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Georgios Chatzoudis | 18.04.2020 | 971 Aufrufe | 2 | Interviews

17. April 2020 | Coronakrise: National, europäisch oder global?

LogBuch "Corona, geisteswissenschaftlich betrachtet". Eine Gesprächsrunde mit Jürgen Zimmerer und Georgios Chatzoudis

Die Corona-Pandemie kennt keine Grenzen. Weder macht das Virus vor Schlagbäumen halt, noch lässt es sich von Wachtposten stoppen. Vielmehr breitet sich Corona scheinbar mühelos von Kontinent zu Kontinent aus, von Land zu Land. Es ist ein globales Phänomen, von dem man meinen könnte, dass ihm deswegen auch nur global beizukommen sei. Tatsächlich reagieren derzeit zwar auch internationale Akteure wie beispielsweise die Weltgesundheitsorganisation (WHO), aber die bestimmenden und entscheidenden sind die nationalen. Und zwar jeder Nationalstaat für sich. Was lehrt uns demzufolge die Coronakrise über Globalisierung, internationale Zusammenarbeit und Solidarität? Diese Frage stellten Jürgen Zimmerer und Georgios Chatzoudis in ihrem gemeinsamen CoronaLogBuch ihren Gästen Ulrike Guérot und Matthias Krämer.

"Normalität darf ja nicht heißen, den Planeten vor die Wand zu fahren"

Zimmerer: Geschlossene Grenzen, nationale Alleingänge: Was lehrt uns die Coronakrise über Globalisierung, internationale Zusammenarbeit und Solidarität? Trump stellt Zahlungen an die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein, Italien fühlt sich von Deutschland im Stich gelassen. Was werden die Folgen der Coronakrise sein?

Chatzoudis: Zunächst zeigt uns die Coronakrise, wie globalisiert wir längst sind. Corona ist eine Globalisierungskrankheit.

Zimmerer: Was bedeutet Globalisierungskrankheit? Was meinen Sie damit?

Chatzoudis: Wir haben es mit einer Verbreitung zu tun, die ohne die Globalisierung vieler Lebensbereiche nie so weit und so schnell verlaufen wäre. Das Problem ist ein globales. Die Frage ist nun: Wer ist der Doktor? Das Globale oder das Lokale?

Krämer: Wir sitzen alle in einem Boot. Weltweit. Sind voneinander abhängig, ob es um die Ausbreitung von Infektionskrankheiten geht oder um wirtschaftliche Entwicklungen.

Guérot: Ja, aber einige haben mehr Ressourcen, um durchzukommen, als andere. Die Auswirkungen auf die emerging countries werden enorm sein. In diesem Zusammenhang hat der Philosoph Markus Gabriel von der Universität Bonn einen tollen Artikel geschrieben, in dem zu lesen ist: Wir brauchen eine neue Metaphysik: Das System ist von einem Virus befallen.

Chatzoudis: Das Bild gefällt mir!

Zimmerer: Was soll eine neue Metaphysik bedeuten?

Guérot: Zu verstehen, dass es vorher "keine Normalität" gab, sondern wir schon zuvor in einem letalen System lebten. Darum jetzt keine "Rückkehr" zur Normalität, sondern strukturelle Änderungen: Klima schützen, weniger Flugreisen, lokale Landwirtschaft etc.

Zimmerer: Wieso gab es keine Normalität? Es gab sie, eben nur eine nicht-nachhaltige "Normalität"? Was bedeutet da eigentlich "Normalität?

Guérot: So kann man es auch nennen. Ich kenne das Buch von Ingolfur Blühdorn über Nicht-Nachhaltigkeit. Aber Nicht-Nachhaltigkeit darf eben nicht normal sein bzw. werden.

Zimmerer: Ich sprach gestern im SWR2 davon, dass der Slogan "Zurück zur Normalität" eine Dystopie bezeichnen würde. Etwas, das unser Untergang wäre und wir nicht wollen könnten.

