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Judith Wonke | 09/03/2019 | 484 Views | Interviews

"Nur mit Einschränkungen gleichberechtigt"

Interview mit Ute Planert und Studierenden der UzK zur Kölner Frauenbewegung

Welche Rolle spielten Kölnerinnen für Universität, Stadt und Weimarer Republik? In einem Forschungsprojekt unter Leitung der Historikerin Prof. Dr. Ute Planert gingen Studierende diesen Fragen nach: Wie wirkten sich Erster Weltkrieg und das Frauenwahlrecht, das 1919 eingeführt wurde, auf das Selbstverständnis der Kölner Frauen aus? War die Kölner Frauenbewegung Vorreiter oder Nachzügler? Und wie sah die Gleichberechtigung in der Praxis aus? Im Interview haben wir mit Ute Planert, Mareike Hollmann, Lisa Szemkus, Janine Zeising und Lukas Doil von der Universität zu Köln über diese und weitere Fragen gesprochen. 

Prof. Dr. Ute Planert (Mitte) und Studierende des Forschungsprojektes bei der Buchpräsentation von "Alberts Töchter" an der Universität zu Köln.

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"Mittendrin die Studentinnen an der neuen Kölner Universität"

L.I.S.A.: Prof. Planert, Sie sind die Herausgeberin der Publikation „Alberts Töchter. Kölner Frauen zwischen Stadt, Universität und Republik (1914-1933)“. Warum Frauengeschichte? Welche Überlegungen gingen dem Band voraus?

Prof. Dr. Ute Planert: Köln feiert 2019 das 100-jährige Jubiläum seiner neuen Universität – die alte, deren Anfänge auf die Klosterschule des mittelalterlichen Gelehrten Albertus Magnus zurückgehen, war am Ende des 18. Jahrhunderts geschlossen worden. Bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts erkämpften sich Frauen schrittweise den Zugang zur höheren Bildung, und so waren an der neuen Universität von Anfang an auch Studentinnen eingeschrieben. 1919 war aber nicht nur das Jahr der Kölner Universitätsgründung, sondern auch das Jahr, in dem Frauen erstmals wählen durften und die neue Weimarer Republik die „grundsätzliche Gleichberechtigung“ der Geschlechter in die Verfassung schrieb. Und schließlich war 1919 das Jahr, in dem der Erste Weltkrieg gerade vorbei war und sich die Probleme der Nachkriegszeit umso deutlicher zeigten. Nachkriegsnot, die neue Republik, das Frauenwahlrecht - und mittendrin die Studentinnen an der neuen Kölner Universität. Köln war gewissermaßen ein Labor der Moderne, in der neue Rechte und alte Gewohnheiten vor dem Hintergrund politischer Umbrüche und sozialer Verwerfungen aufeinanderprallten. Diese einzigartige Situation hat mich interessiert, deswegen habe ich ein Forschungsprojekt mit Studierenden dazu angestoßen. Wir wollten wissen, welche neuen Handlungsmöglichkeiten sich für Frauen eröffneten, mit welchen Hindernissen sie zu kämpfen hatten, wie die Gesellschaft reagierte und ob sich die Vorstellungen von dem, was sich für Männer und Frauen schickte, erweiterten. Der Blick ist zwar auf die Situation der Frauen gerichtet, weil sich hier so vieles neu war. Aber man kann gar nicht auf ein Geschlecht allein blicken, weil sich notwendigerweise immer die Dynamik der Geschlechterbeziehungen und die Gesellschaft als Ganzes mit verändert. Insofern geht es hier nicht um Frauengeschichte, sondern um eine Geschlechtergeschichte der frühen Weimarer Republik. Das zeigen auch die Ergebnisse, die Studentinnen und Studenten in Rahmen des Projekts erarbeitet haben.

