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Lennart Pieper | 06.11.2018 | 589 Aufrufe | Interviews

"Radikale Brüche mit Geschichte und Gesellschaft"

Interview mit Benjamin Schulte über die Veteranenverbände des Ersten Weltkriegs

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg. Anders als in den meisten anderen europäischen Ländern bedeutete dies für Deutschland allerdings keine vollständige Rückkehr zum zivilen Leben. Die Erfahrung des Krieges, politische Verwerfungen und der von einem Großteil der Bevölkerung gehegte Wunsch nach einer Revision der „Schmach von Versailles“ prägten die Weimarer Gesellschaft. Zudem hatte der Krieg viele teils seelisch oder körperlich versehrte Kriegsheimkehrer produziert, die Zuflucht in zahlreichen Veteranenverbänden fanden. Diese dienten nicht nur als Sammelbecken, sondern machten es sich zunehmend zur Aufgabe, Politik und Gesellschaft der jungen Republik nach ihren Vorstellungen zu beeinflussen. Mit dem größten dieser Verbände, dem 1900 gegründeten Kyffhäuserbund, befasst sich der Historiker Benjamin Schulte von der Universität zu Köln in seinem Promotionsprojekt. Wir haben ihm dazu unsere Fragen gestellt.

„Verbände auch nach 1918 in der Öffentlichkeit der Republik präsent“

L.I.S.A.: Herr Schulte, Sie befassen sich in ihrem Promotionsprojekt mit den Kriegserfahrungen der Heimkehrer aus dem Ersten Weltkrieg und ihrer Rolle in der Weimarer Republik. Wie kamen Sie zum Thema Kriegsveteranen?

Schulte: Im Rahmen meiner Masterarbeit habe ich mich bereits thematisch mit der Ruhrkrise von 1923 beschäftigt, einem Konflikt, der viele Narrative, Mentalitäten, Wahrnehmungen und Sichtweisen des Ersten Weltkrieges wieder aufleben ließ. Ich habe diese Thematik unter dem Aspekt der kulturellen Demobilisierung diskutiert und bin der Frage nachgegangen, inwiefern kulturelle Aspekte des Ersten Weltkriegs auf der sprachlichen und bildlichen Ebene das Kriegsende überdauerten und die Mentalität der Weimarer Nachkriegsgesellschaft nach wie vor prägten. In diesem Kontext bin ich auf Zusammenschlüsse ehemaliger Weltkriegssoldaten – zuerst die Freikorps und Zeitfreiwilligenverbände – gestoßen, die auch nach 1918 in der Öffentlichkeit der Republik präsent waren. Erstaunlich war für mich hier der Befund, dass der größten Organisationsform ehemaliger Weltkriegssoldaten in der Weimarer Republik, dem Kyffhäuserbund, bis dato kaum Aufmerksamkeit geschenkt worden war.

„Kriegserfahrung ist ein intersubjektives Konstrukt“

L.I.S.A.: Sie gehen vor allem diskursgeschichtlich vor. Was sind die Vor- und Nachteile dieser Methode? Welche Quellen haben Sie dazu ausgewertet?

Schulte: Meine methodische Vorgehensweise verbindet diskurstheoretische mit erfahrungsgeschichtlichen Ansätzen. Zuerst geht es mir darum klarzustellen, dass das, was als Kriegserfahrung verhandelt wird, ein intersubjektives Konstrukt darstellt, das auf individuelle Kriegserlebnisse rekurriert. Die Veteranenorganisationen der 1920er Jahre boten den heimkehrenden Soldaten eine Plattform, auf der sie ihre individuellen Erlebnisse kommunizieren, teilen und darüber hinaus fremde Erlebnisse adaptieren konnten. Am Ende eines solchen Sinnstiftungsprozesses standen vielfach intersubjektive Kriegserfahrungen als Konglomerat geronnener individueller Erlebnisse. Diese Kriegserfahrungen rankten sich thematisch um verschiedene Sachverhalte des vergangenen Weltkrieges und bildeten die thematische Füllung für verschiedene Diskurshüllen der 1920er Jahre, die kontinuierlich ein öffentliches Bild des Weltkriegsveteranen konturierten. Wichtig ist in diesem Kontext die Ebene der Wechselseitigkeit: Die Weltkriegsveteranen formten diese Erfahrungsdiskurse genau so, wie sie selbst dessen Themen übernahmen – den Veteranenverbänden kam in diesem Konstruktionsprozess eine Art Scharnierfunktion zu.