Guérot: Der von mir eben angesprochene Artikel von Gabriel stellt die Frage des "system change", soll heißen: Raus aus dem Neo-Kapitalismus! Die Frage ist zumindest berechtigt. Normalität darf ja nicht heißen, den Planeten vor die Wand zu fahren. Ob es gelingt, ist eine andere Frage.

Krämer: Die Wirtschaftsordnung des 20. Jahrhunderts ist aber eine Wachstumsordnung. Wie kommen wir da raus?

Guérot: Alle Theorien liegen auf dem Tisch: Décroissance, also die wachstumskritische Bewegung, die Suffizienz-Theorie, also die Kritik an der Konsum- und Überflussgesellschaft, die Modern Monetary Theory, nach der Schulden durch Gelddrucken getilgt werden, oder einfach die Republik im Sinne von Gemeinwohlökonomie - altes europäisches Denken. Soll heißen: Besitz statt Eigentum. Wert statt Preis etc. Katholische Soziallehre, Genossenschaftswesen - das ist alles altes europäisches Denken. 

Zimmerer: Das Problem ist nur, darauf hört keiner.

Guérot: Doch! Man wird zunehmend gehört. Die ganzen Sozialwissenschaften sind voll davon und die jungen Leute saugen es auf.

Zimmerer: Außerhalb des Elfenbeinturms und der "jungen Wilden" aber weniger. Die Industrie fordert stattdessen Subventionen für Autos etc. Machen wir uns doch nichts vor: Alle wollen den "Exit zur Normalität".

Guérot: Deswegen meine ich ja: Seit gestern scheinen prominente Leute wenigstens den Diskurs darüber zu ändern, um sich dem entgegenzustellen. Ob das reicht, ist eine zweite Frage. Aber immerhin wird jetzt anders diskutiert als vor zwei Wochen.

"Handeln wozu? Das ist die zentrale Frage"

Chatzoudis: Können wir zurück zur Ausgangsfrage kommen - global, europäisch oder nationalstaatlich? Nach allem, was wir bislang an Erfahrungen gesammelt haben, müssen sich leider alle "Internationalisten" eingestehen, dass die Kur der Krankheit nicht in der großen weiten Welt stattfindet, sondern in den eigenen vier Wänden des Nationalstaates.

Guérot: Ich glaube eher, die europäische Geschichte ist jetzt offen. Es kann sich jetzt alles in Richtung "Grenzen zu" und Nationalismus verfestigen. Oder sich aber auch ins Gegenteil entwickeln.

Krämer: Wir sehen zurzeit, wie Grenzen geschlossen werden, nationale Regierungen unabhängig voneinander unterschiedliche Wege einschlagen, kurz: eine Betonung des Nationalen. Das ist die traditionelle Normalität.

Zimmerer: Ja, das ist eine Normalität, aber gleichzeitig lebten die europäischen Nationalstaaten immer schon über ihre Verhältnisse. Stichwort "Kolonialismus".

Guérot: Das ist nicht das Problem. Das Problem ist die mangelnde politische Handlungsfähigkeit der EU, sie ist nicht legitimiert und nicht souverän. Die Frage "Wer entscheidet?" ist in der EU nicht beantwortet.

Zimmerer: Was ist nicht das Problem?

Guérot: Das "über die Verhältnisse" leben. Ist zwar AUCH ein Problem, aber nicht mit Blick auf die Handlungsfähigkeit des Nationalstaates.

Zimmerer: Die Handlungsfähigkeit ist doch kein Wert an sich. Wir müssen fragen: Handeln wozu?

Guérot: Nein! Ohne Verfassung ist alles nichts. Frei nach Alexander Hamilton: Wer nicht handeln kann, wer die Machtfrage nicht beantworten kann, ist politisch nicht da.

