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Georgios Chatzoudis | 02.07.2015 | 1057 Aufrufe | 1 | Interviews

"Analogien zur Idee einer 'rassereinen' Volksgemeinschaft"

Interview mit Nele Maya Fahnenbruck über Pferdesport im Nationalsozialimus

Seit seiner Domestizierung im 3. Jahrtausend v. Chr. ist das Pferd mit der Symbolik von militärischer Macht verbunden. Auch heute noch erscheint das Pferd in der Öffentlichkeit oft in Verbindung mit Militär und Polizei - auch im Pferdesport. Die Historikerin Dr. Nele Maya Fahnenbruck von der Universität Hamburg hat zum Pferdesport im Nationalsozialismus geforscht. Sie hat sich dabei vor allem den Fragen gewidmet, welche Bedeutung Pferde für die Nationalsozialisten hatten. Welche Rolle spielte dabei der Rassediskurs? Wer waren die bestimmenden Akteure und was wurde nach 1945 aus ihnen?

"Uniformierte Männer gehörten zur Selbstverständlichkeit des Pferdesportes"

L.I.S.A.: Frau Dr. Fahnenbruck, Sie beschäftigen sich mit der Geschichte des Pferdesports und haben darüber zuletzt einen Aufsatz im Band „Die Spiele gehen weiter“ veröffentlicht, in dem es um Sportgeschichte geht. Bis heute ist der Pferdesport, insbesondere das Military Reiten und die Dressur, mit militärischer bzw. polizeilicher Symbolik verbunden. Woran liegt das?  

Dr. Fahnenbruck: Zunächst muss festgehalten werden, dass Renn- und Reitsport von jeher Domänen des Militärs waren: Die Kavallerie und die militärische Reitausbildung der Offiziere begründen also maßgeblich die militärische Symbolik im Pferdesport. 1816 wurde in Berlin die preußische „Militär-Reit-Anstalt“ gegründet. Die von ihr herausgegebene „Instruction zum Reit-Unterricht für die Königlich Preußische Kavallerie“ als Ausbildungsanweisung für die militärische Reitausbildung wirkte grundlegend auch für die nichtmilitärische Reitausbildung. Die uniformierten Körper im Militär waren im Kaiserreich Teil einer politischen Mobilisierungsstrategie. Uniform zu tragen wurde befohlen, entsprechend militärisch geprägt war die sich aus Elite, Militär, Adel und Großbürgertum zusammensetzende Gesellschaft bei Pferdesportveranstaltungen. Uniformierte Männer gehörten zur Selbstverständlichkeit des Pferdesportes – sie lieferten Idealbilder für Männlichkeit und Ordnung, visualisierten Patriotismus und Disziplin ebenso wie Macht, und repräsentierten gleichzeitig eine gewisse Normalität.

Ein weiterer Grund für die militärische Prägung im Pferdesport ist die Verwandtschaft zur Jagd als traditionell adliges Freizeitvergnügen, die eine Möglichkeit zur gesellschaftlichen Repräsentation und Kommunikation bot. Als Jagden und Jagdrennen – beides hat das heutige Military Reiten stark beeinflusst – in Deutschland in Mode kamen, waren es (ehemalige) Kavallerie-Offiziere, die sich für ihre Etablierung einsetzten und die dem Pferdesport seine militärische Gestalt verliehen. Jagen und im Gelände zu Reiten hatte in der militärischen Ausbildung einen sehr hohen Stellenwert eingenommen – auch deshalb, weil die Bedeutung des Einzelreiters im Heer infolge moderner Feuerwaffen gewachsen war.  

"Der Pferdesport als Elitensport"

L.I.S.A.: Wo liegen die historischen Wurzeln des Pferdesports in Deutschland? Wo kam er her und in welchen gesellschaftliche Milieus fand er ein zu Hause?  