Bis 1914 war der Begriff Veteran eher weniger geläufig und beschrieb zumeist nur einen administrativen Status von ehemaligen Soldaten, die durch ihre Dienstzeit einen staatlichen Pensionsanspruch geltend machen konnten. Dieser recht eindimensionalen Auffassung wurden nach 1918 weitere Komponenten hinzugefügt. Veteran zu sein bedeutete von nun an, einem gewissen Anspruch zu genügen und bestimmte Eigenschaften zu erfüllen, beispielsweise wenn der Kyffhäuserbund die Darstellungsweise von Weltkriegssoldaten in Literatur und Film kritisierte. Die Erfahrungsdiskurse manifestierten sich vor allem in der Art und Weise, wie über den Weltkrieg und seine Teilnehmer gesprochen wurde. Der Kyffhäuserbund trug hierzu durch ein eigenes Verlagswesen mit zahlreichen Publikationsorganen bei, die er zeit seines Bestehens unterhielt und die ich im Rahmen meines Projektes erstmals systematisch ausgewertet habe.

„Die Weltkriegsveteranen wähnten sich in einer Vorreiterrolle“

L.I.S.A.: In der Weimarer Republik sei der Weltkriegsveteran in bestimmten Situationen zum gesellschaftlichen Leitbild erhoben worden, so lautet eine ihrer Thesen. Können Sie das näher erläutern?

Schulte: Die neuen republikanischen Verantwortungsträger standen nach 1918 vor der Herausforderung, nicht nur ein neues Staatssystem etablieren, sondern zudem auch noch mit den Folgen eines verlorenen Weltkrieges umgehen zu müssen, den mittlerweile abgesetzte Machteliten begonnen hatten. In dieser Hinsicht waren die 1920er Jahre eine gesellschaftliche Ausnahmesituation, in der sich viele Neuerungen Bahn brachen, vieles unklar war und blieb, viele Probleme provisorisch gelöst werden mussten und Konzepte für eine positive Zukunftsgestaltung kursierten. Die Weltkriegsveteranen wähnten sich hier in einer Vorreiterrolle, da sie bereits vier Jahre der Ausnahmesituation an den Fronten in Europa hinter sich hatten. Von diesen Erfahrungen und Kompetenzen, mit schwierigen Situationen umzugehen, sollte in einem weiteren Schritt die gesamte deutsche Gesellschaft profitieren.

Ein solches Selbstbild lässt sich an der Art nachvollziehen, wie der Verband und seine Mitglieder auf die Ereignisse der Revolution von 1918/19 reagierten. Abgesehen davon, dass die demobilisierten Soldaten ohnehin ein enormes militärisches Potential darstellten, erachteten es viele Heimkehrer als ihre selbstverständliche soldatische Pflicht, auch über den aktiven Waffendienst hinaus die Heimat vor realen oder eingebildeten Bedrohungen zu schützen – in dieser Situation betätigte sich der Kyffhäuserbund also als Republikschützer. Gegen Ende der 1920er Jahre ist wiederum zu beobachten, dass der Verband das republikanische System zunehmend als defizitär betrachtete. Anstatt sich aber mit anderen paramilitärischen Verbänden, wie etwa der SA, offene Straßenschlachten zu liefern, versuchte der Kyffhäuserbund neue Gesellschaftsmodelle zu entwerfen, indem er Kameradschafts- und Volksgemeinschaftsaspekte aus der Kriegszeit aufgriff und auf die aktuelle Situation übertrug.

„Zu Beginn der 1930er Jahre konnten sich die radikalen Kräfte durchsetzen“

L.I.S.A.: Mit der Frage, weshalb es der deutschen Gesellschaft nach 1918 nicht gelang, zur Ruhe zur kommen und den eingeschlagenen Weg der Demokratisierung weiterzuverfolgen, beschäftigt sich die Forschung seit langem. Welche Rolle spielte Ihrer Ansicht nach der enorme Einfluss der Kriegerverbände dabei?

