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Georgios Chatzoudis | 30.03.2017 | 748 Aufrufe | Interviews

"Aufrechterhaltung einer möglichst hohen Produktivität"

Interview mit Jan Kleinmanns über den Betriebssport im Nationalsozialismus

Die ideologische Durchdringung der deutschen Bevölkerung mit Leitlinien nationalsozialistischer Lebens- und Weltanschauung fand nicht zuletzt in Betrieben und Unternehmen statt. Dort galt es das Millionenheer aus Arbeitern und Angestellten auf Linie zu bringen und für die angestrebten Ziele "fit zu machen". Der Historiker Jan Kleinmanns von der Universität Bonn forscht derzeit im Rahmen seines Dissertationsprojekt über den Sport in der DDR, hat sich aber jüngst auch mit dem Betriebssport während der NS-Diktatur beschäftigt. In seinem Beitrag für den Sammelband "Sport und Nationalsozialismus" hat er dabei die Aspekte Sport und Gesundheit in den Mittelpunkt gerückt. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

"Das Hineinwirken in den Alltag ist ein zentraler Aspekte in der Diktaturgeschichte"

L.I.S.A.: Herr Kleinmanns, Sie haben im Band „Sport und Nationalsozialismus“, herausgegeben von Prof. Dr. Frank Becker und Dr. Ralf Schäfer, einen Aufsatz über den Betriebssport in der Zeit des Nationalsozialismus publiziert. Bevor wir zu Einzelheiten kommen, was ist die leitende Fragestellung bzw. die zentrale These Ihrer Studie?

Kleinmanns: Meine Frage war, wie sehr größere Leitlinien nationalsozialistischer Politik und damit einhergehende Konzepte in den Alltag der Werktätigen hineinwirkten. Dazu habe ich mir Betriebssport bei Krupp in Essen und im I.G. Farbenwerk in Leverkusen angeschaut und an Hand der wenigen Bestände, die die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg überstanden haben, nachvollzogen, wie die beiden Aspekte Sport und Gesundheit den Alltag in den Betrieben bestimmten. Dabei verstehe ich dieses Hineinwirken in den Alltag als einen der zentralen Aspekte in der Diktaturgeschichte und denke, dass die beiden Aspekte Sport und Gesundheit sich gut für Einblicke in den Alltag der Werktätigen eignen.

"Studie baut auf das betriebliche Schriftgut aus den Firmenarchiven auf"

L.I.S.A.: Welche Motive lagen dem Betriebssport von Seiten der NS-Führung zugrunde? Welche Rolle spielte dabei der Erhalt von Gesundheit und die Ertüchtigung der Körper? Zu welchem Zweck?

Kleinmanns: Schön, dass Sie das ansprechen: Das war gewissermaßen der Stein des Anstoßes bei dem Projekt. Ausgangspunkt für den Aufsatz war ein Forschungsprojekt zu Betriebsärzten im Nationalsozialismus. Ein flächendeckendes Betriebsärztesystem ist erst 1936 eingeführt worden und war Teil einer Offensive zur „Gesunderhaltung“ in den Betrieben. Dabei war uns klar, dass die sogenannte „Gesunderhaltung“ in den Betrieben nicht nur ein sport- und medizinhistorisches Thema ist, sondern sich durch ihre Funktion als Bindeglied zwischen Freizeit und Arbeit für eine alltagsgeschichtliche Erzählung eignet.

So diente der Betriebssport auf der einen Seite dem körperlichen Ausgleich von Belastungen bei monotonen Arbeiten und führte damit zu einer mittelfristigen Produktionssteigerung, die in Betrieben der „kriegswichtigen“ Industrie als überaus notwendig erachtet wurde. Zur Kontrolle dieser Entwicklung sah man die Betriebsärzte als qualifiziert und zuständig an.

Auf der anderen Seite war die soziale Anbindung der Arbeiter in ihrer Freizeit ein Nebeneffekt, der den Betrieben überaus gelegen kam. Bei den Betriebssportlern lag der Fokus dabei merklich weniger auf dem Ausgleichssport. Wann immer es möglich war, widmete man sich in der Freizeit vergnüglichen Sportarten.

Bei der Bearbeitung dieses Themas war, wie fast immer in der Alltagsgeschichte, die Perspektive leider sehr schwierig. Es liegen keine Ego-Dokumente der Arbeiter zum Sport bei Krupp und im I.G. Farbenwerk vor, so dass die Studie auf das betriebliche Schriftgut aus den Firmenarchiven aufbaut. Diese haben uns zwar vorzüglich bei der Recherche unterstützt, jedoch verzerrt dieser Blick aus dem Betrieb heraus auf die Arbeiter*innen sicherlich ein wenig die Perspektive.

"Die erhoffte Wirkung hinsichtlich der Produktivität der Belegschaft ist eingetreten"

L.I.S.A.: Im Mittelpunkt Ihrer Untersuchung steht der Betriebsarzt, bei dem die Fäden Sport und Gesundheit zusammenliefen. Welche Kompetenzen mussten Fabrikärzte mitbringen und worauf konzentrierten sie sich bei ihrer Aufgabe vor allem?

