Registrieren
merken
Georgios Chatzoudis | 27.10.2015 | 953 Aufrufe | Interviews

"Auch in schwierigen Zeiten den Dialog aufrecht erhalten"

Interview mit Judith Thomalsky über Archäologie im Iran

Seit 1961 unterhält das Deutsche Archäologische Institut (DAI) eine Außenstelle in Teheran, um das reichhaltige archäologische Erbe des Irans zu erforschen. In der mehr als 50-jährigen Geschichte der Außenstelle war es jedoch nicht immer leicht, Forschungsprojekte und den Austausch mit iranischen Archäologen aufrecht zu erhalten. Während in den letzten Jahren die Sanktionen die Forschung stark behinderten, gibt es nun Initiativen für eine verstärkte deutsch-iranische Kooperation. Wie wirken sich diese Entwicklungen auf die Forschung aus? Und wie verlief die Arbeit in den Jahren zuvor? Wir haben mit Dr. Judith Thomalsky vom DAI über die Vergangenheit und Zukunft der iranischen Archäologie gesprochen.

Google Maps

"Die Fortführung und Neuaufnahme gemeinsamer archäologischer Forschung"

L.I.S.A.: Frau Dr. Thomalsky, Deutschland und der Iran haben vor Kurzem gemeinsam vereinbart, ihre Zusammenarbeit im Bereich Archäologie auszubauen. Sie sind am Deutschen Archäologischen Institut, das die Vereinbarung unterzeichnet hat, Referentin für iranische Archäologie. Was genau sieht die Übereinkunft vor?

Dr. Thomalsky: Im Grunde haben wir – das DAI und die Forschungsabteilung der iranischen Behörde für kulturelles Erbe (RICHT) – unser im Jahr 2010 abgelaufenes Memorandum verlängert. Es vereinbart die Fortführung und Neuaufnahme gemeinsamer archäologischer Forschung, die gegenseitige Unterstützung z.B. mit Rettungsgrabungen, in der Entwicklung neuester Forschungsmethoden, Programme zur Aus- und Weiterbildung, und den technologischen Austausch in verschiedenen Disziplinen. Beispielhaft zu nennen sind Anthropologie, Archäometrie, geologische und geomorphologische Methoden, oder die Entwicklung notwendiger IT-Strukturen für Denkmalregister. Das Memorandum of Understanding (MoU) gewährleistet vor allem aber den regen Austausch zwischen den Wissenschaftlern und Institutionen auf beiden Seiten.

"Plattformen für den gemeinsamen Austausch wurden geschaffen"

L.I.S.A.: Die Vereinbarung spricht von Ausbau der Kooperation, was implizit besagt, dass es eine Zusammenarbeit bereits gibt. Können Sie uns einige Beispiele bisheriger Formen der Kooperation nennen?

Dr. Thomalsky: Neben den für Archäologen „typischen Grabungen“ müssen die Daten aus solchen Unternehmungen auch aufbereitet und diskutiert werden – gemeinsam mit iranischen Kollegen. Plattformen für den direkten Austausch wurden mit gemeinsamen Konferenzen geschaffen. Wir haben stets Nachwuchswissenschaftler unterstützt, u.a. durch Forschungsstipendien für Magister und Promotionen auch an deutschen Universitäten. Regelmäßig in Iran abgehaltene Lehrveranstaltungen geben uns die Möglichkeit, direkt mit den iranischen Nachwuchswissenschaftlern in Kontakt zu treten und auch an der Ausbildung mitzuwirken. Es waren zwar in der jüngeren Vergangenheit keine aufsehenerregenden Großprojekte möglich, dennoch konnten wir so an der Iranischen Archäologie teilnehmen, und gemeinsam Akzente setzen.

"Wichtig ist die nachhaltige Erhaltung der wissenschaftlichen Daten"

L.I.S.A.: Wie würden Sie den Stand archäologischer Forschung im Iran beschreiben? Wo sehen Sie Handlungsbedarf? In welchen Bereichen kann umgekehrt das DAI lernen?