"Ein Trend fortsetzte, den es bereits vorher gegeben hatte"

L.I.S.A.: Frau Szemkus, Frau Hollmann, Frau Zeising und Herr Doil, Sie waren Teil des Studierendenprojektes, in dessen Rahmen der Sammelband entstand. Wenn Sie auf die letzten drei Semester zurückblicken: Welche Aspekte der Kölner Frauengeschichte haben Sie überrascht? 

Mareike Hollmann: Überrascht hat mich die Intensität des zeitgenössischen Diskurses über Frauen- und Mädchenrechte, die sich insbesondere in den Zeitungen abbildet. Berichte über Gründungen oder auch nur Sitzungen von Frauenvereinen, dagegen offene Brandbriefe gegen den empfundenen Sittenverfall bei den Damen und Leserbriefe, die zu beidem Stellung nehmen – das alles indiziert, dass das Thema Frauenrechte gerade die oberen Gesellschaftsschichten schon damals sehr bewegt hat.

Lisa Szemkus: Mich hat vor allem die Vielseitigkeit überrascht. Wir sind bei den Recherchen zu Alberts Töchter auf viele verschiedene Themen gestoßen, die es noch zu erforschen gibt. Außerdem war ich erstaunt über die Kölner Netzwerke und deren Reichweite in Politik und Gesellschaft weit über Köln hinaus.

Janine Zeising: Für mich war es überraschend, dass sich bezüglich der Frauenarbeit in der Rüstungsindustrie nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs lediglich ein Trend fortsetzte, den es bereits vorher gegeben hatte. Die wenigsten Frauen, die in der Rüstungsindustrie zu arbeiten begannen, waren Frauen, die vorher nicht erwerbstätig waren. Bereits 1914 war ein Anstieg der Frauenarbeit in den metallverarbeitenden Betrieben zu erkennen, und ebenso setzte sich dieser nach 1918 fort. Insgesamt ist es erstaunlich, wie vielfältig die Berufe waren, in die Frauen während des Ersten Weltkriegs eingedrungen sind.

Lukas Doil: Mich hat ehrlich gesagt überrascht, wie wenig Forschung zur Kölner Geschlechtergeschichte im 20. Jahrhundert überhaupt vorliegt. Abgesehen vom Kölner Frauengeschichtsverein und wenigen Dissertationen ist dieser Teil der Kölner Stadtgeschichte, der ja auch über regionale Besonderheiten hinausweist, wirklich wenig erforscht worden. Umso stolzer macht es mich, dass wir hierzu einen Beitrag geleistet und viele unberührte Quellen aufgetan haben.

"Ein Schlusslicht unter den europäischen Nationen"

L.I.S.A.: Mit Blick auf andere Städte und Regionen: Welchen Stellenwert hatte die Kölner Frauenbewegung – war die Stadt Vorreiter oder Nachzügler?

Prof. Dr. Ute Planert: Deutschland war, was die Frauenbildung angeht, ein Schlusslicht unter den europäischen Nationen. In den USA gab es schon seit den 1840er Jahren private Frauencolleges. Vorreiter in Europa war Zürich, wo man 1867 Frauen zum Studium zuließ. Seit den 1870er Jahren folgten Universitäten in Großbritannien, den skandinavischen Staaten, Frankreich, Italien, Belgien, Spanien, Rumänien und Griechenland. Schließlich kamen Österreich und Ungarn dazu. In Deutschland, wo Frauenverbände erst mühsam die Zulassung von Mädchen zum Abitur erkämpfen mussten, waren Frauen an den Hochschulen nur per Ausnahmegenehmigung geduldet. Erst im frühen 20. Jahrhundert ließen die ersten deutschen Staaten Frauen regulär zum Universitätsstudium zu, zunächst in Süddeutschland, in Heidelberg, Freiburg oder Tübingen.  Preußen, der größte deutsche Einzelstaat, folgte dann 1908.  Zuvor hatte ein Kreis um die Kölner Mäzenatin Mathilde von Mevissen dafür gesorgt, dass in Köln das erste humanistische Mädchengymnasium in Preußen eingerichtet wurde.