Zimmerer: Moment, ich würde gerne noch bei der Problembestimmung bleiben. Handeln wozu? Das ist die zentrale Frage.

Guérot: Klar, aber sie stellt sich nicht, wenn man strukturell nicht handeln kann. Das Wozu ist die sekundäre Frage.

Zimmerer: Das Henne- und Ei-Problem?

Guérot: Ja, Henne oder Ei heißt seit dem Maastrichter Vertrag: Wer entscheidet? Die Staaten oder die EU? 

Zimmerer: Das stimmt alles, geht aber meines Erachtens an der zentralen Frage vorbei: Handeln wozu? Für welche Welt? Und die EU ist auch nur ein Player, selbst wenn sie handlungsfähig wäre.

Guérot: Das Wofür ist eine philosophische Frage. Ich bin Politikwissenschaftlerin. Ich will erst mal handeln können. Ich will, dass die EU handeln KANN.

"Coronabonds zum internationalen gemeinsamen Ausweg aus der Krise"

Chatzoudis: Ich breche es mal runter: Wer hat denn dann derzeit überhaupt das Mandat, so tiefgreifende Entscheidungen, wie wir sie gerade erleben, zu treffen? Das ist derzeit nur der Nationalstaat.

Guérot: Ja, weil nur der Nationalstaat im Sinne von Carl Schmitt "souverän" ist und politisch über den Ausnahmezustand entscheiden kann.

Chatzoudis: Und der Nationalstaat verfügt über die Möglichkeiten, jetzt konkret handeln zu können. Dementsprechend erleben wir ja selbst in der EU eigentlich nur nationale Alleingänge.

Guérot: Alleingänge. Eben. Die Frage ist jetzt: Was muss vergemeinschaftet werden, damit es diese Alleingänge in Zukunft nicht mehr gibt? Beispielsweise gemeinsame Anleihen, eine Zinsgemeinschaft etc.

Chatzoudis: Wenn man es mit Europa ernst meint, müsste man jetzt vor allem die Fiskal- und Finanzpolitik vergemeinschaften. Man kann nicht eine gemeinsame Währung haben und gleichzeitig zig Währungshüter.

Krämer: Der Nationalstaat kann tatsächlich mehr entscheiden als nur Ausgangssperren: Er könnte Coronabonds zum internationalen gemeinsamen Ausweg aus der Krise beschließen.

Chatzoudis: Ja, aber da erleben wir doch gerade, dass die Nationalstaaten nach eigener Interessenlage entscheiden und nicht nach solidarischen Gesichtspunkten. 

Guérot: Ohne Parlamentarismus und entsprechende Legitimität kann es keine Haftungsgemeinschaft oder gemeinsame Anleihen geben, um die es jetzt geht. Wir müssten einen europäischen Staat gründen, um gemeinsame Anleihen zu machen.

Krämer: In der EU ließ sich bisher auch mit Institutionen eine gemeinsame Politik machen. Coronabonds wären eine solche Art von Institution, ohne dass es zuerst eine neue Verfassung bräuchte.

"Staatsschuldenkrise ist der Begriff der Finanzdienstleister"

Zimmerer: Coronabonds hätten die EU retten können. Vielleicht?

Guérot: Was heißt KÖNNEN? Ich hoffe, wir bekommen Coronabonds. Das ist noch nicht entschieden.

Zimmerer: Es kann aber auch sein, dass es trotz der Coronabonds bereits zu spät ist. Wunden sind geschlagen, Solidarität wurde verweigert. Die Europa-Idee hat sich als Papiertiger entlarvt.

Krämer: Elf europäische Juristen haben neulich für Coronabonds plädiert - im Rahmen der bestehenden Verträge machbar, sagten sie.

Guérot: Und 16 europäische Ökonomen auch, darunter viele Deutsche: die Herren Hüther, Fues, Fratzscher, Bofinger. Es ist "nur" die Bundesregierung, die da zögert, nicht die Juristen und Ökonomen.

