammenbrachte, aber auch hier schrieben wir Konzept und Einleitung gemeinsam. Das sind nur kurze Schlaglichter auf eine Eigenschaft, die Axel Schildt als Anreger und Ermutiger auszeichneten: Er konnte sich für die Projekte anderer begeistern, griff neue Ideen auf, förderte sie und verband sie mit seinem eigenen geschichtswissenschaftlichen Konzept. Das ergab sich zumeist wie von selbst, denn sein Zugang war weit. Wie gesagt, interessierte ihn besonders die Kombination von Sozial-, Kultur-, Politik- und Intellektuellengeschichte – die Verschränkung verschiedener Perspektiven zugunsten der Erforschung einer konkreten Sache, die sich nur dadurch in ihrer ganzen Komplexität erfassen lässt. Die erwähnte Kulturgeschichte ging auf eine Anfrage von Jürgen Faulenbach von der Bundeszentrale für politische Bildung zurück. Dort hatte man viele Jahre lang Hermann Glasers Standardwerk vertrieben und wollte nun etwas Neues. Die Anfrage richtete sich an Axel Schildt, aber er wollte es nicht allein machen und fragte mich, ob ich an der Sache als Gemeinschaftsprojekt interessiert wäre. Hier schrieben wir die Kapitelentwürfe individuell, er die ersten drei von 1945 bis 1965, ich die folgenden drei von 1966 bis 1990, beim letzten großen Kapitel, das die Zeit von der Vereinigung bis zur Gegenwart behandelt, teilten wir uns die Abschnitte. Am Ende redigierten wir gegenseitig und diskutierten divergierende Varianten, bis die endgültige Fassung stand. Große Reibungen gab es nicht, wir harmonierten da ziemlich gut.

Wenn Sie nach seiner Denk- und Arbeitsweise fragen, dann kann man beim Praktischen beginnen und sagen, dass er wahnsinnig schnell las und schrieb – anders hätte er ja nie diese unglaubliche Produktivität an den Tag legen können. Er hatte, wie wir alle, für die Arbeit an seinen Büchern im Laufe der Jahre sein eigenes System entwickelt, bei ihm spielten Zettelkästen und Mappen für die in den Archiven gesammelten Kopien eine wichtige Rolle. Was das Denken betrifft, so war es immer konkret, an der Empirie orientiert, aber mit dem Ziel der synthetisierenden Deutung. Er interessierte sich für Theorie und kannte sich als Intellectual Historian auf diesem Gebiet natürlich hervorragend aus. Aber sein Ziel bestand nicht darin, seine Erkenntnisse zu Theorien zu verdichten – er war eben Historiker und nicht Soziologe. Kürzlich lasen wir im kleinen Kreis Andreas Reckwitz‘ „Gesellschaft der Singularitäten“ (2017), das ich anregend fand, er hingegen in der Verdichtung empirischer Beobachtungen zu einer Theorie der Gegenwartsgesellschaft zu ungenau, fast schon oberflächlich. Auch zu selbstbezogen in der These der führenden Rolle einer „Akademikerklasse“. Didier Eribons „Rückkehr nach Reims“ (2016), das wir kurz zuvor diskutiert hatten, fand er interessanter, weil die differenzierte Beschreibung im Vordergrund steht und Verallgemeinerungen vorsichtig vorgetragen werden. Synthesen waren ihm wichtig, aber modellhaftes Denken führte ihm zu weit weg von der Wirklichkeit, die ja immer vielfältig ist.    

"Axel Schildt war der erste, der über einen langen Zeitraum das Institut prägen konnte"

L.I.S.A.: Neben seiner Professur für Neuere Geschichte an der Universität Hamburg war Axel Schildt von 2002 bis 2017 Direktor der Forschungsstelle für Zeitgeschichte in Hamburg (FZH), deren Wissenschaftlichem Beirat Sie angehören. Welchen Stempel hat Axel Schildt der Forschungsstelle in den 15 Jahren unter seiner Leitung aufgedrückt?

Prof. Siegfried: Die Forschungsstelle ist 1949 als regionale Einrichtung zur Erforschung der NS-Vergangenheit gegründet worden. Ende der 90er Jahre erweiterte sich ihr Fokus auf die Zeitgeschichte, wobei der Nationalsozialismus bis in die Gegenwart hinein eine bedeutende Rolle spielt. Dies geschah unter dem Direktorat Arnold Sywotteks, der Axel Schildts Vorgänger und Kooperationspartner gewesen war. Seit 1988 mit der Berufung Detlev Peukerts war die durch zivilgesellschaftlichen Druck beförderte Ambition der Stadt Hamburg sichtbar geworden, ihr Institut auf ein neues wissenschaftliches Niveau zu heben – kritischer, produktiver und mit bundesweiter Ausstrahlung –, was sich auch mit dessen Nachfolger Ulrich Herbert fortsetzte. Doch die drei genannten Direktoren blieben jeweils nur kurze Zeit im Amt, so dass Axel Schildt schließlich nach der Neuausrichtung der erste war, der über einen langen Zeitraum das Institut prägen konnte. Die enorme Produktivität, die die FZH unter seiner Direktorenschaft, zusammen mit Dorothee Wierling als stellvertretender Direktorin, an den Tag legte, lässt sich in Zahlen natürlich nur sehr grob messen, aber von den 120 Büchern, die das Institut seit der Gründung in seinen Publikationsreihen oder als Einzelveröffentlichungen herausgebracht hat, erschienen 57 und damit fast die Hälfte seit Axel Schildts Arbeitsbeginn als Direktor im Jahre 2002 – ganz abgesehen von den Dissertationen und anderen Veröffentlichungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die in anderwärts herauskamen.

