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Georgios Chatzoudis | 20.02.2020 | 403 Aufrufe | Interviews

"Antihelden kamen in Mode"

Interview mit Michael Striss über Inspektor Columbo als Popfigur des 20. Jahrhunderts

"Ach, was ich Sie noch fragen wollte." Wenn der sich schon abwendende Inspektor Columbo diesen Satz aussprach, sah man als Zuschauer in der Regel einen genervten Verdächtigen und wusste zugleich, jetzt wird es für den Mörder eng. Die 1968 erstmals ausgestrahlte TV-Figur Columbo, gespielt von Peter Falk, war alles andere als das, was seine vielen schneidigen Vorgänger, wie beispielsweise Philip Marlowe, ausmachte. Er entsprach vielmehr der Verkörperung des Antihelden, der nicht zufällig in einer Zeit erfunden wurde, in der im Westen traditionelle Rollenmuster allmählich aufbrachen. Aber nicht nur das erklärt die anhaltende Beliebtheit dieses etwas schusselig und ein wenig verlottert wirkenden Inspektors, dessen Dasein immerhin 35 Jahre (1968–1978 und 1989–2003) in insgesamt zehn Staffeln bzw. 69 Episoden anhielt - Wiederholungen nicht mit eingerechnet. Was dieses Faszinosum der Fernsehgeschichte ausmachte, haben wir den Pfarrer und Cineasten Michael Striss gefragt, der zuletzt ein umfassendes Buch über den Inspektor mit den vielen Fragen verfasst hat.

"Die Serie stellt in ihrer Originalität ein zeitloses Faszinosum dar"

L.I.S.A.: Herr Striss, Sie haben einen voluminösen Band zur TV-Figur Inspektor Columbo veröffentlicht. Auf gut 500 Seiten bieten Sie eine Analyse und Deutung dieser Kultfigur an – so der Untertitel des Buchs und damit Ihr eigener Anspruch. Bevor wir zu Einzelheiten kommen, was hat Sie dazu bewogen, sich mit Inspektor Columbo so intensiv zu beschäftigen? Was interessiert Sie an dieser Figur?

Striss: Warum Columbo? Warum kam Wim Wenders 1987 auf Columbo, als er für „Der Himmel über Berlin“ einen Charakter suchte, der einem möglichst großen Teil der Weltbevölkerung bekannt sein sollte? Warum läuft „Columbo“ als einzige Fernsehserie ihrer Altersklasse seit vielen Jahren ununterbrochen irgendwo auf einem deutschsprachigen TV-Sender? Antwort: Die Serie stellt in ihrer Originalität ein zeitloses Faszinosum dar. Ich wollte bereits vor über 20 Jahren wissen, warum das so ist. Dabei gab es viel zu entdecken; vor allem den Inspektor selbst, eine wahrhaft mystische Figur. 2007 erschien dann mein Buch, das aber bis jetzt einer Endfassung harrte, nachdem Peter Falk in der Zwischenzeit verstarb und klar wurde, dass es keine weiteren Folgen mehr geben würde. Der Büchner-Verlag, bei dem ich im Vorjahr „Gnade spricht Gott – Amen mein Colt“ publizierte, nahm mein Angebot gern an, nun eine aktualisierte und ergänzte Neuausgabe zu veröffentlichen.

"Kinder osteuropäischer oder italienischer Einwanderer – wie eben auch Columbo"

L.I.S.A.: Die erste Columbo-Folge wurde 1968 in den USA ausgestrahlt – einer Zeit, in der bestehende Verhältnisse, bestehende Rollenmuster, bestehende Autoritäten hinterfragt wurden. Inwiefern ist die US-amerikanische Serie, die mit einem Anti-Helden als Protagonisten reüssiert, der ein altersschwaches Auto fährt, einen ausgeleierten Mantel trägt und mit gekrümmtem Rücken auf seine Kontrahenten zugeht, ein Kind ihrer Zeit?

Striss: Die Nachkriegsjahre in den USA waren – nicht zuletzt beeinflusst durch die McCarthy-Ära – sowohl auf der Leinwand als auch im aufkommenden Fernsehen geprägt von einer „Law-and-order“-Mentalität, die klar zwischen gut und böse, Freund und Feind zu unterscheiden wusste. Gesetzeshüter waren Autoritätspersonen. In den USA kann man die Protagonisten solcher Serien wie „Chicago 1930 – Die Unbestechlichen“ oder „Hawaii 5-0“ dazu zählen. In Deutschland traf dies stark auf den „Kommissar“ (Erik Ode) und „Derrick“ (Horst Tappert) zu: Staatsbeamte mit dem Hang zum Übervater. Solche Charaktere waren ab 1968 nicht mehr gefragt. Antihelden kamen in Mode: ein Ex-Knacki mit Gehproblemen (Jim Rockford), ein stark Übergewichtiger (Frank Cannon), erblindete Ermittler oder solche im Rollstuhl. Oder Kinder osteuropäischer oder italienischer Einwanderer – wie eben auch Columbo.  

