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Georgios Chatzoudis | 09.11.2013 | 1707 Aufrufe | Interviews

@9Nov38 - Gedenken an die Novemberpogrome via Twitter

Interview mit Moritz Hoffmann über ein besonderes Twitter-Projekt

"@9Nov38 - Heute vor 75 Jahren" - so heißt das aktuelle Twitterprojekt von fünf jungen Historikerinnen und Historikern (@CJahnz, @patabarelli, @MschFr, @pamphleteer_, @moritz_hoffmann), die über den Kurznachrichtendienst an  Ereignisse und Verlauf der Reichspogromnacht von 1938 in NS-Deutschland erinnern. Dabei stützen sie ich auf historisches Quellenmaterial, das überprüft, ausgewertet, bearbeitet und anschließend an derzeit mehr als 4.000 Follower gepostet wird.

Wir haben Moritz Hoffmann, der für das Projekt verantwortlich ist, drei Fragen gestellt.

"Historische Wissen anschaulich vermitteln"

L.I.S.A.: Herr Hoffmann, Sie haben eine neue Initiative zum Gedenken an die Reichspogromnacht ins Leben gerufen – via Twitter. Können Sie uns kurz die Idee dahinter erläutern? Und wie funktioniert das?

Hoffmann: Am Anfang stand das Projekt des MDR im letzten Jahr, der sprachlich etwas leichter unter @9Nov89live über den Tag des Mauerfalls berichtete - allerdings weniger mit historisch-wissenschaftlichem Anspruch. Wir, also fünf junge, teils angehende Historiker mit eigenem Twitter-Account, wollten diesen Ansatz erweitern und versuchen, das historische Wissen anschaulich zu vermitteln, ohne dabei die wissenschaftliche Korrektheit zu vernachlässigen. Also haben wir nur die Inhalte für unsere Tweets verwendet, die wir mit Quellen und Forschungsliteratur belegen können. Alle diese Tweets werden nach Projektabschluss in einer kleinen Datenbank mit "Fußnoten" versehen veröffentlicht. Wenn wir das Gefühl haben, dass an irgendeiner Stelle mehr Kontext oder Hintergrundinformationen nötig sind, die nicht in 140 Zeichen passen, veröffentlichen wir zusätzlich einen Text oder eine Quelle auf unserer Homepage unter www.9nov38.de

Zoom

Webseite zum 9. November 1938

"Natürlich gibt es auch kritische Stimmen"

L.I.S.A.: Welches Feedback haben Sie bisher bekommen?

Hoffmann: Das Feedback ist bislang außerordentlich positiv. Wir haben vor Projektbeginn kühn von 500 Followern geträumt, mittlerweile sind es über 4000. Medienreaktionen hatten wir überhaupt nicht eingeplant, sonst hätten wir eine Pressemitteilung vorformuliert. Natürlich gibt es auch kritische Stimmen, insbesondere über die Form und die Frage, ob ein solches Thema in jede "Timeline" passt, diese nehmen wir gerne auf und werden sie bei der internen Evaluation im Dezember berücksichtigen. Die unvermeidlichen Internetkommentare, die mit dem Unwort vom "Schuldkult" hantieren, versuchen wir möglichst zu ignorieren.

L.I.S.A.: Wieso haben Sie für Ihr Projekt auf Twitter zurückgegriffen? Eignet sich ein Dienst dafür, der einem nur 140 Zeichen erlaubt? Kann man dann in 140 Zeichen einem so großen Anliegen, wie dem Gedenken an die Reichspogromnacht, überhaupt gerecht werden?

Hoffmann: Diese Frage zu beantworten ist Teil des Experimentes, das dieses Projekt für uns ist. Wir sind und waren uns da selbst nicht sicher, ob wir diese Problematik rein sprachlich lösen können. Ich persönlich glaube, dass es uns bisher gut gelungen ist. Und, 140 Zeichen hin oder her, alleine am gestrigen Donnerstag haben wir es geschafft, dass fast 1.000 Menschen freiwillig eine Quelle zu Presseanweisungen des NS-Propagandaministeriums angeklickt und sich so informiert haben. Das ist, meiner Meinung nach, schon ein Wert für sich.

Moritz Hoffmann hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

Das Projekt aus der Sicht der L.I.S.A.Redaktion

Das Internetradio detektor.fm hat kurz nach unserem Interview die Redaktionsleitung von L.I.S.A. um eine Einschätzung nicht nur dieses Projekts, sondern der Nutzung von Twitter für historische Ereignisse insgesamt gebeten.

Das Interview "Geschichte in Echtzeit twittern. Hat das überhaupt einen Mehrwert?" zum Nachhören.

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