Mareike Hollmann: Bemühungen um die Errichtung von Mädchengymnasien und vergleichbaren Einrichtungen gab es seit den 1880er Jahren. Bekannte Vorreiterinnen waren beispielsweise Hedwig Kettler und Helene Lange in Karlsruhe und Berlin. Das Kölner Mädchengymnasium wurde 1903 eröffnet, die Idee dahinter und auch der Verein Mädchengymnasium waren jedoch schon etwas älter. In Köln verlief der Entwicklungsprozess in Sachen Frauen- und Mädchenbildung im Vergleich zu anderen Städten zwar etwas zögernd, das bedeutet aber nicht, dass die Frauenbewegung in Köln weniger Erfolge verzeichnen konnte als anderswo. Mit dem Mädchengymnasium kamen aus Köln dann tatsächlich Impulse für andere Frauen- und Bildungsbewegungen im Land.

"Die Einführung des Frauenwahlrechts war nicht geschichtslos"

L.I.S.A.: Das Frauenwahlrecht fand in Köln zum ersten Mal im Januar 1919 Anwendung. Wie schätzen Sie diese Entwicklung ein: Gingen ihr geschlechterpolitische Entwicklungen voraus? Und wie wurde das Wahlrecht, vor allem in der männlichen Bevölkerung, aufgenommen?

Lukas Doil: Die Einführung des Frauenwahlrechts war natürlich nicht geschichtslos. Ihr voraus gingen Jahrzehnte der politischen und transnationalen Mobilisierung und Bildung für Frauenrechte, und auch in Köln hatten Aktivist*innen das Frauenwahlrecht schon lange vor 1919 gefordert. Mit der Revision des Reichsvereinsgesetzes 1908 konnten Frauen den Parteien beitreten, und selbst konservative Parteien gründeten nun eigene Frauenorganisationen. Dennoch fehlte es im bürgerlichen Lager an Parteien, die sich klar zum Frauenwahlrecht bekennen wollten, und gerade auf regionaler Ebene gab es deutlichen Widerstand. Letztlich kam die entscheidende Entwicklung mit der Kriegsniederlage und dem Sturz der alten Ordnung. Nachdem die neue Regierung das Wahlrecht eingeführt hatte, wollte nun keine Partei mehr ernstlich darauf setzen, gegen die Mehrheit der Frauen in die Nationalversammlungswahl zu ziehen. Das Zentrum erklärte nur wenige Wochen nach ihrer Ablehnung des Frauenwahlrechts im Oktober 1919, sich nun auf den „Boden der Tatsachen“ zu stellen – schließlich war eine Wahl um die Zukunft der „Nation“ zu gewinnen.

Grundsätzlich waren politische Überzeugungen ausschlagebender für die Haltung zum Frauenwahlrecht, auch wenn Geschlecht natürlich in vielen Dingen auch eine politische Identität mitbestimmte. Das Bild war entsprechend differenziert. Im katholischen Milieu traten Frauenrechtlerinnen für das Wahlrecht ein, was aber nicht hieß, dass sie damit eine progressive Politik verbanden, wiederum andere waren strikt dagegen. Die SPD hatte das Frauenwahlrecht ja seit 1890 im Parteiprogramm geführt, aber die moderate Kölner SPD war nur selten für Frauenbelange eingetreten, und die Mitgliedschaft unter Arbeiterinnen war dementsprechend schlecht. Als sich abzeichnete, dass das Frauenwahlrecht im katholischen Köln dem Zentrum nützen würde, begannen die männlichen SPD-Führer dann schließlich mit dem Frauenwahlrecht zu hadern.

"Hinsichtlich der Mädchenbildung brauchte es unkonventionelle Denkweisen und Ideen"

L.I.S.A.: Frau Hollmann, Ihr Beitrag trägt den prägnanten Titel „preußisch, protestantisch, progressiv“. Wie beeinflussten diese Charakteristika die Entwicklungen? 