Krämer: Die Experten wissen: Deutschland als Exportwirtschaft ist von internationaler Nachfrage abhängig. Je stärker die EU-Länder, aber auch globale Abnehmer deutscher Produkte, unter der Coronakrise leiden, desto schwerer wird es, die deutsche Wirtschaft wieder in Schwung zu bringen.

Guérot: Stimme voll zu! Mit Eurobonds "helfen" wir nicht den Italienern, sondern stabilisieren den Binnenmarkt, von dem wir am meisten profitieren.

Zimmerer: Die Fehler wurde bereits in der Staatsschuldenkrise gemacht

Guérot: Stimme auch hier voll zu. Darüber sind Bibliotheken gefüllt worden.

Chatzoudis: Staatsschuldenkrise ist der Begriff der Finanzdienstleister.

Zimmerer: Ihr Begriff?

Chatzoudis: Schuldenkrise der Finanzdienstleiter.

Guérot: Oder ganz einfach: BANKENkrise.

Chatzoudis: Auch gut.

Guérot: Mortgage-Krise, Immobilienblase, Landesbankenkrise etc.

Chatzoudis: Ne, ne, das Modell vorgelebt haben die privaten Banken.

Zimmerer: Das Schuldenproblem wurde ja zur Krise Europas durch das katastrophale Agieren Europas und der Bundesregierung. Ihr Begriff verharmlost das etwas.

Chatzoudis: Diese ganzen Verbriefungen waren nicht die Ideen von Staaten, sondern von Banken. Privaten Banken.

Guérot: Sag' ich doch! Der EURO war nie schuld, die Staaten auch nicht. 

Zimmerer: Die meine ich nicht. Es geht um Griechenland, die sogenannte Troika etc.

Guérot: Zurück zur Solidarität heute. Zinsgemeinschaft durch Coronabonds, das muss jetzt kommen.

Krämer: Richtig. Coronabonds wären eine Art neuer Marshallplan. Die gemeinsamen Ziele müssten die Stabilisierung der gemeinsamen Wirtschaft sein, die zukunftsfähigen und zukunftsgefährdenden Bereiche wie Digitalisierung, Klimaneutralität. Aber eben auch Gesundheitsvorsorge.

Guérot: Genau! Res Publica Europae - wir brauchen eine Debatte über gemeinsam finanzierte öffentliche Güter in Europa.

Krämer: Stimme voll zu.

"Die Krise ist auch eine Chance zur Überwindung des Nationalen"

Chatzoudis: Ok, aber was ist denn mit der globalen Perspektive? Europa ist das eine, was ist mit der Welt? Was ist, wenn wir von der Ausgangsdiagnose ausgehen, dass wir mit Corona nicht nur ein europäisches Problem haben, sondern ein globales? Wie sieht es auf der globalen Ebene aus?

Guérot: Adam Tooze hat dazu Interessantes gesagt: Es könnte sein, dass wir jetzt die Differenz mit dem Global South vertiefen.

Chatzoudis: Noch mehr?

Guérot: Offensichtlich! Wenn wir kein Geld im Global North haben, wird es umso weniger für den Global South geben - sagt Tooze. Zu beobachten ist auch, dass interessanterweise derzeit die gesamte Liquidität in den Dollar geht, obgleich Trump das sicher nicht verdient hat.

Chatzoudis: In den USA scheint der Gedanke, dem Überleben der Wirtschaft den Vorzug vor anderen Leben zu geben, zurzeit heiß diskutiert zu werden.

Guérot: Die USA bekommen aber derzeit auch eine "Watschen" für ihren Neoliberalismus, der die USA nicht gut durch die Krise bringt: keine Stabilisierungsmechanismen wie Kurzarbeit, Arbeitslosengeld etc.

Chatzoudis: Ja, das kann ein Pulverfass werden. Aber es gibt ja Netflix...