Dr. Fahnenbruck: Die Geschichte des Pferdesports, vor allem deren Anfänge, ist Teil der Sozialgeschichte des Adels, der Eliten und des Bürgertums im Kaiserreich. Politische, soziale und wirtschaftliche Verflechtungen zu England waren der Grund für die Etablierung des englischen Sports in deutschen Großstädten Mitte des 19. Jahrhunderts. Unter der Regierung Kaiser Wilhelms II. wurden die Weichen für einen modernen Pferdesport als bürgerlich-exklusiver Sport gestellt, dessen anfängliche Entwicklung häufig analog zum Aufstieg des Bürgertums verlief und mit diesem (zumindest in den von mir untersuchten Regionen) personell eng verflochten war. Die politische wie gesellschaftliche Prägung der Netzwerke war sehr homogen, ihre Akteure waren häufig Kaufmänner, Bankiers, Juristen oder Reeder, gehörten in jedem Fall dem national-konservativen, großbürgerlichen Lager an und hatten deutliche antidemokratische und antimodernistische Grundzüge. Die Akteure waren in der Politik führend, hatten eine oder mehrere politische Positionen meist in den rechten/konservativen Parteien inne, bekleideten Führungspositionen in Aufsichtsräten, Clubs oder Vereinigungen. Auch Kaisertreue wie Kaiserverehrung sind typisch, erst recht nach Kriegsende. Die Pferdesportvereinsgründungen lassen sich außerdem als integraler Bestandteil der neuen Kultur des Reichtums lesen. Denn die finanziellen Mittel für diese wurden privat aufgebracht; und damit geht ein gewisses Mäzenatentum einher. Personelle Kontinuitäten, eine hohe Stabilität und Langlebigkeit der Pferdesportnetzwerke wirkten auf andere Schichten der städtischen Bevölkerung, denen finanzielle Mittel genau wie gesellschaftlicher Status fehlten, exkludierend. Daher kann man durchaus vom Pferdesport als Elitensport sprechen.

1936: Oppeln-Bronikowski, von: Rittmeister, Heer, Dressurreiter, Olympiateilnehmer 1936, Deutschland und Jensen, Peter: Rittmeister, Dänemark

"Das oberste nationalsozialistische Ziel in der Pferdezucht lautete ,Reinrassigkeit'“

L.I.S.A.: In Ihrem Aufsatz gehen Sie ausführlich auf die Zusammenhänge zwischen Pferdesport und Nationalsozialismus ein. Welche Rolle spielte dabei der Rassediskurs?  

Dr. Fahnenbruck: Eine ganz erhebliche! Das oberste nationalsozialistische Ziel in der Pferdezucht lautete „Reinrassigkeit“. Diese sah die „Reinheit des Blutes“ vor, die nicht nur bei den Pferden, sondern auch bei den Pferdezüchtern relevant sein sollte, so der führende Kopf in der nationalsozialistischen Pferdewelt, Gustav Rau, der bis heute als einer der bedeutendsten Hippologen gilt und vier politische Systeme überstand. Nur bei „unvermischten Bauerngeschlechtern“ herrsche, so Rau, ein „Sinn für die Reinheit des Blutes in der Pferdezucht“. Damit stimmte er in die programmatischen Rasseideen Richard Walther Darrés und Heinrich Himmlers ein. Ungeeignete oder kranke Tiere sollten ausgemerzt, das Blut sollte „reingehalten“ werden. Dieses stelle den ideologischen Boden für das Ziel der neuen nationalsozialistischen Gesellschaftsordnung, der Herstellung einer „rassereinen“ sogenannten Volksgemeinschaft dar, die durch die Ausgrenzung alles Fremden bestimmt wurde.

„Blutreinheit“ (oder „Reinzucht“) und eine Auserlesenheit durch Leistungsselektion galten nach Rau als Grundlagen für eine erfolgreiche Landespferdezucht. „Kreuzungen“ waren dagegen ausdrücklich unerwünscht, denn „Hochzucht setzt die vorhergegangene Reinzucht voraus und bedingt die von Generation zu Generation immer wieder getroffene Auslese innerhalb eines abgeschlossenen Blutstammes sowie die ausschließliche Weiterzüchtung mit dem ausgesuchten Material“. Rau, der übrigens auch die Pferdezucht im KZ Auschwitz betreute, ging in der Forderung um Optimierung der Pferdezuchten sogar so weit, dass er dafür Inzucht befürwortete, was er mit der Gleichmäßigkeit in der Rasse begründete – ein Pferd wie das andere, so das Ziel.

"Das Militärpferd sollte vor allem robust und kräftig sein"

L.I.S.A.: Welche Bedeutung maßen die Nationalsozialisten Pferden bei? War die Zeit der Pferde als militärischer Faktor nicht spätestens seit dem Ersten Weltkrieg vorbei?  

