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Georgios Chatzoudis | 18.03.2011 | 2004 Aufrufe | Interviews

Arabischer Wandel - "Aufbegehren gegen soziale Ungleichheit"

Interview mit Ismail Warscheid

Ismail Warscheid hat Geschichte und Arabistik in Genf und an der Ecole des Hautes Etudes en Sciences Sociales (EHESS) in Paris studiert. Seit 2008 promoviert er am Centre d'histoire sociale de l'Islam méditerranéen (CHISM) der EHESS über die Geschichte des islamischen Rechts in der zentralen Sahara (Südalgerien, Nordmali).

Ismail Warscheid ist Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung.

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Ismail Warscheid, Stipendiat der Gerda Henkel Stiftung

L.I.S.A.: Herr Warscheid, Sie sind gerade zu einem Forschungsaufenthalt in der Bibliothèque Royale in Marokko. König Mohammed VI. hat in einer Fernsehansprache die Reform der Verfassung angekündigt. Wie empfinden Sie vor Ort die Situation im Land? Deuten sich ähnliche Ereignisse wie in Tunesien, Ägypten und Libyen an?

Warscheid: Die Lage ist äußerst ruhig. Am Tag nach der Fernsehansprache sah ich in der Nähe des Parlaments nachmittags eine kleine Demonstration. Sie schien jedoch im alltäglichen Trubel der Stadt eher unterzugehen. Ereignisse wie in Tunesien oder Libyen sind im Moment kaum wahrscheinlich. Dafür ist die Akzeptanz der Monarchie innerhalb der Bevölkerung doch zu groß. Im Tunesien Ben Alis wird sich wohl niemand Illusionen über die Natur des Regimes gemacht haben, auch nicht die Personen, die auf welche Weise auch immer mit ihm zusammengearbeitet haben. Man arrangierte sich. Marokko hingegen hat sich seit dem Tode Hassan II sehr gewandelt. Man muss anerkennen, dass Mohammed VI in vielerlei Hinsicht mit den autoritären Praktiken seines Vaters gebrochen hat. Es ist auch leichter einen Präsidenten in Frage zu stellen als die symbolische Autorität der Institution „König“, welche es in der neueren Geschichte Marokkos immer wieder verstand, sich als unabkömmlicher Garant für Einheit und Stabilität in einem von politischen und sozialen Divergenzen zerrissenen Land zu profilieren. Der Rückhalt der politischen Opposition in der Bevölkerung ist dementsprechend potentiell deutlicher niedriger als in Tunesien oder Algerien, wie sich auch während der Demonstrationen im Februar zeigte. Nichtsdestotrotz teilt Marokko die massiven sozialen Probleme seiner nordafrikanischen Nachbarn. Es ist zudem keineswegs klar, wie ernst es der Monarch mit den angekündigten demokratischen Reformen meint und ob eine grundsätzliche Verschiebung der Machtverhältnisse im Rahmen eines systeminternen Prozesses überhaupt möglich ist. Eine kurzfristige Eskalation ist zwar sehr unwahrscheinlich. Mittel- und langfristig besteht jedoch ein beträchtliches Konfliktpotential. Das unbestritten hohe symbolische Kapital des Königs sollte aus dieser Perspektive nicht als allzu unerschütterlich betrachtet werden. Auch wird sich die jetzige Opposition wohl kaum mit einer programmatischen Fernsehansprache zufrieden geben.

L.I.S.A.: Worin sehen Sie die Ursache für die aktuellen Ereignisse? Welche Forderungen der Opposition stehen im Vordergrund?

Warscheid: Ich möchte mich hier in erster Linie auf die Maghreb-Staaten beschränken, da diese mir am besten vertraut sind. Auch möchte ich betonen, dass ich in erster Linie aus meiner Erfahrung als über die Geschichte des Maghreb forschender Nachwuchshistoriker spreche und nicht als Politologe. Es ist wohl unmöglich, das Entstehen und die Dynamik sozialer Prozesse auf eine einzige alles erklärende Ursache zu reduzieren. Nichtsdestotrotz erscheint mir im Falle der Protestbewegungen in Nordafrika ein fundamentales soziales Problem als treibender Faktor der politischen Mobilisierung. Alle nordafrikanischen Staaten zeichnen sich durch eine sehr junge Bevölkerung aus. In Algerien liegt das Durchschnittsalter beispielsweise bei 26. Diese große Masse an jungen Menschen mit zunehmend besserer sprich akademischer Ausbildung ist konfrontiert mit einem äußerst festgefahrenen System der Machtverteilung und der daraus resultierenden geringen sozialen Aufstiegsmöglichkeiten, einem System, in dem es als enorm schwierig wenn nicht unmöglich empfunden wird, einen Lebensweg gemäß der eigenen Wünsche und Ziele zu realisieren. Auf der einen Seite liefert der Staat die Möglichkeiten, vor allem durch Bildung Erwartungen an die Zukunft zu entwickeln, auf der anderen Seite führt die gesellschaftliche Konstellation mit all ihren sozialen und politischen Faktoren dazu, dass die eigene Zukunft als Sackgasse erlebt wird. Als einziger Ausweg bleibt in den Augen vieler nur die mögliche Emigration, sei es nach Europa, sei es nach Kanada...