Aber interessanter ist sicherlich die Richtung, die das Institut unter Axel Schildt genommen hat. Hier scheint mir die kulturgeschichtliche Perspektive besonders markant zu sein, unter der auch die politik- und sozialgeschichtlichen Forschungen neue Impulse gewonnen haben. In dieser Verschränkung sind Kultur- und Gesellschaftsgeschichte eigentlich gar nicht mehr voneinander zu trennen, wodurch komplexere Geschichten von größerem intellektuellen Reiz und stärkerer Erklärungskraft entstanden sind. Auf diese Weise sind auch neue, oft alltagsnahe Themenfelder erschlossen worden, wie zum Beispiel die Geschichte der Sexualität, was sich auch in der Sammlungstätigkeit des FZH-Archivs niedergeschlagen hat, das z.B. den Firmenbestand von Beate Uhse oder den Nachlass Günter Amendts übernommen hat. Die Themen sind zudem internationaler geworden, wie etwa an den Arbeiten zur Geschichte des Hamburger Hafens oder an dem großen Projekt zur Geschichte des Kaffees zu sehen ist, aber auch an dem deutsch-dänischen Kooperationsprojekt zur Wahrnehmung der südafrikanischen Apartheid in Westeuropa und an dem von Axel Schildt selbst herausgegebenen Sammelband zu ausländischen intellektuellen Einflüssen in der Geschichte der Bundesrepublik. Neben der Intellektuellengeschichte, die in der Forschung der FZH über die zweite Jahrhunderthälfte hinaus eine erhebliche Rolle spielt, finden sich zahlreiche Projekte zu sozial- und kulturgeschichtlichen Phänomenen in der Geschichte der Bundesrepublik, z.B. zur Jugendzentrums- und zur Friedensbewegung, zum Aufstieg des Computers, zu Gartenbauausstellungen, zu Hamburg als Medienmetropole. Regionalgeschichtliche Fragestellungen werden weiterhin stark beachtet, allerdings immer mit dem Blick auf ein übergeordnetes Erklärungspotenzial. Axel Schildt hat ja selbst auch zu derartigen Fragen publiziert, darunter ein Buch zu den Grindelhochhäusern, der ersten Wohnanlage im Hochhausstil im Nachkriegsdeutschland.

Die Tatsache, dass Axel Schildt in zahlreiche Institutionen und Gremien berufen oder gewählt worden ist, in Beiräte wissenschaftlicher Institute, Zeitschriften und Stiftungen, der Deutschen Forschungsgemeinschaft, des Historikerverbandes, hat natürlich auf das Renommee der Forschungsstelle abgefärbt. Die Beliebtheit und Präsenz ihres Direktors in der deutschen Wissenschaftslandschaft haben ihre Arbeit sichtbarer gemacht und dazu beigetragen, ihre Stellung als kleiner, aber quicklebendiger und kreativer Sprinter in der Reihe der zeitgeschichtlichen Institute im Lande zu etablieren.

"Denken und soziale Existenz miteinander verbinden"

L.I.S.A.: Was bleibt aus Ihrer Sicht das wissenschaftliche Vermächtnis von Axel Schildt? Mit welchen Fragen sollten er und sein Wirken zukünftig verbunden sein?

Prof. Siegfried: Zunächst einmal: Mit offenen Augen durch die Welt zu gehen, disziplinäre Abgrenzungen in Frage zu stellen, von den Problemen und den Quellen her zu denken und in der Absicht zu forschen, übergeordnete Zusammenhänge in der Entwicklung von Gesellschaften zu erkennen – dies alles gern (wenn auch nicht zwanghaft – wie gesagt, es kommt auf die Fragestellung an) in einer transnationalen Perspektive. Spezifischer aber geht es um eine kulturhistorische Sicht auf sozial- und politikgeschichtliche Entwicklungen. Wie nehmen die Menschen die Umstände ihrer Existenz wahr? Wie deuten sie sie und wie versuchen sie, diese zu verändern? Und hinsichtlich der Intellektuellengeschichte war es ihm immer wichtig, sich von der reinen Geistesgeschichte zu lösen und die Existenzbedingungen von Intellektuellen, ihre Netzwerke und medialen Plattformen einzubeziehen, auch die politischen Rahmenbedingungen – also Denken und soziale Existenz miteinander zu verbinden.

Prof. Dr. Detlef Siegfried hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

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