Mareike Hollmann: Diese Charakteristika beziehen sich auf die Gründungsväter und -mütter des Vereins Mädchengymnasium zu Köln. Hinsichtlich der Mädchenbildung brauchte es unkonventionelle Denkweisen und Ideen, um die konservativen Strukturen aufzubrechen. Im katholischen Köln stellte dies eine besondere Herausforderung dar, weswegen Mathilde von Mevissen und Joseph Hansen vor allem im rheinischen Umland nach Unterstützern suchten. Fündig wurden sie in liberal bzw. nationalliberal eingestellten und vorwiegend protestantischen, elitären Kreisen des rheinischen Wirtschafts- und Bildungsbürgertums. Eine Folge hiervon war, dass das Mädchengymnasium insbesondere von protestantischen, aber auch jüdischen Mädchen besucht wurde, welche seit 1824 ebenfalls schulpflichtig waren. Jüdische Kinder mussten entweder eine christliche Schule oder den Unterricht in einer von der jüdischen Gemeinde unterhaltenen Schule besuchen. Die Eltern katholischer Mädchen dagegen bevorzugten weiterhin den Besuch katholischer Schulen.

Die Gründungsmitglieder des Vereins zeichneten sich vor allem durch ihre fortschrittliche, egalitäre Einstellung insbesondere in Fragen der Bildung und des Schulwesens aus. In der Diskussion mit Kritikern und Kultusministern konnte der Verein Mädchengymnasium letztlich überzeugen und sein Ziel umsetzen. Auch die Tatsache, dass sich der Verein nach der Eröffnung des Gymnasiums in „Verein Frauenstudium“ umbenannte, zeigt, dass sich die progressive Einstellung der Mitglieder konstruktiv auf die Vereinsarbeit und damit auch auf die Entwicklung der Kölner Frauenbewegung auswirkte.

"Im Kontext der landesweiten und stadthistorischen Entwicklungen"

L.I.S.A.: Inwiefern wurden die nachfolgenden Entwicklungen, wie beispielsweise die Aufnahme von Frauen an der Universität zu Köln, von der Gründung der Mädchengymnasien beeinflusst?

Mareike Hollmann: Das Mädchengymnasium bot seinen Schülerinnen die Möglichkeit, die Maturitätsprüfung abzulegen und sich damit für das Studium an einer Hochschule erst zu qualifizieren. An verschiedenen deutschen Universitäten war es Frauen schon Ende des 19. Jahrhunderts erlaubt zu studieren, jedoch nicht alle Fächer und oft nur als Gasthörerinnen. Die Universität zu Köln wurde erst 1919 neu gegründet. Zehn Jahre zuvor hatte die Stadt Köln das Mädchengymnasium übernommen. In der Zwischenzeit war die Anzahl der immatrikulierten Studentinnen im Kaiserreich und der frühen Weimarer Republik stark angestiegen. Die Mädchengymnasien bilden zwar die Grundlage zur Zulassung von Frauen an Hochschulen, der Fall Köln muss allerdings im Kontext der landesweiten und stadthistorischen Entwicklungen betrachtet werden.

"Neue Handlungsoptionen für Frauen"

L.I.S.A.: Frau Zeising, Sie widmen sich in Ihrem Beitrag den Frauen während des Ersten Weltkrieges. Welchen Einfluss hatte der Kriegsausbruch auf die Kölnerinnen? Wie veränderte sich der Alltag? Und lassen sich Rückschlüsse ziehen, wie diese Veränderungen wahrgenommen wurden?