Kleinmanns: Betriebsärzte waren anfangs vornehmlich „gewöhnliche“ Ärzte. Erst ab 1936 begannen Schulungen zum „Betriebsarzt“. Die darin vermittelten Inhalte waren aber maßgeblich ideologische und keine oder kaum (sport-)theoretische. In den beiden untersuchten Fällen war es auch so, dass es ohnehin bereits lange Zeit betriebsärztliche Einrichtungen gegeben hatte. Eine Wirkung der ideologischen Schulung auf die Betriebsärzte - und dann auch mittelbar auf die Belegschaft - ließ sich bei der Durchsicht der Archivalien nicht erkennen. Gleichwohl scheint insbesondere der Ausgleichsport am Arbeitsplatz, den der Betriebsarzt organisieren sollte, eine positive Entwicklung auf den Krankenstand gehabt zu haben. Vielmehr als beispielsweise der Fußball, bei dem sich, auch wenn Bewegung immer förderlich für das Wohlbefinden ist, doch der ein oder andere Arbeiter verletzte.

Die erhoffte Wirkung des Betriebssports hinsichtlich der Produktivität der Belegschaft ist also eingetreten. Hinsichtlich der ideologischen Wirkung des Betriebssports, beispielsweise in Form von gemeinsamen Aufmärschen, bin ich eher skeptisch. Angesichts dessen, dass bei derartigen „Propagandaveranstaltungen“ ein sehr viel höherer Druck ausgeübt werden musste, damit alle „Gefolgschaftsmitglieder“ teilnehmen, war diese Facette des Betriebssports anscheinend nicht sonderlich erfolgreich.

"Fußball oder Leichtathletik waren die am meisten nachgefragten Sportarten"

L.I.S.A.: Welche Sportarten wurden in den Betrieben für welche Arbeitsbereiche angeboten bzw. angeordnet? Ging es dabei mehr um den körperlichen Ausgleich, also eher tätigkeitsfremde Übungen, oder sollten vor allem Skills trainiert werden, die dem jeweiligen Arbeitsfeld entsprachen?

Kleinmanns: Die Umstrukturierung des Betriebssports und die Einbeziehung von Ärzten war, wie ich es in dem Beitrag auch zeige, tendenziell eher formeller Natur. Trotzdem setzte sich in dieser Zeit der Gedanke durch, dass Ausgleichssport für die Produktivität förderlich sein könnte, so dass diese Art des Sports vermehrt zur Pflicht wurde. Für diese Erkenntnis hätte man eigentlich nicht unbedingt Ärzte benötigt, trotzdem begleiteten sie diesen Prozess.

Der Gedanke hinter dem Betriebssport lag also explizit nicht auf der Verbesserung bestimmter Handgriffe, sondern auf der Entlastung durch andere Bewegungsabläufe. Einer Monotonie sollte damit vorgebeugt werden. Allerdings, wie schon beschrieben, keinesfalls aus altruistischen Motiven der Betriebsleitung, sondern zur Aufrechterhaltung einer möglichst hohen Produktivität.

Wie schon angedeutet, waren es aber nicht die Turnübungen, die bei der Belegschaft auf ein hohes Interesse stießen. Neben den klassischen Ausgleichssportarten, wie eben verschiedenen Formen der Gymnastik, die verpflichtend am oder in der Nähe des Arbeitsplatzes durchgeführt wurden, waren vor allem die ohnehin schon beliebten Sportarten wie Fußball oder Leichtathletik die am meisten nachgefragten Sportarten. Bei Krupp in Essen reichte das Angebot der Sportarten trotzdem von der „Allgemeine Körperschulen“ über „Turnen“, „Schwimmen“ und „Leichtathletik“ bis hin zum „Hand-“ und „Fußball“. Für Frauen gab es die beiden Angebote „Gymnastik für Frauen“ und „Leichtathletik für Frauen“.

"Verschiebung der Sporttätigkeit aus der persönlichen Freizeit hin zum Betriebssport"

L.I.S.A.: Sie stellen in Ihrer Studie fest, dass es kaum noch „inaktive Mitglieder“ in den Betrieben gab. Ein Zeichen dafür, dass der Betriebssport bei der Belegschaft sehr beliebt war?

Kleinmanns: Ein ganz klares „Jein“. Zum einen ist diese Entwicklung Ausdruck dessen, dass Sport bereits vor der NS-Zeit einen hohen Stellenwert hatte, von der der Sport dann später profitierte. In Leverkusen, wo es kaum noch ein attraktives außerbetriebliches Sportangebot gab, gewann der Betriebssport enorm an Popularität. Es handelte sich dabei also eher um eine Verschiebung der Sporttätigkeit aus der persönlichen Freizeit abseits der Arbeitsstelle hin zum Betriebssport.

Zum anderen war es nicht unüblich, dass auch Druck auf die Beschäftigten ausgeübt wurde. So gab es Teile des Betriebssports, die verpflichtend waren und damit die Kategorie der „inaktiven Mitglieder“ faktisch obsolet werden ließ. Beispielsweise war der Sportappell für „Gefolgschaftsmitglieder“ obligatorisch, obwohl er offenbar nicht besonders beliebt war. Auch fanden z.B. die „Allgemeine Körperschule“ oder der Lehrlingssport während des Arbeitstages statt, so dass es faktisch keine Möglichkeit gab, sich dem Sport-„Angebot“ zu entziehen. Das dürfte zum Verschwinden der Kategorie der „Inaktiven Mitglieder“ geführt haben.      

Jan Kleinmanns hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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