Dr. Fahnenbruck: Die Zahlen sprechen für sich: Der durchschnittliche Bestand des Feldheeres im Ersten Weltkrieg umfasste 1.236.000 Pferde, von denen etwa 850.000, Schätzungen zufolge sogar eine Million Pferde verendeten. Diese Zahl betrifft nicht nur die Pferde der Kavallerie, sondern schließt auch die der Divisionskavallerieregimenter, der leichten und schweren Artillerie und fahrende Truppen ein. Im Zweiten Weltkrieg hat die deutsche Wehrmacht insgesamt 2.750.000 Pferde gebraucht, also mehr als doppelt so viele wie im Ersten Weltkrieg. Zwischen 60 und 63 Prozent sind im Krieg verendet, die durchschnittliche Lebenserwartung der Pferde lag bei nur vier Jahren. Allein im ersten Kriegsjahr wurden als Ersatz für ausgefallene Pferde bereits jeden Monat 6.000 Pferde benötigt! Dieser Fakt erscheint anachronistisch, wenn man sich die nationalsozialistische Auffassung von waffentechnischer Überlegenheit vor Augen führt. Sogenannte Wunderwaffen wie die V1 oder V2, Geschütze, Panzer und Infanteriewaffen wiesen nicht nur in der Rezeption, sondern tatsächlich auf eine vergleichsweise moderne Waffentechnik hin, die aber ein großes Manko hatte: Ohne Pferde konnten diese „Wunderwaffen“ gar nicht erst eingesetzt werden.  

Wie wichtig also die dauerhafte Bereitstellung von einsatzbereiten Pferden im Zweiten Weltkrieg war – nahezu alles wurde von ihnen gezogen und getragen – lässt sich auch in den vielen Neugründungen von Zuchthöfen und Remonteställen in den besetzten Gebieten und dem permanenten Streben nach Optimierung der Züchtung des „perfekten“ und „reinrassigen“ Militärpferdes bis zuletzt erkennen. Das Militärpferd sollte vor allem robust und kräftig sein, „energisch“ und lange Wegstrecken durchhalten können. Darin erkennt man zugleich die vielen Analogien zur SS-Ideologie und der Idee einer „rassereinen“ sogenannten NS-Volksgemeinschaft, wie in der vorhergehenden Frage bereits erläutert. 

"Im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher blieben die Reiter verschont"

L.I.S.A.: Wie sahen die Kontinuitäten im Pferdesport nach 1945 konkret aus? Welche sozialen Netzwerke bestanden fort? Über welche sozialen Kanäle wurde das „pferdesportliche Erbe“ weitergetragen?  

Dr. Fahnenbruck: Personelle Kontinuitäten sind ausschlaggebend für die Dauerhaftigkeit und Langlebigkeit der Netzwerke im Pferdesport. Pferdesportgröße Gustav Rau ist ein prominentes Beispiel dafür: Er war sowohl mit den Olympischen Reiterspielen 1928 in Amsterdam, 1936 in Berlin, den nicht durchgeführten Spielen 1940 in Tokio genau wie mit denen in Helsinki 1952 betraut. Der äußerst anpassungsfähige Rau war in vier politischen Systemen federführender Akteur des deutschen und internationalen Pferdesports. Nach ihm sind mehrere Straßen und Preise benannt, bis heute genießt er ein unantastbares und immenses gesellschaftliches Ansehen, auch außerhalb von Reiterkreisen.

SA-Männer Fritz Thiedemann und Josef Neckermann sind weitere Exempel für Beharrlichkeit, Geschäftstüchtigkeit und bruchlose Übergänge in die Nachkriegszeit, die, ähnlich wie Gustav Rau, bis heute ein sensationelles Renommee genießen, die ihre Namen Plätzen und Straßen leihen und die auf eine ansehnliche Karriere blicken können. Ob Kaufhauspionier, Geschäftsmann, Stiftungsgründer oder Olympionike: Einen Verlust des gesellschaftlichen Ansehens hatte keiner von ihnen zu fürchten; nicht zuletzt da die geforderte Entnazifizierung in der Praxis äußerst dürftig verlief und in der Regel zu dem Einheitsergebnis „Mitläufer“ oder „Entlastet“ führte. Überdies hatten sich die Besatzungsbehörden kein ausreichendes Detailwissen über die reiterlichen Organisationen im Nationalsozialismus verschafft, sodass Akteure des Pferdesports keinerlei Angaben über eine Zugehörigkeit zum Nationalsozialistischen Reiterkorps (NSRK) oder zur Reiter-SS machen mussten.

