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Georgios Chatzoudis | 13.04.2017 | 339 Aufrufe | Beiträge

"Personelle und ideologische Kontinuitäten"

Interview mit Helena Gand zur Kooperation zwischen Turnerschaft und Nationalsozialisten

Die Deutsche Turnerschaft organisierte bereits seit 1860 im Fünfjahresrhythmus das Deutsche Turnfest. Jenseits der vordergründigen sportlichen Funktion als Veranstaltung von Turnern und für Turner, waren diese Feste vor allem nationalpolitisch aufgeladen. Sie standen für nationale Einheit und Freiheit, Gemeinschaftssinn und körperlicher Wehrertüchtigung. Insofern lag es für die Nationalsozialisten ideologisch nah, noch lange vor der Machtergreifung 1933 die Nähe zur Deutschen Turnerschaft zu suchen. Die Historikerin und Sozial- und Kulturathropololgin Helena Gand vom Stadtmuseum Stuttgart hat die Turnerschaft untersucht und dabei vor allem das erste Turnfest unter nationalsozialistischer Herrschaft in den Blick genommen. Ihre Ergebnisse hat sie im Sammelband "Sport und Nationalsozialismus" veröffentlicht. Wir haben ihr dazu unsere Fragen gestellt.

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"Deutsche Turnerschaft ordnete sich 1933 freiwillig und geschlossen unter"

L.I.S.A.: Frau Gand, Sie haben im Band „Sport und Nationalsozialismus“, herausgegeben von Prof. Dr. Frank Becker und Dr. Ralf Schäfer, eine Spezialstudie über das Deutsche Turnfest von 1933 publiziert. Bevor wir zu Einzelheiten kommen, was ist die leitende Fragestellung bzw. die zentrale These Ihrer Studie?

Gand: Mein Anliegen war es, das Deutsche Turnfest von 1933, das in der Forschung meist als das erste „nationalsozialistische Massensportereignis“ beschrieben wird, neu zu beleuchten und zu hinterfragen, inwiefern es innerhalb kürzester Zeit zu dieser Entwicklung kommen konnte. Das Deutsche Turnfest war seit seinen Anfängen 1860 ein Symbol der nationalen Bewegung, und damit ein eminent politisch ausgerichtetes Volksfest. Doch lagen der national-konservativen Deutschen Turnerschaft parteipolitische Bestrebungen bis zum vorherigen Turnfest 1928 in Köln – zumindest offiziell – fern. Ich wollte untersuchen, wie es zu der Kooperation der Deutschen Turnerschaft mit der neuen politischen Führung kommen konnte, der sie sich 1933 freiwillig und geschlossen unterordnete und worin sich die nationalsozialistische Prägung des Turnfests zeigte.

"Turnerschaft war seit Ende der 1920er Jahre von Nationalsozialisten unterwandert"

L.I.S.A.: Im Mittelpunkt Ihrer Untersuchung steht die Organisation „Deutsche Turnerschaft“, die damals schon auf eine lange eigene Geschichte zurückblicken konnte. Sie stellen fest, dass die Deutsche Turnerschaft sich im Zuge der nationalsozialistischen Machtübernahme sehr schnell ihrer demokratischen Strukturen entledigte und sich den NS-Anforderungen als eine der ersten Organisationen anpasste. Woran lag das? War die Deutsche Turnerschaft ideologisch besonders empfänglich für den Nationalsozialismus?

Gand: Der nahezu geräuschlose Übergang von nationalliberaler zur nationalsozialistischen Turnerschaft lag vor allem in den personellen und ideologischen Kontinuitäten begründet. Als sich der Hauptausschuss der Deutschen Turnerschaft im April 1933 in Stuttgart der nationalsozialistischen Führung anbot und den Ausschluss seiner jüdischen und marxistischen Mitglieder anordnete, saß nicht mehr der langjährige Vorsitzende und Demokrat Alexander Dominicus, sondern mit Edmund Neuendorff ein bekennender Nationalsozialist an der Spitze der Deutschen Turnerschaft. Neuendorff hatte sich schon als Jugendwart der Deutschen Turnerschaft einen Namen innerhalb des Verbands gemacht und war entschieden für antisemitische und völkische Tendenzen eingetreten. Personen wie er zeigen an, dass die Turnerschaft spätestens seit Ende der 1920er Jahre von Nationalsozialisten unterwandert war bzw. nationalsozialistische Tendenzen in der Gesinnung der Mitglieder auszumachen waren.