Dr. Thomalsky: Die Sanktionen haben natürlich einen beträchtlichen Einfluss auf die Aktivitäten der Iranischen Archäologiebehörde. „Richtige“ Forschungsgrabungen können kaum finanziert werden, trotzdem wurden intensive und systematische Prospektionen im ganzen Land durchgeführt. Die Zeit wurde genutzt, ältere Forschungsdaten mit modernen Methoden zu überarbeiten. Es gilt nun, eine enorme Datenfülle in ein Denkmalregister einzuarbeiten. Ein großes Thema im DAI ist u.a. die nachhaltige Erhaltung der wissenschaftlichen Daten, des riesigen Archives an gesammelten Wissens (in Form von Forschungsdaten, Fototheken, Archiven) – hier gibt es auch bei der iranischen Seite Bedarf an technischer und systemischer Unterstützung. Die iranische Kulturbehörde hat außerdem interne Umstrukturierungen vorgenommen, und spezialisierte – interdisziplinär arbeitende – Abteilungen aufgebaut. Diese Strukturen gewährleisten sowohl eine moderne archäologische Forschung und verknüpft diese mit den hiervon nicht abtrennbaren Bereichen Kulturerhalt und „sanften“ Tourismus. Solche engen Netzwerke – vor allem bezüglich Maßnahmen zum Kulturgüterschutz und -erhalt – befinden sich in Deutschland tatsächlich noch im Aufbau.

"Regelmäßiger Austausch mit iranischen Wissenschaftlern war sehr schwierig"

L.I.S.A.: Noch 2012 haben die EU und die Bundesrepublik aus politischen Gründen – Stichwort: Atomstreit – umfassende Sanktionen gegen den Iran ausgesprochen. Hat die politische Lage insgesamt Einfluss auf Ihre Arbeit?

Dr. Thomalsky: Natürlich, da sind zum einen rein technischen Aspekte zu nennen, wie Geldtransfer, oder die Einfuhr von Spezialtechnik. Die Kommunikation und ein regelmäßiger Austausch – in der Wissenschaft sehr wichtig, da nur lebendig geführte Diskussion uns weiterbringen – mit den iranischen Wissenschaftlern war sehr schwierig. Besonders problematisch in den letzten Jahren waren die Visabestimmungen, was vor allem dazu führte, dass die Kollegen internationalen Veranstaltungen fernblieben. Für die Iranische Forschung insgesamt hatten die Sanktionen – wie schon erwähnt – sehr negative Wirkungen, da Grundvoraussetzungen für die archäologische Arbeit einfach nicht verfügbar waren.  

L.I.S.A.: Politisch Eiszeiten haben nicht selten zur Folge, dass das Interesse am anderen Land nachlassen kann. Gibt es in Deutschland ausreichend Expertinnen und Experten zur Archäologie im Iran?

Dr. Thomalsky: Tatsächlich ist es so, dass es nur wenig Spezialisten für Iranische Archäologie gibt – dies liegt aber vor allem daran, dass die deutsche Universitätslandschaft (außer Spezialfächern wie Iranistik oder Islamwissenschaften) ihren Fokus traditionell auf Mesopotamien legt. Es gibt aber großes Interesse an der Archäologie Irans, und das nicht erst seit heute – das DAI hat seit der Gründung des Instituts in Teheran in den 1960iger Jahren im ganzen Lande geforscht. Diese nachhaltigen Beziehungen zwischen Iran und Deutschland haben wir ja auch 2011 mit der Ausstellung Teheran 50 in Berlin gefeiert. Einmal etabliert, sind Archäologen gleichermaßen zäh, ausdauernd, flexibel und neugierig genug, um auch in schwierigen Zeiten den Dialog aufrechtzuerhalten. Die jetzige Situation bringt uns dazu, wieder einmal neue Perspektiven einzunehmen. Die Archäologie schaut gerne nach Iran. Diese Entwicklung wird sicherlich neue Impulse geben, und genug Möglichkeiten bieten, neue Forschungsrichtungen zu entwickeln.

Dr. Judith Thomalsky hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlch beantwortet.

Kommentar erstellen

87FPJR