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Lennart Pieper | 02.10.2018 | 1112 Aufrufe | Interviews

„Angesichts der Herausforderungen der Gegenwart braucht es den reflektierten Umgang mit historischer Erfahrung“

Interview mit Lars Deile über Theorie(n) in der Geschichtswissenschaft

Geschichte und Theorie – eine Beziehung, die nicht immer ganz einfach ist. Während die einen den vielfach zu beobachtenden Mangel jeglicher theoretischer Reflexion beklagen und solches Vorgehen als positivistische oder gar ‚antiquarische‘ Geschichtsschreibung schmähen, werden die anderen von hochgestochenem Theoriejargon abgeschreckt, hinter dem sich bei genauerer Betrachtung oftmals wenig Substanz verbirgt. Ist Geschichte genuin theoriebedürftig, um den Status einer Wissenschaft beanspruchen zu können? Und falls ja, wie lassen sich theoriebezogene Überlegungen in die konkrete Arbeit des historischen Forschens gewinnbringend integrieren? Welche Theorien bieten sich da überhaupt an? An der Universität Bielefeld wurde vor kurzem das „Zentrum für Theorien in der historischen Forschung“ ins Leben gerufen, um sich über solche und ähnliche Fragen zu verständigen. Wir haben uns mit dem Sprecher des Zentrums, Juniorprofessor Lars Deile, darüber unterhalten.

„Die theoretische Fundierung historischen Forschens bedenken“

L.I.S.A.: Lieber Herr Deile, was bewog Sie zur Gründung eines eigenen Theoriezentrums?

Jun.-Prof. Deile: Der Anstoß kam zunächst von außen. Wie wahrscheinlich die meisten wissenschaftlichen Einrichtungen wurde auch die Bielefelder Abteilung für Geschichtswissenschaft mit der Frage konfrontiert, was ihr besonderes Profil ausmache. Wir haben darüber gemeinsam nachgedacht. Das Spektrum in Forschung und Lehre ist auch in Bielefeld groß und heterogen, reicht von Begriffsgeschichte über Wirtschaftsgeschichte, historische Bildwissenschaft, die Untersuchung globaler Verflechtungen, der sozialen Gefüge mittelalterlicher Städte bis zur Geschichte des Tötens, der Langeweile, … Die Kolleginnen und Kollegen, deren Steckenpferde ich jetzt nicht genannt habe, werden mich schneiden. Nein, im Ernst: Bei all dieser wunderbaren Vielfalt merkten wir in Gesprächen, dass uns eine besondere Sensibilität und Ambitioniertheit für die theoretische Reflexion unserer Arbeit eint. Um diese Reflexion untereinander besser zu diskutieren und uns gleichzeitig mit Kollegen von außerhalb zu vernetzen, um die theoretische Fundierung historischen Forschens zu bedenken, dafür haben wir dann mit dem Zentrum einen institutionellen Rahmen geschaffen und das Rektorat hat uns dabei sehr unterstützt.

„Weltweit gibt es ein ausgesprochen reges Feld der Geschichtstheorie“

L.I.S.A.: Wie sehen die Strukturen aus und welche Aktivitäten verfolgt das Zentrum?

Jun.-Prof. Deile: "Basisdemokratisch wild“, nannte die Rechtsabteilung unsere Pläne. Das Theoriezentrum ist eine Forschungseinrichtung. Eine Mitgliederversammlung bestimmt über die Aktivitäten, ein Vorstand koordiniert die Arbeit. Wir haben dreimal im Semester ein Kolloquium, in dem wir uns entweder mit uns selbst über Themen wie Zeit, Praxeologie, Narrativität, Scale austauschen, Felder abstecken, Gemeinsamkeiten freilegen, Trennendes diskutieren, Klärung suchen. Oder wir laden Gäste ein und lassen uns vom Gespräch mit ihnen inspirieren. Das Diskursive steht dabei im Vordergrund. Außerdem finden jährlich bis zu drei Workshops statt, in denen kleinere Projekte von Mitgliedern des Zentrums verwirklicht werden. Und als große Einrichtung wird jährlich für zwei Monate eine Reinhart-Koselleck-Gastprofessur vergeben, die über den engeren Kreis des Zentrums hinaus und in die gesamte Universität hineinwirkt. 2018 wird François Hartog unser Gast sein. Für 2019 hat Ethan Kleinberg bereits zugesagt. Perspektivisch wollen wir vor allem die Zusammenarbeit mit anderen Zentren geschichtstheoretischer Reflexion stärken, dem International Network for Theory in History etwa, dem Kreis um die Zeitschrift History and Theory oder dem Center for Philosophical Studies in History in Finnland, um nur einige zu nennen. Denn obwohl Geschichtstheorie in Deutschland eher randständig ist, gibt es weltweit ein ausgesprochen reges Feld. 

