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Dr. Birte Ruhardt | 05/12/2015 | 2210 Views | Interviews

"150.000 griechische Hochschulabsolventen ins Ausland"

Interview mit Alexander Roggenkamp über Studienbedingungen in Griechenland

Die Auswirkungen der Haushalts- und Staatsschuldenkrise Griechenlands sind überall im Land zu spüren: die Arbeitslosenquote steigt, die medizinische Versorgung ist nicht mehr gesichert, Existenzängste bestimmen den Alltag. Auch die griechischen Hochschulen leiden massiv unter der Krise, so dass teilweise sogar Gelder für eine elementare Grundversorgung fehlen. Wir haben Alexander Roggenkamp, Leiter des DAAD-Informationszentrums in Athen, dazu befragt, wie stark die griechischen Universitäten von der Krise betroffen sind und inwiefern sich das Verhältnis zwischen Deutschland und Griechenland geändert hat.

Das DAAD-Team in Athen: Nikolaos Dimitropoulos, Apostolia Goudousaki und Alexander Roggenkamp (v.l.n.r.)

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"Die Rahmenbedingungen für erfolgreiches Lehren und Forschen sind schlecht"

L.I.S.A.: Herr Roggenkamp, Sie leiten in Athen das DAAD-Informationszentrum und haben dadurch gute Sicht auf die aktuelle Situation an den griechischen Universitäten. Wie stark sind die Hochschulen von der Krise betroffen? Wo werden die Auswirkungen besonders sichtbar? Verliert die griechische Wissenschaft den Anschluss?

Roggenkamp: Die Hochschulen leiden massiv unter der Krise. Durch Budgetkürzungen können die laufenden Kosten für den Betrieb der Hochschule nur eingeschränkt beglichen werden: Telefonrechnungen bleiben unbezahlt, im Winter sind viele Hörsäle kalt, weil Geld für das Heizöl fehlt, Putzdienste kommen weniger häufig, und für das Toilettenpapier müssen sie in der Regel selber sorgen. Darüber hinaus gilt ein Einstellungsstopp bei gleichzeitiger Reduzierung des Gehalts, was mehr Arbeit bei geringerer Bezahlung bedeutet. Aus diesem Grund zieht es manchen Universitätsprofessor ins Ausland, wo er ein Vielfaches verdienen kann. Die Rahmenbedingungen für erfolgreiches Lehren und Forschen sind also denkbar schlecht, trotzdem kann nicht davon die Rede sein, dass die griechische Wissenschaft komplett den Anschluss verloren hat. Dafür sind die Wissenschaftler zu gut vernetzt und die Studierenden zu mobil.

"Einen kostenlosen Griechisch-Kurs an der Universität besuchen"

L.I.S.A.: In Ihrer Institution organisieren Sie vor allem den Austausch von Studierenden und Akademikern zwischen Griechenland und Deutschland. Die Beziehungen zwischen beiden Ländern waren schon einmal besser. Bekommen Sie das beim DAAD auch zu spüren?

Roggenkamp: Der akademische Austausch zwischen beiden Ländern hat Tradition und steht auf einem starken Fundament, das sich nicht so schnell erschüttern lässt. Daher spüren wir in unserer Arbeit wenig bis gar nichts von den aktuellen Spannungen in den deutsch-griechischen Beziehungen. Im Gegenteil, wir erfahren viel Wertschätzung und Interesse von griechischer Seite und merken auch, dass sich die deutschen Universitäten überwiegend sehr zufrieden über griechische Studierende äußern, z.B. im Rahmen unserer jährlichen Hochschulmesse in Griechenland.

L.I.S.A.: Wenn sich aus Deutschland jemand bemüht, an einer griechischen Universität einige Zeit zu studieren, worauf muss sich der- oder diejenige einstellen? Und: Welche Voraussetzungen sollte man mitbringen?      

Roggenkamp: Griechischkenntnisse sind natürlich von Vorteil, wenn man hier studieren möchte. Die meisten ausländischen Studierenden kommen jedoch im Rahmen des Erasmus-Programms nach Griechenland. Für diese Studierenden gibt es in der Regel die Möglichkeit, einen kostenlosen Griechisch-Kurs an der Universität zu besuchen. Außerdem werden speziell für Austauschstudenten auch Vorlesungen und Seminare auf Englisch angeboten. Man sollte sich aber im Vorfeld darüber genau informieren. Einige griechische Universitäten bieten auch englischsprachige Masterstudiengänge an, z.B. die Universität Athen und die Wirtschaftsuniversität Athen. Die International Hellenic University mit Sitz in Thessaloniki wiederum bietet ausschließlich englischsprachige Masterstudiengänge an.

