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Georgios Chatzoudis | 16.12.2014 | 1458 Aufrufe | Interviews

The Age of Removal - Die Ausweisung der Indianer

Interview mit Claudia Haake über den Indian Removal Act von 1830

Am 28. Mai 1830 unterzeichnete US-Präsident Andrew Jackson den Indian Removal Act, den der Senat eine Monat zuvor beschlossen hatte. Das Gesetz sah vor, die innerhalb der Bundesstaaten lebenden Indianerstämme umzusiedeln bzw. auszuweisen. Sie sollten ihr Land gegen Gebiete westlich des Mississippi tauschen. Die Historikerin Dr. Claudia Haake, die derzeit Forschungsstipendiatin der Gerda Henkel Stiftung in Harvard ist, untersucht, wie die betroffenen Native Americans auf diese Politik der US-Administration reagiert haben.

Ein mit Perlen geschmückter Brief aus dem Jahr 1848.

"Briefe, die Indianer an die US-Regierung schrieben"

L.I.S.A.: Frau Dr. Haake, Sie forschen zu den sogenannten Native Americans. Worum geht es genau in Ihrem Projekt?  

Dr. Haake: In ‘Our rights are dear to us’: Native American political representations in the age of removal, 1830-1887 (‚An unseren Rechten liegt uns viel‘: Indigene politische Repräsentationen in der Removal Ära) analysiere ich Briefe, die Indianer, im Englischen als Native American bezeichnet, an die US-Regierung schrieben, als diese sie unter dem Indian Removal Act von 1830 umzusiedeln suchte. Speziell schaue ich mir die Briefe der Cherokee, Seneca und Sioux an, denn im Gegensatz zu der stereotypen Darstellung, die Native Americans seien gewaltsam gegen die Versuche sie umzusiedeln vorgegangen, haben diese Stämme oft andere Lösungen gesucht.

Dabei untersuche ich nicht nur, was diese für Argumente in den Briefen benutzten, sondern auch, warum und wie. Ein gutes Beispiel ist wahrscheinlich, wie diese Stämme über ihre Rechte geredet haben. In der Regel wussten die Autoren der Briefe sehr genau Bescheid über ihre Rechte im Rahmen der US-Gesetze, beriefen sich in ihrer Korrespondenz aber auch auf ihre eigenen traditionellen Gesetze. Damit wollten sie, denke ich, der US-Regierung klarmachen, dass sie auch diese Gesetze respektieren sollte. Und das war wohl gar nicht so unrealistisch, wie das von heute betrachtet vielleicht klingt. Rechtshistoriker haben gezeigt, dass erst zwischen den 1820er und 40er Jahren ‚Settler Colonies‘ wie die USA und Australien sich die Rechtsprechung über indigene Gruppen innerhalb ihrer Grenzen angeeignet haben. Neben dem Diskurs über Rechte schaue ich mir auch Argumente über erreichte Zivilisationsgrade und indigene Traditionen und Gebräuche an. Da ist beispielsweise zu sehen, dass bei den Seneca Briefe oft wie wampum, Muschelgürtel, behandelt wurden, die bis ins 18. Jahrhundert hinein in der Diplomatie dort sehr wichtig gewesen waren.

Wampumgürtel von 1682

"Oral history spielt in meinem Projekt keine Rolle"

L.I.S.A.: Sie bezeichnen Ihren Forschungszeitraum als Age of Removal? Wenn man in Deutschland „Age of Removal“ googelt, erhält man Anti-Aging-Produkte und Tipps. Ist der Begriff in den USA auch anders etabliert? Und was meint er in Ihrem Projekt?

Dr. Haake: Auf die Idee den Begriff auf Deutsch zu googeln, bin ich nie gekommen. Aber ‘Age of Removal’ als gewissermaßen zeitlos zu bezeichnen ist eine sehr interessante Idee. In den USA und im Kontext der Gesetzgebung für Indianer bezieht sich der Begriff ‘removal’ auf die Zeit zwischen 1830 und 1887, als die US-Regierung durch dieses Gesetz, den Indian Removal Act, die Indianer vom Osten des Mississippi Flusses auf seine westliche Seite umsiedeln wollte. Dieser Zeitraum setzt den Rahmen für mein Projekt.  