Zimmerer: Wie Sie wissen, bin ich ja der Meinung, dass nun die Verlagerung des Zentrums der Globalisierung nach Asien kommt - endgültig.

Guérot: Ja, wichtig ist auch die Rolle der Chinesen und ob die als "Sieger" aus der Krise kommen. Die Verschiebung der globalen Ökonomie ist krass.

Krämer: Die Befürchtung einer Vertiefung der Nord-Süd-Spaltung habe ich auch. Ich bin aber der Meinung, dass die EU, wenn sie ihre innere Solidarität und Stabilität herstellen kann, auch besser zur Krisenbewältigung in anderen Teilen der Welt beitragen kann.

Chatzoudis: Dazu müsste Europa aber geschlossener nach außen und nach innen auftreten.

Guérot: Ja, deswegen diskutieren wir gerade über europäische Kurzarbeit, europäische Arbeitslosenversicherung usw. - sogar über ein europäisches Grundeinkommen.

Krämer: Insofern ist die Krise auch eine Chance zur Überwindung des Nationalen, weil das notwendig zur Überwindung der Pandemie und ihrer Folgen ist.

"Wir brauchen ein FridaysForEurope"

Zimmerer: Aber wer soll diese Bewegung anführen?

Chatzoudis: Macron eher nicht. Der hat meines Erachtens sein Europa-Kapital verspielt.

Zimmerer: Meine Frage war aber nicht, , wer nicht, sondern wer.

Guérot: Ich muss da auch widersprechen. Emmanuel Macron hat in der Financial Times Solidarität für Europa und Änderungen im Wirtschaftssystem gefordert. Der Mensch und nicht die Effizienz habe Vorrang! Und Jean-Claude Juncker hat erklärt, das EU-Budget müsse erhöht werden. EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat sich bei den Italienern offiziell für die mangelnde europäische Solidarität zu Beginn der Krise entschuldigt. 

Chatzoudis: Ist das nicht alles reine Verlautbarungsrhetorik? Mal sehen, wie ernst das alles gemeint ist. Im Hintergrund arbeiten derweil Blackrock und Co. am Erhalt und Ausbau des Bestehenden.

Guérot: Das bestreite ich nicht. Aber der politische Diskus hat sich deutlich (!) verändert.

Krämer: Nicht in der Bundesregierung, fürchte ich.

Guérot: Absolut! Aber im Glücksfall ist die Krise die Chance, jetzt Dinge durch die europäische Tür zu bekommen, die vorher nicht gingen: Eurobonds, europäische Arbeitslosenversicherung, höheres EU-Budget etc. Und wenn nun Macron, Juncker, von der Leyen - Renzi übrigens auch - die Sprache nun ändern, dürfte das auch in Deutschland Wirkung zeigen. Hoffe ich jedenfalls. Außerdem hat Macron in zwei Jahren Wahlen - er oder Le Pen. Das wird ihn hoffentlich dazu bringen, die soziale Frage nicht den Populisten zu überlassen.

Chatzoudis: Ich bin bei Macron sehr skeptisch. Vor allem nach seinem Umgang mit einer sozialen Bewegung wie den "Gilets Jaunes".

Guérot: Kann man noch nicht beurteilen, finde ich. Er dreht sich gerade. Und die Zahlen, die ich habe, sagen, dass Gilets Jaunes "vorbei" ist. Die Gewerkschaften haben wieder das Ruder in der Hand, und mit denen lässt sich reden, und Macron wird mit denen reden.

Krämer: Interessant, Ihr Optimismus bezüglich Macron. Ich drücke uns die Daumen. Selten sind wir von innenpolitischen Entwicklungen in anderen Ländern stärker abhängig gewesen.

Zimmerer: Und wie sollte die europäische Politik dann aussehen. Wie schaffen wir den Ausstieg aus der Wachstumsideologie und aus dem Raubbaukapitalismus?