Janine Zeising: Der Kriegsausbruch veränderte den Alltag der Kölner stark. Auch wenn der Zeitzeuge Heinrich Reuther schreibt, dass der Krieg im dritten Jahr schon als neuer Normalzustand wahrgenommen wurde, so bedeutete er doch massive Einschränkungen für die Bevölkerung. Die Knappheit von Lebensmitteln und Kleidung veränderte das Konsumverhalten der Menschen. Spätestens ab der zweiten Hälfte des Krieges stellte die Besorgung von Lebensmitteln nicht nur eine finanzielle, sondern auch eine große zeitliche Belastung für die Bevölkerung dar. Um im Alltag mit dem Vorhandenen kochen zu können, wurden mitunter Kurse angeboten, in denen die Frauen nicht nur lernen sollten „rational“ zu wirtschaften, sondern auch Produkte durch andere zu ersetzen. Beispielsweise die Herstellung von Obstmus anstelle von Butter. Aus der Geschlechterperspektive bedeutete der Krieg neue Handlungsoptionen für Frauen, aber auch Not und Elend. Die Stadtverwaltung verfolgte mit patriarchaler Sorge, dass die Geburtenzahlen zurückgingen und die Kindererziehung mehr und mehr in den Hintergrund geriet, da die wirtschaftlichen Aufgaben der Familie in die Hände der Frauen übergingen.

L.I.S.A.: Anhand welchen Quellenmaterials machen Sie Ihre Erkenntnisse fest?

Janine Zeising: Als Quellenmaterial für meinen Artikel diente das Manuskript „Köln im Weltkrieg“ des Gymnasiallehrers Heinrich Reuther, der von Stadtregierung abgeordnet wurde, um eine Weltkriegschronik zu verfassen. Er beschreibt auf über 1400 Seiten, was sich in Köln in den Kriegsjahren veränderte. Das Manuskript wurde zwar 1932 fertiggestellt, jedoch nie veröffentlicht und liegt nun im Stadtarchiv in Köln. Die Chronologie teilt sich in sechs Bände auf, wobei jeder Band in mehrere Unterkapitel gegliedert ist.

Insbesondere zu Geschlechterfragen findet sich in der Chronik viel Interessantes. Reuthers Haltung zu den Frauen ist zwar ambivalent, aber recht typisch für die Zeit. Neben Lobreden auf die „Hingabe“ und die „Pflichterfüllung“ der Frauen im Kriegsalltag finden sich auch Passagen, in denen er vor dem Ausgreifen einer „Dirnenplage“ warnt und minutiös „Unsittlichkeiten“ des anderen Geschlechts protokolliert.

"Die Frauenarbeit im Krieg als Grundlage eigener Partizipationsforderungen"

L.I.S.A.: Wie wirkte sich der Bedeutungsgewinn, den die Frauen durch die erweiterten Tätigkeitsfelder erlangten, auf das Selbstverständnis der Frauen aus? Setzte sich diese angestoßene Entwicklung nach Kriegsende fort?

Janine Zeising: Vor allem in den verschiedenen Streiks Richtung Kriegsende sammelten Arbeiterfrauen neue politische Erfahrungen. In Köln waren es vor allem Eisenbahnerinnen und Munitionsarbeiterinnen, die ihre Arbeit niederlegten und so bessere Arbeitsbedingungen erkämpften.

Lukas Doil: Diese Erfahrungen brachten viele Frauen nach Kriegsende in die (Stadt-)Politik ein. Die Kölner USPD, die vor allem von jungen Frauen im Krieg gegründet wurde, stand in dieser Tradition, aber auch die SPD und die bürgerlichen Frauenverbände beriefen sich natürlich auf die Frauenarbeit im Krieg als Grundlage eigener Partizipationsforderungen im neuen Staat.

"Vorurteile gegenüber dem Frauensport abbauen"

L.I.S.A.: Eine bekannte Kölnerin war Emilie Düntzer, die in der Weimarer Republik als Sportärztin tätig war und der ein Beitrag des Sammelbandes gewidmet ist. Was interessiert Sie an dieser Person besonders? Warum ein Portrait?