In den Gesprächen, die ich mit maghrebinischen Studienkollegen und Freunden in den letzten Jahren geführt habe, war ein immer wiederkehrendes Motiv dieses Gefühl der eigenen Machtlosigkeit gegenüber einem „System“ (der Begriff taucht gerade im Falle Algeriens sehr häufig auf; „système dégage“ ist ein Slogan der dortigen Demonstrationen), in dem die Chancen schon von vornherein verteilt worden sind. Hinzu kommen eine für viele Familien äußerst prekäre finanzielle Lage, oder auch ganz allgemein die frappierenden sozialen Ungleichheiten, sowie die paternalistisch gefärbte Arroganz, mit der die politischen und sozialen Eliten oftmals Forderungen und Ansprüche der jungen Bevölkerung vom Tisch wischen. Diese junge Bevölkerung ist jedoch immer besser ausgebildet und kann sich wahrscheinlich auch aus diesem Grunde immer weniger mit der Rolle des Statisten abfinden. Ich möchte ebenfalls betonen, dass alle drei Maghreb-Staaten über ein reges intellektuelles und wissenschaftliches Leben verfügen. Es erstaunt mich kaum, dass sich diese geistige von Studenten, Wissenschaftlern und allen anderen Intellektuellen getragene Dynamik ab einem bestimmten Punkt nicht mehr aus der Politik verbannen lässt, wie dies beispielweise im Tunesien Ben Alis jahrelang versucht wurde.

L.I.S.A.: Durch die Berichterstattung gewinnt man den Eindruck, als ob mit den Ereignissen in Tunesien, die zum Sturz Ben Alis führten, in der arabischen Welt ein Dominoeffekt losgetreten worden wäre. Handelt es sich dabei vornehmlich um ein Phänomen in den arabischen Gesellschaften Nordafrikas oder sind auch vergleichbare Entwicklungen in den islamischen Ländern der südlichen Sahara denkbar?

Warscheid: Meiner Meinung handelt es sich wohl in erster Linie um ein „arabisches“ Phänomen. Allein der in den arabischen Ländern doch recht starke Rassismus gegenüber Schwarzafrikanern wirkt sicherlich von vornherein dämpfend auf mögliche Identifizierungsphänomene, zumal sich die Länder südlich der Sahara im Bezug auf Gesellschaftsform und den dortigen sozialen und politischen Konflikten grundlegend von den arabischen Mittelmeerländern unterscheiden. Auch denke ich darf nicht vergessen werden, dass es sich um Revolten handelt, die nicht direkt eine religiöse Legitimierung für sich in Anspruch nehmen. Es handelt sich um ein im Grunde sehr „klassisches“ Aufbegehren gegen soziale Ungleichheit im Namen eines offenen Patriotismus : das Volk fordert den Sturz des Systems, um ein neues Land aufzubauen. Eine panislamische Rhetorik ist damit nur schwer verbindbar. Die momentanen Revolten haben also symbolisch gesehen wenig Relevanz für diejenigen sozialen Gruppen im subsaharischen Afrika, die für eine solche Rhetorik sensibel wären, wie zum Beispiel die Sufibruderschaften oder andere religiöse Bewegungen. Sie könnten sogar eventuell je nach theologischer Interpretation von ihnen scharf verurteilt werden. Welche Folgen allerdings eine grundlegend veränderte politische Situation in Nordafrika auf die vielschichtigen Beziehungen mit dem subsaharischen Afrika haben könnte, steht auf einem anderen Blatt geschrieben. Als ein Beispiel möchte ich hier nur die sehr ernsten politischen Konflikte in den Saharagebieten von Ländern wie Mali und Niger erwähnen, deren Ursachen und Dynamiken auf das engste mit den Maghrebstaaten verzahnt sind.

L.I.S.A.: Welche Rolle spielt der Islam als Religion bei den bisherigen Entwicklungen in den arabischen Gesellschaften? Die Beobachter im Westen befürchten, dass islamistische Gruppen den entthronten Machthabern folgen könnten? Und wie wird sich ihrer Meinung nach die arabische Welt verändern?