„Eine Geschichtswissenschaft, die sich einmischt, aber eben reflexiv“

L.I.S.A.: Die Theoriebedürftigkeit der Geschichtswissenschaft ist ein Dauerthema in der Forschung. Schon vor zehn Jahren behaupteten die Herausgeber eines Sammelbandes, dass theoretische Reflexion in der historischen Arbeit inzwischen zur „Normalität“ geworden sei. Würden Sie dem zustimmen?

Jun.-Prof. Deile: Ich bin da nicht sicher, eher skeptisch, aber optimistisch. Es gibt immer noch eine Reihe von Kolleginnen und Kollegen, denen es reicht, ein Archiv zu durchforsten, die spannenden Quellen zu edieren und den Eindruck zu erwecken, sie könnten damit die Vergangenheit präsentieren. Professionelles Prestige wird einem mit einer solchen Haltung eher nicht zuteil. Deshalb muss man die Werkhallen solcher Geschichtsschreibung mindestens noch mit der schillernden Farbe eines gerade angesagten Paradigmas anstreichen. Dahinter verbirgt sich aber nicht selten eine recht konventionelle Art des Arbeitens, die eher stupide ausfällt, bisweilen wenig inspiriert und auch gesellschaftlich nicht mehr durchzudringen vermag. Sicher, ich bastle mir hier einen Pappkameraden, den ich dann leichter umwerfen kann, um zu sagen: und deshalb brauchen wir mehr Theorie. Die meisten meiner Kolleginnen und Kollegen sind sich dessen bewusst, dass die Geschichtswissenschaft theoriebedürftig ist. In der Praxis aber könnte man noch öfter sehen, dass stärker reflektiert wird, welche historischen Fragen gegenwärtig virulent sind, mit welchen Hintergründen sich Forschung diesen nähert, welche Methoden dabei Anwendung finden und auf welchen Wegen dann Geschichten präsentiert werden. Das bedingt eine Geschichtswissenschaft, die sich einmischt, die dabei hilft, die Welt zu verstehen und zu gestalten, aber eben reflexiv und nicht unhinterfragt. 

„Es geht darum, sich selbst immer wieder bei der eigenen Arbeit zu beobachten und zu befragen“

L.I.S.A.: Im Gegensatz zu Nachbardisziplinen wie der Soziologie oder Ethnologie gehen Historiker eher eklektizistisch vor, wenn sie mit Theorien arbeiten. Welche Vorteile bringen theoretische Anleihen für die praktische Arbeit mit Quellen? Und ist das, was unter Theorie firmiert, nicht oftmals einfach Methode?

Jun.-Prof. Deile: Auch darüber haben wir in Bielefeld schon lebhaft im Zentrum diskutiert. Und die Affinitäten gegenüber Theorie sind ausgesprochen unterschiedlich, auch hier. Für manche geht es schlicht um epistemologische Fragen, um Methoden zur Erkenntnisgewinnung. Da ist die Geschichtswissenschaft durchaus eklektizistisch, aber das muss man nicht zwingend negativ sehen. Hier hilft Theorie immerhin, sauber zu bleiben und trotzdem zu innovativen Einsichten zu gelangen. Daneben würde ich aber mindestens drei weitere Felder sehen, die alle unter dem Dach der Geschichtstheorie firmieren: Historiographiegeschichte, also die Historisierung der eigenen Forschungsdisziplin. Geschichtstheorie im engeren Sinne, also das forcierte Befragen und Reflektieren der Rolle des Historischen überhaupt, abgekoppelt vom Verfolgen historischer Spuren, eher die Art dieses Verfolgens betrachtend. Und Geschichtsphilosophie, die nach der Bedeutung gegenwärtiger Auseinandersetzung mit Vergangenheit fragt. Geschichtstheorie ist also ein weites Feld und es geht dabei vor allem darum, sich selbst immer wieder bei der eigenen Arbeit zu beobachten und zu befragen. Erst das erhebt die Geschichte in den Rang einer Wissenschaft, würde ich sagen.