Chatzoudis: Es gibt derzeit keine politische Kraft mit Mehrheitsoption, die das Ruder komplett rumreißen könnte.

Zimmerer: Das bedeutet also Untergang?

Chatzoudis: Nein. Netflix.

Krämer: Ich sehe da auch niemanden. Angela Merkel, die große Heldin der Corona-Krise, taugt ja nur zur Nationalheiligen, nicht zur Retterin Europas.

Guérot: Ja, Merkel ist für mich tatsächlich immer noch mehr ein europäisches "Problem" als eine Lösung. Sie ist zu vorsichtig, navigiert, will nichts, keine Ambition, keinen "utopischen Entwurf", wie Adorno sagen würde.

Zimmerer: Wie ich an anderer Stelle schon sagte, wir brauchen ein FridaysForEurope.

Chatzoudis: Eine neue politische Kraft muss aber radikaler sein und eben nicht everybody's darling, wenn sie was verändern soll.

Zimmer: FridaysForFuture ist aber nicht everybody's darling.

Chatzoudis: Das sehe ich anders. Die Qualitätsmedien feiern FFF.

Guérot: Die FridaysForEurope versuche ich ja gerade mit dem European Democracy Lab zu organisieren. Aber ich bräuchte Geld. :) Das Lab ist nämlich ganz schön radikal, wir kämpfen für die europäische Republik. :)

Krämer: Coronabonds müssten ein so großes Volumen haben, dass auch solche intellektuellen Experimente daraus finanziert werden können.

Guérot: Eine Billiarde Anleihe - wie geplant - würde da schon reichen. :)

Chatzoudis: Das ist radikal.

Zimmerer: Was?

Chatzoudis: Europa als Republik denken.

Guérot: Radikal ist - frei nach Hannah Arendt - immer nur das Gute. Denn das Böse wuchert.

Zimmerer: Ok, wir sind mit der Zeit am Ende.

Guérot: Ja, Europa als Republik, das heißt zum Beispiel öffentliche Güter in Europa (Res Publica Europae) gemeinsam zu finanzieren. Wir sind mitten dabei, Europa als Republik zu denken.

Chatzoudis: Infrastruktur neu organisieren. Keine Privatisierungen mehr, viele rückgängig machen. 

Zimmerer: Ich stelle fest, über das Globale und das Utopische haben wir heute wieder nicht gesprochen. Nicht untypisch für den europäischen Diskurs.

Krämer: Dennoch eine optimistische Diskussion. Das Globale kommt nach dem Europäischen.

Chatzoudis: Vielen Dank und bis kommenden Montag wieder!

Zum Projekt

Entstanden ist das Projekt "LogBuch Corona, geisteswissenschaftlich betrachtet" auf Twitter. Prof. Dr. Jürgen Zimmerer von der Universität Hamburg hatte die Frage gestellt, warum sich aus den Geisteswissenschaften kaum Stimmen zur Coronakrise und ihren Folgen Gehör verschaffen. Es müsste ein Forum geben, in dem sich eine geisteswissenschaftliche Debatte entzünden kann. Georgios Chatzoudis hat das interaktive Wissenschaftsportal L.I.S.A. als mögliche Plattform angeboten, auf dem der Chat nun regelmäßig veröffentlicht wird. Geisteswissenschaftlerinnen und Geisteswissenschaftler sind eingeladen sich am Chat zu beteiligen. Zum Auftakt haben uns der Historiker Prof. Dr. Paul Nolte sowie die Kunsthistorikerin Dr. Mahret Ifeoma Kupka für einige Ausgaben zugesagt. In einer zweiten Runde waren wir mit der Archäologin Dr. Natascha Bagherpour Kashani und dem Historiker Prof. Dr. Andreas Rödder im Gespräch. Unsere Gäste der dritten Auflage sind die Soziologin Prof. Dr. Paula-Irene Villa Braslavsky sowie der Historiker Dr. Patrice G. Poutrus. In Runde vier diskutierten wir mit der Politikwissenschaftlerin Prof. Dr. Ulrike Guérot und dem Historiker Matthias Krämer. Jürgen Zimmerer und Georgios Chatzoudis agieren dabei als mitdebattierende Moderatoren.