Darüber hinaus standen die Werte und Ziele der Deutschen Turnerschaft dem nationalsozialistischen Gedankengut in vielerlei Hinsicht schon vor dem 30. Januar 1933 nahe. Beispielsweise ließen sich ideologische Gemeinsamkeiten zwischen turnerischer und nationalsozialistischer Bewertung hinsichtlich der Jugend feststellen. Die Einbeziehung der Jugend ging auf eine lange Wertschätzung innerhalb der Deutschen Turnerschaft zurück. Schon in der Gefolgschaft des „Turnvaters“ Friedrich Ludwig Jahn waren es junge Männer, die durch das Turnen die feudale Ordnung überwinden und einen Nationalstaat errichten wollten. Der Glaube an die Kraft der Jugend zur Erneuerung der Turnbewegung war in der Rhetorik der Turnerschaft stets präsent, was sicherlich nicht zuletzt daran lag, dass die Jugend einen Großteil ihrer Mitglieder stellte. Auch die Nationalsozialisten räumten der Jugend in ihrer Programmatik einen besonderen Stellenwert ein. Die NSDAP konstruierte um die Jugend einen regelrechten Mythos, sie verstand sich als „Partei der Jugend“ und nutzte sie zu Propagandazwecken als Garant für die „Erneuerung der Nation“. Derartige ideologische Gemeinsamkeiten hatten bedeutenden Anteil an der bereitwilligen Kooperation zwischen Turnerschaft und Nationalsozialisten.

"Gezielte Inanspruchnahme des Turnfests durch die Regierung"

L.I.S.A.: Welche Bedeutung hatte das Bekenntnis der Deutschen Turnerschaft für den NS-Staat? Welche Rolle spielte dabei das Deutsche Turnfest 1933 in Stuttgart?

Gand: Die Deutsche Turnerschaft schloss sich als erste Organisation aus dem Sportbereich der NS-Führung freiwillig an und gab dafür ihre demokratischen Grundlagen auf. Damit bekannte sich der damals größte Verband des Deutschen Reichs innerhalb der Turn- und Sportbewegung frühzeitig zur neuen Führung, als diese ihre Herrschaft noch nicht vollständig konsolidiert hatte. Das bereitwillige Bekenntnis der Deutschen Turnerschaft zum NS-Staat bildete eine Grundlage zur Inkorporation des Freizeitbereichs in das politische System. Sport wurde im Nationalsozialismus für die Stabilisierung des Machtgefüges, zur politischen Erziehung und generell zu Propagandazwecken – wie 1936 bei den Olympischen Spielen in Berlin spätestens offensichtlich wird – instrumentalisiert. Das Turnfest 1933 bildete in gewisser Hinsicht den Auftakt für diese Entwicklung, auch wenn es von der Deutschen Turnerschaft noch eigenständig organisiert wurde.

Als eines der ersten Großereignisse im Nationalsozialismus überhaupt bot das Turnfest 1933 in einer vermeintlich unpolitischen Sphäre die ideale Plattform zur Selbstdarstellung, in der sich die Nationalsozialisten einer breiten Öffentlichkeit zeigen konnten. Die Präsenz des neuen Regimes war über die Turnfesttage durchgängig spürbar, neben zahlreichen Gästen der kommunalen, Staats- und Reichsbehörden, der SA und der SS, traten Goebbels und Hitler am Ende der Feierlichkeiten schließlich persönlich auf. Der anfänglichen Zurückhaltung der politischen Führung gegenüber den zahlreichen Einladungen zu den Feierlichkeiten durch Neuendorff wich damit eine gezielte Inanspruchnahme des Turnfests durch die Regierung. Erstmals auf einem Deutschen Turnfest sprach ein Reichskanzler zum Publikum. Das Turnfest bot der NS-Führung eine national wie international bedeutsame Bühne in einem freizeitorientieren Bereich. Es schuf eine neue Sichtbarkeit, die die Nationalsozialisten für sich beanspruchten, um ihre Machtposition zu zementieren. Das Turnfest glich damit einem performativen Akt zur nationalsozialistischen Durchdringung von Staat und Gesellschaft. Gleichzeitig wurde das Turnfest zu einem augenscheinlichen Symbol für die sich wandelnde politische Gesinnung der Bevölkerung.

"Ein Übergang zum nationalsozialistischen Medienereignis"

L.I.S.A.: Was machte das Turnfest zum nationalsozialistischen Massen- und Medienereignis?