Auch im Prozess gegen die Hauptkriegsverbrecher in Nürnberg blieben die Reiter verschont und wurden nicht berücksichtigt, wohingegen die SS, dessen integraler Bestandteil die Reiter-SS war, zur verbrecherischen Organisation erklärt wurde. Der Militärgerichtshof hat sie als reiterliche und turniersportliche Gruppierung von Beginn an aus dem Verfahren ausgeschlossen; auch aufgrund entlastender Zeugenaussagen ehemaliger Angehöriger der Reiter-SS, die diese als reine Sportorganisation und als personell nicht identisch mit den Reiterstürmen der SS erklärten. Dadurch blieben Reiter weitestgehend von drastischen gesellschaftlichen oder beruflichen Einschränkungen verschont und die personelle Zusammensetzung in den Reitvereinen stabil. Sogar Kriegsverbrecher wurden rasch nach 1945 wieder Mitglieder, wie etwa der Bremer Agrarmogul Kurt Becher.

Das „pferdesportliche Erbe“ lässt sich aber auch tatsächlich familiär benennen, da die Weitergabe der Mitgliedschaften innerhalb von Familien z.B. durch ihre Vererbung, bis heute Tradition in elitären, gesellschaftlich exklusiven Vereinen hat. Verflechtungen mit der Politik trugen ebenso zur Aufrechterhaltung und Stabilität der Netzwerke bei. Nicht selten machten ehemalige SS-Reitergrößen im Nachkriegsdeutschland politische Karrieren, wie Alfred Richter. Als Mitglied der DP-/CDU-Fraktion gehörte er zunächst dem niedersächsischen Landtag an, später war er Stadtratsmitglied, zeitweilig auch der Vorsitzende des Landesverbandes der Deutschen Partei Oldenburg.  

Dieser Ausschnitt zeigt im Kleinen die konstante, bruchlose und Transformationsprozesse vermissende Entwicklung im Pferdesport. Von einem Epochenbruch kann hier weder 1933 noch 1945 gesprochen werden.

Dr. Nele Maya Fahnenbruck hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Kommentar

von Stefanie Reinhold | 11.09.2015 | 15:41 Uhr
Leider ist der, ansonsten interessante, Artikel von Halbwahrheiten gespickt. Hier ein paar Beispiele.
1) "Rassereinheit" bei den Nazis als ideologisches Ziel der Pferdezucht: "Ungeeignete oder kranke Tiere sollten ausgemerzt, das Blut sollte „reingehalten“ werden. ....Auserlesenheit durch Leistungsselektion." Das hat nichts mit Nazis zu tun, sondern ist heute noch genauso und das ist gut so. Zuchtziele waren und bleiben Gesundheit und Leistungsfähigkeit. Die Zuchtbetriebe damals, traditionsreiche Zuchtbetriebe, die lange vor der Nazizeit bestanden, ließen aktiv auch z. B. Arabisches Zuchtblut mit einfließen. Von "Rassereinheit" zu sprechen ist einfach falsch.
2) "Military" hieß die Vielseitigkeit nur bis zum Jahr 2000. Die Länge des Geländeritts, z. B., ist heute mit unter 10km nicht mit dem ursprünglichen Ritt von 55km zu vergleichen. Da fehlen doch die Nuancen im Artikel.
3) Die Nazis bedienten sich einer bereits bestehenden Eliteschule der hohen Reiterei, die Kavallerieschule Hannover. Die Nazis waren "Trittbrettfahrer" und hatten selbst hier nicht viel beizutragen. Berittene Offiziere wurden einfach in neue Uniformen gesteckt. Wenn ein Reiter damals weiterhin reiten wollte und nicht seine gesamte Karriere aufgeben wollte, musste er diese neue Uniform anziehen.
4) "Das Militärpferd sollte vor allem robust und kräftig sein, „energisch“ und lange Wegstrecken durchhalten können. Darin erkennt man zugleich die vielen Analogien zur SS-Ideologie..." Hmmm... Das Zuchtziel machte für eine neue Kriegsführung mit Pferd Sinn. Das Pferd wurde nicht länger für Nahkampfsituationen gebraucht (siehe französische oder spanische Schule).
FAZIT: So politisch inkorrekt und unangenehm das auch sein mag, wir haben auch dieser Zeit in der Militärgeschichte Deutschlands einiges zu verdanken: Ein Reitsystem, dass heute weltweit als führend angesehen wird; Pferde, die als legendär gelten; mehrere olympische Goldmedaillen und Spitzenleistungen; eine Richtlinie für das Reiten (inkl. Skala der Ausbildung), die international heute noch gilt; usw...

Ich hatte mich ursprünglich für das Buch interessiert, frage mich jedoch nun, ob der Rest des Buches genauso verallgemeinernd und flach gehalten ist.

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