"Columbo irritiert und manipuliert durch Andeutungen"

L.I.S.A.: Eine besondere Bedeutung kommt bei der Serie dem Unbekannten bzw. dem nur Angedeuteten zu. Von Columbo kennt man weder seinen Vornamen, noch seine Wohnung, geschweige denn seine Frau. Welche Wünsche werden dadurch bei den Zuschauern angesprochen und nicht erfüllt? Und warum waren ausgerechnet diese ausgelassenen Details für den Erfolg der Serie wichtig?

Striss: Von anderen TV-Kriminalbeamten kennt man ebenfalls selten den Vornamen, die Wohnung oder die Ehefrau. Aber das interessiert auch keinen Menschen, da es für die Handlung völlig irrelevant ist. Bei Columbo ist dies vor allem deshalb anders, weil der Inspektor selbst das Interesse an diesen Dingen bei seinem Gegenüber weckt. Das ist das Besondere an dieser Serie: Ihr Protagonist irritiert und manipuliert durch Andeutungen nicht nur seine Gegner, sondern lenkt damit auch das Interesse der Zuschauer gezielt dorthin, wo es ihm gefällt.

"Ein anscheinend inkompetenter Kriminalist kommt da gerade recht"

L.I.S.A.: Columbos stärkste Waffe ist der Dialog bzw. seine besondere Gesprächsführung, die lange zwischen zerstreut und devot oszilliert, aber schlagartig scharf und unerbittlich wird. An welchen Vorbildern orientiert sich diese Art der Täuschung? Und welcher Typus Mensch wird über diese Methode desavouiert bzw. überführt? Anders gefragt: Welche menschlichen Eigenschaften, Stärken und Schwächen werden hier gegeneinander ausgespielt?

Striss: Gerade weil der Inspektor vom äußeren Anschein und Verhalten her kaum als Autoritätsperson durchgeht, braucht er andere Strategien als Dominanz und Einschüchterung. Er ist ein ausgezeichneter Psychologe und versteht seine Kontrahenten, die alle einer bestimmten Gesellschaftsschicht stammen und einem Grundmuster entsprechen: prominent, mächtig, durchaus intelligent, aber auch dementsprechend eitel, selbstgefällig und bestrebt, stets alle Fäden in der Hand zu behalten. Ein anscheinend inkompetenter Kriminalist kommt ihnen da gerade recht: Er vermittelt ihnen zunächst Sicherheit und scheint in seiner devoten Art leicht lenkbar und daher keine Gefahr darzustellen. Diese Fehleinschätzung wird ihnen zum Verhängnis.

"Mrs. Columbo ist tot!"

L.I.S.A.: Eine Frage hätten wir noch: Welche Episode ist Ihr persönlicher Favorit und warum?

Striss: Am Ende meines Buches stelle ich meine persönliche Favoritenliste zur Diskussion. Natürlich finden sich auf den vorderen Plätzen meist Folgen der „klassischen“ Ära der 70er Jahre. Trotzdem ist meine Lieblingsfolge „Ruhe sanft, Mrs. Columbo!“ von 1990. Formvollendet spielt die Episode von Peter S. Fischer, dem Autor mehrerer weiterer herausragender Folgen, mit den zum Kult gewordenen Motiven. Virtuos handhabt er vor allem den Mythos um Mrs. Columbo. Denn hier beginnt die Handlung nicht mit dem üblichen Mord, sondern mit etwas, das weitaus schockierender ist: Mrs. Columbo ist tot! Auf dem Friedhof sind Menschen versammelt, um sie zu Grabe zu tragen. In Rückblenden werden verschiedene der Anwesenden eingeführt, aus deren Sicht erzählt wird, wie es zu diesem tragischen Geschehen kam. Nun sieht man erstmals – so meint man – die Wohnung des Inspektors und sogar Fotos der Verblichenen. Alles nur Taschenspielertricks. Dem Zuschauer wird in der Schlussszene auch noch die letzte Illusion genommen, er hätte hier irgendetwas erhascht, dem er schon viele Jahre vergebens nachjagte. Grandios!    

Michael Striss hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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