Schulte: Insgesamt würde ich mich immer dafür aussprechen, hier zwischen verschiedenen Phasen der Republik zu differenzieren und die Republik möglichst aus sich heraus zu betrachten. Wie bereits angesprochen, mussten die neuen Entscheidungsträger nach 1918 einen radikalen geschichtlichen Bruch überstehen und zudem Lösungsansätze für neue gesellschaftliche Probleme finden. Abgesehen hiervon bildeten die ehemaligen Weltkriegssoldaten eine große Einflussgruppe, die versuchte, ihre Gesellschaftsvorstellungen durchzusetzen. Hierbei muss betont werden, dass es durchaus verschiedene Lager gab: Das Spektrum reichte – wie bei den politischen Parteien – von erklärten Unterstützern der Republik bis zu jenen, die kontinuierlich an ihrem Untergang arbeiteten. Alle Gruppierungen vertraten dezidierte Zukunftskonzepte und artikulierten ständig Ideen, wie die Gegenwart gestaltet werden konnte. Dieser Prozess war letztlich ergebnisoffen, wenngleich sich zu Beginn der 1930er Jahre diejenigen Kräfte durchsetzen konnten, die einen radikalen Bruch mit der republikanischen Demokratie befürworteten.

„Grenzüberschreitung vom Nicht-Sagbaren zum Sagbaren“

L.I.S.A.: Angesichts der gegenwärtig zu erlebenden Erosion der Volksparteien und der Verschärfung des Tons in den politischen Debatten werden hier und da Weimar-Vergleiche laut. Sind sie aus Sicht des Neuzeithistorikers zulässig oder verkennen sie die Unterschiede?

Schulte: Die gegenwärtigen Debatten sind aus diskurstheoretischer Sicht besonders interessant, da sich hier eine Grenzüberschreitung vom Nicht-Sagbaren zum Sagbaren abzeichnet. Durch die jüngsten Äußerungen und durch das Erstarken rechtspopulistischer Bewegungen zeichnet sich ein Wandel in der Sprache ab, der von einer neuen Radikalität zeugt. Interessant zu beobachten ist hierbei die Aneignung eines Vokabulars durch die politische Mitte, das man vorher eher dem politisch rechten Rand zugeschrieben hätte – wie etwa das Wort ‚Asyltourismus‘, um nur ein Beispiel unter vielen zu nennen. Die Aufgabe für Historikerinnen und Historiker kommender Generationen wird es sein, eben jene Grenzüberschreitung genauer zu analysieren und der Frage nachzugehen, inwiefern diese die politische Debatte zu manchen Themenbereichen an sich verändert hat.

Der Weimar-Vergleich ist in diesem Zusammenhang naheliegend, jedoch würde ich dafür plädieren, bei solchen Vergleichen zuvor ganz genau auf den historischen Kontext zu schauen. Gemeinsamkeiten lassen sich definitiv darin erkennen, wie die gegenwärtige Diskursverschiebung politische Debatten verändert. Hieraus ergibt sich meines Erachtens primär die Notwendigkeit, einer sprachlichen Verrohung entgegenzuwirken, anstatt dieser verbalen Abwärtsspirale weiterhin von allen Seiten nachzugeben; mancherorts war ja bereits von einer sprachlichen Abrüstung die Rede. Dies wäre im Übrigen eine Leistung, die in der Zwischenkriegszeit nur bedingt gelang – in meinem Forschungsprojekt subsumiere ich dieses Phänomen unter dem analytischen Begriff der ‚kulturellen Demobilisierung‘, was gleichbedeutend ist mit einem Abbau vorgeprägter stereotyper Mentalitäten und Einstellungen. Letztlich sollte aus alldem jedoch nicht automatisch und zwingend eine Bedrohung der demokratischen Prinzipien der Bundesrepublik abgeleitet werden. Denn ein wesentlicher Unterschied besteht in den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, den vielen zeitlich gebundenen Details und historischen Singularitäten, die 2018 ganz klar von 1918 und den darauffolgenden Jahren trennen.

Benjamin Schulte hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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