Lisa Szemkus: Mich hat besonders interessiert, dass Emilie Düntzer es geschafft hat, sich in einem männlich dominierten Feld durchzusetzen. Sie hat über fünfzig Jahre hinweg als Ärztin gearbeitet und publiziert. Sie gehörte zu den wenigen Ärztinnen der Weimarer Zeit, die versuchte, durch ihre medizinische Arbeit die Vorurteile gegenüber dem Frauensport abzubauen. Spannend ist vor allem, dass sie im Nationalsozialismus weitergearbeitet hat. Ihre Tätigkeit im Gesundheitsamt überdauerte die Systembrüche bis in die frühe Bundesrepublik. Was genau ihre Aufgaben im NS-Gesundheitssystem waren, lässt sich heute durch fehlende Quellen nicht mehr nachvollziehen. In dem Portrait habe ich versucht, mich ihrer Biografie anzunähern und dabei diese Ambivalenzen nicht aus dem Auge zu verlieren. 

"Frauensport steht stellvertretend für den Kampf um Gleichberechtigung"

L.I.S.A.: Frau Szemkus, Sie schreiben zu Beginn Ihres Aufsatzes von einem männlich dominierten Frauensport – eine Aussage die überrascht, klingt sie doch erst einmal paradox. Können Sie dies erläutern? Und: Wie schätzen Sie die Entwicklung bis heute ein – wird der Frauensport heute von Frauen oder Männern dominiert?

Lisa Szemkus: Frauen wurde nur langsam der Zugang zum Sport gewährt, da sie in eine vermeintliche Männerdomäne eindrangen. Es war ein von Männern besetztes Feld - Sportfunktionäre, Sportärzte, Trainer, alles Männer. Vor allem wurden Frauen auch durch Vorschriften von Ärzten eingeschränkt, die behaupteten, dass durch den Sport das weibliche Geschlecht vermännlicht werde oder etwa die Gefahr bestehe, dass durch zu extremes Springen sich die Gebärmutterposition verändere. Selbst im Frauensport bestimmten Männer also Diskurse und Handlungsmöglichkeiten. Erst langsam erkämpften sich Frauen sport- und körperpolitische Freiheiten. Geschlecht und Sport sind bis heute aktuelle Konfliktthemen. Allerdings kann man heute immer noch nicht von einer Gleichberechtigung der Geschlechter im Sport reden. Das erkennt man z.B. bei der Bezahlung von Fußballern und Fußballerinnen. Nicht nur monetäre Differenzen gibt es im Sport. Auch sind in vielen Sportarten Frauen kaum vertreten. Wie viele Formel-1-Pilotinnen kennen Sie?

L.I.S.A.: Inwiefern steht die Entwicklung im Frauensport stellvertretend für den Kampf um Gleichberechtigung?

Die Marathonläuferin Katherine Switzer sagte einmal, dass Sport das physische Äquivalent zum Wahlrecht sei, da es um die Bestätigung geht, dass das weibliche Geschlecht auch körperlich alles erreichen kann. Somit steht der Frauensport durchaus stellvertretend für den Kampf um Gleichberechtigung.

"Gebiete, die als besonders weiblich galten"

L.I.S.A.: Welche Chancen eröffneten sich Frauen in der Weimarer Republik?

Prof. Dr. Ute Planert: Am Kölner Beispiel lässt sich zeigen, dass sich Frauen nach dem Ersten Weltkrieg eine Reihe von neuen akademischen Arbeits- und Karrieremöglichkeiten eröffneten – als  Lehrerinnen und Medizinerinnen, als Sozialarbeiterinnen, bei der Erforschung sozialer Verhältnisse und selbst in Leitungsfunktionen der öffentlichen Sozialverwaltung. Allerdings beschränkten sich die Berufsfelder vorwiegend auf Gebiete, die als besonders weiblich galten, etwa die Bereiche Erziehung und Soziales. Das galt als legitim, weil man sich vorstellte, dass Frauen ihre naturgegeben mütterlichen Fähigkeiten gewissermaßen von der Familie auf die Gesellschaft übertrugen. Durch die Einführung des Frauenstimmrechts waren Frauen nun plötzlich auch ein Faktor in der Politik. Die Parteien bemühten sich – zumindest in den ersten Jahren der Weimarer Republik – Kandidatinnen aufzustellen und für Wählerinnen attraktiv zu sein. Zugleich forderten gut ausgebildete und in der Frauenbewegung des Kaiserreichs geschulte Aktivistinnen ihren Platz in der Politik ein. Auf diese Weise war es für Frauen erstmals möglich, Karrieren in der Politik zu machen oder in die politisch besetzen Spitzenämtern der Ministerialbürokratie vorzudringen. Allerdings blieb ihr Handlungsspielraum auch hier beschränkt auf Kultur und Erziehung oder Sozial- und Familienpolitik, ein Muster, das sich bis weit in die Bundesrepublik hinein fortsetzte.