Gand: Neben der Präsenz von Politikern auf dem Fest und ihren propagandistisch genutzten Reden, der Einbindung nationalsozialistischer Organisationen in den Ablauf des Turnfestes und explizit parteipolitisch inszenierten Programmpunkten, zeigte sich vor allem im Symbolwandel des Turnfests 1933 ein Übergang zum nationalsozialistischen Medienereignis. Seit 1860 waren die Symbole auf einem Turnfest unangefochten das Turnerkreuz, bestehend aus den vier Anfangsbuchstaben der Turner-Losung „frisch – fromm – fröhlich – frei“, die schwarz rot-goldene Flagge sowie das rote Zeichen der Turnerschaft auf weißem Grund. Zum Turnfest 1933 setzte jedoch ein langsamer Symbolwandel ein, der nun auch das Hakenkreuz etablierte. An öffentlichen und privaten Gebäuden, am Festgelände sowie in der Presse wurde das Parteisymbol im Fahnenmeer eines Turnfestes erstmals präsent. In Zeitungsannoncen wurden Parteimitglieder mehrfach dazu aufgefordert, ihre Parteiflagge zu hissen. Begleitet wurde diese optische Präsenz des Nationalsozialismus von der gleichgeschalteten Turnfest-Presse. Die erstmalige Einrichtung eines Hauptberichts, der jegliche Informationen zum Turnfest listete, brachte die Presse auf Linie, sodass sich deckungsgleiche und vor allem ausschließlich unkritische Artikel in verschiedenen Presseorganen finden lassen. Die Bemühungen um die Presse seitens der Festleitung und der Stadtführung bestätigen die Annahme, dass es sich um einen gelenkten Diskurs und eine bewusste Beeinflussung der Presse handelte, die der nationalsozialistischen Rhetorik Vorschub leistete.

"Kontinuitäten nach 1945 hinsichtlich der Geschichtsauffassung"

L.I.S.A.: Inwiefern veränderte sich die Turnbewegung während des Nationalsozialismus? Was wurde aus der Deutschen Turnerschaft? Gibt es Kontinuitäten, die über 1945 hinausreichen?

Gand: Der erwünschte Effekt der Turnerschaftsführung, die dritte staatstragende Säule neben SS und Stahlhelm im NS-Staat zu werden, blieb aus. 1936 wurde die Auflösung der Deutschen Turnerschaft bekannt gegeben, nachdem sie schon seit zwei Jahren im Zuge der Neuordnung des Turn- und Sportwesens als Fachamt in der Bedeutungslosigkeit verharrte. Bei der damaligen Gründung von 15 Fachverbänden für die Turn- und Sportbewegung erlitt die Deutsche Turnerschaft einen nicht mehr einzuholenden Bedeutungsverlust, der ihre Kompetenz auf wenige Disziplinen des Turnens begrenzte und sie zu einem Fachverband neben 14 weiteren degradierte. Mit der Ernennung des Reichssportführers Hans von Tschammer und Osten im Juli 1933, der in Personalunion nun auch den Vorsitz der Deutschen Turnerschaft übernahm, verlor die Deutsche Turnerschaft schließlich vollständig ihre Autonomie. Tschammer setzte sich zunehmend für die nationalsozialistische Zentralisierung des Sportwesens ein, an deren Ende mit dem „Deutschen Reichsausschuss für Leibesübungen“ (DRL) ein Einheitsverband stand, der gänzlich im Sinne des Nationalsozialismus agieren sollte. Am Turntag 1936 in Berlin beschloss die Turnerschaft schließlich ihre Selbstauflösung. Per Führererlass wurde der DRL 1938 in den „Nationalsozialistischen Reichsbund für Leibesübungen“ umgewandelt, womit die endgültige Umgestaltung zur NS-Organisation und der Verlust der letzten demokratischen Prinzipien einherging.

Kontinuitäten nach 1945 lassen sich z. B. hinsichtlich der Geschichtsauffassung feststellen. So wurde die Deutsche Turnerschaft lange Zeit mehrheitlich in der Opferrolle präsentiert, die von außen gleich­geschaltet und wenn überhaupt, von einzelnen nationalsozialistischen Führungspersönlichkeiten gelenkt wurde. Dass die Turnerschaft ihren eigenen Anteil an der nationalsozialistischen Machtentwicklung hatte, indem sie langjährige Mitglieder aus ihren Reihen ausschlossen, sich freiwillig ihrer demokratischen Strukturen entledigte und ohne nennenswerten aktiven oder passiven Widerstand dem NS-Regime Folge leistete, wurde lange Zeit verschwiegen. Doch ist dieser Sichtweise inzwischen ein kritisches und verantwortendes Geschichtsbewusstsein des Deutschen Turner-Bunds gewichen, der als Nachfolgeverband nach dem Zweiten Weltkrieg gegründet wurde.

Helena Gand hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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