L.I.S.A.: Auf welche Quellen berufen Sie sich in Ihrer Arbeit? Welche Rolle spielt dabei Oral History?

Dr. Haake: Ich benutze nur und ausschließlich Briefe, die von Indianern selber in dieser Zeit an die US-Regierung geschrieben wurden. Das hat verschiedene Gründe. Rein pragmatisch bildet es einen Rahmen für ein großes Projekt, das sonst recht schnell ausufern könnte, den ich muss quasi Expertin für mehrere Bereiche sein, von denen jeder einzelne genug Stoff für ein Buch abgeben würde. Weit wichtiger ist aber, dass ich damit das Projekt gewissermaßen moralisch rechtfertigen kann. Traditional Knowledge, also traditionelles Wissen, ist ein komplizierter Bereich, wenn man zu indigenen Gesellschaften forscht. Aber ich weiß bei diesen Briefen, dass sie von Anfang an für eine ‘weiße’ Leserschaft bestimmt waren und es somit extrem unwahrscheinlich ist, dass ich da etwas preisgeben würde, was eigentlich auf den Stamm beschränktes Wissen bleiben sollte. Zur oral history bekomme ich immer wieder Fragen, schon gerade weil sie in meinem Projekt gar keine Rolle spielt.

Selbstverständlich gibt es heute niemanden mehr, der sich selbst an das 19. Jahrhundert erinnern kann. Insofern könnte man über die oral history-Methode nur erforschen, was Stammesmitglieder heute noch über diese Zeit wissen, was überliefert wurde und wie. Das ist dann aber eher eine Erforschung der oral tradition als oral history. Forschungen zur Methode der oral history haben ergeben, dass man durch Interviews in der Gegenwart wenig konkretes Wissen über solch zeitlich weit entfernte Zeiträume erwerben kann. Das haben auch Wissenschaftler indianischer Abstammung, wie beispielsweise R. David Edmunds, bestätigt und diese Methode für solche Projekte kritisiert. Das ist bestenfalls extrem missverstandene political correctness. Und andere indianische Wissenschaftler, Lisa Brooks und Christopher Teuton beispielsweise, sind noch kritischer und haben darüber hinaus bemängelt, dass der heute häufig vorherrschende Fokus auf oral history für Projekte zu indigenen Gesellschaften manchmal von einer Art Arroganz stammt, welches den Indianern quasi das Recht und die Fähigkeit zu schreiben aberkennt.

"Den Cherokee wird vorgeworfen, nicht mehr indianisch genug zu sein"

L.I.S.A.: Welche Resonanz erfahren Sie unter Native Americans zu Ihrem Projekt?

Dr. Haake: In der Regel ist die Resonanz der betroffenen Stämme sehr positiv. Ich habe in der Vergangenheit häufig Materialien gefunden, die die Stämme selber nicht kannten und konnte diese dann mit ihnen teilen. Inzwischen sind viele Stämme recht gut informiert, freuen sich aber trotzdem, wenn Forscher neue Erkenntnisse bekommen. Einiges ist eben doch verlorengegangen im Lauf der Zeit. Und da ich selber keine Amerikanerin bin sondern eben eine Außenstehende wird mir oft eher zugetraut, objektiv zu sein.  

L.I.S.A.: Sind Ergebnisse Ihrer Arbeit von gesellschaftspolitischer Bedeutung, verstanden als Impact, um Forderungen der Native Americans Gehör zu verschaffen?  

Dr. Haake: Das ist möglich, aber ich forsche natürlich nicht mit konkreten Forderungen im Hinterkopf, denn dieses Projekt ist ja ein wissenschaftliches und darf sich nicht von solchem Überlegungen leiten lassen, wenn es nicht befangen sein soll.