Lukas Doil: In diesem Sinne sind die vielen Entwicklungen auch nicht wirklich zwischen vermeintlichen Gegensätzen wie ‚Emanzipation‘ oder ‚Restauration‘ zu verorten. Handlungsmacht ergab sich oft erst durch das Einschreiben in geschlechtsspezifische Diskurse und Handlungsnormen. Um die Jahrhundertwende kam geschlechterpolitisch natürlich Einiges in Bewegung. Für die Weimarer Republik waren neben neuen Freiheiten und Aufbrüchen aber immer auch Fortschreibungen alter Geschlechterkonstruktionen unter neuen Vorzeichen prägend.

"In erster Linie als Hausfrauen und Mütter betrachtet"

L.I.S.A.: Wie sah die formale Gleichberechtigung in der Praxis aus?

Prof. Dr. Ute Planert: Im Vergleich zum Kaiserreich boten sich Frauen in der Weimarer Republik zweifelsohne eine Reihe neuer Möglichkeiten. Aber für die angehenden Akademikerinnen galt das Gleiche, was auch in der Verfassung stand: Frauen waren nur grundsätzlich – also mit Einschränkungen – gleichberechtigt. Auch wenn Studentinnen der Zugang zu den Kölner Hochschulen offenstand, war ihr Weg von Bildungsumwegen gekennzeichnet und noch stärker von einer privilegierten Herkunft abhängig als bei ihren Kommilitonen. Die praktische Lebensführung war aufgrund von geschlechtsspezifischen Verhaltensanforderungen, engen finanziellen Spielräumen und einem Mangel an unterstützenden Einrichtungen deutlich aufwändiger. Dazu kamen strukturelle Benachteiligungen. Universitätskarrieren führten bestenfalls zur Promotion, statt Habilitation und Professur erwies sich der Bibliotheksdienst häufig als Endstation akademischer Aspirationen. Der Personalabbauverordnung, mit denen die notleidende Weimar Republik ihre Finanzen zu stabilisieren suchte, fielen zuallererst die Frauen zum Opfer. Und der „Lehrerinnenzölibat“, nach dem Beamtinnen bei Eheschließung entlassen wurden und ihre Pension verloren, galt noch bis in die 1950er Jahre. In der Praxis blieben viele gut ausgebildete Frauen ledig. Frauen wurden in erster Linie als Hausfrauen und Mütter betrachtet, deren Erwerbsarbeit nur dann als zulässig galt, wenn sie notwendiger Zuverdienst war oder sie unverheiratet waren, also keine anderen Versorgungsmöglichkeiten griffen. Dass Frauen heute noch die Diskussion um die Vereinbarkeit von Beruf und Familie führen müssen, ist dieser langlebigen Tradition geschuldet.

Prof. Dr. Ute Planert, Mareike Hollmann, Lisa Szemkus, Janine Zeising und Lukas Doil haben die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet. 

100 Jahre neue Universität zu Köln: Eine Vortragsreihe zu ihrer Geschichte

Die Vortragsreihe fand im Sommersemester 2019 an der Universität zu Köln statt und kann hier abgerufen werden. 

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