Kommentar

von Helga Bissling | 19.04.2020 | 16:33 Uhr
Es ist immer wieder faszinierend mit welcher vollkommenen Kompetenzlosigkeit und faktenenthobenen Gefühligkeit das Thema Eurobonds diskutiert wird. So ziemlich alles, was Frau Guerot hier von sich gibt, ist falsch bis ins Mark. Aber wie soll mans erklären, wenn auf bei ihr und anderen vollständige Faktenresistenz besteht? Nun ich versuche es mal mit einem Beispiel:

Das Haushaltsvermögen der Italiener ist mit 125 000 € mehr als doppelt so hoch der Deutschen (47 000). Und nun, gemach, gemach, wird Frau Guerot antworten, dass dies mit der höheren Eigenheimquote in Italien zu tun hat.

RICHTIG! Trotzdem stelle ich eine Frage, die diese gesamte Argumentation auseinanderfliegen läßt.

Warum soll der Deutsche dem Italiener mit einer Eigentumswohnung in Rom für 500.000 € den Lebensunterhalt bezahlen? Ein Deutscher, der veilleicht 1400 netto im Monat hat? Ist es wirklich nicht zumutbar, dass dieser Italiener seine Wohnung verkauft?

Warum - wenn wir schon dabei sind - rufen die Italiener nach unbegrenzter deutscher Haftung, wenn sie doch erstmal ihre eigenen Reichen mit einer Vermögenssteuer belasten könnten?

Warum wehren sie sich gegen den ESM, der am Ende ja nur eine Angleichung der Renten etc. fordert?

Genau, Frau Guerot. Schweigen im (südeuropäischen) Walde. Der Grund ist einfach: das Geschrei der Südländer nach Solidarität ist der Schrei nach deutschem, niederländischen und finnischem Geld, um die eigenen Eliten ja nicht antasten zu müssen.

Kleiner Tip am Ende: gehen sie nach Corona mal durch Paris und versuchen sie in einem der Edelrestaurants 60 € + pro Gericht einen Platz zu bekommen. Das werden sie nicht so einfach schaffen. Das Problem ist, dass all diese Länder das Geld haben, aber leider nur ihre Eliten pampern. So viel zur Solidarität.

Kommentar

von M. Ulrich | 21.04.2020 | 07:47 Uhr
"Guérot: Zurück zur Solidarität heute. Zinsgemeinschaft durch Coronabonds, das muss jetzt kommen."


Ach, wenn sie doch außer roasaroter Gefühligkeit doch auch noch zumindest rudimentärste Fakten im Programm hätte. Dann würde sie auch wissen, dass die Italiener bei 100 Milliarden Nettoaufnahme gerade mal 1,7 Milliarden mehr an Zinsen als Deutschland zahlen müsste. Viel Geld, aber im großen Rad der Billionen die berühmten Peants.

Die Lösung wäre einfach - die EU zahlt die 1,7 Mrd. Zinsdifferenz. Aber Frau Guerot will ja dass das deutsche Volk stattdessen direkt die Haftung für Billionen von Altschulden (der Eliten in Rom) übernimmt und damit zukünftige Generationen in den Schuldenturm führt.

Es ist die selbe traurige Geschichte wir in der Flüchtlingskrise: das böse Deutschland, dass nur 2 Millionen aufgenommen hat und das gute Italien, dass doch 350 000 aufgenommen hat (und diese auch noch mies wier niemand sonst behandelt, auf dass sie ja nach Deutschland abhauen)

Immerhin klappt bei den Italienern die Propaganda ... zumindest bei den eher naiven Gemütern der progressiven Deutschen.

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