Es ist aber schon so, dass ich nach bisherigem Stand meiner Forschungen mit Hilfe dieser Korrespondenz feststellen konnte, dass viele Indianer anzweifelten, dass ‚removal‘ sie zivilisierter machen würde, wie die Regierung gerne behauptete. Und da hatten sie durchaus Recht. Außerdem brachten viele Stammesmitglieder gute Argumente an, warum sie zuhause schneller zivilisiert werden konnten bzw. wie weit sie dort schon gekommen waren. Sie wiesen auch auf die Stämme hin, die schon umgesiedelt worden waren, und merkten dort an, dass in keinem der bekannten Fälle ein solcher Zivilisationsschub kam; sie zeugten eher vom Gegenteil. Die US-Regierung hat solche fundierten Argumente ignoriert, was darauf hinweist, dass das Gesetz nicht wirklich Indianer ‘zivilisieren’ wollte sondern hauptsächlich deren Ländereien im Auge hatte.

Heutzutage wird Indianern dahingegen interessanterweise oft vorgeworfen, sie seien nicht mehr authentisch, quasi zu zivilisiert. Solche Kritik weist häufig auf die Removalpolitik hin und speziell den Cherokee wird dann vorgeworfen, nicht mehr indianisch genug zu sein, denn schon damals gaben sie sich als sehr zivilisiert aus. Der Stamm war quasi das Vorzeigeobjekt weißer Reformer, die das auch sagten, um eben dem Stamm gegen die drohende Umsiedlung zu helfen. Und da kann ich mit Hilfe der Briefe aufzeigen, dass Teile der Cherokee zwar sehr zivilisiert waren, dass aber sogar in den sehr konventionellen Briefen von Chief John Ross und anderen trotzdem Beweise zu finden sind, die belegen, dass die Cherokee weiterhin an gewissen ihrer Traditionen festhielten, auch wenn sie das schon aus strategischen Gründen oft leugneten.

"Viele Zeitgenossen hinterfragten kaum die wirklichen Absichten der Regierung"

L.I.S.A.: Was ist in diesem Zusammenhang unter ‚zivilisiert‘ zu verstehen? Was meinte die US-Administration damit und wie ist der Begriff im Rahmen Ihrer Arbeit zu kontextualisieren?

Dr. Haake: Das ist wieder eine sehr gute Frage! Und dieses Thema ist wirklich kritisch für meine Forschung. Für die meisten Zeitgenossen bedeutete ‚zivilisiert‘ wahrscheinlich in etwa ‚so Amerikanisch wie möglich‘, und damit war ‚weiße‘ Kleidung gemeint, ‚weiße Lebensweise‘, wie beispielsweise Ackerbau, von Männern betrieben, Religion, Schulbildung, etc. Das Konzept, auf dem diese Anschauung basierte, kam aus der Aufklärung, in der die Idee von ‚Fortschritt‘ sehr wichtig war. Insofern war es auch sehr bekannt und viele Zeitgenossen glaubten daran und hinterfragten kaum die wirklichen Absichten der Regierung und anderer einflussreicher Männer hinter dem Removal Act.

Vielen dieser Menschen (wenn auch nicht alle!) war wahrscheinlich eher an der Räumung von Ländereien zum Zweck der Besiedelung durch (weiße) US-Bürger gelegen als an der Zivilisierung der Indianer, die bis dahin diese Ländereien hielten. Aber die Idee, daß alle Gesellschaften eine Wandlung von einer nomadischen Existenz über Viehzucht und Ackerbau bis hin zu einer kommerziellen Phase durchlaufen würden, war im 19. Jahrhundert so komplett akzeptiert, dass sogar die Gegner der Umsiedelung durch ‚Removal‘ die Richtigkeit dieser Idee kaum jemals anzweifelten.

Insofern war es eine taktisch kluge Entscheidung der Regierung zu sagen, dass durch eine Umsiedelung in den Westen den Indianern mehr Zeit gegeben würde, um zivilisiert zu werden. Interessanterweise wurde dieser Begriff im Removal Act selber nicht näher definiert. Kritiker europäischer und indianischer Abstammung zweifelten aber vom ersten Augenblick an, dass man durch eine Umsiedelung quasi in den ‚Wilden Westen‘ indigene Gesellschaften wirklich zivilisieren würde können. Und damit hatten sie dann ja auch Recht. Aber die Dominanz dieses Diskurses zum Fortschritt erklärt auch, warum so viele Briefe sich auf den Zivilisationsgrad der Stämme beriefen und immer wieder damit argumentierten, wo die Indianer nach Meinung der Autoren am besten weiter in dieser Richtung fortschreiten könnten.

Dr. Claudia Haake hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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