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Georgios Chatzoudis | 06.01.2015 | 1282 Aufrufe | Interviews

"Meine Sichtweise ist in der Tat 'germanozentrisch'"

Interview mit Brendan Simms über sein Buch "Kampf um Vorherrschaft"

Die europäische Geschichte ist seit dem Untergang Konstantinopels vor allem von einem Motiv bestimmt: Wer herrscht über Europas Mitte? So zumindest die These des irischen Historikers Prof. Dr. Brendan Simms, der an Universität Cambridge Geschichte der internationalen Beziehungen lehrt. Auf fast 900 Seiten versucht er diese Annahme in seinem Buch Kampf um Vorherrschaft. Eine Geschichte Europas 1453 bis heute zu begründen. Wir haben ihn dazu befragt.

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"Dessen Einwohner waren sehr militärisch"

L.I.S.A.: Herr Professor Simms, Sie haben mit Ihrem Buch „Kampf um Vorherrschaft“ eine deutsche Geschichte Europas von 1453 bis heute geschrieben. Warum steht bei Ihnen Deutschland - abgesehen von geographischen Gesichtspunkten – thematisch und konzeptionell im Mittelpunkt der europäischen Geschichte? Könnte man etwas provokativ von einer germanozentrischen bzw. auf Deutschland fixierten Sichtweise sprechen?

Prof. Simms: Meine Sichtweise ist in der Tat 'germanozentrisch', weil dies auch der Sichtweise der damals Handelnden entspricht. Deutschland lag nicht immer, aber meistens im Mittelpunkt des geopolitischen Interesses. Und zwar deshalb, weil es geographisch in der Mitte Europas lag, und weil sich deshalb dort die strategischen Interessen überschnitten. Es war auch das bevölkerungsreichste Gebilde außerhalb Russlands. Es war wirtschaftlich stark, schon lange vor der Industrialisierung, zumindest im Westen und im Süden. Es wurde auch als ein Land wahrgenommen, dessen Einwohner sehr militärisch waren und als Söldner gepriesen wurden. Letzlich war Deutschland ein fragmentiertes land, welches als Vakuum die Aufmerksamkeit seiner stärkeren Nachbarn auf sich zog. 

"Im Großen und Ganzen ein Opfer der europäschen Politik"

L.I.S.A.: Deutschland erscheint in Ihrer Betrachtung bis zur Reichsgründung von 1871 vor allem als Kampfplatz europäischer Interessen, als Hauptopfer von Kriegen, als Diktaten anderer Mächte unterworfenes Land, als Objekt der europäischen Politik. War Deutschland tatsächlich immer nur Spielball der anderen – trotz Kaiser, trotz Habsburg, trotz wirtschaftlicher Prosperität, trotz technischer Erfindungen, trotz urbaner Entwicklung, trotz der preußischen Expansion?

Prof. Simms: Natürlich spielten die deutschen Mächte kräftig mit, aber der Aufstieg Preußens war gerade des Mittellagedenkens zu verdanken. Der Große Kurfürst war sich nur allzu bewusst, wie sehr sein Land im Dreissigjährigen Krieg gelitten hatte, als Schweden und andere durchmarschierten. So hat er sich entschlossen, Preußen zu einem Militärstaat zu machen, um dies in Zukunft zu vermeiden. Auch Friedrich der Große sah sich strategisch im Nachteil, und daraus erklärt sich auch die Radikalität seiner anfänglichen Politik, wobei natürlich der Ehrgeiz auch eine Rolle gespielt hat. Deutschland war also bis Ende des neunzehnten Jahrhunderts im Großen und Ganzen ein Opfer der europäschen Politik.

"Der Kalte Krieg war hauptsächlich ein Ringen um Deutschland"

L.I.S.A.: Was hat sich mit der Nationalstaatsbildung von 1871 in Ihren Augen paradigmatisch verändert? Ist die europäische Geschichte seither aktiv von Deutschland dominiert?

Prof. Simms: Durch die Nationalstaatsgründung wurde Deutschland von einem Objekt zu einem Subjekt des Systems. Es dominerte danach die europäsche Geschichte. Das blieb selbst dann der Fall, nachdem es 1945 besiegt und geteilt wurde, denn der Kalte Krieg war hauptsächlich ein Ringen um Deutschland und der europäische Einigungsprozess war zum Teil gedacht, um Deutschland 'einzubetten' und zu mobilisieren.

L.I.S.A.: Nimmt Deutschland heute in Europa mit friedlichen Mitteln die beherrschende Rolle ein, die es mit zwei Weltkriegen angestrebt hat, aber nicht durchsetzen konnte?

Prof. Simms: Es hat diese Rolle zum Teil, nicht etwa weil die Deutschen sie suchen, im Gegenteil, vielmehr aus strukturellen Gründen der Größe und der wirtschaftlichen Macht, die durch den Euro sogar noch potenziert wird. Machmal wünsche ich mir, Deutschland würde mehr Führung übernehmen, wie früher die USA, aber dazu fehlt Berlin die Ambition und wohl auch die Kraft. Leider ist Deutschland aber stark genug, um gewisse Notwendigkeiten aufzuhalten, z.B. Eurobonds und eine politische Union oder eine starke Politik gegen die russische Annektion der Krim.

"Die wirtschaftliche Einigung allein führt nicht zur politischen Union"

L.I.S.A.: In Ihrem Buch nehmen Sie konkret Stellung zum europäischen Einigungsprozess, der in Ihren Augen weniger ein Prozess als ein Ereignis sein sollte. Sie sprechen dabei von einem Feuer, das alle europäischen Staaten zu einer Union zusammenschweißt. Ist ein heißer Konflikt mit Russland das erhoffte Feuer?

Prof. Simms: Das könnte es sein, aber es könnte auch zur Spaltung führen. Auf jeden Fall zeigt die Geschichte, dass die wirtschaftliche Einigung allein nicht zur politischen Union führt. Das zeigt bereits das Beispiel der Deutschen Zollunion im neunzehnten Jahrhundert. Es hat des außenpolitischen Drucks Frankreichs gebraucht, um die deutschen Staaten zur Aufgabe ihrer Souveränität zu bewegen. Ähnlich wird es auch mit der EU sein. 

L.I.S.A.: Vor Kurzem haben Sie ein weiteres Buch veröffentlicht. Wieder stehen Deutsche Mittelpunkt.

Prof. Simms: Ja, es heißt "Der längste Nachmittag" und ist ein "deutsches Waterloo- Buch". Es geht dabei nicht etwa um die Preußen, sondern um die Hannoveraner der King's German Legion. Diese haben das Gehöft von La Haye Sainte so lange gehalten, bis Napoleon die Zeit und der Sieg davonlief. Es ist eine dramatische Geschichte, aber es geht mir auch darum, die King's German Legion als ein Art Modell für eine gemeinsame Europäsche Armee zu suggerieren.

Prof. Dr. Brendan Simms hat die Fragen der L.I.S.A.Redaktion schriftlich beantwortet.

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