Warscheid: Festzustellen dass der Islam im Leben der überwältigenden Mehrheit der Muslime in den arabischen Ländern weiterhin eine wichtige Rolle spielt, ist natürlich ein wenig aussagender Allgemeinplatz. Gerade in den Maghreb-Ländern kann der Grossteil der Menschen wohl als religiös bezeichnet werden. Welche Formen auch immer diese Religiösität annehmen mag, die religiöse Referenz ist allgegenwärtig im öffentlichen Raum. Diese Allgegenwärtigkeit ist jedoch auch sehr diffus und dadurch kann sie potentiell von allen Akteuren mobilisiert werden: Sowohl Ghadhafi als auch seine Gegner berufen sich in ihrem Kampf um die Macht in Libyen auf den Islam. Die Religion erscheint hier wie auch in den Protestbewegungen Tunesiens und Ägyptens als Symbol par excellence für den legitimen Charakter des eigenen Protestes oder auch der Repression. Wenn die Demonstranten immer wieder Allahu Akbar riefen, ihre Toten mit lautem Deklamieren des islamischen Glaubensbekenntnisses zu Grabe trugen, war dies meines Erachtens keineswegs in Hinblick auf ein konkretes politisches Programm zur Errichtung eines „islamischen“ Staates, sondern ein aus dem Ernst der Lage sich nährender Appell an Grundnormen, auf denen das gesellschaftliche Leben ihrer Meinung nach beruhen sollte. Diese sozialpolitischen Grundnormen sind eigentlich ähnlich denen der europäischen Gesellschaften: Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, Freiheit etc. Sie finden jedoch ihre symbolisch konzentrierte Form weiterhin in der Religion, oder besser gesagt finden sie wieder in der Religion, denn seit den achtziger Jahren hat der religiöse Diskurs enorm an Bedeutung gewonnen, leider zum Nachteil anderer Wege, dem Sozialen Sinn zu geben. Verkürzt gesagt steht der Koran für die Mehrheit der Menschen unabänderlich als Symbol absoluter Gerechtigkeit. Es handelt sich jedoch in erster Linie um eine symbolische Referenz und nicht um ein politisches Aktionsprogramm.

Natürlich finden sich heute in allen arabischen Ländern Bewegungen und Parteien eines politischen Islams, die sich meist aus neosalafitischem oder wahabitischem Gedankengut speisen. Interessanterweise spielten diese Bewegungen in den aktuellen Protesten jedoch eine höchstens untergeordnete Rolle. Die tunesische Nahda-Partei war selbst völlig überrascht über den Sturz des Regimes. Dies stellt meines Erachtens die Forschung eben vor die Frage, in wieweit der politische Islam von der jetzigen Situation wirklich profitieren kann. In Algerien nach der großen Revolte von 1988 gelang es dem Front islamique du salut (FIS) sich als Alternative zu profilieren, mit allen hinreichend bekannten tragischen Konsequenzen. Gerade mit Hinblick auf die Ereignisse im Algerien der neunziger Jahre erscheint es mir eher unwahrscheinlich, dass die Befürworter eines radikalen Bruchs zugunsten eines „islamischen“ Staates einen starken Rückhalt in der Bevölkerung genießen. Ich denke, dass Parteien wie die Muslimbrüder eher in einem konstitutionellen Rahmen agieren werden. Allgemein gesprochen möchte ich auch betonen, dass gerade heute die Frage nach Platz und Formen von Religion im individuellen und gesellschaftlichen Leben in keinerlei Weise eine Konsensfrage darstellt. Der nunmehr klassische, jedoch weiterhin virulente Konflikt zwischen Neosalafiten, Wahabiten und Anhängern der Sufibruderschaften ist nur ein Beispiel dafür, dass innerhalb des Blocks „Islam“ eine komplexe und scharfe Sinnbestimmungsdebatte geführt wird, in der die „Islamisten“ nur eine Gruppe unter anderen sind. Auch finden sich in den arabischen Ländern trotz allem starke laizistische und säkulare Strömungen, welche wohl kaum einen zur religiösen Autorität autoproklamierten Staat akzeptieren würden.

Auf die Frage wie sich die arabische Welt verändern wird, ist es sehr schwierig eine Antwort zu finden. Das große Problem wird sein, ob die gestürzten Regime wirklich durch eine demokratische Struktur ersetzt werden oder ob doch nur wieder eine neue Clique die Macht an sich reißen wird. Für Tunesien bin mich hier vorsichtig optimistisch. Was Länder wie Algerien und Marokko betrifft, bleibt nur die Hoffnung, dass die politische Führungsriege es ernst mit ihren Reformversprechungen meint. Die Demonstrationen der letzten Monate haben auf unmissverständliche Weise die lokalen Eliten mit den akuten Problemen ihrer Gesellschaften konfrontiert. Diese Probleme sind jedoch erst einmal nur gestellt, nicht gelöst.
 
 
Ismail Warscheid hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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