„Ich bin ganz froh, dass diese Schießereien vorbei sind“

L.I.S.A.: Bielefeld besaß in der Zunft früher eine gewisse Vorreiterrolle, was Theorieübernahmen in die historische Forschung angeht. Insbesondere die Vertreter der historischen Sozialwissenschaft sahen sich zunehmend durch die in den 1980er Jahren aufkommende Kulturgeschichte herausgefordert, die auf ganz andere Theoriegrößen Bezug nahm. Ist der Streit zwischen Sozial- und Kulturgeschichte inzwischen endgültig ad acta gelegt – gilt in der konkreten Forschungsarbeit anything goes?

Jun.-Prof. Deile: Anything goes aber nicht anything counts in the same way, wenn wir schon bei den Slogans sind, den ideologischen Kampfbegriffen. An sich ist es eine Ironie der Geschichte, dass ich heute in Bielefeld bin. Vor 15 Jahren hätte ich mir alles vorstellen können, nur das nicht. Ich selbst bin wissenschaftlich als Kulturhistoriker sozialisiert. Wir haben Ende der 1990er Jahre in Jena, wo es bis heute eine der ganz wenigen so ausgewiesenen Professuren für Kulturgeschichte gibt, sehr viel über die Auswirkungen und Zusammenhänge eines cultural turns in der Geschichtswissenschaft gesprochen. Bielefeld war da immer das Andere, das Bornierte. Ich hab mich selbst daran abgearbeitet, der Sozialgeschichte Engstirnigkeit nachzuweisen. Das lag auch am kämpferischen Auftreten insbesondere Wehlers, der von einem agonalen Verhältnis sprach. Die Gegenseite hat eine verärgerte Ute Daniel mal als Westernszene beschrieben: Die Tür schwingt auf, der Held betritt den Saloon und raunzt in die Runde: „Diese Stadt ist zu klein für uns beide". Ich bin ganz froh, dass diese Schießereien vorbei sind, dass heute das weniger Bestimmte, das Dazwischen in der Sache auch wieder stärker verbindend wirkt. Und die Vielzahl der im patchwork entstehenden neuen Konstellationen ist wissenschaftlicher Innovation doch deutlich zuträglicher als die bedingungslose Verteidigung irgendwelcher Schulen. Welche Geschichte dann aber mehr überzeugt und inspiriert, das wird im Diskurs geklärt. Den könnte man sich vielleicht bisweilen etwas lebhafter wünschen. Aber Beliebigkeit, die sehe ich eher nicht und immer weniger. Denn angesichts der Herausforderungen der Gegenwart braucht es den reflektierten Umgang mit historischer Erfahrung und das begründete Entwerfen von Angeboten für das 21. Jahrhundert. Der bewusste Umgang mit Zeitlichkeit ist dabei von enormer Bedeutung. Und den schult insbesondere die Profession des Historischen.

„Dass wir uns nicht nur auf dem Gang begegnen, dafür soll auch das Theoriezentrum sorgen“

L.I.S.A.: Welche Rolle spielt Theorie für Ihre eigenen Forschungen zur Geschichtsdidaktik?

Jun.-Prof. Deile: Die Bielefelder Geschichtsdidaktik ist schon in ihrer Denomination theoretisch verankert, was deutschlandweit eher selten ist, hier aber gute Tradition hat. Insofern bin ich nicht so sehr im Zentrum meiner Disziplin, die im Moment sehr stark den Schulterschluss mit den empirisch arbeitenden Bildungswissenschaften sucht. Das hat der Geschichtsdidaktik insgesamt sehr viel an Professionalisierung gebracht. Neben der Beschreibung von Konstellationen historischen Lernens braucht es aber auch starke Bemühungen, die die Art geschichtsdidaktischen Fragens reflektiert und am Ende auch Schlüsse diskutiert, die sich aus den Ergebnissen empirischer Forschung ergeben könnten. Das ist auf objektivierende und quantifizierende Weise nicht zu lösen, sondern nur diskursiv. Didaktisches Fragen ist letzten Endes immer ein Reflektieren des Warums. Ein solches Vorgehen ist explizit theoretisch. Das Bielefelder Zentrum versucht, die dabei hilfreichen Strukturen zu unterstützen. Ich denke im Moment viel über historische Imagination, historische Erfahrung nach –  und habe in Bielefeld die BildwissenschaftlerInnen gleich nebenan. Dass wir uns nicht nur auf dem Gang begegnen, dafür soll auch das Bielefelder Theoriezentrum sorgen. Und dass wir uns dann mit ForscherInnen auch außerhalb Bielefelds vernetzen können, auch das ist ein Anliegen des Zentrums.

Prof. Dr. Lars Deile hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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