"Massiver Anstieg an Bewerbungen um ein DAAD-Stipendium"

L.I.S.A.: Umgekehrt: Wie groß ist unter griechischen Studierenden und Akademikern das Interesse an Deutschland? Gibt es so etwas wie einen Exodus infolge der Krise?  

Roggenkamp: Das Interesse an Deutschland ist durch die Krise sicherlich gestiegen, was sich auch in der Zahl der griechischen Studierenden in Deutschland widerspiegelt, die seit 2010 stetig steigt (2010: 2.215; 2014: 3.204, Quelle: Wissenschaft weltoffen). Wir merken das auch an dem massiven Anstieg an Bewerbungen um ein DAAD-Stipendium. So konnten wir beispielsweise bei den Masterstipendien einen Zuwachs von knapp 200 Prozent in den letzten vier Jahren verzeichnen. Professor Lambrianidis von der Mazedonischen Universität in Thessaloniki hat verschiedene Studien zu dem Thema „Mobilität“ verfasst und schätzt, dass in den vergangenen Krisenjahren rund 150.000 griechische Hochschulabsolventen ins Ausland gegangen seien. Das ist natürlich gravierend und spürbar. Schließlich braucht Griechenland gut ausgebildete junge Leute, um innovationsfähig zu bleiben.

L.I.S.A.: Wo sehen Sie zurzeit die wesentlichste Aufgabe des DAAD in Griechenland? Sehen Sie sich institutionell als Vermittler zwischen zwei unterschiedlichen Kulturen? Und welche Bedeutung kommt dabei Ihrer Biografie zu?      

Roggenkamp: Der DAAD sieht sich generell als Mittler und Förderer der akademischen Zusammenarbeit und ist gleichzeitig auch ein Akteur der ausländischen Kultur- und Wissenschaftspolitik. In Griechenland konzentrieren wir uns vor allem auf die Intensivierung der Zusammenarbeit zwischen deutschen und griechischen Hochschulen. Dafür wurden drei Programme beim DAAD eingerichtet:

  1. Das Programm „Hochschulpartnerschaften mit Griechenland“ läuft seit 2013 (bis 2016) und fördert aktuell elf gemeinsame Projekte. Die Kooperationsformen reichen von stark anwendungsorientierten Projekten (z.B. Brückenbau angesichts von Naturkatastrophen), über gemeinsame Forschungsvorhaben (z.B. Polymerforschung), die Einrichtung gemeinsamer Graduiertenschulen bis hin zum Aufbau von gemeinsamen Studiengängen mit Doppelabschluss. Einige Partnerschaften greifen explizit Themen von aktueller gesellschaftspolitischer Relevanz auf.
  2. Das Programm „Hochschuldialog mit Südeuropa“ stellt Mittel zur Verfügung, um gemeinsame Sommerakademien, Veranstaltungen und Konferenzen anzuregen und zu finanzieren. Neben Griechenland betrifft dies auch die weiteren südeuropäischen „Krisenländer“ Portugal, Spanien, Italien und Zypern.
  3. Der „Deutsch-Griechische Zukunftsfonds“ wiederum widmet sich der wissenschaftlichen Beschäftigung mit den bilateralen Beziehungen beider Länder seit der griechischen Unabhängigkeit bis heute. Dabei bilden Maßnahmen in Forschung und Lehre zur deutschen Besatzung während des Zweiten Weltkriegs einen besonderen Schwerpunkt.

Neben der Intensivierung der Zusammenarbeit haben alle Programme zum Ziel, die griechischen Hochschulen, ihre Professoren und Studierenden bei der Verwirklichung ihrer Forschungsvorhaben vor Ort zu unterstützen. Die Tatsache, dass Veranstaltungen auch in Griechenland durchgeführt werden, ist angesichts der starken Kürzungen im Hochschulbereich besonders wichtig. Vielen Universitäten fehlt schlichtweg das Geld, um Konferenzen zu organisieren oder Reisekosten für die Teilnahme an internationalen Tagungen zu erstatten. Außerdem legen wir viel Wert auf den Kontakt zu unseren Alumni, die wichtige Multiplikatoren für unsere Arbeit sind. Regelmäßig organisieren ehemalige Stipendiaten oder wir fachliche Alumnikonferenzen zu verschiedensten Themen.

Was mich persönlich betrifft, so bin ich als Sohn einer zypriotischen Mutter und einem deutschen Vater schon früh mit beiden Kulturen vertraut gewesen – etwas, was mir sicherlich bei meiner täglichen Arbeit hilft. Trotzdem ergeben sich immer wieder spannende interkulturelle Perspektiven auf die beiden Länder, die für mich den besonderen Reiz meiner Tätigkeit ausmachen.    

Alexander Roggenkamp hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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